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Laufberichte

ABGESAGT: ERINNERST DU DICH? (7)

 
Autor: Klaus Duwe

Wie schön wäre es gewesen, beim Wien Marathon durch die Praterallee zum Lusthaus zu laufen, wo vergangenen Oktober Geschichte geschrieben wurde, als Eluid Kipchoge auf genau dieser Strecke als erster Mensch einen Marathon unter zwei Stunden (1:59:40,2) gelaufen ist. Daraus wird nichts. Corona hat die Welt im Griff ...

 

2006: Rock me, Amadeus

 

Eine Veranstaltung der kurzen Wege ist Wien nicht. Dafür eine der besonderen Attraktionen. Statt der obligatorischen Nudeln am Vortag des Laufes  gibt es einen Kaiserschmarrn. Und  der wird nicht in irgendeiner Halle oder einem Partyzelt serviert, sondern im Festsaal des Rathauses, wo sonst prunkvolle Bälle stattfinden. Begleitet wird das Ganze von Live-Musik, natürlich von Mozart.

Die Reichsbrücke über die Donau und die Donauinsel vor den Hochhäusern der UNO-City ist das Startgelände.  „Fast wie in New-York,“ vergleicht ein Weitgereister. Das Wetter ist ideal: etwas kühl, kleine Wolkenlücken, laut Vorhersage sollen es maximal um die 17 Grad werden und es soll trocken bleiben.

Die Kleiderbeutel werden in LKW's deponiert und der Sprecher fordert die Läuferinnen und Läufer auf, die markierten Startblöcke einzunehmen. Die  Stadträtin für Sport spricht Grußworte und dann geht es los. Unter dem Riesenjubel der Aktiven und der vielen Zuschauern setzt sich das Läuferfeld in Richtung Praterstern in Bewegung, wo es nach ungefähr 2,5 Kilometern links auf die Hauptallee geht. Hier stehen die Menschen dicht gedrängt und feuern uns an. Vor uns sehen wir das 1896/97 errichtete Riesenrad mit den 30 Gondeln, das man 1916 wieder abreißen wollte. Aus Geldmangel ist es dazu nicht gekommen, und so dreht sich das fast 65 Meter hohe Rad noch heute und ist eines der Wahrzeichen der österreichischen Hauptstadt.

Das dichte Läuferfeld verteilt sich auch auf die Rad- und Wanderwege rechts und links der Hauptallee durch den Prater, der 1766 für die Bevölkerung geöffnet wurde. Als es in die Stadionallee und  einen Kilometer weiter in die Schüttelstraße geht, ist das Schlimmste überstanden und jeder findet seinen Laufrhythmus. Tausende Menschen rechts und links der Straße sorgen für eine phantastische Stimmung. Sie werden mit Live-Reportagen von der Strecke und fetziger Musik unterhalten.

Wir laufen über den  Donaukanal und und kommen auf den Stuben-Ring. Links sehen wir das riesige Gebäude, in dem das Wirtschaftsministerium unterbracht ist. Jetzt ist klassische Musik angesagt, wir kommen zur Oper und sehen jenen historischen Teil, der vom ursprünglichen Bau von 1869 erhalten geblieben ist.

 

 

Vereinzelt feuern uns ein paar Fans an, ansonsten ist es ruhig auf diesem Streckenabschnitt. An der Verpflegungsstelle gibt es zu Wasser und Powerade jetzt auch Bananen. Gleich kommt einer der Höhepunkte der Strecke: Schloss Schönbrunn,   Sommersitz von Kaiserin Maria Theresia. Über 6 Millionen Menschen kommen jedes Jahr hier her, um das Schloss und den Park zu besichtigen. 190 der insgesamt 1.441 Räume des Schlosses sind als Wohnungen an Privatpersonen vermietet.

Richtig laut wird es wieder auf der Mariahilfer Straße, eine der großen Wiener Einkaufsstraßen. Hier haben die Kauf- und Warenhäuser ihre Filialen, dazwischen sind viele Cafés und Restaurants. Eine weitere Einkaufstraße in Wien ist die Kärntner Straße, die vom Stephansplatz aus geht. Dort sind mehr die Nobel-Geschäfte und Juweliere zu finden.

Wir laufen weiter durch die Mariahilfer Straße, kommen am Westbahnhof und am Museums-Quartier vorbei zum Burgring, wo es für die „Halben“ rechts ins Ziel auf den Heldenplatz geht. Dort herrscht eine Riesenstimmung und Hochspannung, denn jeden Moment wird der Marathonsieger erwartet.

