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Laufberichte

We run in Art

 

Schon zum vierten Mal lockt uns der zweitgrößte Marathon Italiens zu einem Laufwochenende in die  Toskana. Die Lufthansa Group bietet wieder einmal sehr günstige Flüge nach Pisa an. Der dortige Airport teilt sich mit Florenz den Flugverkehr. Knapp eine Stunde, nachdem wir bei 0 Grad München verlassen haben, öffnet ich nach einem Anflug über die Kiefernwälder am adriatischen Meer die Kabinentür und wir werden von einer 20 Grad warmen Brise umweht.

Das Terminal ist nur einen guten Kilometer vom Bahnhof Pisa Centrale entfernt. Leicht zu Fuß zu schaffen und wer die Beine schonen will, nimmt den neuen People Mover. Nach 45 Minütiger Zugfahrt stehen wir am Bahnhof Firenze Santa Maria Novella. Hinter der gleichnamigen Kirche können wir morgen unsere Taschen abgeben.

Florenz, 400 000 Einwohner, Hauptstadt der Toskana, Wiege der Renaissance, mittelalterliches Handels- und Finanzzentrum. In diese Stadt, deren wirtschaftliche und kulturelle Blüte eng mit dem Wirken der  Herrscherfamilie Medici verbunden ist, kommen jährlich 40 Millionen Touristen. Jetzt im November stehen dem Marathonreisenden Unterkünfte in jeder Preisklasse zur Verfügung.

Die Marathonmesse befindet sich erstmals in der Stazione Leopolda, dem ältesten Bahnhof von Florenz. Er wurde im 19. Jahrhundert gebaut, um die Stadt mit Livorno zu verbinden und wird heute als Kongress- und Ausstellungszentrum genutzt. Man erreicht ihn mit der Tram oder in ein paar Minuten per pedes. Die Zahl der Aussteller scheint im Vergleich zu früher gewachsen zu sein, die damalige drangvolle Enge vermissen wir nicht. Ein Hersteller präsentiert seine Matratzenkollektion für den erholsamen Schlaf. Ich halte mich an Proben des holländischen Biersponsors Bavaria.

 

 

Zur Abholung der Startunterlagen benötigt man seine Nummer und den Personalausweis. Bei der Anmeldung über das neue ENDU-Portal konnte man auch seine Mitgliedskarte des Laufsportvereins oder das italienische Gesundheitszeugnis samt RunCard-Nummer hochladen. Wenn alles passt, bekommt man eine Mail mit grüner Ampel. Eventuell noch fehlende Dokumente muss man bei der Abholung nachreichen. Die Startertüte enthält ein Infoheft auf Italienisch und Englisch, Gel, Fischöl-Kapseln, eine Dose Thunfisch, eine Waschmittelprobe und diverse Werbe- und Angebotszettel, außerdem gibt es ein langärmeliges, warmes Sportshirt von Asics.

Wir haben ein Hotel nicht ganz so nah zum Start auf der anderen Seite des Arno gefunden. Den Nachmittag und Abend verbringen wir mit Spaziergängen durch die Altstadt mit ihrer glitzernden weihnachtlichen Beleuchtung.

 

Marathontag


Diverse Highlights stehen heute auf dem Programm. Zum dritten Mal liegen Start und Ziel direkt vor dem Dom. Startaufstellung ist in der Via dei Calzaiuoli mit ihren noblen Geschäften. Taschenabgabe, Toiletten und Umkleidezelte sind etwas entfernt auf der Piazza S.M. Novella, von dort führen mehrere markierte Wege zu den einzelnen Startblöcken. Die Farbe der Startnummer entspricht der des Startblocks. Für die meisten Blöcke geht es über die Piazza della Repubblica mit weiteren Toilettenhäuschen. Und auch in den Startblöcken, die mit hohen Zäunen umgeben sind, sind nochmals Häuschen vorhanden. Judith und ich kommen erst kurz vor dem Startschuss zu unserem Block und treffen gleich Herbert aus Frankfurt, der zur Zeit auch oft in Europa auf Marathontour ist.

