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Laufberichte

Adria Advent Marathon in Crikvenica ...

01.12.13 Special Event
 

Als ich mich auf dem Rückweg befinde, kommt mir eine kleine Nachhut entgegen. Wider Erwarten sind es nur eine Handvoll Läufer. Schlusslicht bildet eine Frau um die 30, die von einem Radfahrer begleitet wird. Doch sie ist weniger als einen Kilometer hinter mir und macht einen fitten Eindruck.

Jetzt spüre ich deutlich, wie der Wind aus Richtung Nord-West bremst und das Laufen z.T. sehr erschwert. Luftströmungen vom Bora-Typ gehören mit ihrer Häufigkeit und ihren hohen Durchschnittsgeschwindigkeiten, vor allem zwischen Triest und der Nordwest-Küste Kroatiens sowie in Teilen Süddalmatiens und Montenegros, zu den stärksten der Welt. Spitzengeschwindigkeiten einzelner Böen erreichen hier Werte von bis zu 250 km/h.

Noch liege ich in der Zeit, denn bei Kilometer 8 zeigt die Uhr 47:12 Minuten an. Werner hat zu Hause die Höhenmeter errechnet – seinen Angaben zufolge würden es fast 700 sein, die insbesondere infolge der Kursänderung nach dem Straßenabschnitt mit dem Namen Zidarska direkt in Crikvenica nach Norden über die ansteigende Kotorska zu spüren seien.

Vom Wind hat Werner aber nicht gesprochen, denn je näher ich, inzwischen einsam auf weiter Flur, der Brücke über den Dubračina Fluss komme, desto stärker werden die Böen. Phasenweise kann ich nicht einmal mehr gehen, der Wind drückt mich von der Straße weg. Ich drehe mich um 90 Grad, um die Angriffsfläche zu verkleinern, doch es nützt wenig. Ich sehe einige geknickte Bäume, die durch die Windböen bewegten Drähte der Starkstromleitung surren. Sollte eine Leitung runterbrechen, herrscht Lebensgefahr, denn der tödliche Stromschlag hätte eine Reichweite von mehreren Metern. Ich habe die Wahl, entweder weiter rechts nahe den vom Wind durchgepeitschten Bäumen auszuweichen – vom Laufen kann keine Rede mehr sein – und von einem herabfallenden Ast auf den Kopf getroffen zu werden oder mich links wenige Meter von der Starkstromleitung vorwärtszubewegen. Eine fatale Angelegenheit.

Endlich schaffe ich den ohnehin nur kurzen Anstieg hinauf zum vorerst höchsten Punkt, dann geht es leicht abwärts zur nächsten Labestelle. Wie schon bei Kilometer 5 gibt es nur kaltes Wasser und angemischtes Iso. Die Helfer sind wegen der Kälte stark vermummt und haben größte Mühe, die Versorgung der Läufer bei dem starken Wind aufrechtzuerhalten.

Wir laufen über die Brücke – wenn mich der Borasturm von hinten trifft, werde ich fliegen. Tatsächlich treibt mich der Wind mit geballter Kraft nach vorne, ich komme mir wie ein Sprinter vor, dessen Beine nicht mitmachen. Fast wäre ich am Asphalt gestürzt, weil der Wind meinen rechten Fuß an die Ferse des rechten drückt und ich mich so selbst beinahe zu Fall bringe.

Nun geht es wieder einige Hundert Meter leicht aufwärts und anschließend die Vinodolska  hinunter bis zum Durchlauf im Start- und Zielbereich am S. Radic Platz ca. bei Kilometer 12. Zwei Läuferinnen haben sich an meine Fersen geheftet, sie geben nicht nach. Vor den wenigen Zuschauern werde ich ihnen die Freude nicht gönnen, mich zu überholen. Ich halte mein Tempo, sie kommen vorerst nicht vorbei. Nach einem Kilometer kommen mir auf der Gegenseite der Promenade Strossmayerovo šetalište die ersten schnellen Läufer entgegen, die nur mehr einige Hundert Metern vor der Halbmarathondistanz liegen. Knapp nach Kilometer 14 erblicke ich auch Ernst und Vojislav, etwas später kommt Werner. Ich bleibe einen Augenblick stehen, um zu knipsen. Das nutzen die beiden Verfolgerinnen aus und ziehen vorbei.

Es werden immer weniger, die noch hinter mir liegen. Bei Kilometer 15 liege ich bei 1:32 Stunden, das ist nur um rund 2 Minuten hinter meiner Durchgangszeit in Florenz die Woche davor. Doch ich spüre, dass ich mich fast schon übernommen habe, mit den jungen Frauen einige Kilometer ihr Tempo um 5:50 min/km mitzugehen. Das könnte sich rächen.

An der Labe bei der Wende in Kacjak ist die Versorgung ebenfalls bescheiden, obwohl es auch Kekse gibt. Mir wäre ein warmer Tee sehr recht gewesen, doch den gibt es nicht. Inzwischen sind auch die Halbmarathonläufer mit roter Startnummer sehr zahlreich aufgetaucht. Sie laufen nur an der Küste entlang, während wir in der Talschneise entlang des Dubračina Flusses in Richtung Norden auf den zwei Runden den starken Fallwind extrem spüren. Ich erreiche die Halbmarathondistanz mit 2:09:40 auf der Bruttoanzeige.

