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Laufberichte

Vienna calling

 

 

Nach gut 15 km erreichen wir eines der absoluten Glanzlichter des an Highlights wirklich nicht armen österreichischen Laufsport-Events Nummer eins: Das Schloss Schönbrunn, das sich linkerhand in seiner ganzen Pracht entfaltet. Es ist das größte Schloss und eines der bedeutendsten und meistbesuchten Kulturgüter Österreichs, hat einen etwa 160 ha großen Park – durch den wir leider nicht laufen - und ist seit 1996 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Der barocke Palast war von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkrieges die Sommerresidenz des österreichischen Kaiserhauses. Das Schloss war in dieser Zeit fast durchgehend von einem mehrere hundert Personen umfassenden Hofstaat bewohnt und wurde zu einem kulturellen und politischen Mittelpunkt des Habsburgerreiches. Eine Hauptattraktion im Schlosspark ist der älteste noch bestehende Zoo der Welt, der 16 ha große Tiergarten Schönbrunn. Die 16 hat hier für uns doppelte Bedeutung, denn exakt am Portal liegt km 16, und an dem biegen wir rechts quasi auf den Rückweg der 9 km-Schleife (von 11 bis 20) ab.  Leider verlassen wir damit auch den Wienfluss.

 

 

Die anfangs eher unspektakuläre Maria-Hilf-Straße trägt uns, vorbei an vielen Geschäften und dem futuristischen Neubau Wiener Westbahnhof die nächsten vier km bis zu km 20, an dem wir erneut (und parallel versetzt zum späteren Zieleinlauf) abbiegen. Hier trennen wir uns von den Halblingen und schon wird es deutlich ruhiger. Aber nicht für alle, wie die „Österreich“ am Folgetag berichtet: „Verwirrte Lady bog falsch ab. Kuriose Szene: Fantu Jimma (ETH) und Susan Jeptoo biegen irrtümlich Richtung Halbmarathonziel ab. Jimma weiß nicht, was sie mit dem Halbmarathon-Zielband anfangen soll. Jeptoo kämpft sich auf die Strecke zurück und wird Zehnte.“

Wie kann so etwas passieren? Ganz einfach, indem die Streckenteilung leider nicht idiotensicher ausgeschildert und von kundigen Streckenposten gesichert ist. Bitter für die Mädels. Sie laufen auf Anschlag und sind daher nicht so konzentriert. Mir geht es fast genauso, als ich mehr mit der Kamera hantiere statt auf die Strecke zu achten.

An der Rückseite des schönen neogotischen Rathauses (Sitz der Stadt- und Landesspitze) und dem Sigmund-Freud-Platz vorbei, überqueren wir auf der Friedensbrücke den von den Anfangs-km bekannten Donaukanal. Damit hat uns das Wasser für die nächsten zweieinhalb km wieder und ich erinnere mich mit Freude an die tolle Strecke in Ulm/Neu-Ulm, das nicht umsonst auch an der Donau liegt. Auf der Asperbrücke hatte uns der km 9 über den Donaukanal gebracht, jetzt biegen wir an ihr, wieder am Tegethoff-Denkmal vorbei, auf die Praterstraße ein.

 

 

Der Prater. Wer Wien erwähnt, hat davon zumindest schon mal gehört, auf jeden Fall vom Riesenrad. Wer jetzt allerdings dessen Vergnügungsteil, den Wurstelprater, mit dem Prater insgesamt gleichsetzt, liegt damit verkehrt. Er ist ein sehr weitläufiges, etwa 6 km² umfassendes, meist öffentliches Areal, das noch heute zu großen Teilen aus ursprünglich von der Donau geprägten Auelandschaften besteht. Im letzten Krieg schwer zerstört, ist der Prater heute ein beliebtes Ausflugs- und Erholungsgebiet. Über ihn verstreut befindet sich eine sehr große Anzahl von Sportanlagen. Leider wurde sein Grünareal im Laufe der Zeit an vielen Stellen verkleinert, eine Entwicklung, die noch heute unvermindert anhält. Z. B. wurde die heute meistfrequentierte Autobahn Österreichs über einen zuvor besonders stillen Teil des Grünen Praters geführt.