 

 

Kurz vor 8:30 Uhr geht es für die Handbiker los. Um 8:30 Uhr erfolgt der offizielle Start des Marathons, weit vorne und für uns nur zu erahnen. Ich nehme mir Zeit, die Stimmung zwischen Dom, Glockenturm und der auf Italienisch als "Battistero" bezeichneten Taufkapelle zu genießen, bevor ich den Startbogen passiere. Die breite Via Camillo Cavour gibt dem Teilnehmerfeld die Möglichkeit, sich etwas zu ordnen. Unzählige Zuschauer feuern uns an. Dabei handelt es sich wohl hauptsächlich um Begleiter von internationalen Läufern. Wer sonst würde am Sonntagmorgen hier im Regen stehen?

Kurz danach auf der Piazza San Marco werden wir schon mit einer Florentiner Besonderheit konfrontiert: Der oftmals extrem schlechten Straßenverhältnisse. Viele Abschnitte sind mit großen Steinplatten bedeckt. Diese scheinen sich gerne zu heben und zu senken und es gibt wohl Straßenbauer, die versuchen, das Ganze mit Teerflecken zu reparieren und einzuebnen. Hier also eine ganz üble Stelle, mit vielen großen Pfützen. Die Läuferschar hat noch trockene Socken und die Energie, diesen Zustand durch Hüpfen und Ausweichmanöver über einige Meter zu erhalten. Aufpassen ist angesagt. Kurz danach dann wieder tadelloser Teerbelag.

An der Universität und dem Botanischen Garten vorbei biegen wir bald auf die Viale Giacomo Matteotti ein. Eine breite vierspurige Allee, die an Stelle der mittelalterlichen Stadtmauer um die historische Altstadt führt und an der noch mehrere erhaltene alte Stadttore liegen. Eine kurze Begegnungsstrecke gibt mir die Möglichkeit, nach Judith Ausschau zu halten. Wegen meiner regenbedingt längeren Fotostopps habe ich sie aus den Augen verloren und bin in den Bereich des letzten Startblocks zurückgefallen.

Wir umrunden einen kleinen Hügel. Dieser wurde 1827 von der evangelisch-refomierten Kirche vor den Toren der Stadt gekauft, um dort einen Friedhof für protestantische und orthodoxe Christen anzulegen. In der Mitte steht eine Säule mit einem Steinkreuz, die Friedrich Wilhelm IV. von Preußen im Jahre 1858 aufstellen ließ. Hauptsächlich sind dort Engländer begraben, die sich im 19. Jahrhundert als Schriftsteller und bildende Künstler in Florenz aufhielten. Nicht wenige Läufer nutzen die Friedhofsmauer für andere Dinge. Wieder in Gegenrichtung zurück. Stadttor und Triumphbogen auf der Piazza della Libertà. Franz Stephan von Habsburg-Lothringen zog im Jahr 1793 durch den dafür errichteten Triumphbogen in die Stadt ein, nachdem das Herrschergeschlecht der Medici ausgestorben war.

 

 

Die Festungsanlage Fortezza da Basso aus dem 16. Jahrhundert sehen wir eher nicht, da wir durch eine Unterführung vorbei geleitet werden. Dann gleich noch unter dem Gleisvorfeld des Hauptbahnhofs hindurch. Bei Kilometer 5 knapp vor der Marathonmesse verlassen wir die breiten Straßen und laufen durch ein Vorstadtgebiet -  Grundschulen, Teatro Puccini, Tabakmanufaktur, Sekundärschule, Polizeikaserne, Universitätsgebäude unter anderem für Landwirschaft. Hinter dem Gebäude liegen Versuchsgärten. Dann Kultuzentrum, Carabiniere Forestale (Waldpolizei) und schon sind wir im Parco delle Cascine. Hier erwarten uns 10 grüne Kilometer. Heute aber leider Grau in Grau. Der Regen ist stärker geworden. Ich denke darüber nach, was Thorsten, mit dem wir vor dem Start einige Worte wechselten, wohl meinte, als er sagte, der Regen höre um 10 Uhr auf. Folgt dann Schnee? Die schöne Pappelallee, die ich vom letzten Mal in Erinnerung habe, sieht diesmal auch traurig aus. Kurz danach am westlichen Ende des Parks sehen wir die Pylone der Indischen Brücke, so genannt nach dem Denkmal für den indischen Prinzen Rajaram Chuttraputti di Kolhapur, der nach seiner Ausbildung in London auf dem Weg in die Heimat war, als er am 30. November 1870 im Grand Hotel in Florenz verstarb. Sein Körper wurde hier am Zusammenfluss von Arno und Mugnone nach Hindu-Ritus verbrannt und seine Asche in die Fluten gestreut.

