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Laufberichte

ABGESAGT: ERINNERST DU DICH? (51)

 
Autor: Klaus Duwe

Keine hella marathon nacht rostock in 2020 - schade, aber nicht überraschend. Schade auch deshalb, weil es sich um einen Lauf in die Nacht handelt  -  wie der Name ja schon sagt. Solche Events sind selten, aber sehr beliebt. Eine Marathon-Nacht ist halt etwas Besonderes. Und wenn auch noch die Bedingungen etwas speziell sind, sind die Erlebnisse unvergesslich. Wie zum Beispiel 2011.

 

 

 

 

Land unter

 

Nach dem Gewitter ist vor dem Gewitter - Wenn Du nach Rostock kommst, vergiss die Gummistiefel nicht - Es fängt ganz harmlos an - Nur der Tunnel war trocken - Sintflut über Rostock – Ich habe überlebt – The run must go on - Ohne Schnorchel keine Chance - Alles andere ist Massenware.

Für die diesjährige Rostocker Marathonnacht fallen mir tausend Titel ein. Aber glaubt mir, es war nicht so. Es war schlimmer.

Am Samstag ist der Sommer zurück. 30 Grad und es ist schwül. Ohne dass man sich viel bewegt, fließt der Schweiß. Der Veranstalter macht sich Sorgen und plant weitere Erfrischungsstationen ein. Ich mache mir auch Sorgen und verkürze meine kleine Besichtigungstour durch Rostock. Die Hansestadt ist mit über 200.000 Einwohnern zwar die größte Stadt in Mecklenburg-Vorpommern, aber vom Marathon-Zentrum am Neuen Markt  erreicht man leicht einige Sehenswürdigkeiten, die etwas über die Stadt und ihre Geschichte erzählen.

Rostock ist eine sehr alte Stadt. Schon lange bevor 1218 das Lübsche Stadtrecht übernommen wurde, siedelten an der Warnowmündung slawische Stämme. Ihre Blüte erreichte die Stadt in der Zeit der Hanse. Beginn und Ende dieser Kaufmannsvereinigung lassen sich schwer bestimmen. Tatsache ist, dass mit Ende des 30jährigen Krieges die Hanse und damit auch besonders Rostock ihre beste Zeit hinter sich hatte. Zusätzlich vernichtete am 11. August 1677 ein verheerender Brand ein Drittel der Stadt, die daraufhin ihre wirtschaftliche Bedeutung vollends einbüßte. Erst Ende des 18. Jahrhunderts und dann mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert begann der Wiederaufstieg der Hansestadt Rostock. Schwerpunkt waren der Schiffs- und später auch der Flugzeugbau.

 

 

Natürlich spielt auch der Fremdenverkehr eine sehr wichtige Rolle. Warnemünde, 1323 von den Rostockern wegen des Zugangs zur Ostsee gekauft, hat den größten Ostseestrand auf deutschem Gebiet.

Am Nachmittag ziehen dunkle Wolken auf. Prima, das eigentlich für den Abend vorhergesagte Gewitter entlädt sich noch rechtzeitig vor dem Start. Regen, Blitz und Donner zaubern deshalb allen ein Lächeln auf das Gesicht. Nach 30 Minuten ist der Neue Markt frisch gewaschen, gleichzeitig hat es ein klein wenig abgekühlt.

Ursprünglich teilte sich Rostock in Alt-, Mittel- und Neustadt auf. Jeder Stadtteil hatte einen eigenen Marktplatz, ein eigenes Rathaus und eine eigene Pfarrkirche. Der Neue Markt, der Marktplatz der Mittelstadt, war mit seinen prächtigen Giebelhäusern Wohnsitz wohlhabender Bürger und wirtschaftliches Zentrum der Stadt. Dementsprechend avancierten das dortige Rathaus zum Rathaus der Gesamtstadt und die Marienkirche zur Hauptpfarrkirche.

In der Marienkirche ist übrigens ein technisches Wunderwerk zu besichtigen. Hinter dem Hochaltar befindet sich die 1379 von Nikolaus Lilienfeld erbaute, elf Meter hohe astronomische Uhr, die nicht nur die Uhrzeit, sondern auch die Mondphasen, Sonnenaufgang, Wochentag, Monat, Datum, Name des Tagesheiligen und weitere Daten anzeigt.

 

 

Bis zum Start um 18.00 Uhr ist von der Abkühlung nicht mehr viel zu spüren. Es ist schwül und ich muss noch unbedingt was trinken.  200 wollen  den Marathon laufen,  über 800 Halbmarathonläufer starten um 20.00 Uhr auf genau halber Strecke am Warnowtunnel. Eine Besonderheit ist der Staffel-Marathon. Gleich 8 Läufer teilen sich die Distanz. Die Wechselstellen werden alle per Schiff angefahren.

