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Laufberichte

Urmensch Ultra: Trails für Genießer

 

Gemeinsam erreichen wir die Burg Lichtenberg. Heute ist der Burghof wegen einer geschlossenen Gesellschaft nicht geöffnet. Die VP liegt geschützt im Torbereich. Wir bedienen uns ausgiebig. Es ist gerade 11 Uhr und wir haben bereits 20 Kilometer geschafft. Eine schmale Treppe führt auf einen Pfad in den Burggraben. Hier knickt der Weg scharf rechts und unter dem Weg hindurch, auf dem wir vorhin gekommen sind, der eigentlich eine steinerne Brücke ist. Diesmal halten wir uns scharf links. So gelangen wir auf einem Wiesenweg oberhalb des Burggartens, der führt parallel zu dem vorherigen Weg wieder zurück. Das wird mir aber erst bewusst, als dort Ulli mit seiner auffällig gelben Jacke auftaucht. Zusammen haben wir schon unzählige Schlachten geschlagen. Heute ist er kurz hinter mir. Ich schaue genauer hin und bemerke jetzt auch Beate, meine Begleiterin vom Anfang. Ein schneller Gruß, dann biegt die Strecke rechts auf eine kleine Treppe, die steil den Weinberg hinunter führt.

An der nächsten Kreuzung werden wir nach rechts geleitet. Die Burg Lichtenberg liegt nun oberhalb. Hier können wir die mächtigen Ausmaße des perfekt erhaltenen Bauwerks bewundern. Der Bergfried und die Ringmauer stammen wohl aus dem 12. Jahrhundert. Die Burg drum herum wurde immer wieder ausgebaut und verschönert. Rechts sehen wir das gotische Torhaus, wo wir uns vorhin stärken konnten. Dort ist auch die steinerne Brücke, der einzige Zugang zur Burg. Die Burg ist immer noch bewohnt, 1946 mit Elektrizität versorgt und ans Abwassernetz angeschlossen. Im Sommer sind Burghof, Kapelle und Turm für Besucher geöffnet, wenn die Besitzer nicht zuhause sind auch das Palais. Die Gastronomie auf der Burg ist auf Feiern spezialisiert, in der Kapelle kann auch geheiratet werden.

Die Straße führt nun in den Wald. Eine große Schleife bringt uns, ohne dass wir es jedoch mitbekommen, auf der Rückseite des Berges um die Burg herum. An der L118 erwarten uns Streckenposten, um den gefahrlosen Übergang über die Straße zu gewährleisten. Nun geht es bis zur VP bei km 25 leicht wellig ansteigend am Waldrand entlang. Nach einer ausgiebigen Stärkung an der VP führt der Weg wieder in den Wald. Ziemlich lang geht es jetzt geradeaus. Ein Schild zeigt rechts zum Prinz Friedrich Kochherd. Meine Recherche hat ergeben, dass es sich wohl um ein steinernes Jagddenkmal zu Ehren von Prinz Friedrich von Württemberg handelt, Vater des letzten Königs Friedrich II. von Württemberg. Dieser hatte hier ein Jagdrevier und der Kochherd diente der Verpflegung der Jagdgesellschaft. 2005 wurden die Überreste restauriert und mit einer Erläuterungstafel versehen. Leider kommen wir dort nicht vorbei.

Unser Weg führt uns geradeaus weiter, dabei tendenziell bergab. Unten zweigt es scharf links auf den „unteren Stiftswaldweg“. Nach weiteren ca. 2 km geht dieser in den „Buchtraufweg“ über. Rechts zwischen niedrigem Gestrüpp mäandert der Kurzach. Der Wald wird lichter und geht unmerklich in Streuobstwiesen über. Bergab erreichen wir nun Gronau. An der kleinen VP entdecke ich Kaffee. Der ist eigentlich für die Helfer gedacht, trotzdem werde ich eingeladen. Während ich das heiße Getränk genieße, versuche ich mich zu orientieren. Ist dies die Stelle, wo früher der Ultra auf die Marathonstrecke gestoßen ist? Ich kann mich nicht genau erinnern. Auf jeden Fall bin ich nach dem hinter mir liegenden, wunderbar ruhigen Naturerlebnis, etwas überfordert vom  lauten Citylauf-Feeling, das hier herrscht.