Fünf Musikgruppen sind im Plan verzeichnet, sie spielen im Lkw-Aufleger für uns. Es geht am Arno entlang. Neben uns kommen Läufer zurück, durch eine Hecke verdeckt. Km 13 ist speziell gekennzeichnet. Auch einige Mitstreiter habe ich schon mit einer 13 auf dem Trikot gesehen. Damit wird des Fußballers Davide Astori gedacht. Der Stammspieler des AC Florenz mit der Nummer 13 ist im März dieses Jahres 29jährig nach einer Bradykardie verstorben. Ein zu langsam schlagendes Herz wurde bei mir auch schon diagnostiziert. Erst als ich auf meine Marathonläufe hinwies, waren die Ärzte beruhigt.

Vor dem Universitätsgebäude sind einige Kinderkarussells aufgestellt. Sogar hier halten Zuschauer durch und feuern uns an. Und ich werde von Burgi angesprochen. Die Südtirolerin kenne ich vom Brixen-Marathon. Sie hat sich spontan zu einer Teilnahme in Florenz entschlossen, da schönes Wetter vorhergesagt war. Ich finde die Temperatur mit über 13 Grad sehr angenehm. Wir beide hatten das auch schon viel kälter erlebt.

Am modernen Opernhaus vorbei verlassen wir die grüne Abteilung bei km 16. Es geht durch eine Unterführung und dann erstmals über den Arno. Schöner Blick flussaufwärts Richtung Zentrum. Ein Pärchen aus Ferrara erkennt mich an meiner Videokamera auf dem Kopf. Die beiden haben meinen Bericht auf M4Y natürlich auch gelesen. Mit der Kamera filme ich immer den ganzen Lauf, damit ich noch mal etwas nachsehen kann, wenn ich den Bericht schreibe. Heute wird es nichts damit werden, weil ich vergessen habe, den Chip zu löschen und die Kamera das nicht meldet. Schade, da es viele, auch hörenswerte Animationspunkte gibt.

 

 

Über ein schmales Sträßlein, dann sind wir auf dem Ponte Vecchio. Viele Zuschauer und Touristen tummeln sich auf der berühmten, mit Häusern bebauten Brücke. Hier sind in erster Linie Schmuckläden angesiedelt. Weiter am Fluss entlang. Links der Piazzale delle Uffizi, den wir später noch mal sehen. Ein polnisches Läuferpärchen überholt mich: "Kasia" und "Zbigniew" steht auf ihren Shirts. Die Polen stellen mit 65 Finishern hier ein großes Kontigent der ausländischen Starter.

Nächste Brücke, wieder über den Arno. Links in den Hügeln über uns der Piazzale Michelangelo, Aussichtsbalkon mit Blick über die Dächer der Stadt. Früher befand sich da oben mal der Start des Marathons. Nun ist der romantische Ort wieder den Liebespaaren vorbehalten. Die Verpflegungsstelle bei km 20 nutze ich, um an einer großen Gruppe kostümierter Begleiter von Rollstuhlfahrern vorbei zu ziehen. Die VP sind groß und gut ausgestattet: Iso-Getränke (Sali), Wasser, Bananen, Obst, manchmal auch Gel und Gebäck und alle 2,5 km Toilettenhäuschen.
Dann letztmalig über den Arno zurück, der am 4.11.1966 spektakulär über die Ufer trat und unzählige Kunstschätze vernichtete. Teilweise über drei Meter hoch floss das Wasser durch die Straßen. Kaum zu glauben, wenn man heute sieht, wie tief allein das Flussbett liegt.

An der berühmten Santa Croce-Kirche vorbei.  Viel Prominenz ist hier beerdigt: Macchialvelli, Michelangelo, Galilei und Rossini. Der Überlieferung nach hat Franz von Assisi selbst den Grundstein gelegt. Der Platz selbst ist von vielen schönen mittelalterlichen Bauten gesäumt.

