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Georgsmarienhütter Null: Nur aufgeschoben

10.12.11

Bereits im letzten Jahr hatte ich mir auf Empfehlung die Georgsmarienhütter Null als Jahresabschlusslauf ausgesucht. Doch wer sich daran erinnert, weiß, dass Regen, Eis und Schnee 2010 zu einigen Ausfällen renommierter Laufveranstaltungen führten.

Auch die Null hat es dabei erwischt. Zum ersten Mal bei der 47. Auflage mussten die Veranstalter die Runde am Teutoburger Wald absagen. So musste ich unverrichteter Dinge wieder abreisen. Der Entschluss, 2011 das Aufgeschobene nicht aufgehoben sein zu lassen, war aber bereits gefasst. Schließlich hatte dieser Lauf, der eigentlich nur von der Mundpropaganda lebt, eine unbezähmbare Neugier in mir geweckt. Ein Blick auf die Teilnehmerliste, die bereits einige Tage vor dem Start eine Teilnehmerzahl von weit über 200 aufwies, zeigt mir, dass ich damit längst nicht alleine bin. Die Meisten davon sind, wie ich auf dem Weg erfahren kann, als Wiederholungstäter unterwegs, zumal die fleißigen Teilnehmer mit gelben und roten Hemden geschmückt sind.

Ein Blick auf die Startseite verrät mir, dass ich wegen der verschobenen Teilnahme zu einer Premiere komme. Start und Ziel wurden in die Straße „Zur Waldbühne“ verlegt. Der Service, die Strecke über eine Bildergalerie kennen zu lernen, wie es bei der alten Streckenführung angeboten wurde, blieb mir dadurch verwehrt. Trotzdem, oder gerade deswegen, mache ich mich am Samstag mit Julia gespannt auf den Weg nach Georgsmarienhütte. Die „Stadt im Grünen“ liegt direkt südlich von Osnabrück und verdankt ihren Namen dem letzten König von Hannover. Im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurde sie als Industriestandort um ein Eisenwerk aufgebaut.

Am Start- und Zielbereich im Stadtteil Kloster Oesede kommen wir gegen 7.45 Uhr an. Schnell stelle ich fest, dass es sich hier nicht um einen gewöhnlichen Lauf handelt. Alles läuft ruhig und gemächlich ab. Startnummern werden nicht verteilt und nach der Entrichtung der Startgebühr kann es eigentlich sofort losgehen. Die Zeit steht bei diesem Lauf halt hinten an und man ist nicht darauf angewiesen, auf 8.30 Uhr zu warten, um in einer größeren Gruppe zu laufen. Gemeinsam mit Julia warte ich nur noch auf Detlef und Dieter, mit denen sie sich verabredet hat. So habe ich noch die Gelegenheit, Tom und Dirk zu begrüßen, mit denen ich auf meinen letzten Läufen zusammen auf der Strecke war. Dirk hat das Angebot des Veranstalters zur kostengünstigen Übernachtung genutzt und wirkt deutlich ausgeschlafener als ich, der bereits seit ein paar Stunden auf den Beinen ist.

Um kurz nach acht machen wir uns daran, die berühmteste Null Deutschlands läuferisch zu erkunden. Der Weg führt uns gleich an der Klosteranlage vorbei, die diesem Ortsteil seinen Namen gegeben hat. Die Klosterkirche ist einer der wenigen Sakralbauten, die noch ein Hagioskop haben. Die so genannte Lepraspalte ermöglichte es im Mittelalter den Ausgestoßenen von außen an den Messefeiern teilnehmen zu können. Da um diese Uhrzeit kein Lichtschein andeutet, dass wir diese Gelegenheit nutzen könnten, lassen wir die Kirche erst mal rechts liegen.

 
© marathon4you.de 15 Bilder

Als wir den Ort verlassen folgen wir der Null nach rechts. Wir laufen im Uhrzeigersinn, was für uns den Vorteil hat uns um diese Zeit im Dämmerlicht besser orientieren zu können, da hier die Strecke erst einmal durch Felder führt. Die gelb leuchtenden Blüten wecken trotz niedriger Temperaturen bereits die Hoffnung auf den Frühling. Wer hätte das Mitte Dezember schon vermutet.