Ich werde gebeten, mich auf die rechte Straßenseite einzuordnen. Das ist wichtig, denn links kommen uns Läufer entgegen. Mir ist nicht klar, wie das zusammenhängt, folge aber selbstverständlich den Anweisungen und laufe durch das Spalier von jubelnden Zuschauern. Vor mir thront ein Sprecher auf einer Hebebühne hoch über den Läufern. Er sagt meinen Namen und beglückwünscht mich zur bisher gelaufenen Strecke.

Plötzlich stellen sich mir einige Helfer in den Weg. Sie wollen mich zu einem Schnäpschen einladen. Da sag ich nicht nein. Der „Bärwurz“ ist nicht so scharf wie befürchtet und schmeckt ganz gut. Gerade kommt ein Pacer, erkennbar an seinem gelben Luftballon vorbei. Er soll den Marathon mit 4h45 beenden. Das Tempo ist für mich in Ordnung und so hänge ich mich an. Am Ortsausgang von Gronau kommt erneut eine VP. Diese lasse ich nach Kaffee und Schnaps mal lieber aus. Für die Marathonis ist hier km 26 für uns schon km 31. In Oberstenfeld werden wir rechts geleitet. Ich erinnere mich an letztes Jahr, als wir auf dem Radweg am Freibad vorbei, wegen der hohen Temperaturen noch sehnsüchtig auf die blauen Wasserflächen geblickt haben. Heute besticht der Weg aufgrund der bunten Herbstfärbung seiner Bäume und Sträucher.

Hinter dem Parkplatz wird vor der Unterführung auf eine Streckenteilung hingewiesen. Ultras gehen nach links, während die anderen nach rechts eine Schleife über Beilstein laufen. Da haben wir mal kurz 4 km gespart. Es geht nach Oberstenfeld zurück, auf der lange Beilsteiner Straße Richtung Ortsmitte. Die Percussion-Gruppe an der Ecke war letztes Jahr auch schon da. Ihr Rhythmus lässt die Beine fast von alleine laufen. Fachwerkhäuser säumen den Weg. Ein Sprecher macht Stimmung und sagt jeden Läufer namentlich an. Vor allem Ultras werden mit lautem Hallo begrüßt. Die Strecke führt nun links in ruhigere Gassen. Ein Fußweg bringt uns zum Übergang über die L1100. Es geht in einem Kreisel hinauf, dann über die Brücke und in einem weiteren Kreisel wieder hinab.

Etwas weiter gibt es erneut eine Weiche. Wir laufen geradeaus, während das Hauptfeld nach rechts geleitet wird. Hinter dem Wohngebiet geht es auf die Felder. Rechts hinter Büschen können wir das Flüsschen Bottwar erahnen und links vor uns liegt die Burg Lichtenberg. Auch von dieser Seite ist das Wahrzeichen des Bottwartals äußerst eindrucksvoll. Ich ahne, worauf es hinausläuft: müssen wir da noch einmal rauf?

Zunächst geht es aber auf einen Singletrail. Obwohl das eigentlich genau mein Ding ist, komme ich kaum voran. Meine Beine sind mittlerweile bleischwer geworden. Die lange Asphaltstrecke fordert eben seinen Tribut. Da sehe ich vor mir ein Auto. Der Streckenposten im Fahrzeug weist nach links den Feldweg hinauf. Zwischen den Bäumen kann ich den Bergfried der Burg immer wieder hervorblitzen sehen. Mein Feldweg endet im Weinberg an der nächsten VP bei km 36. Die Burg ist zum Greifen nah über uns, doch unsere Strecke führt in die entgegengesetzte Richtung den Berg hinunter. Ich laufe auf Marcus auf. Wir sind uns die letzten Kilometer immer wieder begegnet, nun passt das Tempo. Gemeinsam halten wir uns links und sind nun parallel, unterhalb des Weges, den wir schon vor 16 Kilometern gelaufen sind.