Nun folgt ein circa 11 Kilometer langer Parcours durch die Wohn- und Sportviertel der östlichen Vorstadt. Völlig ungewohnte Ausblicke bieten sich auf der Allee Lungarno: Sämtlche Pinien wurden gefällt, als Ersatz liegen junge Laubbäume auf Mittel- und Seitenstreifen. Die Pinienwurzeln üben eine zerstörerische Kraft auf Teerstraßen aus. Sie heben den Belag innerhalb weniger Monate. Da sind Laubbäume natürlich straßenfreundlicher. Und so bietet sich nun hier eine ideale Rennpiste , aber das mediterrane Flair ist weg. In eine Arbeitervorstadt stehen vor einer Bar ältere Herren rauchend im Regen und rufen den Läuferinnen Aufmunterungen zu.

Apropos Bar: So nennt man in Italien die Cafés, in denen man sich mehrmals täglich auf einen Espresso (0,80- 1,20 €) oder ein Gläschen Wein trifft. Das, was wir in Deutschland unter Bar verstehen, nennt sich in Italien "American Bar", wobei die Italiener keine großen Cockailmixer sind, von Etablissements wie "Harry`s Bar" in Venedig vielleicht mal abgesehen.

Am Bahnhof Firenze Campo di Marte vorbei. Oft sieht man Hochgeschwindigkeitszüge vorbeirauschen. Viel Musik aus Lautsprechern, wir laufen über die Eisenbahn und dann in das Gebiet der großen Stadien. Mehrmals treffen wir auf andere Teile der Laufstrecke. Hinter dem VP 30, an dem es auch Gel gibt, steht unter einem Vordach der Sporthalle nelsonmandelaforum ein großer A-cappella-Chor, der den Gospel-Song "Lean on me" zu Gehör bringt. Gegenüber ist ein Glaskubus, der die Zelle Nelson Mandelas darstellt, in der er 27 Jahre inhaftiert war, da er gegen die Apartheid demonstriert hatte.

Am Stadio Comunale vorbei, benannt nach dem Florentiner Fußballfunktionär Artemio Franchi. Der markante, 75 m hohe Turm aus dem Jahre 1931 trägt interessanterweise den Namen „La Torre di Maratona“. Das Leichtathletikstadion Luigi Ridolfi sehen wir von innen, eine nette Abwechslung. Es geht quasi durch den Firmensitz des Firenze Marathon. Vor mir ein italienisches Laufpärchen, bei dem sich der männliche Teil vor Begeisterung gar nicht halten kann. Er sei Juventus-Fan und finde es großartig, hier durchs Fußballstadion zu laufen. Mein vorsichtiger Hinweis, dass es hier eher um das Leichtathletikstadion handelt, tut seiner Begeisterung keinen Abbruch. Ich murmele noch etwas von Bayern München und trolle mich weiter.

Ich sehe Judith vor mir und pirsche mich langsam heran. In der Viale Lungo l'Affrico dann endlich meine Pinien und Urlaubsfeeling pur. Es geht wieder über die Bahnanlagen. Cavalcavio heißt das hier,  fly-over auf Englisch. Es geht steil bergauf und bergab. Der Blick auf die Allee und die Toskanischen Hügel könnte bei Sonne noch schöner sein. Heute gibt es dafür an den Schwammstellen ("spugnaggi") auch trockene Schwämme. Darauf komme ich, als wahlweise "spugne asciutte" und "spugne bagnate" angeboten werden. "Bagnato" klingt feucht, also muss "asciutto" die trockene Variante sein.

 

 

Der VP 35 läutet das große Finale ein, es geht in die Altstadt. Für mich ist das heute ein super Tag. Ich fühle keinen Hammermann und hätte – so prahle ich später im Ziel -  ohne die Fotostopps locker eine neue persönliche Bestzeit hingelegt.

Vorbei am ehemaligen Kloster Monastero delle Murate, das später als Gefängnis diente und inzwischen zu noblen Wohnungen umgebaut wurde. Dann um die nicht sehr ansehnliche Sant'Ambrogio-Markthalle herum, wo immerhin unter den Arkaden eine große Band spielt.

Wir laufen durch schmale Gassen. Irgendwie hat man es geschafft, in dieses mittelalterliche Häusergewirr ein hässliches Postamt im mittlerweile bröckelnden Betonstil zu pferchen. Egal, kurz darauf erfreut uns wieder der Blick auf die Kuppel des Doms. Daran vorbei, mit Gegenverkehr, und nochmals ein Schleifchen zur Piazza San Marco, die auf dem Hinweg mit den großen Pfützen "glänzte" und  jetzt eine Schwammstelle zu bieten hat. Ein Vater skandiert mit seiner kleinen Tochter unermüdlich "Dai, Dai, ce la fai", zu Deutsch "Auf geht´s, du schaffst es." Und ob Regen oder noch mehr Regen: Die Helfer behalten stets gute Laune und haben einen Mordsspaß mit uns.

