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Laufberichte

Lake Tahoe IRONMAN Triathlon 2013: High five

22.09.13 Special Event
 


Noch ein Tag…


Der Lake Tahoe ist ein saphirblauer Gebirgssee und die Gebirgsketten der Sierra Nevada zählen zu den schönsten Ausflugszielen Kalifoniens. Hier am Nordufer des Sees spielt niemand um sein Glück. Wer hier wohnt, hat es längst gemacht. Hier oben ist alles anders, vornehmer, zurückhaltender, geschichtsträchtiger. Beim Rad-Check-In am Samstag beginnt das übliche Schaulaufen der durchtrainierten Athleten. Jedoch sieht man statt gebräunter Beine in knappen Shorts und verspiegelter Sonnenbrille im Haar fast jeden in langen Hosen, Regenjacken und Wollmützen. Galt bis vorgestern noch die Feuerwarnstufe hoch, so hat sich das über Nacht mit einem kräftigen Sturm schlagartig geändert. Es pfeift der Wind durch die Pinienwälder am Ufer, in der eisigen Brise auf dem Lake Tahoe fegt ein Kite-Surfer über die wilden Wellen.

Kalifornien heißt nicht automatisch Sommer, Sonne, Sonnenschein: Es hört nicht auf zu regnen. Die schwarze Wand hat sich langsam erst über den See und dann über den ganzen Himmel verteilt.  Die Räder triefen vor Nässe, die Laufbeutel liegen in den Pfützen und die Stimmung ist alles andere als auf einen IRONMAN eingestellt. Was ich mich nun schon den ganzen Tag frage: Was und wie viele Lagen Kleidung ziehe ich morgen an und was mache ich, wenn es ein paar Stunden später erst wieder warm aber mit dem Einbruch der Dunkelheit wieder kalt wird?


Der Abend davor


Wie das Wetterleuchten in der Nacht spüre ich die Herzrhythmusstörungen die mich seit einigen Jahren begleiten. Sport stählt das Herz und der Ruhepuls sinkt. Für mich jedoch eine Tatsache mit Folgen: Mein Couch-Herzschlag fällt in Ruhe auf knapp 40 Schläge pro Minute – zu wenig nach dem Ermessen der Kardiologen. Es bleiben quälende Fragen über das Für und Wider einer solch sportlichen Herausforderung. Ich lausche dem gleichmäßigen Tropfen des Wasserhahnes im Bad. Immer wieder schaue ich auf die Uhr, an Schlaf ist nicht mehr zu denken. „Warum um Himmels Willen tue ich mir das an“, denke ich und versuche das was in den kommenden Stunden  auf mich zukommt zu verdrängen. Die Nacht ist kurz und bitterkalt. Immer wieder wache ich im Kingsize-Bett auf und falle wieder zurück in einen dünnen Schlaf. Seit Monaten träume ich immer wieder von diesem Wettkampf. Und nun soll mein Traum am schlechten Wetter scheitern? Unmöglich! Raus aus dem warmen Bett und bereits im Hotel rein in den Neoprenanzug. Zentimeter für Zentimeter schiebe ich mich in die teure und hier fast schon überlebenswichtige, enge  Rettungshaut. An dieser Stelle herzlichen Dank an meine Mutter, die mir diesen neuen Neopren sponserte. Darüber ziehe ich eine lange Hose, dicke Socken, zwei Pullis, Wollmütze und Handschuhe.

Bis auf einen Kaffee fällt das Frühstück heute aus, es geht mir schlecht. Es ist 3:00 Uhr in der Frühe und ich fühle mich müde und jämmerlich. Es klopft permanent gegen meine Schädeldecke. Zudem habe ich Herzklopfen – und nicht nur wegen der Höhe oder der Aufregung.

Es ist vier Uhr, also noch weit vor dem Morgengrauen, das Thermometer zeigt zwei Grad unter null - aber es hat aufgehört zu regnen. Ein halbes Dutzend der  typischen gelben Schulbusse stehen in Squaw Valley bereit, um die Athleten und Zuschauer zum Startbereich in Kings Beach zu bringen. Dicht gedrängt sitzen auch die anderen ebenfalls dick eingepackten noch müden Frauen und Männer im Bus als gingen sie zum Skilaufen.  Durch das Fenster fallen ein paar fahle Streifen der Straßenlaternen und Leuchtreklamen der geschlossenen Lokale vom Straßenrand in den Bus. Eine dösende halbe Stunde später ist der Bus am Schwimmstart in Kings Beach angekommen und ich bin mit einem Schlag hellwach. Grelle Scheinwerfer erleuchten den Athletenbereich.

Bevor ich weiß was mit mir geschieht, zupft mir jemand am Hosenbein und fragt mich: „What is your age group?“ und schon habe ich ein schwarzes Bodymarking mit garantiert langer Haftungsdauer auf meine Wade erhalten. Und als ob dies noch nicht genügt, bekomme ich zusätzlich dazu auch noch meine Startnummer auf den Oberarm gemalt. Soweit das Auge reicht stehen hier die Rennräder. Ich bestaune ein besonders stolzes Karbonross. Glänzte früher das Fell der Tiere, funkeln heute Regentropfen auf den teuren Rennboliden. Zwischen den filigranen Rennmaschinen, wirkt mein vor Nässe triefendes Rad wie ein Präriepanzer. 
Die Eigentümer werfen sich in Pose, eitel wie so mancher Hollywoodstar lassen sie sich es auch was kosten.