Wir streifen kurz Hof und Lembach, wo Sven wartet und uns nach scharf links weist. Über die Felder geht es in den Wald zurück. Ein breiter Schotterweg bringt uns erst bergauf und dann wieder bergab. Wir sind im Gespräch vertieft als plötzlich Pfeile nach links zeigen. Wo geht es hier weiter? Wenn das früher einmal ein Weg gewesen ist, dann ist jetzt davon nicht mehr viel übrig. Wir orientieren uns an den Schildern, auf denen Steppi uns den Weg weist. Diese sind nun immer in Sichtweite angebracht, damit wir die Richtung nicht verlieren. Es geht bergauf durch niedriges Gestrüpp. Ich genieße diese direkte Begegnung mit der Natur. Meine Beine werden langsam wieder lockerer. Ich erkenne vor mir einen kleinen Trail und vergewissere mich bei Marcus, dass die Richtung noch stimmt. Dann flitze ich bergab. Ein wilder Ritt beginnt - über Wurzeln und Steine geht es hinab. Leider verliere ich dabei mal wieder meinen Begleiter. Unten erwartet mich Streckenposten Fipps. Er weist auf einen Grasweg, der immer noch bergab geht. Nach einer Linkskurve und ich komme auf einer Landwirtschaftsstraße durch einen großen Bauernhof.

Die nächste VP bei km 42 ist erreicht. Der Helfer beglückwünscht mich und feuert mich an. Die Streckenpostin an der nächsten Kreuzung weist mich schon von weitem nach links. Nun geht es im Industriegebiet zweimal rechts und dann bin ich auf der Marathonstrecke. Ein Schild zeigt km 35 des Marathons. Ich versuche mich an die Vorjahre zu erinnern, kann die Strecke aber noch nicht einordnen. Erst als wir von hinten an die Bottwartal-Kellerei heran laufen, bin ich wieder in der Spur.

Wer den Lauf von den Anfangsjahren kennt, wird sich noch an die kleine Steigung erinnern. Hier war früher der Zieleinlauf. Wir werden von Streckenposten auf die gesperrte L1100 / Kleinbottwarer Straße geleitet. Es geht bergab. Ich überhole zwei Läuferinnen aus einem anderen Wettbewerb. Beide sind müde, aber fröhlich. Als Lauffreund Ulli von hinten heran gelaufen kommt, bietet eine der Damen an, von uns beiden ein Foto zu machen. Ich achte darauf, dass es so aussieht, als ob ich vorne wäre. Lachend fallen wir uns in die Arme. Es geht weiter bergab, bis wir rechts den Eingang zur historischen Altstadt erreichen. Gemeinsam durchlaufen wir das kleine Tor in der Stadtmauer. Großbottwar hat eine wunderbare Altstadt. Und wenn sie dann auch noch so belebt ist, wie heute, ist das doppelt schön. Sprecher und Publikum erwarten uns auf dem Marktplatz mit dem historischen Rathaus. Vor allem wir Ultras werden heftig gefeiert. Es geht rechts durch stillere Gässchen, bis wir wieder auf der breiten Kleinbottwarer Straße landen. Diese müssen wir überqueren; noch einen Schlenker durchs Wohngebiet und wir erreichen die nächste VP.

Eine Gruppe junger Mädels begrüßt hier jeden Läufer mit überschwänglichem Applaus, bereit jedem vorbeikommenden einen Becher in die Hand zu drücken. Ich mache erst mal Pause und halte ein Schwätzchen mit den Helferinnen. Sie haben gefühlt 4000 Becher ausgegeben und sind rechtschaffen müde. Gerade kommt auch Marcus, mein früherer Begleiter, vorbei. Nachdem Ulli die VP längst verlassen hat, freue ich mich über seine erneute Begleitung.