Den Startschuss gibt Rostocks OB Roland Methling, der normalerweise auch als Läufer aktiv dabei ist, wegen mangelnder Vorbereitung aber diesmal verzichtet. Hat der Mann eine Vorahnung?

 

Historisches Rostock

 

Schön ist, dass man auf der neuen Strecke etwas von der Stadt zu sehen bekommt – und das gleich doppelt. Die kleine Runde durch die Innenstadt, über den Universitätsplatz, der früher Hopfenmarkt hieß und der Marktplatz der Neustädter war, vorbei am Kröpeliner Tor aus dem 13. Jahrhundert, eines der vier Stadttore von Rostock, läuft man nämlich zweimal. Viele Zuschauer verfolgen hier das Rennen.

 

 

Nach 7 km kommt man zum historischen Stadthafen an der Unterwarnow, der zur Zeit der Hanse große Bedeutung hatte. Dem Seehandel der DDR diente er als zentraler Umschlagplatz. Nach der Wende wurde er zur Flaniermeile umgewidmet, in die Lagerschuppen zogen Geschäfte, Kneipen, Restaurants und Theater ein. Der Hafen ist nur für mittlere Seeschiffe und  Flussschiffe befahrbar. In der Woche nach dem Marathon kommen zur Hanse Sail  über 300 Großsegler und Traditionsschiffe in den Stadthafen und nach Warnemünde.

 

 

Und zu mir kommt der Mann mit dem Hammer, wo noch 35 km zu laufen sind. Mir tut alles weh, der Kopf ist heiß. Heute werde ich das Ziel nicht erreichen, das ist schon mal klar. Die Frage ist nur, wo steige ich aus?

Vier Becher Wasser kippe ich in mich rein, bevor es über einen Steg an das nördliche Warnowufer und dort auf einem Rad- und Gehweg Richtung Gehlsdorf geht. Der Blick auf die Stadt und den Hafen ist herrlich, dunkle Wolken verheißen jedoch Unheil.

 

 

Ich muss mich ablenken und quatsche Cindy an. Sonst ist niemand in der Nähe. „Ich bin nicht gut drauf heute“, ist das erste, was sie mir mitzuteilen hat. Das passt ja. Dann können wir uns nachher die Taxikosten teilen.  Den Grund für mein Dilemma kenne ich. Jetzt will ich wissen, warum Cindy in der Krise steckt.

 

Cindy’s Story

 

Die heute 32jährige Berlinerin gilt als unsportlich, ehe sie einen Bekannten zum Marathon in ihrer Heimatstadt begleitet. Noch blöder als laufen findet sie, anderen dabei zuzusehen. Sie beschließt, im nächsten Jahr aktiv dabei zu sein und beginnt bei null mit dem Training. Sie schafft den Marathon und ist begeistert – von sich und dem Sport. Gleich sucht sie sich eine neue Herausforderung. Triathlon, ein Ironman, das wär’s. Wie’s geht, weiß sie ja: Ziele setzen und trainieren.

Am 10. Juli war es soweit, sie startet bei der Challenge Roth und kommt ins Ziel. Unglaublich. In 36 Monaten von der  Zuschauerin  zur Ironwoman.  Auch der Bekannte, dem Cindy seinerzeit beim Marathon zugejubelt hat, ist beeindruckt und will jetzt nachziehen. Cindy  will ihn wieder unterstützen, aber nicht an, sondern auf der Strecke. Aber zunächst hat sie noch mit den Nachwirkungen ihrer diesjährigen Premiere zu kämpfen.

 

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Impressionen

 

 

 

 

 

Während sie mir erzählt, mache ich ein paar Fotos, bestaune immer wieder den schönen Blick auf die Stadt, auf Schiffe und Häfen, habe Spaß mit Zuschauern und merke nicht, wie die Zeit vergeht und wie ich immer schneller werde. Cindy verkabelt sich wieder und lässt mich rennen.

Die Strecke ist flach, die Wege sind geteert, teils sind es Schotterpisten, aber sehr gut zu laufen. Wir sehen viel plattes Land, Wiesen und Getreidefelder. Manchmal kommt man auch durch eine Wohnsiedlung, wo die Anwohner bei jedem Läufer Bierflasche und Grillbesteck  zur Seite tun, um begeistert Beifall zu klatschen.