Das gemütliche Tempo bietet reichlich Gelegenheit für einen gemütlichen Plausch. So erfahre ich schnell, dass Julia erst vor drei Wochen an einem Etappenrennen im Himalaya teilgenommen hat. Deshalb ist Karsten zu unserer kleinen Gruppe gestoßen. Er hatte sie nach einem ausführlichen Bericht über dieses Abenteuer in der hiesigen Lokalpresse sofort erkannt. Die Markierung beim Rennen im Himalaya war deutlicher als heute. Als wir das erste Waldstück erreichen nehmen wir bei der erstbesten Gelegenheit den falschen Abzweig. Unser Gequatsche lässt uns die Zeichen des Wanderweges aus den Augen verlieren. So bekommt unsere Runde schon jetzt ein paar Zusatzmeter. Vielleicht ist es aber auch so geplant gewesen, denn wie ich den Berichten der eingefleischten Nullen entnehmen kann, gehört ein kleiner Umweg fast schon dazu. Es hat eben schon seinen Vorteil, mit Veteranen unterwegs zu sein. Die passen freundlicherweise schon darauf auf, dass man sich als Frischling seine Meriten richtig verdient. Deshalb werde ich, als wir nach etwa 2 Stunden am Hermannsturm auf dem Dörenberg ankommen, darauf aufmerksam gemacht, dass als Neuling eine Turmbsteigung Pflicht ist.

 
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Zu sehen gibt es heute da oben zwar nichts, da sich der höchste Punkt der Strecke mit 331 Meter über NN, was sie Regel zu sein scheint, in Wolken hüllt. Trotzdem kontrollieren Karsten und ich das Nichts und nehmen das entsprechende Beweisfoto mit nach Hause. Nebenbei habe ich damit die zusätzlichen Bedingungen für einen echten Nuller erfüllt und muss die Strecke jetzt nur noch vollenden. Und das ist nicht immer ganz leicht. Die Tücken eines herbstlichen Wanderweges zeigen sich bereits beim nächsten Abstieg. Im Laub verborgene Steine mahnen zu Konzentration und Vorsicht. Damit die Konzentration nicht leidet, erwartet uns am Ortseingang von Hagen, ja das gibt es auch am Teutoburger Wald, bereits die zweite Verpflegungsstation. Gut gestärkt mit warmen Tee und frischem Obst, gereicht von freundlichen Helfern, ist die Konzentration auch schon wieder gefragt, denn die Wegzeichen sind auch in einer Ortschaft schnell zu übersehen. Wir finden den Einstieg zum nächsten Waldstück zum Glück problemlos.

Bis vor ein paar Jahren war man auf diesem Teilstück noch im tiefen dunklen Wald unterwegs. Aber auch hier war Kyrill 2007 am Werk (wo in Europa hat der eigentlich nicht gewütet?) und sorgt für neue Weitblicke. Die können wir jetzt auch genießen, denn inzwischen hat die Sonne die Wolken durchbrochen und schenkt uns ein kleinwenig Wärme. Hier überholen uns Dirk und Tom, die eine halbe Stunde nach uns gestartet sind. Da wir jetzt häufiger von hinten überholt werden, mittlerweile aber auch andere Teilnehmer überholen, wird es langsam eng auf der Null. Da ist es auch kein Wunder, dass es an der nächsten Verpflegungsstelle ein kleines Gedränge gibt. Vielleicht ist dies durchaus beabsichtigt, denn durch den längeren Aufenthalt nehme ich die Gelegenheit war, einen Blick auf Schloss Wulften zu werfen. Die 1147 erstmals urkundlich erwähnte hat eine illustre Anzahl an Bewohnern erlebt. Zu Beginn ihrer Laufbahn bot sie sogar Raubrittern Unterschlupf, die den Osnabrückern viel Kopfzerbrechen bereiteten. Vor diesem Hintergrund ist es schon erstaunlich, dass die Burg früher einer der wenigen Rittersitze im Osnabrücker Land mit hoher Gerichtsbarkeit war.

