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Laufberichte

Abgesagt: So war es und so wird es wieder (29)

 

Nächstes Jahr muss ich nach Biel ...

 

… denn dieses Jahr werde ich dort leider nicht ins Ziel einlaufen. Nicht ins Ziel eingelaufen bin ich auch bei meinen ersten Marathonversuch, in Berlin, 1994. Damals bin ich völlig unbedarft an das Abenteuer Marathon herangegangen. Es war mein erster Laufwettbewerb überhaupt, von Laufzeitschriften wusste ich nichts und M4You gab es leider noch nicht. Also bin ich ins Buchgeschäft und aus lauter Frust alle vorhandenen Laufbücher (vier, es war nur ein kleiner Laden) gekauft.

Darunter war auch Werner Sonntags „Mehr als Marathon“. Wie ist das überhaupt zu schaffen, dachte ich, als ich dort vom 100 km Lauf in Biel las. „Irgendwann musst Du nach Biel“ ist sein in Läuferkreisen beinah verklärter Ausspruch und Titel seines zur Legende gewordenen Buches. 14 Jahre später stehe ich in Biel am Start. Und wer neben mir? Werner Sonntag! Mir fiel nichts Besseres ein, als ihm zu danken und zu sagen, dass ich ohne ihn heute nicht hier wäre. Was aber stimmt.

Dreimal war ich in bisher in Biel, dieses Jahr sollte es das vierte Mal werden. Aber Frank Hofer, Geschäftsführer der „Bieler Lauftage“, wie die Veranstaltung nach Anreicherung durch andere, kürzere Distanzen heute heißt, sagt die Veranstaltung im Interesse der Gesundheit aller Involvierten ab. Eine gute Entscheidung, zwar schmerzlich, aber dafür wird es nächstes Jahr umso schöner. Denn für mich steht fest, nächstes Jahr muss ich nach Biel. Die Zeit möchte ich nutzen, um mich angesichts meines aktuellen Trainingszustandes besser vorzubereiten. Und damit meine ich nicht nur das Abarbeiten von Trainingsplänen, denn schon Werner Sonntag wies auf die besonderen psychischen Herausforderungen eines 100er hin, gerade wenn es durch die Nacht geht. Mir hilft es solche langen Strecken zu überstehen, in dem ich mir unterwegs einrede: „100 km – sind auch nur  5km, ein paar Mal gelaufen“ oder „100 km – mir geht es gut“ oder „100 km – Krisen kommen, Krisen gehen“. Im übertragenen Sinne auch auf die aktuelle Situation anwendbar: sich auf die wichtigen, nächsten Themen fokussieren, sich seiner Gesundheit erfreuen (und durch Abstandhalten bewahren) und Zuversicht haben, dass die Krise auch wieder vorbei geht.

Ich bereite mich aber auch mental auf die Strecke vor, in dem ich die Laufberichte auf M4You lese. Und zwar alle! Und jedes Mal! Manche kenne ich schon fast auswendig. Und dieses Jahr wollte ich meinen ersten Biel-Bericht einreihen.  Statt einen aktuellen Laufbericht zu schreiben, erinnere ich mich an meine bisherigen Teilnahmen.

2008, bei meiner ersten Teilnahme, traf man sich noch in der legendären Eishalle. Eine besondere Atmosphäre lag in der Luft. Es war der Jubiläumslauf, die  50. Ausgabe. Also eine gute Wahl für meine Premiere. Ungewohnt für mich der Start um 22 Uhr. Aber was macht man bis dahin nur? Vorschlafen? Klappt bei mir nicht. Also bin ich schon am Nachmittag zur Eishalle. Da gerade die Fußball-EM stattfindet, können wir uns die Zeit vertreiben, in dem wir Italien gegen Rumänien sowie Niederlande gegen Frankreich auf den Leinwänden verfolgen. Vom zweiten Spiel aber nur die erste Halbzeit, denn dann ruft uns die „Nacht der Nächte“, wie man den 100er von Biel auch nennt. „In dieser Nacht der Nächte, die uns so viel verspricht, erleben wir das Beste, kein Ende ist in Sicht“ so könnte eine Kurzfassung meines Berichtes lauten. Tatsächlich ist es aber eine Passage aus dem Lied „Tage wie diese“ von den „Toten Hosen“. Mir ist nicht bekannt, ob Campino & Band auch laufen, aber dieses Lied ertönt zum Start meiner zweiten Teilnahme 2014. Ein Gänsehauterlebnis.

