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Laufberichte

Lake Tahoe IRONMAN Triathlon 2013: High five

22.09.13 Special Event
 


Wechselzone in Squaw Valley


Am Ortseingang von Squaw Valley lodern zwei ewige olympische Feuer. Die schöne und spektakuläre Radstrecke im Skigebiet Kaliforniens habe ich jetzt überstanden. Ich nähere mich der Wechselzone, biege um die Ecke, die Kurbel ächzt ein letztes Mal. Wie ein erschöpftes, sich dahinschleppendes Bündel, am Rande seiner Kraft, bleibe ich nach 7:34 Stunden und mittlerweile Platz 17 in der AK stehen; ich habe wieder Boden unter den Füßen. 



Nach 3,8 Kilometern schwimmen und 180 Kilometern Radfahren ist das hier erst der Anfang. Der Anfang eines Marathonlaufes. Mein Wille könnte mit dem noch vor mir liegenden Marathon fertig werden, aber was ist mit meinem Körper? Der ist das Problem! Ich bin erschöpft, die 1.900 Höhenmeter in der dünnen Luft haben Kraft gekostet. Steif schleppe ich mich ins Wechselzelt, ein Volonteer reicht mir meinen Lauf-Beutel. Meine Füße schmerzen. In dem Zelt sind genügend Sitzplätze - endlich ausruhen. Ein anderer Volonteer leert mir meinen Laufbeutel vor meinen Füßen aus. Meine Dose Espresso rollt heraus. Ich genieße diesen kurzen Augenblick der Rast und trinke gierig meinen Espresso. Welch eine flüssige Erlösung der bereits vergangenen Stunden.

Ich stehe auf, laufe langsam an, was sonst? Was folgt ist ein stundenlanger Dauerlauf – bestenfalls. Die Strecke führt über zwei Runden direkt durch den Ortskern von Squaw Valley und gleich darauf links gleich zweimal am Ziel vorbei.  Zuschauer toben. Gehwütig beginne ich die ersten Meter über die Squaw Valley Road und dem Highway 89. Von diesem Teil der Strecke kann ich sehen das noch immer nicht alle Athleten vom Radfahren auf das Laufen gewechselt haben. Für einige könnte es nun tatsächlich knapp werden, denn wer diesen Wechsel nach 11 Stunden nicht geschafft hat, muss hier das Rennen beenden.



Bereits nach 1,5 Meilen ist auch schon die erste Verpflegung erreicht. Auf den Tischen liegen Gels, Gebäck, Obst, gefolgt von Wasser, Iso, Cola oder Hühnerbrühe. Das also muss man unter dem Begriff Fast-Food-Kette verstehen. Ich habe mit meinem Magen und meinem Kreislauf zu kämpfen. Verfalle nach und nach in eine schonendere Gangart. 6 Meilen führt die Strecke entlang des Truckee River der den Lake Tahoe über 60 Bach- und Flussläufe entwässert.  Fast schnurrgerade verläuft die Strecke durch gleichförmige Kiefern, die sich träumerisch im Wind wiegen. Es folgt eine 180-Grad Kurve und der Weg führt auf gleicher Strecke zurück. Den ganzen Tag schon beobachte ich das Licht, wie es sich verändert, wie es weich wird, wie es den Asphalt brennen lässt und jetzt meinen Schatten lange vor sich her treibt. Ich kann in die Gesichter der entgegenkommenden Läufer schauen. Müdigkeit und Schmerz sind hinter dunklen Sonnenbrillen oder einer tief in die Augen geschobenen Cap verborgen. So manch einem gelingt diese Tarnung. Sämtliche Duelle sind ausgetragen – jeder will nur noch das Ziel erreichen.

 


