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Laufberichte

12 uurs estafette, Den Haag/NL

16.06.07

"Kalte Dusche"  machte mehreren Läufern einen Strich durch ihre Rechnung

 

Die "12 uurs estafette" von Haag Atletiek, die in diesem Jahr zum 18. Mal durchgeführt wurde, hat - wie so manch anderer Ultralauf in den Niederlanden und wie auch die beibehaltene Erstbenennung dieser Veranstaltung besagt - ihren Ursprung in einem reinen Staffellauf-Wettbewerb ("estafette" = "Staffel"). Dieser sollte zu einem "recreatief evenement" (wörtliche Übersetzung: "Erholungs-Ereignis") werden. Das besonders gesellige und bunte Spektakel wird jeweils am 3. Samstag im Juni durchgeführt, weil man sich hierdurch in der Nähe des längsten Tages im Ablauf eines Kalenderjahres befindet.

 

Nachdem sich ergeben hatte, dass Einzelläufer als "1-Mann-Staffeln" teilnehmen wollten, und das Ultralanglaufen in den Niederlanden immer populärer geworden war, schrieb man seit dem Jahr 1988 auch einen 12-Stunden-Lauf für "Sololäufer/innen" aus. Ab dem Jahr 2000 wurde zusätzlich noch ein 6-Stunden-Lauf für Einzelläufer/innen in die Veranstaltung integriert. Und da sich gegen Ende einer 12-stündigen Laufzeit das Teilnehmer/innenfeld üblicherweise etwas "ausdünnt", hat man in den letzten Jahren zur auffrischenden Belebung des Ganzen noch einen 6-Stunden-Staffel-Wettkampf, der um 15.00 Uhr gestartet wird und gemeinsam mit den "12-Stunden-Kategorien" um 21.00 Uhr endet, ins Veranstaltungsprogramm aufgenommen. Mithin umfasst das Wettkampfangebot derzeit folgende Wettbewerbe:

 

- 12-Stunden-Staffel für Teams von maximal 6 Personen oder 6 Frauen (Start um 9.00 Uhr)
- 12-Stunden-Lauf für Männer und Frauen (Start um 9.00 Uhr)
- 6-Stunden-Lauf für Männer und Frauen (Start um 9.00 Uhr)
- 6-Stunden-Lauf für Männer und Frauen (Start um 11.00 Uhr)
- 6-Stunden-Staffel für Teams von maximal 4 Personen oder 4 Fitwalkers [Leistungsmarschierer] (Start um 15.00 Uhr)

 

 
Startaufstellung
© marathon4you.de 2 Bilder

Gelaufen wird auf einem nach offizieller Jones-Counter-Vermessung 1.858 m langen Parcours, von dem ein großer Teil im Schatten von Waldbäumen und je nach Sonnenstand wechselnd auch von Alleebäumen liegt. Die Strecke besteht aus einer Runde auf der Kunststoffbahn im Stadion an der "Laan van Poot" und einer Außenumrundung des gesamten großflächigen Sportgeländes.

 

Der für mich schönste Streckenabschnitt ist ein unmittelbar hinter der Sportanlage verlaufender Querweg, der am unteren Bereich einer bewaldeten Düne entlangführt. Allerdings ist zu dessen Beginn ein "klimmetje" (eine kleine Steigung) zu bewältigen, und zudem weist die Asphaltierung dieses Spazierweges seit ein paar Jahren Baumwurzelaufbruchschäden und damit einige Unebenheiten auf. Im Grunde genommen ist fast der gesamte Kurs (eine Ausnahme bilden lediglich die 400 m auf der Kunststoffbahn, die für plastermüde werdende Füße und sich verspannende Achillessehnen eine wohltuende Erholungsphase darstellen) "verhard" ("verhärtet"), wobei Asphalt als Belag vorherrscht.

 

 
Ineke Scheffer, die Drittplatzierte der 12h-Damenwertung, am "klimmetje"
© marathon4you.de 3 Bilder

Im Übrigen ist es gestattet, vom Freitag zum Samstag (in der Nacht zum Wettkampftag also) sowie vom Samstag zum Sonntag (nach einer eventuell langen Nacht des Feierns im Anschluss an den beendeten Wettkampf) in mitgebrachten Zelten oder Wohnmobilen/Wohnwagen innerhalb der von einem Wassergraben umgebenen Sportanlage zu übernachten. Zudem stehen auch einige Schlafplätze im Kraftraum des vom Freitag bis Sonntag durchgehend geöffneten Umkleide- und Duschgebäudes von Haag Atletiek zur Verfügung.

 

Besonders geeignet ist die Veranstaltung für Begleitpersonen, deren Anteilnahme an der Laufbesessenheit des Partners nicht dafür ausreicht, 6 oder gar 12 Stunden im Stadion oder am Streckenrand zu verbringen. Es besteht nämlich die Möglichkeit, nach einem ca. 10-minutigen Fußmarsch durch Dünen oder über solche hinweg zu einem herrlichen Sandstrand zu gelangen. Dieser erstreckt sich, so weit das Auge reicht. Dort kann man dann bei Schönwetter mit oder ohne Textilien im Meer baden und/oder sich gemeinsam mit zigtausend anderen Menschen von der Sonne "grillen lassen".