Jetzt noch mal durch die breite Via Cavour auf das "Battistero" zu. Vor vielen Jahren befand sich hier am Dom noch der zentrale Umsteigepunkt unzähliger Stadtbusse. Nun kämpfen Bürgerinitiativen gegen die Verlängerung der Trambahn. Vielleicht gar nicht so falsch. Die Kuppel der gotischen „Cattedrale di Santa Maria del Fiore“ wurde vom Goldschmied, Maler und Bildhauer Filippo Brunelleschi anno 1418 erdacht. Seine Pläne erschienen vielen zu großspurig und ambitioniert. Er bekam trotzdem den Zuschlag und verwandte bei der Ausführung Methoden, die Fachleute heute teilweise nicht mehr nachvollziehen können.

Noch drei fantastische Kilometer. Enge Gassen, majestätische Palazzi, viele Touristen und keine Autos und Mopeds. Ohne Marathon ist ein Spaziergang hier eine recht nervige Sache. Ein Grund mehr, die jetzige Situation zu genießen. Wir biegen in den Hof der Uffizien ein. Das hätte ich nie erwartet. An diesem Gebäudekomplex, im 16. Jahrhundert für die Unterbringung von Ministerien und Ämtern erbaut und inzwischen längst eines der bekanntesten Museen der Welt, stehen die Menschen üblicherweise Schlange, um die "Geburt der Venus" von Botticelli und unzählige weitere Kunstwerke bestaunen zu können. Möglich, dass sich das diesjährige Marathon-Motto "We run in art" auf dieses Highlight bezieht. Wir dürfen natürlich nicht in die Galerie, sondern werden durch ein kleines Tor in ein noch kleineres Gässchen mit neuen Bodenplatten geleitet. Hier sind die happigen 5 Euro Touristensteuer pro Tag also verbuddelt.

Wir queren zwei Haupteinkaufsstraßen, Helfer halten uns die Fußgänger vom Leib. Ende der Ausbaustrecke, alle Augen richten sich wieder auf den Untergrund. Schade, es gäbe so viel zu sehen, aber ich will natürlich einen Sturz vermeiden. Doch die Mitläufer sind ehrgeizig, da muss ich mit. Raus aus den Gässchen, wieder an den Arno. Verpflegung bei Kilometer 40, ich brauche keine Pause, weiter. Noch 1,5 Kilometer und 5 mal Richtungswechsel. Mir fehlt da noch was. Und dann endlich: Piazza della Signoria mit dem bekannten Rathaus samt markantem Turm. Rechts das Vorbild der Münchner Feldherrnhalle, die Loggia dei Lanzi. Mich beeindruckt die 1554 von Benvenuto Cellini geschaffene Skulptur des Perseus, der das Haupt der Medusa in die Höhe hält.

 

 

Vor dem Palazzo steht eine Replik des berühmten „David“ von Michelangelo. Der Neptunbrunnen macht auch etwas her. Was mag an heißen Sommernächten los sein, wenn sich ausgelassene Schulklassen aus der ganzen Welt auf Kulturreise hier versammeln?

Fotos machen, dann den Mitstreitern der letzten Kilometer hinterher. Noch vierhundert Meter über die ehemalige Startaufstellung,  rechts vorne die Fassade des Doms und jetzt am Battistero vorbei. Mit einem jubelnden Italiener lege ich die letzten Meter zurück. Dann ein Rempler: Zwischen uns beiden schubsen sich Kasia und Zbigniew eine Brustlänge voraus über die Ziellinie. Ich wünsche ihnen ein Finisherfoto mit zwei schwankenden und recht blöd schauenden Mitstreitern auf beiden Seiten.

Nur freundliche Helfer,  keiner wird im Befehlston weitergeschickt. Ich kann noch auf Judith warten, die drei Minuten später eintrifft, und einige Fotos machen. Was für ein Tag.

