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Laufberichte

In den Mast und Kurs am Wind

 

Der Marathon in Rostock ist Judith und mir seit unserer Teilnahme 2014 als stimmungsvoller Sommerabend-Marathon in bester Erinnerung. Da trifft es sich gut, dass sich die Zugfahrt ab München durch die Eröffnung der Schnellfahrstrecke Nürnberg-Halle um zwei auf sieben Stunden verkürzt hat. Und wenn man sechs Wochen vor Start noch eine Rückfahrkarte für 44 Euro (Bahncard 25) im ICE ergattert, ist das Glück perfekt.

Am Samstag sitzen wir dann in einer ziemlich überfüllten Bahn Richtung Ostsee. Die Klimaanlage funktioniert und auf der für 300 km/h zugelassenen Neubaustrecke sind wir mit 180 km/h unterwegs. Angeblich gibt es Probleme am Zug. Trotz dieser Zockelei sind wir pünktlich in Rostock.

Zum 16. Mal wird die Veranstaltung ausgetragen. Diesmal mit neuem Teilnehmerrekord für Marathon, Halbmarathon, Staffel & Co. Kein Wunder, Sportler aus Berlin und Hamburg haben es nicht weit hierher. Und auch viele Läufer aus den skandinavischen Anrainerstaaten haben sich eingefunden.

Rostock ist mit seinen über 200.000 Einwohnern die bevölkerungsreichste Stadt Mecklenburg-Vorpommerns. Die dortige Universität wurde 1419 als erste Uni Nordeuropas gegründet. Der 16 Kilometer entfernte Stadtteil Warnemünde, an der Ostsee gelegen, beherbergt den größten deutschen Kreuzfahrthafen.

Dank der Teilnahme an der Freihandelszone der Hanse blühte die Stadt auf, wovon heute noch viele Bauwerke der Backsteingotik zeugen. Vielleicht sollte man das mal Trump und den Brexiteers erklären. Ich werte die vielen Verkaufsstände mit „original DDR-Softeis“ in der Fußgängerzone als ein Zeichen dafür, dass Rostock auch zu Zeiten des real existierenden Sozialismus für seine Eisproduktion bekannt war.

Die Startnummernabholung (im Starterbeutel Müsli, Programmheft und Duschgel; das Finisherhemd kann extra gekauft werden) befindet sich in der Eingangshalle des historischen Rathauses direkt am Markt, wo auch Start und Ziel der Laufwettbewerbe sind. Das Rathaus selbst geht auf das 13. Jahrhundert zurück. Die mittelalterlichen Bauteile wurden später überbaut. Unser Hotel liegt gleich nebenan in der Fußgängerzone. Perfekt. Den einladend wirkenden asiatischen Schnellimbiss lassen wir links liegen. Dafür noch rasch eine Portion Pasta mit Marion und Jochen, einem Laufpaar, das wir immer mal wieder auf Veranstaltungen treffen und das sich heute die letzte Trainingseinheit vor den 100 Meilenvon Berlin geben will.

 

 

Am Neuen Markt liegen nicht nur Start und Ziel und das historische Rathaus, sondern auch die Kirche St. Marien mit einer sehenswerten astronomischen Uhr. Nur um 12:00 Uhr bewegen sich  die Apostel auf dem Ziffernblatt. Also unser Termin für Mitternacht.

Um 17:00 Uhr starten die Kinderläufe, dann um 18:00 Uhr Staffeln und Marathon. Zwei Runden à 3 km stehen zuerst auf dem Programm: Über die Lange Straße dann auf die Fußgängerzone in der Altstadt. Vor uns bei km 1 das Kröpeliner Tor, das westlichste der vier großen Stadttore. Links kommen schon die Staffelläufer entgegen. An den Wallanlagen entlang kommen wir wieder zum Kröpeliner Tor und laufen nun die komplette Fußgängerzone der Kröpeliner Straße ab. Diesmal begegnen Judith und mir schon die führenden Marathonis. Samba-Trommeln am schönen Universitätsplatz,  dann unter dem Jubel der Zuschauer noch mal durch den Startbogen.

