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Laufberichte

Mit der tschechischen Lokomotive durch die Vergangenheit

12.05.13

Auf den langen Geraden habe ich Zeit, Zeit zum Nachdenken über das nicht einfache deutsch-tschechische Verhältnis. Erneut fällt mir dazu Peter Alexander ein. Klar, so manchem rollen sich da die Fußnägel auf, aber wenn man ehrlich ist, hat es schon etwas Wahres – heute würde man es, politisch total korrekt, Multi-Kulti nennen, was er mit einem Augenzwinkern so treffend formulierte:

„Wie Böhmen noch bei Öst'reich war, vor finfzig Jahr, vor finfzig Jahr,
hat sich mein Vater g'holt aus Brünn a echte Weanerin.

Und keine hat gemacht wie sie die Skubanki, die Skubanki,
er hat ihr wieder beigebracht, wie man a Bafleisch macht.

A bisserl Wien, a bisserl Brünn, no da liegt a gute Mischung drin.
entstanden bin zum Schluß dann i, aus diesem Potburri…

Wenn Böhmen und auch Mähren, nicht mehr zu uns gehören.
So denken trotzdem viele Leut' noch an die Zeit.

Wie noch ganz Leitomischl beim Zauner war in Ischl
und halbert Wien in Prag beim Katholikentag.“

Das war doch eigentlich nicht das schlechteste, als deutsch-österreichisch-ungarisch-holländischer Mischling sehe ich das auch so. Mischling. Wie sagte meine in Amsterdam geborene Mutter, als ich sie anläßlich der neu erworbenen Boxerhündin zu fragen wagte, ob die denn auch einen Stammbaum hätte, so zartfühlend zu mir: „Auf jeden Fall einen besseren als Du!“

Der Vorbeilauf am Werksgelände der Brauerei Staropramen („Alte Quelle“) hätte man uns gerne mit einem Schluck kühlem Blonden versüßen dürfen, so macht man uns mit der die Straße überspannenden Werbung die Nase lang. Auf den km 26 bis 30 ist dann die letzte Gelegenheit, die vor bzw. hinter uns Laufenden zu beobachten. Beide Richtungen sind gut gefüllt, wir befinden uns vermutlich also etwa in der Mitte. Streß muß sich keiner machen, denn das Zeitlimit ist mit sieben Stunden äußerst großzügig gewählt. Sicherlich wird dieser Marathon zu denen zählen, die ich – sofern ich gesund bleibe – auch in sehr hohem Alter noch werde absolvieren können. Und wenn das nicht mehr geht, gibt’s in den USA noch genügend Möglichkeiten, die dann morschen Knochen bei noch weiteren Zeitlimits zu bewegen.

Beim 31. km wechseln wr über die Brücke der Legionen (Most Legii) erneut die Moldauseite, das allerdings nur kurz, denn nach kaum 1.000 m geht’s schon wieder ans Westufer, wir benutzen dafür erneut die schon bei km 3 überlaufene Manesbrücke (Mánesův most, ehemals Franz-Ferdinand-Brücke). Es ist gut zu wissen, daß wir uns ab jetzt quasi auf der Schlußrunde befinden, denn, wie eingangs erwähnt, sind die km 4 bis 12 und 34 bis 42 identisch. Auch wenn das Laufen unverändert Spaß macht.

Fein ist für mich das Kasperletheater, das ich mit manchen Mitstreitern machen kann. Ob mit dem Eintracht-Fan über die Frankfurter zu philosophieren oder mit dem Kraichgauer über die Hoffenheimer (wird die wirklich jemand in der Bundesliga ernsthaft vermissen?), ob gemeinsamer Jubel mit den Südafrikanerinnen, den Italienern, den Amis, den Kanadiern, es ist einfach schön, mit jedem ein wenig Spaß zu haben und sich gemeinsam an der tollen Veranstaltung bei prächtigem Wetter zu erfreuen. Selbst wenn ich intensiv darüber nachdenke, ich finde an der Organisation nichts zu mäkeln.

