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Laufberichte

Auf den Spuren der Medici

 

An der östlichen Ecke wartet die historische Ritterspiel-Gruppe „Giostra della stella“auf uns. Dann kommt ein kurzes Stück mit einem ehemals einfachen Wohngebiet. Die Blöcke zur Linken wurden anscheinend in den letzten Jahren saniert. Dann eine Band. Über uns quert eine Brücke mit Läufern, die schon 7 Kilometer weiter sind. Wir umrunden die Gleisanlagen von Campo Marte und  kommen am Gelände der Marathonmesse vorbei. Ein Bereich mit ausgedehnten Sportanlagen. Das große Freibad verwaist, dafür noch einige Musikgruppen und Zuschauer aus den umliegenden Wohnvierteln.

 

 

Verpflegungsstelle km 30, so weit bin ich schon? Enervit versorgt uns mit Gel, leider noch nicht in den neuen Tütchen, die man mit einer Hand öffnen kann und die hier fleißig beworben werden. Für mich wären sie gut geeignet, trage ich doch immer den Fotoapparat mit mir herum. Meine aktuelle Technik ist das Aufreißen der Tüten mit dem Mund. Die großzügig angelegten VP-Stellen sind gut gekennzeichnet und bieten auch Bananen und Kekse sowie zusätzlich zu Wasser und Sali (Iso) noch warmen Tee.

Links am Stadio Comunale vorbei, benannt nach dem Florentiner Fußballfunktionär Artemio Franchi. Der markante, 75 m hohe Turm aus dem Jahre 1931 trägt interessanterweise den Namen „La Torre di Maratona“. Helene überholt mich, wir kennen sie nun schon von vielen Läufen. Ich lasse sie erst einmal davonziehen.

Das Leichtathletikstadion Luigi Ridolfi sehen wir von innen. Eine nette Abwechslung. Es geht quasi durch den Firmensitz des Firenze Marathon. Am Ausgang stehen wieder die vier netten deutschen Fan-Damen: "Vielen Dank" rufe ich ihnen zu. "Ach, der schon wieder", kommt es freundlich zurück. Ein schöner Streckenteil, von Platanen überdacht.

Wir sind auf dem Weg zur nächsten Herausforderung: Viele bunte Farbkleckse kämpfen sich den steilen Anstieg auf die Brücke über den Gleisanlagen hoch. Etliche Teilnehmer gehen. Ich ziehe lächelnd vorbei. Leider ist wieder kein Hochgeschwindigkeitszug der „Frecciarossa“-Serie zu sehen. Immerhin ist das der Beginn der Schnellfahrstrecke nach Rom. Entschädigt werden die „Bergsteiger“ von einem wunderbaren Blick auf eine Burg inmitten der Hügel vor Florenz und dann nochmals eine Pinienallee. Unglaublich schön - Ich bin in Italien, nur warum ist es so frisch?  Und der böige Wind ist auch nicht optimal.

 

Stimmungsvolles Finale

 

Die restlichen 7 Kilometer führen durch das historische Zentrum der Altstadt. Man sieht, dass die Bewohner „ihren“ Marathon unterstützen und sich nicht über eventuelle Behinderungen ärgern. Am heutigen 1. Advent sind alle Geschäfte geöffnet, wie jeden Sonntag. Der Brauch des Adventskranzes wird hierzulande übrigens nur in den Kirchen gepflegt.

Beim ehemaligen Kloster Monastero delle Murate, das später als Gefängnis diente und inzwischen zu noblen Wohnungen umgebaut wurde, kommen wir an einer Markthalle vorbei. Davor findet  ein „mercatino delle pulci“ statt, zu Deutsch Flohmarkt. Am Ende einer finsteren Gasse - die Möglichkeit der Reinigung von Fassaden scheint hier unbekannt zu sein oder ist aus dramaturgischen Gründen nicht beabsichtigt - taucht vor uns ein strahlend weißes monumentales Gebäude auf. Wir laufen auf den Duomo zu, genauer gesagt auf die gotische „Cattedrale di Santa Maria del Fiore“. Der Goldschmied, Maler und Bildhauer Filippo Brunelleschi reichte anno 1418 Vorschläge zum Bau der weltberühmten Kuppel ein. Seine Pläne erschienen vielen zu großspurig und ambitioniert. Er bekam trotzdem den Zuschlag und verwandte bei der Ausführung Methoden, die Fachleute heute teilweise nicht mehr nachvollziehen können.

 

 

Kurz danach tauchen wir wieder ins Dunkel ein. Die vom km 0,5 her bekannte Musikkapelle an der Piazza San Marco spielt immer noch auf. Zurück geht es mit Blick auf das runde, aus dem 11.-12. Jahrhundert stammende Baptisterium des Doms. Besonders die Portale sind sehenswert: das 1330 von Andrea Pisano geschaffene Südportal mit Szenen aus dem Leben des Namenspatrons St. Johannes dem Täufer und das Nordportal von Lorenzo Ghiberti, der 1401 mit Szenen aus dem Leben Christi und Abbildungen der Evangelisten und Kirchenväter einen eigens ausgeschriebenen Wettbewerb gewann. Und wieder Dunkelheit. Die Via del Procconsolo ist gesäumt von mächtigen, fast furchteinflößenden Palazzi. Auf der Piazza di San Firenze eine Flamencotruppe.

Wieder am Lungarno. Rechts ein kurzer Blick auf die Uffizien, eine der berühmtesten Gemäldesammlungen der Welt. Das vor rund 500 Jahren herrschende Geschlecht der Medici hatte sich von diesem Palast einen Verbindungsgang über den Arno zum Palazzo Pitti anlegen lassen. Der verläuft hier einige Meter über uns.