Zweite Runde. Nun ist auch mehr Platz auf der abgesperrten Spur auf der Langen Straße, die nach der Zerstörung im Krieg während der 1950er Jahre im Stil des sozialistischen Klassizismus mit landestypischen Bauformen gestaltet wurde. Staffelstab-Träger sausen vorbei. Die Zweier- bis Achter-Staffeln bleiben auf dieser Stadtrunde, dreizehnmal ist sie zu absolvieren, jeder wie er es mag. Ich hätte mich über eine alternative Schleife in die westlich angrenzende Kröpeliner-Tor-Vorstadt gefreut. Dort scheint es auch schöne Ecken zu geben. Aber nun noch mal zum Startbogen, Wasser fassen und dann recht schwungvoll bergab.

 

 

Die Altstadt liegt gut 10 Meter über der Warnow. Die Warnow ist ein 155 Kilometer langer Fluss, der in der Gegend von Schwerin entspringt. Der Name bedeutet Krähen- oder Rabenfluss. Wir drehen erst mal nach rechts ab in ein Neubaugebiet am alten Gerberbruch. Wir umrunden einen kleinen Kanal, dann sind wir an der Warnow, die hier noch recht schmal ist.

„Zur Stadt, im Land, am Fluss“ schreiben die Projektentwickler und preisen das „Panorama-Wohnen in den „Endhäusern“, in denen großzügige Penthouses den weiten Blick auf die Warnower Flusslandschaft zelebrieren“. So würde ich auch gerne wohnen. Für uns Läufer zelebrieren hingegen einige Zuschauer ein großes Spektakel. Andere mühen sich beim Stand-Up-Paddling ab.

 

 

Die Querung der Straßenbahngleise samt Absperrgittern wird schnellen Läufern sicher einige Probleme bereitet haben. Ein kurzes Stück nun einen Radweg entlang, samt Radlern und Querung der Warnow, VP bei km 10 bzw. 39. Es gibt Wasser und ein Sportgetränk vom Titelsponsor hella, zusätzlich Bananen und Apfelstücke. An allen VPs gibt es auch Toilettenhäuschen. Dann geht es auf einen breiten Sandweg zur Warnow, die hier schon recht breit ist.  Wir schauen auf die andere Warnowseite mit der Skyline von Rostock samt Stadthafen. Am Wegrand fallen die vielen kleine LED-Lämpchen auf, die uns in der Dunkelheit den Rückweg weisen sollen.

Stimmung und Dusche am Anwesen des Rostocker Ruderclubs von 1885, rechts das kleine Modell eines Holzschiffs im Stil von Kolumbus´ „Santa Maria“. Haben doch die Rostocker Amerika entdeckt? Der Radler neben mir ist mit dieser Interpretation nicht einverstanden, kann aber leider auch keine genauere Erklärung geben. Dafür erfahre ich, dass der gebürtige Rheinländer schon seit 27 Jahren glücklich in Rostock lebt und damit nächstes Jahr genauso lang wie in seiner Geburtsstadt. Es seien unglaublich spannende Jahre des Umbruchs und Aufbaus gewesen. Er sinniert jetzt aber darüber, wo seine tatsächliche Heimat ist. Eine Frage, die sich meine Eltern, die letztendlich einen größeren Teil ihres Lebens in München verbrachten, auch gelegentlich stellten. Die Bindung an die Orte der Kindheit ist wohl sehr stark.

 

 

Km 13. Wir drehen für einige Kilometer ins Landesinnere ab. Am VP bei km 14 hat es sich der ganze Stadtteil Gehsdorf bequem gemacht. Die Feuerwehr lässt es aus dickem Schlauch regnen.

Es geht Richtung Felder. Der Läufer vor mir macht bei den Zuschauern der Laubenkolonie Stimmung. Er ist am nächsten Wochenende auch beim Mauerweglauf dabei. Ich sehe Marion und Jochen kurz hinter Judith und mir.  Es folgt ein Neubaugebiet, die Straße beschreibt einen Halbkreis. Vor vielen Anwesen sitzen die Bewohner und grillen. Ich bestelle ein Halsgrat für nachher.

