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Laufberichte

„Same procedure as every year, Heinrich!“

28.11.09
Autor: Joe Kelbel

Ach es ist lustig. Ich weiss, hinter dem See, bei km 3 steht Horst Risse. Neulinge wundern sich: warum ruft der uns die Zeit zu? Wir Wiederholungstäter kennen Horst: die Zeit zählt nicht, es zählt die Tradition, und Horst ist Läufertradition, und das tut gut.

Ab km 3  ist aber auch Schluß mit lustig. Wir müssen uns den Berg hochquälen. Der Adventmarathon hat eine Länge von 30 km. 550 Höhenmetern und viel Matsch. 30 km? Ja! Ab km 30  gehts dann  nur  bergab: „Und deswegen ist dieser Marathon auch für Anfänger geeignet“ (O-Ton Heinrich).

Aber mach´ erstmal diese 30 km! Bei dem Sauwetter! Am VP, bei km 7 steht wieder der Übervater des Marathons und schenkt selbst aus. Auch das ist Tradition, auch wenn die kleine, süsse Französin ihn nicht versteht. Ich stehe dabei und grinse, Heinrich wollte eigentlich nur wissen ob sie läuft oder helfen will hahaha, ich mach mich grinsend vom Acker, bin doch zum Spass hier! Soll doch der Heinrich graben wie er will!

Bei km 10 steht wieder der Horst und liest uns die Zeit von seiner Armbanduhr ab. Ich könnt´ ja sagen, dass ich das süss finde, aber ich sage traditionell, dass ich das absolt kultig  finde!

Und dann siehst du da gegenüber Landau. Die Stadt absolut erwähnenswert: Landau liegt oben auf einem Berghügel. Unabhängig von ständigen Belagerungen mussten die Einwohner für das liebe Vieh das Wasser mit Eimern 65 Meter nach oben transportieren. Das fanden die magerenen Nichtläufer damals natürlich nicht so lustig und deswegen kam 1535 so ein schlauer Typ, der mir sehr ähnlich ist, auf die Idee, das jaucheverseuchte Wasser des Baches Watter zu benutzen, um gutes Quellwasser nach oben in die Stadt zu befördern.

Der baute dann einfach so ein  Mühlrad, nannte das Wasserkunst, schloß zwei Kolbenpumpen an, und die hieften dann das gute Volvic nach oben, das war 1535, ihr Leute!  1981 dann, dem Jahr des  ersten Arolsen Marathons wollten  dann die Typen vom Rathaus nicht mehr dieses Naturvolvic, die wollten lieber das Landau-Ultra, das mit dem Fitzelchen, glaub ich.  Und jetzt  laufen hier halt so zielzeitgeile Marathonläufer vorbei, keineAhnnug von nix und der Joe muss denen im nachhinein erklären, was sie verpasset haben! Blöd ne? Aber so isses. Ich habe dann auch gut  2, 3 Stunden hier verbracht und 2 Fotos geschossen, damit der m4y-Leser informiert ist!

Aber  wer sitzt dort hinter Landau? Nicht mehr vor einem roten Kleinwagen, nein der Horst hat jetzt nen silbernen Kleinwagen! Sitzt dort und ruft unsere Namen durchs Mikrofon, bevor wir den steilen Berg dort hoch müssen! Der Horst ist auch der einzige Mensch auf dieser Welt, der deswegen die Starterliste ausgehändigt bekommt, denn der Heinrich kann die nicht ins Internet stellen. Ist ja auch egal, denn wir wissen eh, dass die Familie  jedes Jahr in  Arolsen ist, oder? 

Oben, bei der Halbmarathonmarke, ist es wieder lustig. Begegnungsstrecke, es regnet, die Finger sind abgefroren, ich versuche trotzdem zu fotografieren und erwische die schnelle Carmen, die wahrscheinlich wegen der Kälte die Hände vor ihr Gesicht hält, oder liegt es an meinem verletzungsbedingten zombiehaften Laufstil? Carmen! Sach was!

Dort oben ist für mich die schönste Stelle des Arolsenmarathons. Der Teich mit den schrumpligen Blättern der Krüppelbuchen, danach dieses wunderbare, langgestreckte, ansteigende, regennasse Tal, links das Moos mit den vergammelten Pilzen, rechts der Bach inmitten  der Wiese - und alles eingerahmt von hohen Tannen im Nebel. Das hat was, das ist Deutschland im November. Das ist etwas, was man an der Costa del Maresme nicht hat, hahahaha.