 

Bei meinem ersten Start in Den Haag am 21.06.2003 und bei meinen beiden nachfolgenden Teilnahmen am 18.06.2005 und 17.06.2006 herrschte jeweils prächtiges "Kaiserwetter". Dass diese Serie wolkenlosen Himmels zu Ende gehen würde, war aufgrund der im unmittelbaren Vorfeld meiner diesmaligen Reise nach Den Haag im Internet zu lesenden Wettervorhersagen zu erwarten.

 

Bei unserer Ankunft am Veranstaltungsort gegen 9.30 Uhr (meine Ehefrau begleitete mich auf diesem Wettkampftrip) und in den 1½ Stunden vor meinem Start (11.00 Uhr) war das Wetter noch schön. Während meiner ersten 4 Laufstunden ergab sich dann ein Wechsel zwischen längeren Phasen mit weitgehend geschlossener grauer Bewölkung (nicht unfreundlich, angenehm kühl, gute Laufbedingungen) und kürzeren Phasen mit weit aufgerissener Bewölkung sowie strahlendem Sonnenschein (dabei ziemlich warm, sodass ich mich gezwungen sah, nach jeder Runde einen Wasserschwamm über meinem Kopf und Oberkörper auszudrücken).

 

Gegen 15.00 Uhr verdichtete sich leicht angegraute lockere Bewölkung, die harmlos ausgesehen hatte, in ganz kurzer Zeit zu einer intensivgrauen Wolkenwand. Bald darauf war der Himmel völlig zugezogen, und etwa 1¼ Stunde lang prasselte ein zum Teil recht heftiger Gewitterregen danieder, der auch zeitweise kleine Graupelkörnchen enthielt. Diese Schlechtwetterphase, die die Internetwettervorhersagen für weiter im Landesinneren der Niederlande gelegene Städte, nicht aber für Den Haag prophezeit hatten, führte zu einer spürbaren Abkühlung von ca. 20 auf ca. 14 Grad Celsius, die sich aufgrund des Durchnässtseins noch gravierender bemerkbar machte. Die restliche ¾ Stunde meiner Laufzeit war dann wieder von freundlicher Witterung geprägt, und für den Rest des Tages blieb das Wetter endgültig schön.

 

 
Jannet Lange, die zweitplatzierte Frau im 12h-Lauf, kehrt ins Stadion zurück
© marathon4you.de 2 Bilder

Mehreren Läufern, vor allem solchen, die sich im 12-Stunden-Lauf einiges vorgenommen und bis dahin auf vorderen Positionen gelegen hatten, machte die "lange kalte Dusche" einen heftigen Strich durch ihre Rechnung. Verspannungen der Oberschenkel- oder Wadenmuskulatur wurden beklagt, und da man in der "höherwertigen Preisklasse" das Risiko einer länger währenden Verletzung verständlicherweise nicht eingehen möchte, beendete so mancher Sieganwärter seinen Wettkampf sicherheitshalber vorzeitig.

 

Zwar war mir aufgrund meiner früheren Starts in Den Haag bewusst, dass der Fall wohl nie eintreten würde, dass ich dort einmal der einzige deutsche Teilnehmer sein würde. Als ich aber gegen 9.30 Uhr das Veranstaltungsgelände betrat und dort an einem PKW mit Herner Kfz-Kennzeichen vorbeikam, waren meine Überraschung und Freude dennoch recht groß. Es handelte sich nämlich um Martin Wagner, der bereits im Jahr 2003, als ich erstmals in Den Haag 6 Stunden gelaufen war, den 12-Stunden-Lauf bestritten hatte.

 

Martin, den seine berufliche Auslastung nicht so oft laufen lässt, wie er dies gerne täte, wirkte aber durchaus nicht so, als ob er ein Trainingsdefizit habe. Im Gegenteil, er war einer der wenigen, die stets hellwach und unverkrampft agierten, und erweckte den Eindruck, als ob er mühelos das Doppelte der von ihm gewählten Wettkampfdauer bewältigen könnte. Sein Endergebnis von 109.252 m war dann ja auch "allererste Sahne" und brachte ihm Rang 4 in der Männerwertung des 12-Stunden-Laufes.

 

Ich selbst war während der ersten 4 Stunden meiner insgesamt 6-stündigen Laufzeit guter Dinge, deuteten doch meine Rundenzeiten auf eine sichere 46-km-Endleistung und damit auf eine neue JBL hin. Gegen Anfang meiner 5. Laufstunde passierte es jedoch. An einem scharfen Rechtsknick des Kurses verspürte ich plötzlich - genauso, wie 4 Wochen zuvor in Apeldoorn - einen heftigen Stich im Bereich meines rechten Hüftgelenkes. Ein Weiterlaufen in der bisherigen Form war nicht mehr möglich.