Wieder an der Warnow, gegenüber der Alte Fischereihafen. In einem der Hotelschiffe haben wir letztes Mal übernachtet. „Up'n Warnowsand“ ist eine Landstraße in wunderschöner Landschaft. Uns kommen die Führenden entgegen. Die sehen auch so aus, als hätten sie mit dem warmen Wetter zu kämpfen. Die Straße „Zur Warnow“ führt uns direkt auf den Fluss zu. Hierher wurden heute von drei Schiffen über 1.000 Halbmarathonis geschippert, nach dem Motto „Eine Seefahrt ist lustig“. Rechts auf einen Pfad, wenige zehn Meter lang, aber recht steinig. Dann wieder Teer, „An den Odendorfer Tannen“ entlang, samt weiteren Stimmungsmachern.

Ruckzuck sind wir an der Mautstelle des Warnowtunnels. Ich frage Zuschauer, was wohl die Querung für uns Läufer kostet. Einer reagiert schlagfertig und meint, den Preis hätten wir doch mit der Teilnahmegebühr schon entrichtet. Jetzt erst mal Zugreifen an der Getränkestelle. Um 19:55 Uhr sind hier die Halbmarathonis gestartet und ich habe das Ereignis wieder verpasst. Beschämende 25 Minuten kommen wir zu spät. Die südliche Tunnelröhre ist für uns reserviert. Wer Glück hat, sieht nun über dem Tunnelmund die Masten oder den Schornstein eines vorbeifahrenden Schiffs.

 

 

Sinnigerweise geht es bergab. Im Tunnel Animation und dann kommen uns die HM-Massen entgegen. Bei dem Tunnel handelt es sich um vorgefertigte Segmente, die am Flussboden zusammengeführt wurden. Die Trennstellen sind gut erkennbar. Wo sonst kann man so etwas erleben? Hongkong könnte ich anführen, aber da kommt man nicht so leicht mit dem Zug hin und dort fehlt auch als Maskottchen ein Otter, der wie hier rasend dargestellt die Strecke markiert, sodass niemand die Abzweigungen verpasst.  Einen Bericht über den Hongkong-Marathon gibt es ebenfalls auf M4Y zu lesen. Die Steigung auf der anderen Seite kommt mir gar nicht so schwer vor. Dumm nur, dass wir nun auch noch über eine Brücke die Tunnelzufahrt queren müssen

Für uns beginnt eine 5 km lange Schleife durch den IGA-Park. Hämmernde Bässe begleiten uns hier. Gleich am Eingang gibt’s Tempel in einem chinesischen Garten zu bewundern, einen Leuchtturm und ein großes Museumsschiff. Links liegen Anker herum, dann Schiffsschrauben. Die Sonne geht gerade unter. Auf der anderen Seite der Unterwarnow liegt eine finnische Fähre, dahinter befinden sich die Hafenbecken des Überseehafens. Dann geht es nahe an der Bühne vorbei. Gerade werden zur Musik von Rammsteins „Benzin“ große Feuerfontänen gezündet. Die Gruppe „Stahlzeit“ heizt musikalisch ein.

Zurück über die Brücke. Ich muss feststellen, dass sich das Feld ziemlich in die Länge gezogen hat. Ich gebe Gas, möchte noch ein bisschen aufholen. Bei Km 28 geht es wieder in den Tunnel, den ich nun fast für mich allein habe. Der Animateur feuert uns nun persönlich an. Abklatschen. Beeindruckt bin ich von der japanischen Trommelgruppe TENGU DAIKO, die immer noch zugange ist. Dann die Mautstelle, aus den Boxen tönt es laut. Mann, bin ich gut drauf, da kann mir auch der lange Anstieg fast nichts anhaben.