 

Impressionen aus 2010

(Klaus Duwe)

 

 

 

Auf in die Nacht

 

Es geht vom Kongresszentrum in einer Extrarunde durch die Stadt, anders als bei meiner Premiere, als wir noch von der Eishalle durch die Vororte zum Stadtzentrum liefen. Insofern ist die Streckenänderung ein Gewinn, denn der Zuschauerzuspruch in der Innenstadt ist groß. Schon bald erwartet uns in Port bei km 6 die erste Steigung. Knapp 80 der insgesamt 600 Höhenmeter (in Relation zur Streckenlänge für Schweizer Verhältnisse also flach) erwarten uns hier. Anwohner machen Party mit Fackeln und Musik und treiben uns den Berg hoch. Ich widerstehe zu pacen und wechsele vom Laufen zum Gehen, denn „kein Ende ist in Sicht“ wussten ja schon die Toten Hosen. Danach verschluckt uns die Nacht. Wir verlieren die Höhenmeter wieder und werden in Jens bei km 10 bereits das zweite Mal versorgt. Mitten in den Nacht, ein Schweizer Dorf, Lichterketten, Musik, Buffet mit allerlei läufergerechten Köstlichkeiten und eine super Stimmung. Bei meiner Premiere hatte mich diese Atmosphäre hier sofort gefangen. Allein das ist ein Start in Biel wert. Eine ganz andere, auch sehr schöne Atmosphäre einige Kilometer weiter, als es über Felder im Zickzackkurs geht und ich die Stirnlampen der Läufer weit vor und hinter mir sehen kann. Oder bei km 18 in Aarberg, nach dem Überqueren der historischen überdachten Holzbrücke, auf dem Marktplatz, wo die Hölle los ist. Trotz der 21 Stunden, die wir bis zum Zielschluss haben, nehme ich mir leider zu wenig Zeit, um dies zu genießen.

 

Stille kehrt ein

 

Hinter Aarberg beginnt der zweite Abschnitt. Jedenfalls in meiner eigenen Welt. Aus erwähnten mentalen Gründen habe ich mir die Strecke in fünf Abschnitte eingeteilt. Oberramsern, Kirchberg, Bibern und Biel sind die weiteren Etappenziele. Gerade die Strecke bis Oberramsern bei km 39 ist mein Favorit. Das Läuferfeld ist mittlerweile ausgedünnt, Stille kehrt ein, die Dörfer schlafen, der Mond scheint  - tatsächlich bei allen meinen Teilnahmen. Ich liebe diese Ruhe, nicht aber der Mitläufer, der 2008 auf mich einredet, weil mein Trikot mich als Bankmitarbeiter outet und er in der beginnenden Bankenkrise seine Sicht der Dinge loswerden will. Ich greife zur Notwehr. Nein, ich werde nicht handgreiflich, sondern gebe ein Bedürfnis vor und verabschiede mich in die Büsche.

Die Ruhe wird alle etwa 5 km unterbrochen durch die exzellenten Versorgungspunkte.  Auch um 3 Uhr morgens ist dort noch Publikum und die Stimmung gut. In Scheunenburg gönne ich mir jedes Mal Brühe, bevor es auf die lange Gerade nach Oberramsern geht. Etwa 7 km geradeaus auf der Landstraße, für mich meditativ, für andere  wohl die Hölle, wie manchem Ausspruch zu entnehmen ist. Links ein Höhenzug, rechts der Blick in die Weite, vereinzelte Dörfer, hin und wieder sind die Scheinwerfer eines PKWs zu sehen. Dazu die Gerüche des Walder, der Felder, der frisch gemähten Wiesen. Wenn ich an Biel denke, denke ich an diese Momente.

 

Krisen kommen, Krisen gehen

 

Auf dem Weg nach Kirchberg  (km 56) passieren wir einen dunklen Wald bei Etzlkofen. Ich liebe die Augenblicke, wenn das Mondlicht zwischen den Bäumen aufblitzt. Danach beginnt schon die Dämmerung. Der Kundige weiß spätestens jetzt, dass ich eher zu den langsamen Läufern gehöre. Schon vor einiger Zeit bin ich zum flotten Geher geworden und behalte es weitgehend bis zum Ziel. Bei der Hälfte des Laufes in Kernenried ist es bereits taghell. Unglaublich, auch hier haben es die Band und einige Gäste, letztere etwas angeheitert, noch ausgehalten. Im Wald dahinter begegne ich 2008 einem Gespenst. So wirkt jedenfalls ein Mitläufer.  Mal läuft er, mal torkelt er. Seine sichtlich besorgte Frau (in Biel sind Fahrradbegleiter zugelassen) reicht ihm Getränke. Ich denke, er wird in Kirchberg aussteigen, täusche mich aber, denn kurz vor dem Ziel überholt er mich. 2014 dagegen ist es an mir in Kirchberg auszusteigen, mein Kreislauf spielt verrückt. Ich warte auf den Shuttle-Bus und  lege ich mich in der Versorgungsstation auf eine der bereitstehenden Pritschen. Als ich nach 2 Stunden wieder aufstehe, fühle ich mich wie neugeboren und mache weiter. „Krisen kommen, Krisen gehen“.

