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Laufberichte

Willkommen auf’m Pütt

 

Drei Jahre sind seit meiner letzten Teilnahme am Vivawest Marathon vergangen. Eigentlich hätte ich nicht so lange auf einen neuen Besuch in Gelsenkirchen warten mögen, aber die Pandemie ließ halt dieses nicht früher zu. Aber Henny und ich haben Glück, denn der Veranstalter hat Startplätze verlost und meine Holde hat sich dafür beworben und zwei bekommen. Und dann feiert man dort die zehnte Ausgabe, ein Jubiläum. Also nichts wie hin in den Ruhrpott!

Wie damals wählen wir eine Unterkunft in Essen und haben mit der Wahl ein Riesenglück oder es ist eher ein Zufall, denn am Abend gibt es fast vor der Haustür in der Innenstadt Konzerte auf drei Bühnen mit freiem Eintritt. Heinz Rudolf Kunze tritt als Live-Act auf, das lassen wir uns nicht entgehen, auch wenn die Nacht dann vor dem Lauf kürzer werden wird.

Die Startunterlagen haben wir bereits am Anreisetag (Samstag) abgeholt. Der Veranstalter empfiehlt dieses auch, damit am Renntag nicht zu viel Hektik aufkommt. Am Vorplatz des Musiktheaters (zwei Haltestellen mit der Tram vom Hauptbahnhof entfernt, oder zehn Gehminuten) findet man die Nummernausgabe. Eine kleine Laufmesse gibt es auch für die, die noch auf Schnäppchenjagd sind.

An den Strecken hat man im Vergleich zu 2019 etwas geändert. Jetzt müssen die Marathonis zwei Runden laufen. Da kann man Personal auf der Strecke einsparen, heute ein Faktor, denn jeder Veranstalter hat nun am Ende der Pandemie große Anstrengungen, genug Manpower für die verschiedensten Aufgaben zu aquirieren. Leichter wird es für mich, denn ich beschließe, nicht den  Marathon zu laufen, sondern es bei einer Runde zu belassen. So kann ich einmal die Sieger des Marathons vor die Linse bekommen. Und außerdem kann ich meine Kräfte noch sparen, denn in den nächsten Wochen habe ich noch einiges im Köcher.

Auf dem Programm steht neben dem Marathon ein Halber, Läufe über 15, zehn und sechs Kilometer. Der Nachwuchs darf auf den Schulmarathon (sechs Kilometer) gehen. Die Startzeiten sind clever gewählt. So werden neben Gelsenkirchen auch Essen, Bottrop und Gladbeck angelaufen. Die Startertüte ist zweckmäßig gepackt. Neben Startnummer finden wir Hinweise, Sicherheitsnadeln und ein paar Prospekte darin. Mir bietet man noch eine Schirmmütze an, als Verteidigung gegen die drohende Brandgefahr auf meinem haarlosen Haupt. A Sonnenbrand is ja nix Gscheits.

Bevor wir uns vom Acker machen, bleiben wir kurz beim Ausstellerzelt des RheinRuhr Marathons Duisburg und des Essen Marathons stehen und halten einen Schwatz. Hinter einem Vorhang erscheint dann Gerd Zachäus, der 81jährige Chef des Laufes am Baldeneysee. Er kann sich noch an mich und an meine Teilnahme bei den damaligen Feuerwehrmeisterschaften erinnern und wünscht mir für den Sonntag alles Gute.

Am nächsten Tag sind wir gut 45 Minuten vor unserem Start um 10.00 Uhr am Startgelände. Die Marathonis scharren schon mit den Hufen, denn sie beginnen ihr Tageswerk um 09.30 Uhr.

 

 

Wir verziehen uns in den hinteren Startbereich, von dort sind es nämlich nur ein paar Schritte zum Sportgelände Schürzenkamp, wo wir die Bekleidung abgeben können. Gut durchdacht sind die Wege zur Abgabe im Einbahnprinzip, so können sich keine Menschenmassen stauen. Beim Halbmarathonfeld gibt es mehrere Startblöcke, kontrolliert wird jedoch nicht. So stelle ich mich in den ersten Block, obgleich ich weiter hinten hinein sollte.