Ich rufe den vielen italienischen Zuschauern ein "Che brutto pavimento" zu. Was für ein schlechter Bodenbelag! Nicht genug damit, dass hier eine kleine Bodenerhebung ist, sondern die Platten sind quasi nicht verlegt, sondern erfordern mit ihren deutlichen Höhenunterschieden größte Aufmerksamkeit. Und das in einer Stadt, die uns für zwei Nächte satte 18 Euro Übernachtungssteuer abverlangt. Anders als  unsere Kurtaxe enthält die „Tassa del soggiorno“ keine Vergünstigungen. Das Geld fließt in städtebauliche Maßnahmen, nur wo? Im Gegensatz zu anderen italienischen Städten kann ich hier keine neu angelegten Plätze und Straßen finden. Fast in der gesamten Altstadt wird man von Autos verfolgt. Für mich ein klarer Fall von Touristennepp, dem man sich leider nicht entziehen kann. Das alles geht mir an dieser Stelle durch den Kopf. Wir biegen auf die Ponte Vecchio ab. Wie auf der Rialtobrücke in Venedig sind hier Läden untergebracht. Die Stimmung ist auf dem Siedepunkt. Links und rechts Schmuckgeschäfte, darüber der Verbindungsgang der Medici. Im Jahre 1565 von Giorgio Vasari gebaut, verbindet er den Palazzo Pitti, die Kirche Santa Felicità und die Uffizien mit dem Palazzo Vecchio. So konnten die hohen Herren und Damen unbehelligt zwischen Wohnsitz und Rathaus hin- und herwechseln.

Und immer noch 3 Kilometer. Ich entschließe mich, mein moderates Tempo beizubehalten und eine Zeit unter 4:30 Stunden anzupeilen. Ich bin froh, dass alles so gut über die Bühne gegangen ist. Meine graue Startnummer fällt zwischen den rosafarbenen und grünen Nummern der langsamer eingestuften Teilnehmer auf. Nie mehr werde ich mich über Läufer lustig machen, die sich vermeintlich in schnellere Startblöcke geschmuggelt haben. Vielleicht haben die - so wie ich heute - auch nur einen schlechten Tag erwischt.

 

 

Über die übernächste Brücke zurück, Gässchen, dann wieder am Arno auf die Ponte Vechio zu. Von der Seite betrachtet wirkt sie eigentlich viel malerischer als aus der Perspektive zwischen den Läden. Kurz danach erscheint an der Piazza della Signoria der markante Turm des Palazzo Vecchio, Sitz der Stadtverwaltung. Rechts das Vorbild der Münchner Feldherrenhalle, die Loggia dei Lanzi. Mich beeindruckt die 1554 von Benvenuto Cellini geschaffene Skulptur des Perseus, der das Haupt der Medusa in die Höhe hält. Vor dem Palazzo eine Replik des berühmten „David“ von Michelangelo. Judith meint, die Proportionen stimmen nicht. Der Kopf erscheint zu groß. Vielleicht liegt es an den Wuschelhaaren? Der Neptunbrunnen macht auch etwas her. Was mag hier an heißen Sommernächten los sein, wenn ausgelassene Schulklassen aus der ganzen Welt eine Kulturreise veranstalten?

Während der letzten Minuten des Marathons laufen wir durch die noble Einkaufsstraße. Rechts taucht die Marmorfassade des Doms auf. Linkskurve, noch hundert Meter. Hinter mir kommt ein Sprinter. Ich drehe auf, er geht mit, ich erreiche Millisekunden vor ihm das Ziel. Er ist überrascht. Ich grinse und bin glücklich.

Wir erhalten eine goldene Medaille mit stilisierter Abbildung der Domkuppel. Zielverpflegung auf der Piazza della Repubblica. Ich esse kiloweise Orangen, um meinen erhöhten Vitamin-C-Bedarf zu decken. Zusätzlich bekommen die Läufer eine Tüte mit Getränken und Riegeln.  Leider verpassen wir im Ziel Gerhard Wally aus Österreich, der heute seinen 600. Marathon beendet, und auch den M4Y-Kollegen Anton Reiter, der seinen 280. ohne Fotoapparat in einer guten Zeit absolviert.


Fazit:

Der Florenz Marathon ist ein großer Stadtmarathon mit IAAF Gold Label. Große Teile der Strecke führen durchs Zentrum, 10 km durch einen Park, Start- und Zielbereich befanden sich diesmal auf dem Domplatz. Der Lauf ist schnell, hat aber einige Höhen und Tiefen sowie stellenweise in der Altstadt sehr schlechte Laufuntergründe.
Gutes Preis-/Leistungsverhältnis. Unterkunft und Restaurants von den Kosten her ähnlich wie in Deutschland.  Das Wetter ist im November etwas wärmer als daheim, aber es regnet auch gelegentlich.
Viele nationale und internationale Starter,  die am Sonntagabend mit ihren goldenen Medaillen das Stadtbild prägen. Ausführliches Infomaterial und Laufshirt in der Startertüte. Internetseite mehrsprachig
Mutige Läufer probieren die hiesige Spezialität Lampredotto. Erinnert vom Aussehen an Döner, es handelt sich aber um den Kutteln verwandte Innereien des Rindes, die in Semmeln gefüllt und meist als Zwischenmahlzeit gegessen werden.  


Ergebnisse:


Männer:
1.    Yadete,  Teshomeshumi (ETH) 2:11:57
2.    Sigei, Richard Kiprotich (KEN) 2:14:15
3.    Faniel, Eyob Ghebrehiwet (ITA) 2:15:39

Frauen:
1.    Jepkorir, Winny (KEN) 2:28:46
2.    Maraoui, Fatna (ITA) 2:30:52
3.    Ivanova, Nastassia (BLR) 2:32:11


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Informationen: Firenze Marathon
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