Nach dem Zieldurchlauf bleibe ich einem weiteren Serben vom Club 100 maratona auf den Fersen, der mich zuvor überholt hat. Er spricht kein Deutsch, so nicken wir uns nur zu. Jetzt heißt es nochmals dieselbe Distanz unter den schwierigen Verhältnissen zu bewältigen.

Ich kann bis Kilometer 25 mein Tempo einigermaßen halten, doch dann werde ich zusehends langsamer. Zuerst überholt mich eine junge Frau, dann auch die bisherige vermeintliche Schlussläuferin. Nach der Wende auf der zweiten Runde kommt mir nur noch ein jüngerer Mann entgegen, der langsamer als ich dahinschleicht. Bei Kilometer 29 liege ich mit 3:03 schon einiges über meinem Plansoll. Die schwierigste Passage aber kommt nun erneut: der Anstieg in nördliche Richtung hinauf zur Brücke über den Dubračina Fluss. Da ist der Wind so stark, dass man nicht einmal im Gehen vorankommt. Ich schaue zurück, doch der letzte Läufer ist außer Sichtweite, während die beiden Läuferinnen vor mir uneinholbar sind. Bei der Brücke steht ein Einsatzfahrzeug, man ist dabei, die Straßensperren schon abzubauen. Wenn ich mich nicht verlesen habe, ist der Marathon 6 Stunden geöffnet. Mit 3:17 bei Kilometer 31 habe ich demnach für die restlichen 11,195 km noch sehr viel Zeit – außer man schließt die Rennstrecke nach dem bisherigen Rennverlauf, dann wären 5 Stunden angemessen.

Hintereinander kommen nun auf der Gegenseite die Läufer, die noch unter 4 Stunden finishen können, auch Ernst und Vojislav ist darunter. Mit Ernst habe ich vor dem Rennen um 5 Euro gewettet, dass er heute keine Zeit unter 3:40 schaffen wird. Er hielt dagegen – doch als ich ihn treffe, zeigt meine Uhr bereits 3:46 Stunden an und bis ins Ziel sind es für ihn noch fast 2 Kilometer. Werner kommt auch mit Verspätung, bei dem Wind verständlich. Zwei oder drei Läuferinnen liegen knapp vor der letzten Wende bei Kilometer 38 noch in Reichweite, doch mir fehlt heute die Kraft zuzulegen.

Jetzt erblicke ich den vermeintlichen Schlussläufer, ungefähr 8 Minuten hinter mir. Er hat seine Startnummer unter der Jacke versteckt, damit man ihn vielleicht nicht gleich zuordnen kann. Ich frage auf Italienisch, ob er der letzte sei. Er sagt „ultimo“. Das verschafft mir eine gewisse Erleichterung. Ich finishe mit 4:52:47, unter 4:50 ging sich nicht mehr aus.

Die Firma Meisterchip ist im Begriff, die Messgeräte abzubauen, man wartet offenbar auf den letzten Läufer nicht mehr. Ich ersuche einen Zuschauer, von mir ein Foto zu machen. Eine hübsche blonde, mir unbekannte Frau stellt sich blitzschnell an meine rechte Seite und ist im Bild. Eine Verehrerin wird es wohl nicht sein, sondern eher jemand, der resp. die ein gemeinsames Foto mit einem Schlussläufer haben will. „Ehre, wem Ehre gebührt !“, kann man nur sagen. Außerdem kenne ich einen Kollegen, der sich über Jahre hindurch mit irgendwelchen Läuferinnen ablichten ließ. Auf diese Weise kann man sein männliches Image aufpolieren.

Es ist saukalt – ich suche Ernst, der sich im Hotel, wo auch die  Startnummernausgabe erfolgte und die Chips zurückgenommen werden, aufwärmt. Gemeinsam gehen wir zu Werners Auto, der schon vor Ort ist. Umziehen ohne Dusche im Freien bei wenigen Graden über Null und eiskaltem Wind ist nicht jedermanns Sache, aber es klappt. Wir kommen gut aus Crikvenica weg, schließlich wollen wir alle die Nacht wieder im eigenen Bett verbringen.

Werner kann sich vorstellen, hier wieder zu laufen. Ernst läuft wie Hartmann zumeist nur einmal an einem Ort einen Marathon. Ich halte mich an James Bond: „Sag niemals nie !“ (mehr). Wenn die Veranstalter allerdings auf die schlechten Wetterverhältnisse um diese Jahreszeit in der Region hingewiesen hätten, wäre die Zahl der Registrierungen meiner Ansicht nach nicht so hoch gewesen.

Positiv hervorzuheben ist die gute Organisation: die Straßensperren wurden eingehalten, alle 5 km befanden sich Labestellen, an den man vor und nach der dahinterliegende Wende stehenbleiben konnte. Der etliche kräfteraubende Anstiege aufweisende Kurs entlang der Küste bietet ein schönes Panorama der kroatischen Riviera, die in der wärmeren Jahreszeit mit Recht ein sehr beliebtes Urlaubsgebiet ist. Man kann also auch so jederzeit wiederkommen und dort  auch andere Sportarten wie Segeln, Surfen, Biken oder Tauchen ausüben.

Siegerliste bei den Männern:
1. Erkolo Ashenafi (ETH ): 2:38:45
2. Tamás Nagy (HUN): 2:40:33
3. Attila Hegyaljai (HUN):  2:48:37

Ranking bei den Frauen:
1. Marija Vrajić (HR): 2:57:40
2. Ágnes Kiss (HUN): 3:03:18
3. Katalin Farkas (HUN): 3:08:40

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