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Laufberichte

Mit der tschechischen Lokomotive durch die Vergangenheit

12.05.13

Einen ganz besonderen Moment stellt für mich nach drei km die folgende Überquerung der Karlsbrücke (Karlův most) aus dem 14. Jahrhundert, die wir durch den Kleinseiter Brückenbogen betreten, dar. Wie oft hat mir mein Vater von ihr, dem Brückenheiligen Nepomuk und seiner Zunge erzählt, dessen Statue den Brückenrand in der Mitte ziert.

Seinerzeit war Wenzel IV., Sohn des Kaisers Karl IV. (des Gründers der ältesten Universität im damaligen deutschen Sprachraum) König von Böhmen, Johannes Nepomuk als Generalvikar Stellvertreter des Bischofs der Erzdiözese Prag. Aus politischen Gründen fiel der einflußreiche Nepomuk in Ungnade, wurde grausam gefoltert, nachts gefesselt in die Moldau gestürzt und ertränkt. In vier Tagen wird sich dieser Mord zum 620. Mal jähren. Als man 1719 sein Grab öffnete, soll seine Zunge unverwest vorgefunden worden sein. Nach seinem Tod hatte in Prag und weit darüber hinaus eine starke Verehrung des Märtyrers eingesetzt, um dessen Tod sich rasch Legenden bildeten.

Die populärste (aber nicht wahrscheinliche) davon ist, daß er als Beichtvater Johannas, Wenzels Ehefrau, das Beichtgeheimnis gegenüber dem König nicht brechen wollte. 1729 wurde er heiliggesprochen. Auf der Karlsbrücke steht er nun, in Stein gemeißelt, als Schutzpatron der Beichtväter und Priester, der Flößer, Schiffer und Brücken, als Priester mit Chorrock, Stola und Birett (Kopfbedeckung). In den Händen hält er ein Kreuz und die Märtyrerpalme.

Auf der Altstädter Seite sind nach Überquerung der Karlsbrücke gerade mal 200 m zurückzulegen, bevor auf der schon dritten von heutigen sechs Brücken („Manes-Brücke“, Mánesův most) erneut die Seite gewechselt wird. Um die 180 Brücken weist das komplette Stadtgebiet auf, davon 15 große über die Moldau. Erst vier km haben wir hinter uns, aber was schon alles gesehen, es ist schlicht überwältigend. Wer im Folgenden nicht ganz genau aufpaßt, kann versäumte Eindrücke später nachholen, denn km 4 ist identisch mit km 33, heißt: die nächsten neun km sind zweimal, und das in der gleichen Richtung, zu durchmessen.

Die erste Verpflegung wird uns nach den üblichen fünf km gereicht. Es gibt Wasser, Iso, Bananen, Orangen und Zucker. Ich spiele meine ganze Erfahrung aus und steuere nicht den ersten Tisch an, auch nicht den zweiten. Das können die Anfänger machen und sich um die Becher balgen. Ganz überlegen und ruhig warte ich so lange, bis ich am letzten Tisch vor der Wasserwanne für die Schwämme stehe. Ich Depp. Panik kommt auf, was soll ich machen bei der zu erwartenden ordentlichen Wärme? Ich kneife die Pobacken zusammen und laufe weiter in der Hoffnung, das Versäumte später nachholen zu können. Der Fauxpas hat glücklicherweise keine negativen Auswirkungen.

Gott sei Dank wird auch nichts anderes angeboten, denn im Herbst 2012 kannten die Zeitungen nur ein Thema: 26 Menschen starben, weil sie Fusel getrunken hatten, der von kriminellen Hobby-Chemikern zusammengepanscht worden war. Aber es gibt hier beileibe nicht nur Fusel zu trinken, ganz im Gegenteil. Die Biere sind ein Gedicht, einer der größten Schlager ist das ursprünglich aus Pilsen im Sudetenland stammende „Pilsner Urquell“, das seit 1842 einer eigenen Biersorte den Namen verleiht, 70% der deutschen Biere sind auf diese Art gebraut.

Weshalb unser degradierter Gefreite (nicht der Adolf!) hier noch nicht gelaufen ist, bleibt daher ein Rätsel. Am Preis kann’s nicht liegen, denn ein frisch gezapftes Helles oder Dunkles kostet in einem guten Restaurant in Hotelnähe umgerechnet 2,60 Euronen. Pro Liter, wohlgemerkt! Anton, hier ist auch der preisbewußte Neuburger gut aufgehoben. A Hoibe gibt’s zur Not a.

