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Laufberichte

Türme, Kirchen, Brücken und Paläste

27.11.11
Autor: Klaus Duwe

Wenn man im Hotel Mediterraneo aus dem Bett fällt, steht man praktisch schon an der Startlinie. Das ist aber so ziemlich der einzige Vorteil, den ich an der Verlegung des Marathon-Starts vom Piazzale Michelangelo (mit dem einmaligen Blick auf Florenz und die Hügel von Fiesole im Norden) hinunter ans Arno-Ufer (Lungarno Pecori Giraldi) erkennen kann.

Die vom Veranstalter vorgetragene Begründung, man könne auf dem neuen Startgelände den Teilnehmern bei schlechtem Wetter ein größeres Zelt zur Verfügung stellen, lasse ich nicht gelten. Nachdem man im letzten Jahr den Start wegen der AIMS-Regeln (Höhendifferenz!) etwas nach unten  verlegt hat, ist auch auf der Florentiner Aussichtsterrasse genügend Platz für ein solches Zelt. Bei der Maßnahme geht es wohl mehr darum, die Strecke „schneller“ zu machen und dabei auch noch Kosten zu sparen.

Besonders bei den Touris unter den Teilnehmern kommt die „Optimierung“ aber nicht gut an. Zumal es heute, im Gegensatz zum letzten Jahr, ideale Bedingungen gibt.  Die Temperaturen sind bei strahlendem Sonnenschein zwar noch einstellig, werden aber auf 16 Grad steigen. Die Rekordzahlen des Vorjahres werden aber nicht erreicht. Es sind deutlich unter 10.000 Teilnehmer gemeldet. Trotzdem, in Italien hat nur der Marathon in Rom mehr Teilnehmer.

Laut ist es und hektisch um den Torre della Zecca, einer ehemaligen Münze. Als m4y-Reporter wird man mittlerweile überall erkannt und es sind keineswegs nur deutschsprachige Läufer, die mit ein paar Worten signalisieren, dass gefällt, was man macht.

Warmer Tee wird ausgeschenkt. Die Kleiderbeutel gibt man rechtzeitig ab, gegen Auskühlen schützen die Folien, die man mit der Startnummer bekommen hat. Die Startblöcke sind mit sehr hohen Zaunelementen abgesperrt. Da klettert keiner drüber. Die Zugänge werden streng kontrolliert.

Pünktlich gestartet wurde in Florenz noch nie. Aber keine Angst, zu früh auch nicht. Zuerst gehen sowieso ein paar Handbiker auf die Strecke, allen voran Alex Zanardi. Der beinamputierte Ex-Formel1-Pilot ist in Italien so etwas wie ein Volksheld. Helden sind auch die Läuferinnen und Läufer der Gruppe „Marathon Abili“, die Behinderte in ihren Rollstühlen über die gesamte Strecke schieben. Auch sie starten vor dem Hauptfeld, warten einen Kilometer weiter dann aber am Streckenrand, um sich in das Feld gemäß ihrem Tempo einzureihen.

Dann geht es endlich los. Italienisch temperamentvoll geht es innerhalb und außerhalb des Läuferfeldes zur Sache. Tausende lärmende Zuschauer stehen an der Strecke. Manche Läufer aus dem mittleren Feld rechnen sich noch Siegchancen aus und arbeiten sich beidhändig durchs Feld. Wenn Überholen nicht anders möglich ist, wird auch die dem Autoverkehr vorbehaltene Fahrbahn zur Laufstrecke. Trotz des Blitzstarts haben die Kerle noch Luft, in der Unterführung einen Heidenlärm zu machen und den Anstieg am Ende im Spurt zu nehmen. Die nächste Unterführung, wir sind an der Stazione di Firenze Santa Maria Novella (was für ein Name für einen Bahnhof!) nehmen wir ohne Höhendifferenz.

Rechts das Fortezza da Basso,  eine gewaltige Festung, die die Medicis im 16. Jahrhundert als Zufluchtsort bauen ließ, vor uns die Porta da Prato (km 4), daneben ein Doppeldeckerbus, der sonst Touris durch die Stadt kutschiert und jetzt einer Rockband als Bühne dient. „Sweet Home Alabama“ dröhnt es noch lange in der schmalen Gasse, in die wir einbiegen, um auf einem kleinen Umweg in den Parco delle Cascine zu gelangen.

Was auf Italienisch so wunderbar klingt, heißt auf Deutsch einfach „Viehweide“. Das waren die Wiesen am Arno zu Zeiten der Medicis auch, bevor um 1737 damit begonnen wurde, nach englischem Vorbild einen Park anzulegen. In einem Anflug von Großzügigkeit erlaubte die Obrigkeit dem Volk freien Zutritt in den Park – allerdings nur an Christi Himmelfahrt. Und das ist bekanntlich nur einmal im Jahr. Das ist lange vorbei, der Park ist inzwischen eine einzige Sportarena. Heute wegen der über 9000 Läuferinnen und Läufer, die fast 10 km (km 5 – km 15) in dem Park zurücklegen, sowieso. Auf den Wiesen wird gekickt, es gibt Tennisplätze, natürlich Reit- und Radwege, Pferderennbahnen und auf dem Arno wird gepaddelt und gerudert.

Wer sich im Park verirrt (was bei den Läufermassen, der ausgezeichneten Markierung und den vielen Helfern kaum möglich ist) oder an der einen oder anderen Stelle abkürzen will, hat Pech. Jeweils an den äußersten Punkten wird man mithilfe des kostenlosen Leihchips registriert. Zusätzlich überwachen Kameras das Geschehen.

Ich habe schon öfters erzählt, dass in Italien die Pacemaker meist eine Doppelfunktion wahrnehmen. Zum einen bringen sie jeden, der will und kann, pünktlich ins Ziel. Zum anderen sind sie ausgesprochene Stimmungskanonen. In Florenz, ich bin sicher, sind immer die gleichen am Start. Am Morgen habe ich bereits Ilaria begrüßt, die für die 5 Stunden zuständig ist. Ihr Angebot, mich zu betreuen, habe ich dankend abgelehnt, mir aber ein Hintertürchen offengelassen:  „Vielleicht die letzten 10 km.“ Michele macht die Pace für 4:30. Ich probiere dran zu bleiben. Ohne zu fotografieren hätte ich wohl kaum Probleme. Aber so sind die blauen Ballons irgendwann dann doch nicht mehr zu sehen.

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