Pünktlich um 10.00 Uhr werden wir auf die Strecke entlassen. Tausende Papierschnitzel werden aus einer Art Kanone abgefeuert. Mein Plan beim Halben, nun, es soll zwei Stunden dauern, und wenn ich eher ins Ziel komme, egal. Hauptsache Spaß. Von den Temperaturen ist es Klasse, es hat rund 15 Grad, du kannst kurz-kurz laufen, und der Wind soll auch kein Thema werden. Eine knappe Minute nach dem Startschuss überquere ich die roten Matten von mika-timing.

Wir laufen  die Feldmarkstraße hinunter und dann geht es unter der Bahnlinie durch. Der Zwei-Stunden-Pacer läuft etwa 50 Meter vor mir. An Brems- und Zugläufern mangelt es hier nicht. Während beim langen Kanten Zeiten von drei bis sechs Stunden abgedeckt sind, kann man sich beim Halbmarathon Pacer von 1.30 bis 3.00 Stunden auswählen. Die Zeit für den ersten Kilometer passt mir nicht in den Plan. Fast sechs Minuten, damit wäre es rechnerisch 2.06 Stunden. Aber ich sage mal so, der Beginn ist als Warm-Up zu verstehen und am Anfang werden auch beim Halbmarathon keine Sieger gemacht. Ich muss nur ein wenig schneller werden.

Gleich danach läuft eine mit einem Tuch über der Schulter, das stellt sich dann als ukrainische Fahne heraus. Blau-Gelb, für den blauen Himmel und die Getreidefelder! Die Anna hat tatsächlich den Weg aus der Ukraine nach Gelsenkirchen gefunden und freut sich, als der Fotograf mit ihr ein paar Worte radebrecht. Meine Englischkenntnisse aus der Schule sind nur mehr rudimentär.

 

 

Kurz vor Kilometer drei können wir schon verpflegen. Und dort mangelt es an nichts: Wasser, Apfelschorle, Isogetränke, Bananen, Müsliriegel und was weiß ich noch steht auf der Speisekarte. Sechs Tankstellen sind für uns eingerichtet, das reicht dicke. „Willkommen auf’m Pütt“, lese ich auf einem aufblasbaren Tor und „Glück auf“, der traditionelle Gruß der Bergleute. Wir wechseln hinüber zum Essener Stadtteil Katernberg.

Auf der Gelsenkirchener Straße laufen wir nun in Richtung Zeche Zollverein, dem Unesco-Welterbe, fünf Kilometer sind geschafft. Am Zugang zur Zeche brauche ich zunächst ein Selfie mit dem Förderturm im Hintergrund, dann mache ich mich auf die weitere Erkundung der Anlage. Auf der anderen Straßenseite verlassen die schnelleren die Zeche, die sind gut zwei Kilometer weiter.

Von 1851 bis 1986 wurde hier Steinkohle abgebaut. Die Schachtanlagen 12 und 1/2/8 mit der benachbarten Kokerei gehören sein 2001 zum Welterbe der Unesco. Heute finden auf dem Gelände Ausstellungen und Open Air Events statt und Einkehren kann man auch. Leider ist auf unserer Pirsch kein Bergmann mehr zu sehen, schade.

Mittlerweile habe ich die Gruppe der Zwei-Stunden-Läufer hinter mir gelassen, der Fotograf ist dankbar für die zahlreichen Motive, die mir die Läufer und das Industriedenkmal bieten.

 

 

Kurz nach der Kokerei, einem Restaurant, holen wir uns die fehlenden Meter auf einer etwa 200 Meter langen Pendelstrecke. So kann ich wieder im Läuferfeld gut fotografieren. Persönlich liebe ich solche Streckenabschnitte, du kannst die Vorderleute und die Verfolger gut beobachten.

Merken sollt man sich den letzten Samstag im Juni, denn bei der „ExtraSchicht 2022“, dem Kulturfestival in der Ruhrmetropole, wird in 23 Städten an 43 Spielorten das industrielle Erbe der Region erlebbar gemacht. Ausstellungen, Musik, Kunst, Kultur und Installationen rund um das Thema werden angeboten. Das klingt interessant, oder?

Kurz nach Kilometer acht verlasse ich das Gelände. Die vergangenen zwei Kilometer werden wohl mit den vielen Fotoschüssen recht langsam sein. Wir laufen nun wieder auf der Gelsenkirchener Straße auf der Ostseite mit etwas mehr Schatten. Auf dem Hinweg kommt mir gerade Henny entgegen. Sie hat einen Lauf und ich habe sie jetzt noch nicht erwartet. Wir klatschen uns ab, weiter geht es.