 
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Für mehr als einen Blick reicht es dann aber doch nicht. Die Null möchte schließlich bewältigt werden. Zu Pferde wäre das sicher einfacher und schneller. Eine Pferderennbahn, die Nahner Waldbahn, erinnert mich daran, dass das hier, wo das Münsterland nicht fern ist, eine plausible Alternative der Fortbewegung wäre. Da ich das Reiten bisher aber nicht gelernt habe, bin ich lieber weiter auf Schusters Rappen unterwegs.

Die nächsten Kilometer führen uns zur Brücke über die B 51. Sie führen durch eine prachtvolle Allee und entschädigen uns bereits jetzt für den anstehenden Ausblick auf die Blechlawine auf der Bundesstraße. Bei so einer großen Runde lassen sich kleinere Abschnitte entlang einer viel befahrenen Straße halt nicht vermeiden. Zu meiner Erleichterung halten sie sich aber in überschaubarem Rahmen und schnell hat die Natur mich wieder.

Die fehlenden Kilometerangaben lassen die zurückgelegte Strecke schwer abschätzen. Selbst eine alte Angabe 35 hilft nur bedingt weiter, weiß ich doch, dass sich die Streckenführung in den letzten Jahren leicht verändert hat. Weil heute der Weg das Ziel bedeutet, lässt mich das tolle Herbstwetter auch die letzten, egal wie viele, Kilometer noch in vollen Zügen genießen. Die nächste Verpflegungsstelle lockt mit einem Negerkuss. Hier muss man sich schon etwas besonderes Einfallen lassen, um die Läufer zu einem längeren Verweilen zu überreden, schließlich weht ein frischer Wind. Also, schnell wieder runter von diesem Hügel und hinein in den Windschatten.

Immer noch hat sich die Null einige der insgesamt 822 Höhenmeter für uns aufgespart. Gerd erklärt mir auf Nachfrage, dass ich mich noch auf weitere 12 Kilometer freuen darf, da haben wir nach Trampelpfaden, einigen Straßen und den nächsten Häusern bereits wieder eine Verpflegungsstelle erreicht. Zu meiner Überraschung erwarten mich hier bereits die freundlichen Helfer aus Hagen. Nicht nur die Läufer geben heute wirklich alles. Zu meinem Bedauern erfahre ich, dass jetzt schon etwa 44 Kilometer hinter mir liegen. Da habe ich die alte Eiche, die früher einmal die Vollendung der Marathonstrecke angezeigt hat verpasst. Kilometer 45 ist dafür jetzt ganz genau zu erkennen. Eine neue Bank ziert diesen Punkt und bietet einen Ausblick auf die letzten Kilometer.

 
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Zurück geht es durch Felder zum Kloster Oesede. Da kann ja nichts mehr passieren. Um die Null rund zu machen, führt der Weg am ersten Ortsschild leider nicht direkt zum Ziel. Eine kurze Waldpassage lenkt uns zum richtigen Ortseingang zurück. Es dauert nicht lange, da kann ich die Straße zum Ziel bereits erblicken. Die Läufer, die ich an dort erspähen kann, haben bereits die Hälfte der Gerade bewältigt. Das bedeutet für mich, dass ich erst noch einen letzten Schlenker durch den Wald laufen muss, um an den Anfang der Gerade zu kommen. Eine letzte Gelegenheit, den weichen Waldboden unter meinen Füßen zu spüren. Nach Vollendung der Null bleiben die letzten Meter der Strecke den Bürgersteigen vorbehalten.

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Bevor es in die Halle zurückgeht, steht erst noch ein letztes Ritual bevor. Ein freundlicher Helfer leitet uns über den Hintereingang. Hier befindet sich die Putzstelle für die Schuhe und ich kann hier die letzten Stücke Lehm der Null von der Sohle waschen. Bei den Wetterbedingungen im letzten Dezember wären hier sicher Berge gelandet. Heute war Petrus sehr gnädig und die Schuhe sind schnell sauber. So kann ich zügig mein wohl verdientes Zertifikat als offizieller Nuller entgegen nehmen. Ich bin froh, diesen Lauf nur aufgeschoben zu haben.

 


 

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