Die ersten Marathonis kommen mir entgegen. Es wird immer dunkler. Schon um 20.00 Uhr sind keine vernünftigen Fotos mehr möglich. Von irgendwo her hört man es donnern, dicke Tropfen fallen. „Mensch“, denke ich, „gerade rechtzeitig. Da vorne ist der Tunnel.“

 

Die Entscheidung

 

Der 790 m lange Warnowtunnel verbindet die beiden Ufer der Warnow und verkürzt die Zufahrt von der Autobahn aus Berlin zur Ostsee und nach Warnemünde. Pläne für eine solche Verbindung gab es schon lange. Aber erst 1994, nach einer Gesetzesnovelle, konnte mit der konkreten Planung der ersten privat finanzierten, gebauten und betriebenen Fahrstrecke in Deutschland begonnen werden. 3,20 Euro bezahlt man für einen PKW im Sommer. Heute ist eine Röhre für die Läufer reserviert.

 

 

Nassgeschwitzt und manchmal etwas leidend, aber sonst eher unauffällig, sehen die ersten Läufer aus, die mir im Tunnel entgegen kommen. Das ändert sich. Klatschnass rennen sie in den rettenden Tunnel, denn der Himmel hat innerhalb von Minuten sämtliche Schleusen geöffnet, es blitzt und donnert zum Fürchten. Seit meiner „Flucht nach Innsbruck“ habe ich sowas nicht mehr erlebt.

 

 

„Ich soll da raus? Nie im Leben!“ Ich stehe am Tunnelausgang, ziehe mir zwar meine Jacke über, bin aber nicht gewillt, mich freiwillig den Naturgewalten auszusetzen.

Was sind die Alternativen? Zurück? Und dann? Gibt es ein Shuttle in die Stadt? Nein, erfahre ich hinterher. Ein Läufer in signalfarbenem Hemd rennt nach kurzem Zögern weiter. Soll er doch. Ich gehe zur Seite, die entgegenkommenden Läufer spritzen mich nass. Dann aber, was ist das denn? Cindy kommt durch den Tunnel gedüst, erkennt mich aber  in meiner schwarzen Tarnkleidung nicht und rennt ohne auch nur das geringste erkennbare Zögern in oben kurz und unten dreiviertel in die Sintflut.

Will ich sie retten, oder mich nur nicht lumpen lassen? Egal, nichts wie hinterher. Es dauert nur einen Augenblick und ich bin nass bis auf die Haut. Damit sind alle Probleme gelöst. Ich kann mich wieder ums Wesentliche, das Laufen, kümmern. Das ist nicht einfach. Die Straße erscheint einem als geschlossene Wasserfläche, die aber unterschiedliche, nicht erkennbare Tiefen hat.  Auch das stört nach dem zweiten Eintauchen ins knöcheltiefe Wasser nicht mehr. Cindy sagt mir, dass das ihre einzigen Schuhe sind. Mit ihnen muss sie morgen nach Berlin.

 

IGA-Gelände und Breitling

 

Wir sind im IGA-Park, wo 2003 die Internationale Gartenausstellung stattfand. Der Park hat sich seither zu einem beliebten Naherholungsgebiet entwickelt, wo auch viele Veranstaltungen, z. B. open-air-Konzerte, stattfinden. 

Der Warnowmündung ist ein großer Naturhafen vorgelagert, der sogenannte Breitling. Im Süden liegt der Rostocker Seehafen, am nördlichen Ufer liegt der Hafen der Bundesmarine. Im Bereich des IGA-Geländes liegt das ehemalige 10.000-Tonnen-Frachtschiff „Dresden“ (jetzt Traditionsschiff Typ „Frieden“), das bereits 1970 zum  Schiffbau- und Schifffahrtsmuseum Rostock umgebaut wurde.

Von alledem sehen wir nichts. Wir müssen uns auf den Weg konzentrieren, denn auch die Markierungen, teilweise auf den Asphalt gemalt, sind überflutet und unsichtbar. Orientieren kann ich mich nicht mehr. So muss tauchen sein. „Hier her, hier seid ihr richtig“, hören wir es rufen. „Hier links, dann rechts“, lautet der weiter Hinweis. Wer von den Helfern keinen Unterstand findet, steht in seinem Regencape im Freien und friert wahrscheinlich erbärmlich. Bin ich da nicht gut bedient? Kalt ist mir jedenfalls nicht.