Am Praterstern, den wir nach gut 27 km erneut erreichen, befinden wir uns wieder auf der 4,4 km langen schnurgeraden Prater Hauptallee, die wir ganz zu Anfang des Laufs schon einmal zur Hälfte bewundern durften. Sie führt vom Praterstern zum Lusthaus und entstand 1538 durch Rodungen im Auwald, um eine Verbindung zwischen dem Palais Augarten und dem kaiserlichen Jagdgebiet im Prater herzustellen. Sie besteht aus der Hauptfahrbahn und beidseitigen Reitwegen und Fußgängerpromenaden. Dazwischen wurden mehrreihig Kastanienbäume gepflanzt. Die Burschengruppe, die dort mit mobilem Verstärker steht und jede Menge Alarm verbreitet, bietet ihr Gösser-Bier aus Dosen so nachhaltig an, dass ich diese zusätzliche Verpflegung gerne mitnehme.

Der 30. Km führt uns in einer kleinen Zusatzschleife mit Begegnungsverkehr zum stadteigenen Ernst-Happel-Stadion, dem früheren Praterstadion. Das Fußballstadion mit Leichtathletikanlage fasst 50.865 Zuschauer, in ihm finden die Heimspiele der österreichischen Fußballnationalmannschaft und Europacup-Spiele der Wiener Clubs statt. Mein Hamburger Kollege Michael, ein leidgeprüfter, glühender und von uns ob der in den vergangenen Jahren sehr überschaubaren Leistungen seines Lieblings-Klubs gerne verspotteter HSV-Anhänger hätte jetzt Tränen der Rührung in den Augen. Unter dem gebürtigen Wiener Ernst Happel, dem Grantler, wie er gerne genannt wurde, hatte nämlich den HSV mit dem Gewinn deutscher Meisterschaften, DFB-Pokal und Pokal der Landesmeister zuletzt in den siebziger und achtziger Jahren Ruhm und Ehre einheimsen können. Lange ist's her.
So langsam muss ich dann ein wenig zu beißen anfangen, da fällt mir Falco wieder ein:

„Hello, Vienna calling
Hello, hello, Vienna calling...
Vienna calling
Two, one, zero - Der Alarm ist rot
Wien in Not - Cha, Cha, Cha
Vienna calling, Vienna calling.”

Zurück auf der Prater Hauptallee führt uns der Weg bis zu dessen Ende, wo wir das stark kriegszerstörte und im ursprünglichen Stil als Jagdhaus wiedererrichtete Lusthaus umrunden. Die zwei Mädels vom Koblenzer Meddys Lauf- und Walkingtreff staunen, als ich mich Ihnen als Anführer der lautstarken Großgruppe unseres Lauftreffs bei deren Lauf Rund um die Sporthalle Oberwerth oute. Ja, natürlich sind wir mit dem neuen Laufkurs auch in diesem Jahr wieder dabei! Wo sonst hat man bei einem 5 km-Lauf einen Einlauf in die Halle auf roten Teppich?

 

 

Zweieinhalb km weiter sind wir erneut auf Höhe des Stadions und verlassen die Hauptallee. Die folgenden km 35 bis 39 sind identisch mit den km 5 bis 9 und verlaufen zum großen Teil wieder am Donaukanal, an dessen Ende wir das Zollamt und erneut den Glaspalast Bahnhof Wien Mitte streifen. Der 40. ist wieder identisch mit dem 10. und dann ist es noch ein guter km. Aber was für einer! An der Staatsoper dürfen wir dieses Mal geradeaus laufen. Schlapp lachen wir uns auf Höhe des ÖAMTC-Hauptquartiers, weil deren Werbebogen die Luft ausgegangen ist und ein paar Helferinnen ihn gerade so hoch halten, dass wir noch herunter durchschlüpfen können. Und auch unsere Frauschaft ist ein letztes Mal dabei, uns „mündlich“ übertragene Anfeuerung zukommen zu lassen.

