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Laufberichte

Ab wie die Feuerwehr

 

Alle zwei Jahre sind Deutsche Feuerwehrmeisterschaften im Marathon, da muss ich hin. 2017 ging es nach Essen an den Baldeneysee.  Damals war Gelsenkirchen schon im Gespräch für die nächste Austragung, aber es war noch nichts festgezurrt. Im folgenden Jahr habe ich auf Schalke  einen weißen Fleck beseitigt (mein erster Marathon dort) und nebenbei die Strecke und die Stimmung kennengelernt. Und nun ist es soweit, die Meisterschaft der Feuerwehren wird im Ruhrpott ausgelaufen. Da trifft es sich gut, dass man sich schon ein wenig vor Ort auskennt.

Durch vier Städte darfst du rennen, nämlich Gelsenkirchen, Essen, Bottrop und Gladbeck und quasi als Zugabe Industriedenkmäler laufend besichtigen,  wie z. B. die Zeche des Zollvereins und die am Nordstern. Und wir laufen auch nicht einfach nur durch Städte, sondern durch  Zechensiedlungen und vorbei an alten Fördertürmen und Industriekultur – eben durch den Pott.

Die Kamera darf sich heute mal zurücklehnen, ich will eine gute Performance abgeben. Mal schauen, ob das einem alten Sack wie mir noch gelingen kann. Bei der Anfahrt mit der Bahn bin ich nicht alleine, sondern meine holde Henny will ebenfalls den langen Kanten angreifen. Die Unterkunftssuche gestaltet sich ein wenig zäh, doch dann finden wir in Essen in der Nähe des Berliner Platzes eine Herberge.

Das Revier, so nennt man den dichtest besiedelten Ballungsraum in Deutschland auch, bevölkern gut fünf Millionen Menschen. Die größten Städte Dortmund, Bochum, Essen und Duisburg haben jeweils etwa 500.000 Einwohner, Gelsenkirchen die Hälfte.

Am Vortag holen wir uns das Startsackerl mit Startnummer, einem Kleiderbeutel und einen kleinen Rucksack. Hinweise, Sicherheitsnadeln und ein paar Prospekte liegen auch darin.  Klasse, dass die Veranstalter den Meisterschaftsläufern noch einen finanziellen Bonus bei der Meldung angedeihen lassen. Einen Rabatt auf die Startgebühr gab es noch nie. Wir schauen uns noch ein wenig die Örtlichkeiten an und halten auch einen Schwatz mit Gerd Zachäus, den Macher des Essener Marathons am Baldeneysee, wo gerade an diesem Wochenende eine große Regatta stattfindet.

Am nächsten Tag sind wir eine Stunde vor dem Start um 09.30 Uhr schon am Startgelände am Musiktheater an der Overwegstraße. Die zehn Minuten Spaziergang vom Hauptbahnhof dienen mir als Warm-Up. Ein ganz Verrückter ist auch schon da: Stuart Henderson, ein Brite. Er feiert seinen Junggesellenabschied auf  seine Weise. Kilometer statt Alk.

 

 

Nach einem schnellen Kaffee und ein paar Bissen Kuchen geben wir die Bekleidung auf dem Gelände des Sportzentrum Schürenkamp ab. Ich drück meiner Holden noch einen Schmatz auf die Backe und mache mich dann auf in den Block A, von dem aus die Meisterschaftsläufer starten dürfen. Kontrolliert wird das aber nicht.

Es dauert nicht lange, da fällt der Floriansjünger dem Moderator auf und weil der das Volk unterhalten soll, sucht er nach Geschichten. Da ist er bei mir richtig. Brav gebe ich auf das Gefragte Antwort.  Welche Zeit ich laufen will, dass ich schon über 40 Jahre aktiven Feuerwehrdienst auf dem Buckel habe und anderes. Ein gemeinsames Foto mit Tilo Jost und seinen Schützlingen vom Laufclub 21 beschließt das Einstimmen auf das Rennen. Wir gehen an die Startlinie.

Pünktlich um 09.30 Uhr werden wir auf die 42,195 Kilometer entlassen. Aus einer Art Kanone werden Tausende Papierschnipsel in die Luft abgefeuert. Mein Plan? 3:45 Stunden habe ich mir vorgenommen, etwa die gleiche Zeit wie im letzten Jahr zur Bayerischen in München. Allerdings soll es heute warm und schwül werden und erst spät am Nachmittag leicht abkühlen.

Wir laufen die Overwegstraße hinunter und dann geht es unter einer Bahnlinie hindurch. Der Pacer, den ich mir auserkoren habe, ist weit zurück, der für 3.30 Stunden nicht ganz so weit. Egal, ich warte nicht und versuche ein gleichmäßiges Tempo hinzulegen.

Der erste Kilometer liegt hinter uns, da höre ich eine mir bekannt Stimme. Jochen Heringhaus, der VanMan, moderiert und kündigt viele Läufer namentlich an, so auch den  laufenden Reporter von Marathon4you.  Danke Jochen, das baut jetzt schon auf!