Hinter uns muss es Aussteiger geben, denn plötzlich haben wir motorisierte Begleitung, ein Privileg, das erfahrungsgemäß nur der Erste und Letzte genießt. Tatsächlich. „Ihr könnt zusammenpacken“,  sagt der Biker den Helfern, während wir an der Getränkestelle das stark mit Naturwasser verdünnte Iso runter würgen. „Das sind die Letzten.“

Zuerst ist die Ausleuchtung der Wege ganz angenehm, dann nervt es mich und ich gebe Gas. Schließlich weiß ich Cindy in guten Händen.  5 oder 6 Kilometer ist die Schleife, dann bin ich wieder im Tunnel.  Am anderen Ende herrscht schon Aufbruchstimmung. Der Regen hat nachgelassen, das Gewitter hat sich verzogen.  Wir laufen auf der schon bekannten Strecke zurück.

 

Gehlsdorf unter Wasser

 

Was sich wie ein abziehendes Gewitter anhört, ist ein herannahendes. Sofort ist es wieder am Schütten, Blitzen und Donnern.  Außer den tapferen Helfern ist kein Mensch mehr an der Strecke. Statt Grillparty im Freien gibt’s jetzt nen Krimi im Wohnzimmer. „Schaut mal, da kommt wieder einer“, höre ich jemand rufen. Gleich sind vier, fünf Köpfe am Fenster zu sehen. Ist so den Viechern im Zoo zumute?

Ich schaue nach, ob’s mein Fotoapparat überlebt hat. Er hat, km-Schild 11 ist der Beweis. Ich schließe zu Detlef auf. Zusammen können wir eine weitere Läuferin überholen. „Wie geht’s?“ „Na, ja!“ Mehr kann man bei den Bedingungen nicht verlangen.

In Gehlsdorf raten uns die Helfer, äußerst rechts zu laufen, es habe knietiefes Wasser. Verarschen kann ich mich selber. Die Straße sieht zwar aus, wie eine geschlossene Wasserfläche, aber das kenn ich doch schon. Außerdem ist hier ja alles flach. Ich halte mich trotzdem ganz rechts und etwas vorsichtig gehe ich auch. Nach dem Fußgängerweg geht’s über eine kleine Kreuzung und schwupp, reicht mir das Wasser nur dank meiner 190 cm Körpergröße nicht bis ans Knie.

An der Haltestelle steht Detlef und signalisiert, dass dort der Tauchgang endet. Ich stoße ein paar Flüche aus, bin mir aber spätestens jetzt im Klaren, dass ich an einem besonderen Ereignis teilhabe. Von der Dramatik, die sich hinter den Kulissen abgespielt, erfahre ich erst später. Um 21.00 Uhr rufen nämlich Polizei, Feuerwehr und Ordnungsamt zur Krisensitzung. Man will den Lauf abbrechen.  Die Feuerwehr wird zu Einsätzen gerufen und die Polizei fürchtet, den Straßenverkehr wegen überfluteter Straße und gehobener Gullydeckel auf die Marathonstrecke umleiten zu müssen. Wie aber die Leute von der Strecke zurück in die Stadt bringen?

Es gibt keine Alternative: The run must go on. Feuerwehr und Polizei werden abgezogen, die Streckensicherung obliegt weitgehend den Helfern. Und die sind gut drauf. „Heißen alle Mädels in Rostock Hella?“, frage ich ein Mädchen, wie alle in ein blaues Shirt mit der Aufschrift „hella“ gepackt.  Das Mädchen lacht und klärt den dummen Alten auf: „Das ist doch unser Sponsor! Von dem sind das Wasser und das Iso. Hier, trink!“

Der Blick auf die jetzt beleuchtete Stadt und den Hafen ist noch schöner als am Abend. Ist das jetzt das  dritte Gewitter oder noch das zweite, das gerade niedergeht? Sirenen heulen, Blitze zucken, lauter Donner ist zu hören. Der Weg liegt im Dunklen, gespenstisch und schön ist es.  Eine Frau kommt uns entgegen: „Ihr seid richtig, hier geht’s lang.“

Dann der Holzsteg, wir sind im Stadthafen. Wer die Wahl hat, hält sich drinnen auf. Es geht die Straße rauf zum Neuen Markt. Laufen? Ich kann nicht mehr. Ein Stück gehen, dann bin ich oben. „Eine kleine Runde um die Kirche noch“, ruft mir ein Helfer zu. Was ist eine kleine Runde? Es geht noch einmal in die Innenstadt und von dort endlich ins Ziel, wo sich liebe Menschen mit mir freuen.

 

 

Es ist ein Jammer. Der Neue Markt – fast menschenleer. Die Bühne – verwaist. Statt Bier und Bratwurst, Live-Musik und Stimmung gibt‘ den  nächsten Regenguss. Mir bleibt nichts anderes übrig, als wieder zu kommen. Dass der Marathon noch einmal derart ins Wasser fällt, ist ja eher unwahrscheinlich.

 

Informationen: hella marathon nacht rostock
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