 

Bilder von der Strecke 2015

(Birgit Fender)

 

 

 

Schweizer Klischees

 

Ein Schweizer Klischee gefällig? Alphornbläser? Tatsächlich gibt uns 2017 an der Emme hinter Kirchberg ein Alphornbläser ein Ständchen. Diese 10 km an der Emme haben es in sich. Gefühlt immer geradeaus, zunächst auf einem  Stolperpfad, in Läuferkreisen respektvoll Ho-Tschi-Minh-Pfad genannt. Jedes Mal bin ich froh, hier nicht im Dunkeln durch zu müssen. Dafür habe ich 2008 ab hier Probleme, denn ich trage eine Kniebandage, die scheuert. Mein Orthopäde hatte mir geraten, mit dem Marathon-Laufen aufzuhören. Aufgehört habe ich nicht, aber den Orthopäden gewechselt und seitdem keine ernsthaften Probleme mit dem Knie mehr. „Krisen kommen, Krisen gehen“.

 Im gleichen Jahr werde ich im Ziel von zwei netten Helfern verarztet. Auffallend ist, dass sie keinen Schweizer Dialekt sprechen. Kein Wunder, sie kommen aus Deutschland und sogar aus meiner Heimatstadt, wie sich herausstellt.

Aber zurück zur Emme. Kurz vor Gerlafingen dürfen wir diese endlich überqueren und laufen fast in Gegenrichtung auf Bibern zu. Noch ein Klischee? Schweizer sind Freiheitskämpfer, spätestens seit Wilhelm Tell. Was das mit Biel zu tun hat? Ganz einfach: der Lauf entstand aus einem Militärmarsch und bis heute gibt es spezielle Militär-Kategorien. Nicht nur das, es gibt auch eine aktive Schiesssportszene, so dass 2017  aus Sicherheitsgründen die Straße bei Ichertswil wegen einer Schiesssport-Veranstaltung gesperrt ist. Wir müssen ein Stück parallel zur Straße durch den Wald mit einigen zusätzlichen Steigungsmetern, was nicht jedem gefällt, mir aber als „Waldschrat“ schon.

 

Biel

 

In Bibern bei km 77 ist es nun schon später Vormittag und die Sonne macht sich bemerkbar. Wie an allen Stationen halte ich mich eher kurz auf, denn jetzt kommt die letzte nennenswerte Steigung, in Serpentinen über einen Höhenrücken, auf der anderen Seite wieder hinunter nach Arch. An der dortigen Verpflegungsstation ist auch viel los, allerdings keine „Übriggebliebenen“ mehr von gestern Abend, sondern es ist eher die Dorfgemeinschaft, die sich bei Bratwurst und Bier versammelt. Von beidem lasse ich lieber die Finger, bediene mich beim Läuferbuffet und mache mich auf den Schlussabschnitt zurück nach Biel, etwa 18 km meist an der Aare lang. Hinter Büren trennen sich die Wege, jedenfalls in meiner Zeitreise.  Denn 2008 ging es über die Aare nach Pieterlen und dann zurück Richtung zum Eisstadion, ein gefälliger Weg mit einer Verpflegungsstadion in Pieterlen, da tanzte der Bär.

Mit der Startverlegung in die Innenstadt ändert sich auch der Schlussabschnitt, die Einwohner von Pieterlen müssen nun auf uns verzichten und wir auf sie. Stattdessen folgen wir ab Büren dem Nidau-Büren-Kanal. 2017 meint es die Sonne besonders gut mit uns Nachzüglern. Ich muss mich hinter Büren tatsächlich mehrfach in den Schatten setzen, um keine Hitzeschlag zu bekommen. Aber irgendwann erreichen wir den Stadtrand von Biel. Kurz vor dem Ziel ermuntere ich einen Mitläufer, der sichtbar leidet, mit „nur noch 3 km“, worauf er antwortet „Du bist hier schon öfter gelaufen? Also wenn ich gewusst hätte, was mich erwartet, dann wäre ich nicht gestartet“. So mögen viele denken. Aber wenn sie ins Ziel kommen, überlegen sie es sich anders. Zu groß ist der Stolz auf das Erreichte und zu emotional die Erinnerungen an die Nacht der Nächte.

Ich aber weiß schon jetzt, ich komme wieder.  Und weil nicht dieses Jahr, muss ich eben nächstes Jahr nach Biel.

 

 

Informationen: Bieler Lauftage
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