Mehrere Kilometer laufen wir nun im Grünen. Ich bin erstaunt, dass man hier im Ruhrpott so viele grüne Ecken hat. Kein Verkehrslärm ist zu hören, die Vögel pfeifen und dann die Matte von mika-timing bei Kilometer zehn, Zwischenzeitnahme, 56 Minuten. Ich bin im Plan. So ein Rennen als Fotograf habe ich mir vorgestellt. Ein Wegweiser zeigt den Nordsternpark in knapp vier Kilometer an. Kurz danach sehe ich die zwei Zugläufer für die sechs Stunden, sie haben einen Marathoni im Schlepptau.

Der 13. Kilometer führt uns über die Autobahn 42, den Emscherschnellweg, nur ein kleines Wegstück später geht es auf der Kanalbrücke über den Rhein-Herne-Kanal und die Emscher, die durch ihr kanalisiertes Flussbett ein Gefahrenpotential für Mensch und Tier darstellt. Wenn man hineinfällt, wird man ohne Hilfe kaum mehr herauskommen.

 

 

Am Waldrand des Haldenparks sehe ich bereits den Herkules von Gelsenkirchen, die Monumentalstatue, die auf einem ehemaligen Förderturm der Zeche Nordstern steht. Sie gilt als ein Wahrzeichen des industriellen Strukturwandels im Ruhrgebiet. Man möchte es fast gar nicht glauben, dass bis 1993 hier Kohle abgebaut wurde, um nur innerhalb vier Jahren den Spagat zu einer hier stattfindenden Bundesgartenschau zu schaffen. Ein idealer Ort, finde ich, ist der Nordsternpark als Start des Schulmarathons. Die Strecke biegt vom der Straße „Am Bugapark“ ab und eine tolle Stimmung empfängt uns. Viele Kinder in ihren lilafarbenen Shirts stehen hier am Rand des Kurses, um dann ins Rennen zu gehen. Und, das muss man auch mal gesehen haben, hier laufen Mädels mit Kopftüchern. Hier verbindet das gemeinsame Hobby.

Ein paar Meter weiter liegt eine Spendenmatte, wer drüber läuft tut Gutes. Denn die drei Euro werden den teilnehmenden Schulen zur Verfügung gestellt. Henny sah sogar jemand, der öfter drüber lief. Die folgende Tränke dient mir wieder zur Erfrischung. Nach einem Becher Iso gehe ich wieder ins Rennen. Von hinten kommen zwei schneidige Burschen heran. Ich komme mit denen ins Reden, einer macht seinen ersten Halbmarathon und fragt mich aus, ob ich schon einen Ganzen gelaufen wäre. Da ist er an den Richtige geraten. Nun, nach wenigen Sätzen lassen mich die beiden stehen, sie sind gut trainiert.

Kilometer 16, vor mir baut sich die Doppelbogenbrücke über den Rhein-Herne-Kanal auf, die zur Buga 1996 erbaut wurde. Mit einer Spannweite von 80 Meter und zwei asymmetrischen Bögen zieht sie sich über den Kanal. Unsere Laufstrecke führt  noch mehrere Hundert Meter durch den Park. Es geht sogar durch das Europa-Tor, ein modernes Bauwerk aus Stahl. Dann verlassen wir mit dem 17. Kilometer den Park, der im Jahr 2027 ein Teil der Internationalen Gartenausstellung werden soll.

Fersenbruch, so heißt die Straße hier, sie zieht sich ein wenig hin. Ich merke, dass die Temperatur leicht nach oben gegangen ist. Super, die Anwohner denken mit und haben private Wasserstellen zum Abkühlen aufgebaut. Ich laufe auf die Zeitläufer von 5.15 Stunden auf, zwei, drei Mitläufer hängen dran. Gemeinsam geht es leichter. Ich möchte aber heute keine zwei Runden laufen, den Grund habe ich euch schon angedeutet. Zwei Kinder hocken am Rand und trommeln mit, toll.

Kilometer 19, ich habe unmerklich mein Tempo angezogen, Kilometerschnitte in Richtung fünf Minuten. Die beiden Burschen von vorher lasse ich hinter mir, einer zollt mir gegenüber noch Anerkennung:  „Respekt, wie du das durchziehst“. Vom Pacer über 5.00 Stunden lassen sich ein paar Läufer ziehen. An der Ecke Hans-Böckler-Straße zur Feldmarkstraße herrscht im Biergarten Hochbetrieb. Ein Treffpunkt der Schalker Fußballfans. 2018 hat mir hier einer von seinem Bier was abgegeben und damit den durstigen Bayern gerettet.