Kilometer drei, die erste von 13 Tankstellen (alle drei Kilometer) wartet. Die roten Socken von der SPD betreiben diese Getränkestelle. Die Genossen müssen heute mit Wasser auskommen, wir hier auch. Durch ein kleines Waldstück erreichen wir Essen-Katernberg. Ein Polizist überhält uns mit Rockmusik aus dem Lautsprecher des Streifenwagens. In Katernberg warten schon viele Kinder, die uns abklatschen wollen. Interessierte Zuschauer sehe ich, darunter welche vom Bürgervereine Beisen. Schließlich treibt uns der lustigeFranzose Michel weiter. Den werde ich noch ein paar Mal sehen.

 

 

Der Kurs biegt von der breiten Straße ab und führt in die Zeche Zollverein. Am Zugang zum ehemals betriebenen Steinkohlebergwerk (bis 1986) wechseln die Staffeln. Kreuz und quer geht es durch das Gelände, ein Moderator unterhält die Zuschauer und Athleten und ein paar Meter weiter gibt es Livemusik. Nur Augenblicke später wird es ruhiger, dafür kannst du Motivationssprüche am Boden lesen. Von „Bisse bekloppt“ bis „weiter laufen“ ist alles zu dabei. Fast zehn Minuten rennen wir über das Gelände und dann führt die Strecke wieder in ein Wohngebiet. Acht Kilometer sind geschafft, da kommt die Gruppe um den 3.30 Tempoläufer heran. Ich lasse sie rennen, das ist nicht mehr meine Liga. Auf der anderen Straßenseite kommt meine Holde heran, mit den zwei Pacerinnen Daniela und Wibke im Schlepp

Mehrere Kilometer laufen wir auf den Nordsternweg durch Grünanlagen, statt Verkehrslärm hören wir die Vögel pfeifen. Dann wird die Stille von einem Pfiff der anderen Art unterbrochen, und zwar immer dann, wenn einer auf die ausgelegte Matte tritt. Kilometer zehn, Zwischenzeitnahme. 50 Minuten bin ich unterwegs, vielleicht ein bissel zu schnell. Der Split würde für 3,5 Stunden reichen. Zuschauer jubeln, Cheerleader tanzen. Heute gibt es kein Selfie, ich muss weiter.

Der 13. Kilometer führt uns über den Emscherschnellweg (Autobahn 42) und anschließend über den Rhein-Herne-Kanal. Über die Straße „Am Bugapark“ laufen wir zum Nordsternplatz, wo die Halbmarathonläufer (Start um 10.30 Uhr) links abbiegen.

An den Wechselpunkten der Staffeln sehe ich viele Schüler. Toll ist, für die Kinder fällt kein Startgeld an, denn Sponsoren decken das ab. Außerdem haben die teilnehmenden  Schüler am Montag schulfrei.

 

 

Es geht nun einige Kilometer lang durch Wohngebiete, durch die wir auf dem Rückweg noch einmal laufen. St. Hippolytus, das katholische Gotteshaus liegt zu unserer Rechten. Irgendwo ist hier die Stadtgrenze zu Gladbeck. Aber wo genau? Da müsste ich nachfragen. Im Pott ist es halt so, dass man als Fremder oft nicht merkt, wo eine Stadt endet und eine andere anfängt. Die Horster Straße laufen wir entlang, mit wenig Schatten, dafür mit wachsender  Begeisterung der Zuschauer.  Die  Wirtschaft „Zum halben Hahn“ könnte mich reizen. Was da auf der Speisekarte steht, dürft ihr raten. Nach dem Verlassen das Fanpoints an der Horster Straße kommt mir die Staffel entgegen, die schneller sein will, als Arne Gabius bei seinem Deutschen Rekord. Viele Spitzenläufer hat man dafür aufgeboten, die alle 1000 Meter wechseln. Mehr als  rund drei Minuten dürfen sie dazu nicht brauchen. Da habe ich mehr Zeit.

Apropos Zeit, an der 20er Marke werden mir 1.40 Stunden angezeigt, noch immer ein Schnitt, der für 3.30 Stunden langen würde. Ich konkurriere mit den beiden Lorenzen-Brüder von der Feuerwehr Marbach, die eigentlich immer stärker waren als ich. Mal sehen, wie es heute ausgeht.

Zum Möbelhaus Ostermann, einem weiteren Fanpoint, geht es schattig  etwa 100 Meter bergauf. Ich spüre die paar Höhenmeter. Die Staffeln bringen frische Kräfte ins Rennen und wir brutzeln so langsam dahin. Mir schwant Unheil. Da hilft auch nicht die Freundlichkeit der Bundeswehrler mit der Aufschrift auf ihrem Shirt: „Wir sind voller Energie“. Ich muss mich kühlen. Bei der nächsten Tankstelle, wo es längst Bananen, Mineralgetränke und Cola gibt, stecke ich mir einen Wasserschwamm an die Birne. Das ist gut. Mittlerweile sind wir in Bottrop, der Stadt mit gut 100.000 Einwohner.

