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Laufberichte

Auf den Spuren der Medici

 

Musik wird auch geboten: von einer Kapelle im LKW und einer Kinderschar, die mit viel Inbrunst und nicht ganz klangrein Beethovens „Ode an die Freude“ zu Gehör bringt. Ich interpretiere das Abspielen der EU-Hymne als Aufforderung an die britischen Läufer, sich die Sache mit dem Brexit noch mal zu überlegen. Gerade als sich die Wolken lichten, bin ich am Arno und sehe die Sonnenstrahlen in einem Wasserfall glitzern. Einige Läufer vom LSD Küps 05 in Oberfranken haben ihre Wettkampfteilnahmen auf den Trikots verewigt. Ich bin gerade mit ihnen im Gespräch, als uns zwei Mitstreiter in Valencia-Laufhemden überholen. Denen rufe ich zu, dass ich am vergangenen Wochenende auch dabei war. Einer von ihnen ist Deutscher, lebt aber schon lange in Florenz.

 

 

Die Teerstraßen in diesem Park sind schön breit, bis auf eine kurze Begegnungsstrecke. Eine Schwammausgabestelle wird groß mit einem Chianti-Classico-Banner angekündigt. Die Schwämme sind dann aber doch nur mit Wasser getränkt. Kurz danach am westlichen Ende des Parks sehen wir die Pylone der Indischen Brücke, so genannt nach dem Denkmal für den indischen Prinzen Rajaram Chuttraputti di Kolhapur, der nach seiner Ausbildung in London auf dem Weg in die Heimat war, als er am 30. November 1870 im Grand Hotel in Florenz verstarb. Sein Körper wurde hier am Zusammenfluss von Arno und Mugnone nach Hindu-Ritus verbrannt und seine Asche in die Fluten gestreut.

Am Ende unserer Schleifen im Park sehe ich in der Ferne kurz die Kuppel des Doms, dann lenken mich einige Rennradler ab, die uns überholen. Als wir nach links auf einen Nebenweg abbiegen, sind sie mit dabei. Anscheinend stört das nur einen, nämlich mich. Italienische Läufer sind sehr radlerfreundlich. Erst nach der 15-km-Verpflegungsstelle werden die ciclisti von einem Polizisten mit köstlich aussehendem klassischem weißem Helm aus dem Verkehr gezogen.

Zeitnahmen gibt es alle 5 Kilometer. Der schwere Chip in der Startnummer muss im Ziel zurückgegeben werden. Was noch auffällt, sind unzählige Matten, die immer dort liegen, wo findige Läufer abkürzen könnten. Außerdem sehe ich viele Videokameras an der Strecke. Schummler haben also kaum eine Chance.

Wir müssen kurz unter der Straßenbahn hindurch, um dann auf eine Arno-Brücke hinauf zu laufen. Reichlich viel Auf und Ab, um an einem Sonntagmorgen den reibungslosen Trambahnbetrieb in die Vorstadt sicherzustellen. Sogar ich als großer Straßenbahnfan finde das übertrieben. Die Trambahn wurde übrigens vom ehemaligen Bürgermeister Matteo Renzi eingeführt und wird zur Zeit erweitert. Nur die geplante Duchquerung der Altstadt ist bei der Bevölkerung sehr umstritten. War vor dreißig Jahren der Platz vor dem Dom noch die zentrale Verkehrsdrehscheibe mit unzähligen orangefarbenen Bussen, so ist er heutzutage fast verkehrsfrei. Mal sehen, was die Florentiner noch vorhaben.

 

 

Aber erst mal genießen wir den Blick auf die Skyline am Arno, bevor es in ein enges Sträßchen geht. Wunderbar romantisch. Vor uns das große Stadttor Porta Romana. Der Weihnachtsschmuck über der Straße leuchtet nachts in bunten Farben. Spitzkehre und dann rechts auf einmal die Münchner Residenz. Da liegt natürlich eine Verwechslung vor: In Wirklichkeit handelt es sich um den Palazzo Pitti, der als Vorbild für das Bauwerk in der bayerischen Landeshauptstadt diente. Dahinter die berühmte Gartenanlage Giardino di Boboli. Für mich sind das die stimmungsvollsten Kilometer des Laufs. Am Arno geht es an den Treppenanlagen vorbei, die hinauf zum Piazzale Michelangelo führen. Auf diesem „Aussichtsbalkon“ hoch über der Stadt wurde in früheren Jahren der Marathon gestartet. Leider werden wir bei unserem Aufenthalt diesmal keine Zeit haben, hinauf zu spazieren.

Die deutsche Läufergruppe überholt mich grüßend noch einmal. Sie hatte einer französischen Sportlerin Erste Hilfe geleistet, bis der Krankenwagen kam. Zum Glück nichts wirklich Schlimmes, dennoch ein Einsatz, der Lob verdient. Ich denke über mein eigenes Befinden nach. Ein moderater Herzschlag verschafft mir einen 6,5-Minuten-Schnitt pro Kilometer. Nur nicht schneller werden - leider.

Wieder über den Fluss, der vor ziemlich genau 50 Jahren am 4.11.1966 spektakulär über die Ufer trat und unzählige Kunstschätze vernichtete. Teilweise über drei Meter hoch floss das Wasser durch die Straßen. Kaum zu glauben, wenn man heute sieht, wie tief allein das Flussbett liegt. Über den Arno geht es kurz in die Altstadt, an der Kirche Santa Croce vorbei. Leider dieses Jahr noch ohne den netten Weihnachtsmarkt auf dem Platz davor.

 

 

Eine piniengesäumte Straße bringt uns bei schönstem Sonnenschein am Arno flussaufwärts. Chinesische Reisegruppen grüße ich mit einem freundlichen „Ni Hao“. Trotz  vermutlich falscher Betonung werde ich  oft verstanden und bekomme Antwort. Lungarno heißt die Allee, Judith erklärt, dass es sich einfach um die Zusammensetzung von lungo (entlang) und Arno handelt. Entlang der Isar würde demnach Lungisaria heißen.

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Informationen: Firenze Marathon
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