Das Rad, ein glamouröses Etwas, als schmückende Ergänzung und Objekt der Begierde haben manche gerne einen fünfstelligen Betrag auf den Tisch gelegt. Dennoch gibt es hier keine schützenden und sonst üblichen Plastikabdeckungen gegen den Regen. Mein Rad gleicht gegen die hier aufgefahrenen Rennmaschinen eher einem amerikanischen SUV, also einem sportlichen Nutzfahrzeug. Mein kleiner Italiener ist mit mir in die Jahre gekommen, hat mit mir gelitten, ist auch schon mal in die Ecke geflogen und hat mich trotzdem nie im Stich gelassen. Denn wie viele Helden gibt es, die von der Grausamkeit eines IRONMANs erzählen, von zerplatzten (Reifen-) Träumen und nicht erfüllten (Hawaii-) Zielen. Was nutzt am Ende das beste und teuerste Material, wenn der Körper nicht mehr will? Die Brutalität eines IRONMAN-Wettkampfes zeigt sich erst beim Marathon, nämlich dann, wenn es kein Material mehr zu zeigen gibt.

Der Lake Tahoe liegt noch im Dunklen und die Bojen, die die Schwimmstrecke kennzeichnen sollen, hat der dichte Nebel verschluckt. Gleich beginnt am nördlichen Teil des Sees der Schwimmstart. Den Kopf bedecke ich gleich mit zwei Schichten Latex. Wie immer wenn ich starte, ist die offizielle Bademützenfarbe für die Damen knallpink und für die Herren giftgrün.
Noch zehn Minuten…

“Ten minutes” ertönt aus einem Lautsprecher; der Startschuss für die Profis ist gefallen. Die 2.700 Altersklassen-Ausdauerenthusiasten bewegen sich traubenförmig zum Strand. Der jüngste ist gerade einmal 21 Jahre alt, die ältesten Athleten sind aus den 1940er Jahren. Nie zuvor gab es mehr weibliche Teilnehmer bei einem IRONMAN und auch die Teilnehmerzahl der Damen in meiner Altersklasse sprengt jede Vorstellung von durchtrainierten Ladys jenseits der 50. Auf 17 gemeldete Damen beim diesjährigen Frankfurt IRONMAN kommen hier gewaltige 98 (!). Konkurrentinnen? Nein, nicht hier, nicht bei diesen Bedingungen. Jeder ringt hier nur gegen sich selbst; hier zählt allein der olympische Gedanke.


Da frieren selbst die Profis


Sehr groß, sehr tief, sehr ruhig, sehr neblig, sehr schön und sehr, sehr kalt! Gewaltige, teils schneebedeckte Bergketten rahmen den an der Grenze zwischen Kalifornien und Nevada gelegenen Hochgebirgssee Lake Tahoe. Der See ist etwa 15 km² größer als der Bodensee und der zweittiefste See der Vereinigten Staaten. Aber nicht nur seine Tiefe ist beeindruckend. Man erzählt sich, er sei so kalt, das selbst die Cowboys, die vor über einem Jahrhundert in dem 500 Meter tiefen See ertranken, in gut erhaltenem Zustand noch heute geborgen werden können.

Das Wasser bewegt sich kaum, die Wendeboje ist in dem aufsteigenden Dunst kaum zu erkennen,  als würde der See etwas verschleiern und vor uns verhüllen. Der Anblick des weiten Sees, erzeugt eine ganz eigene Stimmung die mir gehörig Respekt einflößt. Auf 1.899 Meter über N.N. gelegen, ist er auch einer der höchstgelegensten Seen der USA. Zu der Kälte erschwert dieser Umstand ebenfalls das Schwimmen; schnell gerät man in solchen Höhen außer Atem. Da ist es gut zu wissen, dass man die Distanz beherrscht.


Wellenstart statt Massenstart


In der Vergangenheit gab es immer wieder Todesfälle während der Schwimmdistanz bei IRONMAN Wettkämpfen. Grund für die World Triathlon Corporation (WTC) erstmals in diesem Jahr, bei nordamerikanischen Schwimmstarts, das Reglement zu ändern. Die Bojen, die es entlang zu schwimmen gilt, sind nummeriert und fest verankert, darüber hinaus sind noch mehr Rettungsboote und Wasserfahrzeuge auf der Strecke. Man sagt:  „Es gibt nur zwei Typen von Triathleten, die im Wasser keine Prügel beziehen, der Führende und der Letzte.“ Vielleicht auch ein Grund sich gegen einen Massenstart und für einen sogenannten "Rolling-Start“ zu entscheiden? „Rolling-Start“ bedeutet, die Zeitnahme startet für jeden Athleten separat - und zwar erst in dem Moment, wenn er die Zeitmesslatte überschreitet.



Es ist ein Morgen wie aus dem Bilderbuch. 6:28 Uhr, die Nationalhymne ertönt, wieder einmal live gesungen durch die Lautsprecher und es herrscht kurzzeitig Stille unter den angespannten Athleten. Die Atmosphäre ist unruhig. Der Startschuss rückt immer näher. Noch bevor die Morgensonne über die Kiefernwipfel der Sierra Nevada richtig aufgegangen ist, fällt der fast schon erlösende Startschuss und für uns alle beginnen Stunden der Ungewissheit. Der Schauder dieses Momentes ist einzigartig. Die Traube der Athleten schiebt sich langsam Richtung Starttor bis vor ans Wasser. Erst in letzter Sekunde streift jeder seine Socken, Flip-Flops oder Hotelbadeschuhe ab, sie hielten wenigstens bis zum Start die Füße etwas warm, denn auch der Sand des Strandes ist eiskalt.

 
 

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