Den Vogel schießen ein paar Kölsche ab, die am Staffelwettbewerb teilnehmen, sie sind unschwer an den Narrenkappen zu erkennen, die sie an ihre Laufkappen genäht haben. Logo, natürlich treibe ich sie zusammen und nach einem gemeinsamen lautstarken, dreifachen „Kölle Alaaf!“ geht es weiter. Sollte jemals ein Tscheche am germanischen Verstand gezweifelt haben, wird er sich nach dieser Aktion bestätigt fühlen.

Nochmal wird das Nordende des Kurses umrundet und bei km 40 kommen wir erneut an unserem Hotel vorbei. Hier erwartet mich erfreulicherweise mein treues Weib bereits zum dritten Mal. Auch wenn ich heute nur auf 4:15er Kurs unterwegs bin: es ist wie immer anstrengend und ich sehne das Ende herbei. Obwohl – ach, es ist ja eigentlich schön! René, meine moderne Version der tschechischen Lokomotive, läuft wie ein Uhrwerk, immer wieder breche ich ein paar Meter aus, fotografiere hier, knipse da und muß mich dann wieder mit Riesenschritten an ihn heransaugen, denn wir wollen ja zusammen einlaufen.

Der letzte km führt wieder über die Prachtstraße Parizska und fünfhundert Meter vor dem Ende traue ich es mich doch: Ich ziehe die Bundesdienstflagge aus der Hose und laufe mit stolzgeschwellter Brust wie Fahne das Spalier aus tausenden von Zuschauern ab und für mein Heimatland in dem Land, das unter anderen Umständen mein Heimatland hätte sein können, auf dem Altstädter Ring im Herzen der Hauptstadt durchs Ziel.

Den Hammer hat heute Vadim Yangirow abgeschossen. Mit dem jungen Russen und seiner Frau Yulia waren wir gemeinsam auf Stadtführung gewesen, für beide war es heute der erste Marathon. Sie kam nach 4:38 Stunden völlig platt ins Ziel, er hatte sich zum Ziel gesetzt, die drei Stunden zu knacken, und das im ersten Anlauf. Halbzeit war nach 1:26, dann mußte er Federn lassen, zwanzig Meter vor dem Ziel hatte er eine 3:06 vor Augen. Das war dann das letzte, was er sah, denn er klappte zusammen und wurde mit Tätütata ins Krankenhaus gebracht. Nach einer guten Stunde hatte man ihn wieder aufgepäppelt und zurückgefahren. Was macht man, wenn man 42,175 km gelaufen ist, schlappe zwanzig Meter fehlen und die Startnummer noch umgebunden ist? Man legt die irgendwie zurück, es macht „Piep“ und der Lauf ist nach 4:56 ordnungsgemäß gewertet. Wir waren uns gemeinsam sicher, daß er davon noch seinen Kindern und Kindeskindern erzählen wird. Die Geschichte ist ja fast so schön wie die von dem Tünnes, der in Rom im Krankenwagen unter Blaulicht fast eine neue Bestzeit aufgestellt hätte!

In ganz besonderem Maße durfte ich hier die völkerverständigende Wirkung unseres Sports erleben. Ein trotz allen Spaßes für mich ganz besonderer Lauf ist zu Ende und ich bin froh, ihn gewagt zu haben. Freundliche Leute und eine schöne, 1a organisierte Veranstaltung in einem teils traumhaften Ambiente lassen mich sicher sein, nicht zum letzten Mal hier gewesen zu sein.

Tak prostě děkujeme a nashledanou, České republiky!

Startgeld:

1.900 Kronen (ca. 75 €), dafür gibt es auch einen kleinen Rucksack mit viel Werbung und einigen kleinen Begaben.

Wettbewerbe:

Marathon (auch als Viererstaffel), Minimarathon (4,2 km), Walken mit Hund (kein Witz!)

Rahmenprogramm:

Marathonmesse mit vielen Angeboten.

Streckenbeschreibung:

Sehr schöner Rundkurs mit rund 100 Höhenmetern, überwiegend an der Moldau, lange Begegnungsstrecken, Zeitlimit 7 Stunden.

Auszeichnung:

Medaille, Urkunde aus dem Netz.

Logistik:

Absolut perfekt

Verpflegung:

Gut und ausreichend (Wasser, Iso, Bananen, Orangen, Zucker), im Ziel zusätzlich eine Verpflegungstüte mit Getränken und Riegel.

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Informationen: Prague Marathon
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