Gegenüber unserem Hotel lichte ich die zweihundert Meter Luftlinie entfernt liegende doppeltürmige St. Antonius-Kirche am Strossmayerplatz ab, in der mein Papa Meßdiener war und nur einen Steinwurf entfernt wohnte. Natürlich war ich bereits gestern als allererstes dort und auf seinen Spuren unterwegs gewesen. Die leckeren Cheerleader, zwischen denen René natürlich hindurchtoben muß, bringen mich wieder auf andere Gedanken. Nach siebeneinhalb km haben wir das nördliche Ende des Kurses erreicht, überqueren auf der vierten Brücke (Liebenbrücke, Libeňský most) erneut die Moldau und nähern uns ganz langsam wieder dem Start- und Zielbereich.

Manch nettes Gespräch und manche mindestens ebenso nette Rückenansicht versüßen die folgenden ansonsten optisch eher unaufregenden km, bevor wir kurz hinter unserem Hotel bei km 11 vom Tesnovsky-Tunnel für die nächsten knapp vierhundert Meter verschluckt werden, nicht ohne daß uns an dessen Eingang schon wieder eine Band eingeheizt hätte.

Fast wähne ich mich erneut in Freiburg zu sein, so viele Musikgruppen – etwa 20 - sorgen für die nötige Unterstützung vom Straßenrand. Warum das so ist, ist völlig logisch. Für die Klärung sorgt nämlich der unvergessene Peter Alexander, ein österreichischer Showmaster der ganz alten Schule. Als Kind war die „Peter Alexander Show“, gemeinsam mit den Eltern gesehen, ein „Muß“ für mich, genau so wie Daktari, die Hitparade, Bonanza oder Spiel ohne Grenzen, ein Versäumen unmöglich. Er bringt es auf den Punkt, auch wenn er sicherlich keine knackigen Rockrhythmen wie gerade hier im Hinterkopf gehabt haben wird:

„Aus Böhmen kommt die Musik
Sie ist der Schlüssel zum Glück
Und alle Türen sperrt sie auf
Bis in den Himmel hinauf
Glaub' mir aus Böhmen kommt die Musik
Zu Herzen geht jedes Stück
In diesem wunderschönen Land
Ist jeder ein Musikant.“

Nach einem weiteren Kopfsteinpflaster-km (viele davon werden wir genießen dürfen) gibt’s auf dem zwölften ein Déjà-vu, denn auf der Prachtstraße Parizska (der teuersten Prager Einkaufsstraße) sind wir losgelaufen, allerdings in umgekehrter Richtung. Traumhafte Fassaden säumen unseren Weg, ich schwelge in optischen Eindrücken. Auf dem Altstädter Ring, dem schönsten und ältesten Platz der Stadt (seit dem 12. Jahrhundert), laufen wir unmittelbar am Startbogen vorbei. Es steppt der Bär, viele Zuschauer sorgen für den immer wieder gerne erlebten Schub von außen. Es ist nicht einmal ausgeschlossen, daß ich den/die eine(n) oder andere(n) kennen könnte oder vielleicht sogar sollte, weil er/sie mit mir verwandt ist. Denn die beiden Schwestern meiner Oma sind, eine mit einem Tschechen, die andere mit einem Österreicher verheiratet, geblieben und haben für weitere Nachkommen gesorgt, die ich nicht kenne. Es ist schon verrückt, wenn man darüber mal in Ruhe nachdenkt.

Den Torbogen des wundervollen Pulverturms passierend sind wir nach gut vierzehn km an der Nationalbibliothek und begleiten die Moldau wieder, jetzt in Richtung Süden. Beeindruckend ist auch der extreme Kontrapunkt, den das hochmoderne und wirklich architektonisch einfallsreiche sog. Tanzhaus setzt, dessen beiden Gebäudeteile Fred Astaire und Ginger Rogers darstellen sollen. Die kennst Du nicht? Google mal.

Nach km 16 verlassen wir den Fluß für einen zwei km langen Abstecher landeinwärts, bevor es am Wasser weiter in Richtung Süden geht. Wir unterqueren noch eine untertunnelte Felsnase, haben Halbzeit fast exakt am südlichsten Punkt des Kurses und wechseln zur anderen Straßenseite, um auf der Begegnungsstrecke ab jetzt die hinter uns Laufenden zu beobachten, während wir vorher die Schnellen sehen konnten.

Drei km schwelge ich in der Beobachtung der verschiedenen Läufer (zugegeben, auch Läuferinnen) in ihren höchst unterschiedlichen Zuständen von locker entspannt bis Teilnehmer am Zug der lebenden Leichen. Die Palackého most ist die fünfte der von uns zu überquerenden Brücken, die uns an das gegenüberliegende Ufer führt, an dem wir wieder nach Süden einschwenken. Ja, viele km legen wir heute auf Pendelstrecken am Wasser zurück, aber mir gefällt das. Demnächst werde ich wieder einsam durch die Natur rennen, Abwechslung ist Trumpf, auch diese Verschiedenartigkeit macht doch den Reiz unseres Sports aus. Immer nur Gebolze auf der 400 m-Bahn mit der Stopuhr in der Hand?

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Informationen: Prague Marathon
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