Nach der Chiprückgabe gibt es die Medaille, gestaltet von Clet Abraham, einem Künstler, der in unseren Breiten nicht so bekannt sein dürfte. Hier in Florenz hat er hochoffiziell einige Verkehrsschilder aufgehübscht. Sei es, dass der Einbahnstraßenbalken von einem Männchen getragen wird, oder Pfeile von Pacman-Figürchen angeknabbert werden. Ob man eine stilisierte Christusfigur an den Sackgassenbalken hängen muss, ist eine andere Frage. Das dürfte zumindest fromme Leute verschrecken.

Zielverpflegung gibt es an der Piazza della  Reppublica mit Wasser, Tee, Iso, Obst und Gebäck. Bier gab es schon gestern. Massage- und Duschmöglichkeiten. Das Wetter lädt nicht zum Verweilen ein, sodass wir uns die Kleiderbeutel holen und schnell ins Hotel weiterziehen.

Während Herbert schon im Zug nach Bergamo sitzt, um den Flieger nach Frankfurt zu erwischen, steht für Judith und mich bei langsam nachlassendem Regen noch ein Sightseeing-Nachmittag auf dem Programm. Und am Montag scheint dann auch wieder die Sonne, aber wir müssen nach Hause.

Der Florenz-Marathon, der inzwischen 35 Mal stattgefunden hat, ist ein fester Bestandteil im Veranstaltungskalender der Stadt geworden. Daher können auch Start- und Zielbereich am Dom liegen und Teile der Innenstadt samt Einkaufsstraßen für einige Stunden gesperrt und komplett autofrei gehalten werden.

Einige der 40 geplanten Stimmungspunkte sind wohl dem unfreundlichen Wetter zum Opfer gefallen. Trotzdem haben sich viele Florentiner an die Laufstrecke gewagt. Die Strecke hat einige Kurven und ein paar steile Über- und Unterführungen. Platz für die 10.000 Teilnehmer ist genug, eine große Herausforderung ist an einigen Stellen leider der miserable Plattenbelag.

Die Anmeldung ist nur mit Gesundheitszeugnis und italienischer Runcard oder Startberechtigung für Meisterschaften in Deutschland möglich. Aber: Wir konnten uns mit unserer Mitgliedschaft im Sportverein anmelden unter Angabe der Vereinsnummer beim Landessportverein.

Das Gesundheitszeugnis des Veranstalters entsprach der alten, vereinfachten italienischen Form und wird bei anderen italienischen Marathons vom Leichtathletikverband nicht mehr akzeptiert, was mich 2017 die Wertung beim Turin Marathon gekostet hat. Daher besser das Formular von der Runcard-Seite verwenden. Die Dokumente werden bei der Anmeldung hochgeladen und vorab geprüft.

Der Marathon ist mit Anmeldegebühren zwischen 20 (Black Friday) und 80 Euro (Nachmeldungen auf der Messe: 100 Euro) sein Geld sicher wert. Es hätte auch ein Marathonfest am Sonntagabend gegeben, dessen Kosten sich auf 10 Euro für Teilnehmer/innen und 15 Euro für Begleitpersonen beliefen. Die Preise in der Stadt Florenz kamen mir dieses Jahr recht moderat vor, zumal Ausländer auch nicht nach einer Rechnung fragen. Wer noch mehr sparen möchte, sollte sich eine Bar mit dem abendlichen „apericena“ suchen: Für 7- 10 Euro gibt es einen Aperitif und so viele gute Sachen vom Buffet, wie man essen kann. Natürlich auch Pasta.

Über 10 000 Teilnehmer/innen aus 60 Ländern. Am Vortag gibt es Family Run und Huawei 3x7 km-Staffel und Diskussionsrunden zum Thema Sportpsychologie und -medizin.

 

Siegerinnen


1  SALPETER LONAH CHEMTAI     ISR     02:24:17                  
2  CHEPKWONY CAROLINE     KEN    02:30:46                  
3  MUKANDANGA CLEMENTINE     RWA    02:30:59

 

Sieger


 1  GELCHU ABDI ALI          ETH    02:11:32             
 2  BOUFARS HICHAM          MAR    02:12:16             
 3  KIRWA GILBERT KIPRUTO    KEN      02:13:08     

 

7.606 Finisher

Österreich    105
Deutschland    151
Schweiz    88
Belgien    160
Frankreich    529

 


 

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