Ich bin Dietmar sehr oft begegnet. Dabei hatte er mir auch das eine oder andere Mal von sich erzählt. Immer nur, weil ich neugierig war – von sich aus tat er es nie. Er war ein zutiefst bescheidener Mensch, dessen Wirken viel lauter sprach als seine Worte.
Erst als 29-Jähriger fing er mit dem Laufen an. Das Ziel war damals klar: Marathon. Doch die Erfüllung seines Traums wurde zunächst zum Albtraum. Noch unter der Dusche schwor der frischgebackene Marathon-Finisher am 26. Mai 1991 in Hamburg: „Nie mehr so einen Wahnsinn!“ Man kennt das. Es gibt in solchen Momenten zwei Möglichkeiten: Entweder man belässt es bei diesem einen Mal, oder man legt nach – dann aber meist so richtig. Auch Dietmar Mücke entschied sich nach kurzer Bedenkzeit für die zweite Variante. Trotzdem verlief sein weiteres Läuferleben so ganz anders als das der meisten anderen.
Im Jahr 1996 war seine Tochter Bettina im Kindergarten, und die Einrichtung steckte in großen finanziellen Schwierigkeiten. Spontan entschloss sich Dietmar zu helfen. Er erinnerte sich an einen Freund, der im Nachbardorf einen Benefizlauf organisiert und damit Geld gesammelt hatte. Wie man so etwas aufbaut, wusste er damals überhaupt nicht. Er hatte zudem ein großes Problem damit, „Leute anzubetteln“. Trotzdem zog er sein Vorhaben mutig durch und sammelte eine für unmöglich gehaltene Summe von 15.000 DM an Spenden ein. Es war die Geburtsstunde seiner Berufung.
Im Sommer 1999 beobachtete Dietmar seine Kinder beim Spielen. Sie waren barfuß und rannten von der Wiese direkt auf einen geschotterten Weg. Obwohl es bestimmt wehtat und sie schrille Schreie ausstießen, liefen und hüpften sie einfach weiter – es schien ihnen sogar richtig Spaß zu machen. Dietmar erinnerte sich in diesem Moment an seine eigene Kindheit. Barfußlaufen war damals völlig normal gewesen; er hatte es sich über die Jahre nur abgewöhnt. Spontan zog er seine Schuhe aus und tat es seinen Kindern gleich. Seither lief er barfuß. „Ich holte mir ein kleines Stück Kindheit und ein großes Stück Freiheit zurück“, sagte er.
Inspiriert von Michel, einem Spaßläufer aus Frankreich, erkannte Dietmar, dass das Publikum an Läufern in lustiger Verkleidung eine riesige Freude hatte. Ihm wurde klar, dass er im Kostüm viel mehr Aufmerksamkeit bekam. Und Dietmar wollte Freude bereiten – vor allem aber brauchte er diese Aufmerksamkeit, um seine Spendenaktionen für schwerkranke und bedürftige Kinder voranzutreiben.
So wurde er zu unserem „Pumuckl“. Als barfüßiger Kobold im gelb-roten Kostüm wurde er zum absoluten Unikat der Laufszene und zum Pionier des Barfußlaufens. Ob beim Marathon, bei extremen Ultraläufen oder 24-Stunden-Rennen – Dietmar lief tausende Kilometer ohne Schuhe, aber immer mit einem unerschöpflichen Herzen. Er sammelte unzählige Spenden, schenkte schwerkranken Kindern Hoffnung und brachte eine unvergleichliche Leichtigkeit in den anstrengenden Sport. Er lief nie für den eigenen Ruhm, sondern immer für die, die es selbst nicht mehr konnten.
Nun hat Dietmar seine Augen für immer geschlossen. Uns bleibt die Erinnerung an einen außergewöhnlich herzlichen, hilfsbereiten Menschen und eine inspirierende Lebensleistung. In unseren Gedanken läuft er da oben weiter – über himmlische Pfade, mit einem Lächeln im Gesicht und garantiert barfuß. Danke, Dietmar.
Danke für jeden Kilometer, den ich mit Dir laufen durfte. Unvergesslich ist für mich der 21. März 2010, als beim Marathon in Rom Bikila Abebe gedacht wurde, der 50 Jahre zuvor barfuß den Olympia-Marathon gewann. Wir liefen die gesamte Strecke zusammen, er barfuß, ich in Schuhen. Du wirst dieser Welt fehlen, Dietmar.
Laufbericht vom Marathon in Rom 2010