Vorbei am Burggarten, dem ehemaligen kaiserlichen Privatgarten mit sehenswertem Palmenhaus, und diversen Museen streifen wir nur – jetzt kommen mir aber echt die Tränen! – den Heldenplatz. Das tut mir jetzt wirklich weh! Denn dort wäre ich (wenn es die auch nur im Ansatz interessiert hätte) unter den Augen des Bundespräsidenten (Hofburg) und des Bundeskanzlers (Ballhausplatz) als echter Held eingelaufen. Quasi gleichgestellt mit den namengebenden beiden Reiterdenkmälern, die beide zur militärischen Glorifizierung der Dynastie dienten. Wer zu spät kommt…

 

 

Dafür nimmt die Zahl der Zuschauer wieder deutlich zu, wie wir es von großen Stadtmarathons auf den letzten 1 bis 2 km kennen. Die angekündigte Zahl von 1 Million kann ich allerdings auch bei bestem Willen nicht bestätigen. Wenn man von dieser Zahl eine Null streicht, kommt man der Realität sicher näher.

Für den Verlust des Heldenplatzes entschädigt werden wir auf den letzten Metern mit dem Parlamentsgebäude zur Linken, dem Volksgarten zur Rechten, dem Rathaus zur Linken und final dem Burgtheater zur Rechten. Dieses tolle Bauwerk ist übrigens namensgebend für die diesjährige Ausgabe („Theater der Emotionen“). Noch zweihundert Meter auf rotem Teppich, dann laufen Klaus und ich mit gemeinsam hochgerissenen Armen voll emotional über die Ziellinie. Geschafft!

 

 

Also, Heldenplatz hin oder her: Das Ambiente vor dem zweitältesten europäischen sowie größten deutschsprachigen Sprechtheater, das als eine der bedeutendsten Bühnen Europas gilt, ist bestimmt nicht schlechter als früher am Heldenplatz.
Wirklich hervorragend sind sowohl Nachversorgung als auch Gepäckrückgabe organisiert: Zunächst erhält jeder eine Flasche Wasser, danach gibt es eine wunderschöne sternförmige Medaille mit eingearbeitetem Swarovski-Stein, das hat schon etwas!

Danach noch nie Erlebtes am Erdinger-Stand: Kein Gedränge, zig vorbereitete Becher mit dem beliebten Lebensretter, herrlich! Der Verpflegungsbeutel, der für jeden vorbereitet ist, enthält alles Notwendige und schon sind wir, mit einer Wärmefolie versehen, an den Gepäckwagen, die, sauber, nach HM, Staffeln und Marathon geordnet, kreuzförmig aufgereiht sind.

Klaus, ein Hamburger Läufer und ich vergleichen unsere von drei unterschiedlichen Systemen ermittelten zurückgelegten Entfernungen und kommen unisono auf 42,9 bis 43,0 km. Dies lässt stark ein paar Extrameter für alle vermuten (es gab keine blaue Linie). Uns kann das in unserer Leistungsklasse natürlich egal sein, nicht aber, wenn man hohe Ziele hat, wie z.B. Valentin Pfeil, die österreichische Olympiahoffnung. Mit 2:16:37 Std. verpasst er die Olympianorm um 2:37 min. Das umgerechnet auf gut 700 m... Wir sind auf jeden Fall mit unseren 4:14 Std. in Anbetracht aller Umstände für heute zufrieden und trollen uns so langsam, im Kopf nochmals von Falco begleitet:

„Wien, nur Wien, du kennst mich up, kennst mich down
Du kennst mich.
Nur Wien, nur Wien, du nur allein
Wohin sind deine Frau'n.“

Das interessiert nicht nur ihn brennend, daher verlassen wir unsere heutige Wirkungsstätte in Richtung unserer erlebnishungrigen Gattinnen, die uns nach einer heißen Dusche in Richtung Schloss Schönbrunn abschleppen. Wir sind schwer beeindruckt, auch und gerade wegen des herrlichen Laufreviers im Schlosspark. Abends werden wir insgesamt 62 km zu Fuß zurückgelegt haben. Wir sind doch Helden.


Streckenbeschreibung:
Attraktiver Einrundenkurs mit einigen doppelt zu laufenden Passagen. 90 Höhenmeter.

Startgebühr:
69 bis 99 € (Limit: 9.000).

Weitere Veranstaltungen:
Schülerläufe, Halbmarathon, Marathonstaffel (4 Teilnehmer).

Leistungen/Auszeichnung:
Medaille, Urkunde.

Logistik:
Optimal.

Verpflegung:
Ausreichend, aber ausbaufähig (Sortiment)

Zuschauer:
In der Werbung liest man von 1 Million. Ein Zehntel davon kommt der Wahrheit wohl näher, wobei das kalt/windige Wetter wenig zuschauerfreundlich war.

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