Während der stimmungsvollen Dämmerung komme ich auf der Landstraße gut voran. Oft stehen auch hier noch Zuschauer und muntern uns auf. Dann so bei km 34 das Neubauviertel, die Partys sind in vollem Gange. Der Grillspezialist von vorhin merkt trocken an, dass das Halsgrat einen anderen Abnehmer gefunden habe. Die Familie ist inzwischen schon beim Digestif. Hätte ich es im Moment nicht so eilig, würde ich sicher auch etwas davon abbekommen. Wobei ich nun eher einen Aperol Spritz bevorzugen würde. Den gibt’s (ohne Aperol) an der Partyzone neben dem großen VP: Ein paar Kinder brausen uns ordentlich ab.

Erwähnen muss ich unbedingt die Stimmung in der einen Kilometer langen Pressentinstraße. Auf dem Hinweg hatte man uns hier über die Felder vorbeigeleitet. Nett die Senke, die den Blick auf die Zuschauergruppen leicht macht. Eine Mitstreiterin hat Probleme mit ihrem Schuh und flucht laut, als ich an ihr vorbei ziehe.

 

 

Wunderbare drei Kilometer an der Warnow entlang erwarten uns. Der Blick auf die Lichter der Großstadt ist atemberaubend. Wir laufen auf geteertem Radweg mit Beleuchtung, dann ein Kiesweg mit den netten Gartenlämpchen, teilweise mit Lücken.  Aber man findet den Weg. Am VP steht eine Bierflasche zwischen den Wasserbechern. Die sei nur für den Helfer, erklärt man mir. Jetzt ein Stück zwischen Industriebauten entlang der Trambahntrasse, dann sieht man die beleuchteten Kirchtürme der Altstadt, darunter auch die Petrikirche mit ihrem 117 Meter hohen Turm. Nochmals ein verkürzter Schlenker durch Gerberbruch.

Der Kilometer „Am Strande“, einer vierspurigen Straße, ist nicht so motivierend. Ein Abstecher zur Warnow mit der Aida-Kreuzfahrtzentrale in alten Speicherhäusern und den historischen Schiffen, die teilweise schon für die in Kürze stattfindende Hanse-Sail angereist sind, wäre dagegen das I-Tüpfelchen.

Ich überhole noch einen Mitläufer, dann geht es unter dem Jubel entgegenkommender Finisher an den Anstieg zur Altstadt. Km 41. Noch eine verkürzte Altstadtrunde. Die Sambatruppe AKWAABA! war schon beim  Start  aktiv und spielt immer noch am Universitätsplatz. Am Ende der Fußgängerzone Rechtsknick und dann sind es nur noch wenige Meter. Unter dem Jubel der letzten Zuschauer laufe ich durch den Zielbogen.

Die Medaille ist ein massives Sammlerstück, ein echter Hingucker. Judith kommt kurz nach mir ins Ziel. Das mit dem Absetzen ist mir also wieder nicht so recht gelungen.

Massagmöglichkeiten und Duschcontainer befinden sich direkt am Ziel, die Verpflegung ist wie gehabt: Wasser, Cola, Iso-Getränk, Apfelschorle und Obst. Das alkoholfreie Bier aus Erding haben die Halben und die schnellen Marathonis vernichtet. Für uns bleibt da auf Anfrage nur ein kleiner, zusammengeschütteter Rest.

Wir verbringen den Sonntag am Meer. Generell wäre das doch eine Idee für alle Teilnehmer aus ferneren Gegenden: Bei einem solchen Sommer kann man es an der 23 Grad warmen Ostsee problemlos ein paar Tage aushalten mit der Rostocker Marathonnacht als Sahnehäubchen.

Also vormerken: Nächste Marathonnach am 3.8.2019 unter dem Motto „Aufgeklart und den Bug in die See“

Marathon Siegerinnen

1. VAN ELK Denise (NED)            3:05:23    Streckenrekord    
2. REINECKE Antje Adriana            3:20:14    3:19:54 (netto!)    
3. NEIDIGER Christiane            3:27:04

Marathon Sieger

1. WEGENER Gerrit                 2:44:31
2. FARIA MARTINS DA COSTA (POR)    2:47:09
3. LAENGER Uwe                2:51:17

 

Informationen: hella marathon nacht rostock
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