 

Nachdem ich mich aber mit meinem Handicap einigermaßen arrangiert hatte, hoffte ich, zumindest ein Ergebnis "deutlich größer als 45 km" zu schaffen. Doch auch dieses sollte mir an jenem Tag nicht vergönnt sein. Denn etwa eine Stunde vor Ablauf der sechsstündigen Wettkampfdauer verspürte ich - vermutlich als Folge eines einstündigen Entlastungsverhaltens - urplötzlich eine sehr ernst zu nehmende Unstimmigkeit in jenem Bereich meines linken Unterschenkels, in dem die Wadenmuskulatur in die Achillessehne übergeht.

Nun galt es nur noch, möglichst ohne weiteren Schaden über noch 4 Runden hinwegzukommen. Dies gelang mir zwar, aber mein übliches Zulegen in den Schlussrunden ließ sich diesmal natürlich nicht praktizieren.

 

Letztlich war ich froh, überhaupt durchgekommen zu sein, und so gab ich mich mit meinem 44.852-m-Resultat dann schließlich auch zufrieden. Das angenehme zu tragende Funktions-T-Shirt, das man gemeinsam mit den Startunterlagen ausgehändigt bekam, und das mit einem individuellen Lauffoto versehene "Certificaat", das im Rahmen einer Siegerehrung überreicht wurde, hatte ich mir jedenfalls redlich verdient.

 

Ergebnisse:

 

12-Stunden-Lauf der Frauen (3 Starterinnen):

1. Ria Buiten - NL - 115.207 m
2. Jannet Lange - NL - 109.341 m
3. Ineke Scheffer - Leens/NL - 93.773 m

 

12-Stunden-Lauf der Männer (16 Starter):

1. Erwin van Diemen - NL - 117.988 m
2. Ton Aker - AV Haarlemmermeer/NL - 115.425 m
3. Tom Keij - Arnhem/NL - 109.489 m

 

6-Stunden-Lauf der Frauen (6 Starterinnen):

1. Lydia Doornbos-Kremer - Bedum/NL - 59.205 m
2. Corrie Bouwmeester - Maassluis/NL - 50.865 m
3. Anita Touw - Barendrecht/NL - 47.026 m

 

6-Stunden-Lauf der Männer (39 Starter):

1. Leon Nillessen - Groesbeek/NL - 72.555 m
2. Bram van der Bijl - Halfweg/NL - 67.583 m
3. Erwin Tareilus - Vlaardingen/NL - 67.493 m

 

Besonders schön waren wiederum das entspannte bunte Treiben nach vollbrachter sportlicher Leistung der zahlreichen Teilnehmer/innen an den Staffelläufen samt Betreuungs- und Begleitpersonal, die Siegerehrungen auf der Terrasse des Vereinsheims von Haag Atletiek und das dortige gesellige Zusammensitzen mit netten Sportkameraden.

 

Meine Frau und ich hatten auch in diesem Jahr wieder die Absicht gehabt, auf der Sportanlage campierend zu übernachten und erst am folgenden Tag auf Umwegen und mit Besichtigungsunterbrechungen die Heimreise durchzuführen. Noch zu gut waren uns die Sightseeingtouren vergangener Jahre in Erinnerung, wo wir den Badeort Scheveningen und so herrliche historische Städte wie Gouda, Delft, Maassluis, Brielle, Hellevoetsluis, Zierikzee und Bergen op Zoom ausgesucht hatten.

 

Da meine Frau wusste, wie sehr ich mich auf diese Laufveranstaltung und die geplanten Stadtbesichtigungen von Middelburg, Vlissingen und Goes gefreut hatte, verschwieg sie mir in der Hoffnung, es würde ihr im Verlauf unseres Aufenthaltes in Den Haag wieder besser gehen, dass sie kränkelte. Nach unserer Ankunft am Veranstaltungsort war aber selbst einem wie mir nicht entgangen, dass es meiner Frau, die sich bei Unpässlichkeit nicht so schnell etwas anmerken lässt, nicht besonders gut ging. Ich versicherte meiner Frau, noch am Wettkampftag die Heimfahrt anzutreten, was wir exakt um 22.00 Uhr dann auch in die Tat umsetzten.

 

Eigentlich liebe ich alle die von mir in jährlicher Wiederkehr aufgesuchten 6-Stunden-Lauf-Veranstaltungen in den Niederlanden. Wenn ich jedoch beurteilen müsste, welche die schönste ist, käme die von Den Haag in die allerengste Wahl. Und dies liegt nicht nur daran, dass man am Stadionzugang als Hinein- oder Hinauslaufender von fetziger Stimmungsmusik und zwei stündlich ihre Verkleidung wechselnden Clowns begrüßt oder verabschiedet wird. Es sind vor allem das schön gelegene Sportgelände, die ganz besondere Veranstaltungsatmosphäre und die bemerkenswerte Gastfreundschaft des Veranstalterteams als Gründe zu nennen, weshalb die Teilnahme an einem der Wettbewerbe in Den Haag (in meinem Falle ist dies stets der um 11.00 Uhr gestartete 6-Stunden-Lauf) zu einem unvergesslichen Erlebnis im Sinne der ursprünglichen Idee "recreatief evenement" wird.

 


 

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