Wieder im Ortskern von Squaw Valley muss ich noch einmal links am Ziel vorbei laufen. Andere haben bereits den Zielkanal erreicht. Für die gaffende Meute ist das hier ein Schauspiel, sie wollen hier die leiden(!)schaftlichen Athleten sehen. Ein letztes Mal geht es auf dem Radweg am Truckee River entlang, diesmal ist die Runde jedoch kürzer. Jetzt fallen die kalten, harten Schatten auf die Laufstrecke und die Luft wird kälter. Irgendwie mache ich mir leichtsinnigerweise noch keine Gedanken über die drohende Dunkelheit, was sich später noch rächen sollte. Die steif gefrorenen Finger fest um einen Pappbecher mit heißer Hühnerbrühe (chicken broth) geklammert, laufe ich langsam weiter. Erneut folgt eine 180-Grad Kurve und die Strecke führt auch gleichen Weg, mittlerweile tatsächlich wie durch eine finstere Nacht, durch den Wald. Jeder der jetzt noch unterwegs ist flimmert fahl. Der Weg vor mir ist spärlich beleuchtet. Endlich kommt mir Natascha entgegen. Sie schießt ein paar Bilder und wir wechseln nur ein paar Worte. Etwa vier Kilometer liegen noch vor mir, jede Einzelne will erfüllt werden bis auf den letzten Schritt. Der Schritt für den man das hier alles auf sich nimmt, der einen weiterlaufen lässt, auch wenn man schon lange nicht mehr kann.



Kurz vor dem Ziel bremse ich ab, meine Zielzeit von 14:27:04 leuchtet  mir entgegen. Ich laufe ganz langsam und gehe die letzten Schritte bis ins Ziel. 14:27:06 – niemals vorher war ich so lange bei einem IRONMAN unterwegs. Platzierungen und Zielzeiten sind für die meisten nur noch Nebensache. Die Athletinnen und Athleten in den jeweiligen Altersklassen, gelten wie ich, als absolut chancenlos.  Denn bei diesem Rennen dürfen nur die allerschnellsten Damen und Herren auch nur im Ansatz über eine Qualifikation für Hawaii nachdenken. In meiner Altersklasse zum Beispiel gibt es nur einen Qualifikationsplatz. Mein Ziel war es, im Mittelfeld meiner Altersklasse zu finishen. Mehr als nur ein Hurra-Effekt macht sich beim Blick auf die Ergebnisliste bemerkbar. Als 376 Frau aus dem Wasser gestiegen und als 172. Frau das Rennen beendet, das heißt Platz 10 von 98 gestarteten Frauen in meiner Altersklasse und dennoch zu langsam für Hawaii! Fluch oder Segen? In Anbetracht der reinen Startgebühr von 825,00 US Dollar bin ich nicht wirklich traurig. 


DONE! Fertig, geschafft!


Im Ziel wartet schon Natascha mit einer wärmenden Alufolie auf mich. Tränen der Freude, entkräftete Umarmungen, erschöpfte, doch glückliche Gesichter, wohin man blickt. Hier in Squaw Valley erlebe ich meinen eigenen amerikanischen Traum. Ich bekomme das schwere IRONMAN-Metall um den Hals gelegt. Das IRONMAN-Logo beleuchtet den 2.749 Meter hohen „Granite Chief“. Niemand kann an diesem Abend den Glanz in den Gesichtern übersehen. Erschöpfung gemischt mit Stolz. Stolz, durchgehalten und das Ziel erreicht zu haben. Zittert vor Kälte schicke auch ich ein Stoßgebet gen Himmel, dankbar darüber, dass ich im See nicht erfroren bin und mich mein altes Rad gut über die Strecke gebracht hat. Denn für manch einen platzte der Traum vom IRONMAN so schnell, wie ein Reifen am Rennrad oder der Cutt-off des Veranstalters.


20 % Ausfallquote


Die durchschnittliche Zielzeit betrug 14 Stunden und 6 Minuten, wobei 20% der Athleten nicht das Rennen beendeten. Das DNF beim Radfahren betrug 12% und das DNF beim Laufen 8%. Jeder Athlet hatte zu den eisigen Temperaturen auch mit der Höhenluft und der mit knackigen  Höhenmetern gespickten Radstrecke zu kämpfen. Ist das der Grund für die zweithöchste DNF-Rate weltweit? Am             nächsten Tag ist der IRONMAN schon wieder Geschichte. Mir geht es richtig gut und ich habe tatsächlich kaum merklichen Muskelkater.

Jetzt heißt es Koffer packen und weiterfahren zum Wandern oder auch Regenerieren in den Yosemite Nationalpark, denn bereits sieben Tage später, möchte ich gemeinsam mit meiner Tochter Natascha an der Marathon-Startlinie im Süden des Lake Tahoe stehen um gemeinsam mit ihr durch das Ziel ihres ersten Marathons zu laufen.


Angemerkt:

 

Was ich zu meinen nächsten runden Geburtstag  mache? Vielleicht noch einmal einen IRONMAN? Nein, bestimmt nicht, Ehrenwort! Aber man darf doch mal Träumen…

 
 


 

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