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Laufberichte

Siegeszug der Hamburger

29.04.12
Autor: Joe Kelbel

Dann Notbremse. „Der Mißbrauch der Bremse ist strafbar!“ Jedes Jahr sitzt hier der Club der beleibten Kleingärtner. Trink Holsten und es dröhnt dir am Dollsten. Aber im  „Lumumba“, unter der fetten Sahnehaube,  glitzern die Eiswürfel.  Wie jedes Jahr ist ein Campingstuhl für mich frei. Mein Siegeszug als Hamburger beginnt mit Lumumba, dem nach dem kongolesischen  Freiheitskämpfer benannten Cocktail und ner Handvoll Erdnüsschen. Ich renne rüber, hole mir noch ein paar Erdnussflips, Tomaten und Gürkchen. Oh wie ist das schööön!

Km 29 Alsterdorf. Mit den Vera Filmwerken war hier in den 1920er Jahren das Hollywood Deutschlands. Besonders würde mich der Film „Der Mohr, die Liese und das Affenhaus“ interessieren. Das Affenhaus  ist in Ohlsdorf bei km 31 und wie immer absolut närrisch. Eigentlich besteht Ohlsdorf nur aus Friedhof. Rechts hinter dem Bahnhof dehnt er sich kilometerweit aus, der Hauptfriedhof. Wahrscheinlich  kommen deswegen hier so viele Menschen zusammen, weil einmal im Jahr eine Horde Quicklebendiger  durch das Ohlsdorfer Totenfeld prescht. Wobei ich mir jetzt  schon bei so manchen Mitstreitern Gedanken mache, ob die nicht auch schon längst friedhofreif sind -  vor allem bei denen, die sich schon hier massieren lassen. 

Überall bieten die Zuschauer Essen und Trinken an, gute Sachen! Die Hamburger lassen sich nicht lumpen.

Auch oben auf den Bahnhofsgleisen stehen Zuschauer. Die sind bestimmt nicht wegen irgendwelcher Staffelläufer, sondern wegen der geilen Stimmung hier. Es ist aber auch schon unglaublich klasse! Gerne laufe ich durch die Landschaft und über sonnige Berge und brülle mein „Mann, Mann, Mann ist das schööön hier!“ Aber was hier in Hamburg los ist, das  reisst mich jedesmal vom Hocker. Jede Marathonstadt hat eine besondere Stimmung, die hat Stil: da sitzen die Hanseaten an weissen Tischdecken!

Wir überqueren jetzt die Alster, es geht zurück in die Innenstadt. Ab jetzt wird gekämpft. Ich überhole hier wirklich jeden, bis… Vollbremsung. Am km 34-Schild, wo letztes Jahr noch die Jungfrauen standen, steht jetzt eine leere Bierflasche.

Die beste Musik macht ein behinderter Fan, der mich hinter seinem raumschiffartigen Mischpult stark an Stephen Hawking erinnert. Ich muss meinen Wahnsinnslauf unterbrechen und ihm für den noch nie gehörten Sound danken.

Km 36 Eppendorf. Der Eingang der U-Bahnstation Klosterstern ist noch mit „Hochbahn“  überschrieben. Die Hamburger Hochbahn AG, Teil der Hamburger Verkehrsbetriebe, war jahrelang an der Börse notiert. Ich notiere schon mal eine eine super Zielzeit, wo andere grenzenlos leiden und sich von VP zu VP schleppen.

Km 38 Harvestehude, früher Zylinderviertel genannt, weil reiche Bürger den Gutshof aufkauften um dort Häuser zu bauen. Pöseldorf gehört auch dazu. „Pöseln“ heisst soviel wie sinnlos im Garten rumstochern. Hier liegt einer sinnlos  auf der Laufstrecke, hält ein Nickerchen, während hilfreiche Hände seine Beine hochhalten, wohl um Restgel in sein Hirn zu leiten.

Km 39 Rotherbaum, schnurgerade  Streckenführung. Ich laufe wie im Siegesrausch. Ein Marathon wird auf den letzten 10 Kilometern und nicht mit Zuschauervotum entschieden. Oder ist es wirklich in Hamburg so, dass du Zuschauer das Thempo bestimmen? Es scheint so zu sein. Ich werde vom Jubel getragen und fühle mich superleicht, während leere Plastikbecher im Wind begeistert ein brausendes Grundklackern erzeugen.

Km 40:  Das Dammtor ist ein altes Stadttor, doch man versteht nur Bahnhof, dabei wäre  das alte Stadttor noch deutlich sichtbar, wenn man nicht gierig nach den Wasserbechern greifen würde. Davon sind reichlich vorhanden, in mehreren Stockwerken. Scheint so, als sei ich der erste Läufer, der ins Ziel kommt. Scheint nicht nur so, ist garantiert so! Vanman Jochen nennt mich „Marathon-Lauflegende“, dabei laufe ich so locker, als sei dies mein 3ter Marathon. Johann Spieker ist wirklich eine Lauflegende, aber sehr still.

Auf dem Gorch Fock Wall wird mein Lauf noch leichter. Ich bin absolut fit, denke, mein Endspurt wird live im Fernsehen übertragen, das Gebrüll der Zuschauer, die links und rechts von diesem blutroten Teppich stehen und  mich, den afrikanischer Langsstreckenläufer, nach vorne peitschen! Ich habe freies Lauffeld, die lahmen Staffelläufer stören mich nicht. Das ist mein Siegeszug, ein absolutes Hochgefühl. Einfach klasse.

Lockere 243 Minuten Party, tollste Stimmung,  Fotos geschossen und freudige Erinnerung gesammelt, dann dieser Empfang und diese Zielzeit. Hamburg ist schon einmalig, der Marathon hier macht riesig Spaß!

Aber dann erst der Siegeszug am Zielbuffet! Keine Plastiktüte mit nem Wasser und nem Apfel! REWE hat  mächtig aufgetischt! Anfangs zwar nur müde Krieger auf Biertischen, dann aber Berge von  Brezeltüten, Schokokeksen, Müslibarren, Weintrauben und saftigen Schnecken (gebackene, die mit Pudding gefüllten).

Ich bewundere die Läufer, denen es gelingt, mit brechend vollen  Armen und vier Bier haltend zum Duschzelt zu humpeln. Es gibt  immer wieder welche, die mehr können als ich. Für meinen Siegeszug heute reicht die Erinnerung und die Medaille. 

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Informationen: Haspa Marathon Hamburg
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