Leider führt uns nun der Kurs nicht mehr in die Zeche Prosper Haniel II, 2018 durfte ich das noch sehen. Der Eigentümer will die Zeche zu einem unterirdischen Pumpspeicherkraftwerk umbauen. Ob sie dann der Öffentlichkeit noch zugänglich ist? An der Steigerstraße wenden wir, es geht nun zurück. 25 Kilometer sind gelaufen. Ich habe Hunger, da kommt der zuvor schon passierte Möbler gerade recht. Nur kurz ist die Rast, die Zuschauer treiben mich weiter.

Kilometer 30, ich bin 2.33 Stunden unterwegs  und nur unwesentlich langsamer geworden. Aber mittlerweile ziemlich kraftlos. Auf der Antoniusstraße kommt mir Henny entgegen. Sie ist alleine,  einem Läufer weiter hinten ist  sie zu schnell. Wir grüßen uns kurz, ich muss weiter. Später kommt dann der letzte Tempoläufer entgegen.

 

 

Kurz vor dem Gladbecker Fanpoint an der Horster Straße werden die Restkilometer einstellig. Die nächsten Einheiten, schattenlos und in der Sonne, werden hart. Bei mir ist das Tempo raus. Ich drehe mich vorsichtshalber gar nicht mehr um.  Wahrscheinlich sind  die Lorenzenbrüder oder der Schorsch Brunner, der am Vortag noch tiefgestapelt hat, schon dicht hinter mir. Oder vielleicht die Gruppe um des 3.45-Tempoläufers. Wo sind die denn überhaupt? Haben die Verspätung?

Kilometer 36, wir biegen auf das Gelände der Zeche Nordstern ein, die 1986 geschlossen wurde. Vivawest hat das Gelände übernommen und hat hier seine Hauptverwaltung etabliert. Es geht leicht bergan, ich kann noch laufen, muss mich aber dazu zwingen. Oben wird jeder Marathoni namentlich angekündigt.  Noch sechs Kilometer. Ich mache mich nach einer weiteren Tankstelle auf den Weg durch den Nordsternpark und überquere wieder den Rhein-Herne-Kanal. Noch vier Kilometer.

Wir sind wieder „dahoam“. Es ist der leicht beleibte Fan bei Kilometer 39, der mich wieder nach 20 Meter Gehpause wieder antraben lässt. „Halte aus“, brüllt er und hält sich seinen Bauch. Gleich danach kommen die Pacer für die 3.45 Stunden, alleine! Die haben alle Mitläufer verloren oder aufgearbeitet. Das bin ich jetzt auch. Kilometer 40, für die letzten zehn Einheiten habe ich über eine Stunde gebraucht. So eine Schinderei.

 

 

Dann komme ich nochmals an dem Treffpunkt der Schalker Fans vorbei und mir geht es wieder besser. Schalke hilft Bayern.  Der VanMan zeigt keine Ermüdungserscheinungen und motiviert uns für die letzten 1100 Meter. „Weiter, gleich seit ihr zuhause“, höre ich ihn rufen. Ich kann sogar noch einmal Tempo zulegen und kann einige Staffelläufer und Halbmarathonis überholen.  Das Grinsen in meinem Gesicht wird breiter, als ich am Ende auf die Overwegstraße einbiege und das Zieltransparent vor mir sehe. Geschafft, ich bin hoch zufrieden.

Im Ziel fällt zuerst die Anspannung ab und dann der Kreislauf zusammen. Ich muss mich setzen und mich ein paar Minuten bei einer Cola erholen. Dann zieht es den Feuerwehrmann wieder zum Einsatz  - in den Verpflegungsbereich.

Butterbrote mit Salz und Wurst, Kuchen, Obst, Getränke, alles was man sich denken kann, ist im Angebot. Bier gibt es pur oder mit Grapefruit oder Zitrone versetzt.

 

 

Wie schaut es beim Angriffstrupp Anton bei der Feuerwehr-Meisterschaftswertung aus? Ich werde Zweiter in der AK 55 mit 3.51.33 Stunden. Die Feuerwehr Gelsenkirchen verleiht die Preise in ihrer neuen Feuerwache 3 im würdigen Rahmen. Den Feuerwehrkameraden Michael Scheele, der nicht nur die Orga hier tadellos geleistet hat, sondern auch mitgelaufen ist, gilt mein Dank.

Den Vivawest-Marathon kann man gerne weiterempfehlen.

 

Ergebnisse der Deutschen Feuerwehrmeisterschaft

Männer

1. Jörg Spors, Feuerwehr Essen, 3.09.16

2. Jens Eckhardt, Feuerwehr Farsleben, 3.11.54

3. Michael Scheele, Feuerwehr Gelsenkirchen, 3.25.31

10. Anton Lautner, FF Neuburg-Joshofen, 3.51.33

 

Frauen

1. Reinhilde Renner, FF Thalmässing, 4.34.25.

 

 

Bildgalerie von Carsten Kozcor

 

 

 

Informationen: Vivawest-Marathon
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