Eine Percussion-Band ist, obwohl nun nicht mehr viel los ist, unentwegt bei der Arbeit. Uns macht das Spaß – vielen Dank. Unterwegs treffen wir Constantin. Er ist erst 15 Jahre alt und läuft den ¾- Marathon. Leider zwingen ihn Krämpfe zum Gehen. Wie ich weiß, läuft seine Mutter heute ihren ersten Marathon. Sicher wird sie im Ziel bereits auf ihn warten. Beim Bottwartal-Marathon ist eben, wie anfangs erwähnt, für jeden etwas dabei.

Auf einem flachen Radweg kommen wir nach Kleinbottwar. Der kurze Anstieg zu den ersten Häusern ist unsere letzte Gehpause. Es geht mitten durch den Ort. Natürlich steht hier wieder Publikum. Aber die Guggenmusik macht gerade Schluss und die Musikanten sind am Aufbrechen. Trotzdem werden wir noch einmal extra angefeuert. Wir erkennen die Straße nach Steinheim, auf der vor einigen Stunden alles begann. Obwohl wir nur in moderatem Tempo unterwegs sind, können wir noch mehre Läufer einsammeln. Dann endlich erreichen wir das Ortsschild von Steinheim. Die Kleinbottwarer Straße ist verwaist. Doch hin und wieder ruft jemand „Oh, da kommen Steppis“ und beglückwünscht uns mit Applaus. Rechts der Straße ist eine Fangruppe am Feiern. Wir bedanken uns nur über die nette Anfeuerung.

Ein letztes kleines Gefälle, eine letzte Kurve, und das Ziel liegt vor uns. Der Sprecher sagt uns an, Gerhard Petermann kommt uns entgegen und klatscht uns ab. Die Chearleader geben nochmal alles, dann ist es geschafft. Es gibt die hart erarbeitete Medaille. Auf dem Weg zur Zielverpflegung treffe ich Norbert, im Gespräch mit Constantins Mutter. Sie hat ihren ersten Marathon erfolgreich unter 4 Stunden gefinisht und erwartet nun stolz ihren Sohn. Glückwunsch Elli!

Am Krombacher Stand ist das Bier bereits eingeschenkt  und im Verpflegungszelt wartet der Hefezopf. Hier könnte noch eine halbe Armee verköstigt werden und weil es angenehm warm hier drin ist, stärken wir uns ausgiebig. Zur Halle hinauf verkehrt ein Shuttlebus. Wir haben sogar einen für uns alleine.

Fazit:

Der Marathon im Bottwartal ist ein wunderbarer Landschaftslauf. Auch der Halbmarathon ist sehr schön. Aber das ist alles nichts gegen den Ultra. Die Mischung aus Trail und Straßenlauf ist etwas für Genießer. Die Trails sind zum Teil recht anspruchsvoll, ohne aber wirklich zu überfordern. Es gibt Wald, Reben und herrliche Aussichten - was kann schöner sein?

Sehr günstig ist der frühe Start um 8 Uhr 30. Damit hat man bei Hitze etwas Vorsprung und ist auch zum Ende hin nicht  alleine auf der Strecke. Für mich war das Zeitlimit gut zu schaffen. Die Verpflegung ist mit Müsliriegel, Banane, Iso, Wasser und später auch Cola gut, die Zielverpflegung wie immer super.

 

Ergebnisse

 

MZ Urmensch Ultra (50 km)

 

Männer

1 HIMMELSBACH Ralf  03:30:01,1 
2 APFELBACHER Sebastian  03:48:24,6 
3 DRAVEC Karlheinz  03:56:13,8


Frauen

1 BAUER Bea  04:17:35,9
2 ALTENBECK Melanie 04:31:02,1
3 NÜRNBERGER Miriam 04:31:35,9

116 Finisher

 

Marathon

 

Männer

1 LACK Marco  02:32:23,7 
2 RAHN Fabian  02:40:35,8
3 MÜLLER Kay-Uwe 02:42:29,6

Frauen

1 MOCKENHAUPT Sabrina 02:43:27,3
2 ENGLISCH Bettina 03:02:38,8
3 KOLLMANN Alin  03:07:42,3

336 Finisher

12
 
 

Informationen: Bottwartal-Marathon
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