Und dann der VP bei km 26! Honigkuchen! Gibt es in Spanien Honigkuchen, der so gut ist, wie der hier oben zwischen Deutschland- und Berlinfahne? Hier ist die geilste Verpflegungsstation der Welt! Schaut mich an: beide Hände voll mit Honigkuchen. Aus meinen  Backen, äh Wangen  bröselt die weihnachtliche Köstlichkeit. So wetzte ich jetzt den Berg runter und schmiede das ultimative Adventsgedicht dieses Universums:

Im tiefen Wald den Weg du suchen
Die Schnauze voller Pfefferkuchen
Und pfeift der Wind von hinten rein
Gern finde ich mich in Arolsen ein.

Ist doch geil, oder? Der Hit! Advent, wie er sein muss!

Ja, und dann kommt km 30. Ich kann nicht sagen, dass es bis hierhin ein Spaziergang war. Hatte ich ja auch nicht erwartet. Die Stunde, die ich in Landau für die zwei Fotos brauchte, werde ich jetzt auch nicht mehr aufholen, will ich ja auch nicht. Ich denke nur: Für die einen sind jetzt die nächsten 12 Kilometer der Jahresausklang, für mich ist es eh Advent, oder so. Für noch so einige Läufe im Dezember, der nächste bei 28 Grad, 700 Meter tief, ach wie schön, da freuen wir uns aber !

Bei km 37,5 kommen wir zur Waldschmiede. Wieder so ein Punkt, wo ahnungslose Läufer  ihrem tierischen Instinkt nachgeben und nur nach dem warmen Isodrink trachten. Oh ihr Ahnungslosen, ihr Gierigen!  - Wie ihr aber ahnt, hier ist Joe, der Aufklärer! Ich bin ja so ein heimlicher Heimatforscher. Ich greife gern nach´m jungen, frischen Blonden  und ner alten Schrift:

Hier am  Kreuzungspunkt zwischen den mittelalterlichen Dörfern steht die Franzoseneiche. Nee, nicht mein Ultraläufer Napoleon gab dem Baum den Namen, es war während des siebenjährigen Krieges. Wir erinnern uns: (1756-1763) Preußen und  Großbritanien zusammen mit Kur-Hannover (wo der Charles abstammt ) gegen Österreich, Frankreich und Russland kloppten sich um Schlesien. Na, und deswegen machten die Franzosen hier zwei Jahre lang Picknick, unter der Eiche von Landau. Dabei hatten die doch ein Landau am Bodensee und eins in der Pfalz, aber die konnten ja den Hals nicht voll genug kriegen, von diesen Landaus. Coole Story, wa?

Schön jetzt runter zum  Tal der Twiste zu laufen. Wer noch Pulver hat, der ist jetzt eh Nikolaus, oder so. Also ich lass es jetzt rollen, bin zwar nicht Nikolaus aber König, weil ich doch noch einige überhole. Ist ja auch egal, Zeit zählt doch nicht.

Heinrich  steht im Ziel und fragt „klappt alles dort oben?“ und fragt damit diejenige Läufer, die von oben aus der Halle kommen, um mich  frenetisch im Ziel zu begrüßen (das waren annähernd 2000  Fans), wohlwissend , daß die Halle nun leer sein müsste und rafft dann endlich, dass die alle nur wegen mir, dem Zugpferdchen vom Klaus hier sind.

Und ich sage zu ihm: „Heinrich, I did my very best!“ Und es ist alles so kuschlig wie jedes Jahr. Ist doch ne geile Story, oder?

Sieger

Männer

1 Strothmann Dirk LG Solbad Ravensburg 02:44:50
2 Leck Michael Laufteam Wolfhagen 02:53:31
3 Frigger Andreas PSV Brilon 02:57:06

Frauen

1 Walter Iris TV 1848 Meisenheim 03:21:03
2 Krause Antje Ultra SportClub Marburg 03:24:43
3 Ehrhardt Anita Oldenburg 03:29:50

516 Finisher

12
 
 

Informationen: Waldmarathon
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