 

 

Der letzte Kilometer ist angebrochen: Eine Lehrerin motiviert gerade ihre Schüler, vielleicht neun, zehn Jahre alt. „Da vorne nach der Kurve ist das Ziel“, kläre ich sie auf. Sofort sprinten die Kids los und lassen uns „Alte“ stehen, als gäb’s kein Morgen. Wir beide müssen lachen. Ich dann hinterher im Karacho, nehme die Linkskurve und sehe die lange Zielgerade vor mir. Nach einem energischen Steigern laufe ich durch das Zieltor. Der Zeitanzeige nach zu urteilen, bin ich etwa bei 1.55 Stunden geblieben. Damit bin ich hochzufrieden. So, jetzt ist Schicht im Schacht.

Es dauert nur ein paar Minuten, dann wird der führende Marathoni Elias Sansar angesagt. Bei seinem Zieldurchlauf wird die Konfettirakete gezündet. Die Journalisten lassen ihn fast gar nicht ausschnaufen und nach wenigen Augenblicken und einigen Schlucken aus einer Wasserflasche gibt er artig Antworten auf Fragen, als hätte er nur einen kleinen Morgenjogg hinter sich.

Ich gehe langsamen Schrittes auf die Strecke und sehe viele jubelnde Teilnehmer, auch wenn der eine oder andere schon stark strapaziert ausschaut. Gut durchdacht sind die Startzeiten der einzelnen Läufe, die so gewählt sind, dass die ganze Zeit im Zielbereich Betrieb ist. So muss ein 5-Stunden-Marathon nicht alleine laufen, sondern ist immer in Gesellschaft, auch wenn die 10 oder 15-Kilometer-Läufer vorbei jagen. Dann erscheint Henny, viel früher als gedacht, in Begleitung zweier Läuferinnen. Ich entlasse sie in Richtung Ziellinie mit einem „gut gemacht“. Später sehe ich in den Ergebnissen, dass sie sich im Vergleich zum Heimrennen in Ingolstadt auf der gleichen Distanz um 20 Minuten(!) verbessert hat.

Im Zielbereich erwartet mich dann ein immer noch gut gefülltes Bufett: Kuchen, Obst, Butterbrote mit und ohne Salz, Getränke. Vor der Sportanlage Schürenkamp wartet die Hopfenkaltschale mit Grapefruit und Zitrone aus ED. Was die zwei Buchstaben bedeuten, ist euch  klar.

 

Mein Fazit:

Eine tolle Veranstaltung mit 7000 Sportlerinnen und Sportlern im Revier, familiär organisiert und mit viel Stimmung. Es sind auf dem Halben viele Neulinge unterwegs, von denen mir einige erzählen, dass sie während der Pandemie mit dem Laufen begonnen haben. Mit  Anna-Lena und Jannik stoße ich auf die gelungene Premiere an. Die Städte, die Natur und die Industriedenkmäler machen den Kurs abwechslungsreich und einmalig. Den Vivawest Marathon kann ich bestens weiterempfehlen.

Leider erfahre ich später, das ein Halbmarathonläufer, noch sehr jung, kurz vor dem Ziel verstorben ist. Trotz sofortiger Hilfe konnte er nicht mehr gerettet werden. Die gesamte Marathonfamilie, der Veranstalter und alle Läufer trauen um ihn.

 

 

Ergebnisse Marathon

Männer

1. Elias Sansar, Tus Eintracht Bielefeld, 2.31.11
2. Maciek Miereczko, maciek-lauftrainer.de, 2.37.12
3. Markus Mey, maciek-lauftrainer.de, 2.44.12

Frauen

1. Angela Moesch, o.V., 3.02.55
2. Petra Siggemann, endurance-performance, 3.20.29
3. Luisa Koehn, o.V., 3.22.27

 

Ergebnisse Halbmarathon

Männer

1. Leonard Gol, o.V., 1.16.37
2. Markus Seidenfaden, o.V., 1.17.04
3. Dr. Matthias Domogalla, JoMa, 1.19.12

Frauen

1. Annika Börner, Ayyo Team Essen, 1.23.55
2. Meike Freudenreich, Roadrunners Südbaden, 1.24.04
3. Kathrin Kempe, o.V., 1.29.13

 

Informationen: Vivawest-Marathon
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