Nach der Zeitnahme für die Halbdistanz stehen weitere Sehenswürdigkeiten auf dem Programm. Zuerst kommt das 1874 – 1883 als Sitz des Reichsrates erbaute Parlamentsgebäude mit der  Statue Pallas Athene, der griechischen Göttin der Weisheit. Gleich darauf folgt das Burgtheater, dessen Geschichte auf das Jahr 1741 zurück geht, als Kaiserin Maria Theresia dem Theaterunternehmer Selliers ein leerstehendes Ballhaus neben der Hofburg zur Verpachtung an Schauspielertruppen überließ. 1888 wurde das heutige Theaterhaus von Gottfried Semper und Karl Hasenauer eröffnet.

Wenig später fällt mir zwischen den Stadthäusern die Fassade eines alten, halb verfallenen Geschäftshauses auf. Auf diesem Streckenabschnitt geht es zunächst etwas ruhig zu, dann macht uns eine Trommlergruppe Beine.

Wir überqueren den Donaukanal und sehen auf der anderen Seite des Donaukanals den markanten Ziegelbau der 1848 errichteten Roßauer-Kaserne mit den zinnengekrönten Ecktürmen, die einst bis zu 4.000 Soldaten und an die 400 Pferden Unterkunft bot.

Wir kommen  wieder zur Schüttelstraße, die wir später ein drittes Mal durchlaufen. Aus der Gegenrichtung kommen die Läuferinnen und Läufer, die hier ungefähr 11 Kilometer vor mir liegen. Auf der Stecke herrscht Hochbetrieb und die vielen Zuschauer werden live und übers Radio bestens unterhalten. „Es lebe der Sport“ wird gerade gespielt.

Bei Kilometer 30 sind wir wieder im Prater, queren die Hauptallee, haben beim Ernst-Happel-Stadion einen Wendepunkt und laufen anschließend gut zwei Kilometer auf der Hauptallee bis zum 1781 bis 1783 erbauten Lusthaus. Viele Feste wurden hier gefeiert, unter anderem das große kaiserliche Fest zum ersten Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig. Heute sind ein Café und ein Restaurant darin untergebracht.

 

Bilder vom letzten Jahr

(klaus Sobirey)

 

 

Wir umrunden das Lusthaus und laufen auf gleichem Weg zurück. Auf diesem Streckenabschnitt soll Mozart mit seinen genialen Kompositionen den Läuferinnen und Läufer Beine und den Vienna-City-Marathon zum Klassik-Marathon machen. Aus zahlreichen Lautsprechern ertönt seine Musik. Das Laufen ist in Wien ja wirklich ein Genuss. Dass Wien und Klassische Musik zusammen gehören, will auch keiner bestreiten. Aber muss man Laufen und Klassische Musik unbedingt zusammen bringen? „Ich kann es nicht mehr hören,“ „Blöd, dass ich meinen MP3-Player nicht dabei hab,“ sind zwei aufgeschnappte, nicht repräsentative Kommentare. Ich selber bin auch nicht unglücklich, als ich bei km 37 nach einem kurzen Anstieg wieder in der Schüttelstraße bin. Wenn schon Mozart, dann „Rock me, Amadeus“. Oder Beethoven – „Roll over Beethoven.“

Tatsächlich kommen uns jetzt auf der Schüttelstraße noch Läufer, ca 10 Kilometer zurück liegend, entgegen. Kaputt oder unglücklich sehen sie nicht aus. Sie haben Spaß an ihrem Sport. Die Trommler-Gruppe bearbeitet unermüdlich ihre Instrumente. Wir queren wieder den Donaukanal, wo uns viele Menschen jubelnd erwarten.  Bei Kilometer 40 ist noch einmal eine Verpflegungsstelle eingerichtet. Zwei Becher Cola kipp ich mir rein, so viel Zeit habe ich. Dann kommen wir wieder auf den Parkring.

Die letzten Kilometer werden jetzt auch noch sonnig. Bei Kilometer 41 die Cola-Zone mit Duschmöglichkeit. Die Zuschauer stehen rechts und links geschlossen Spalier und lärmen. Bis zum Ziel ist es jetzt ein einziger Triumphlauf. Rechts geht es durch das Burgtor, die Menschen klatschen und jubeln, die Tribüne ist auch nach über 4 Stunden noch voll besetzt. Die Stimmung und die Kulisse auf dem Heldenplatz vor der Hofburg sind phantastisch, unvergleichbar, einmalig. Ich bleibe stehen, schaue, genieße und staune.

 

Informationen: Vienna City Marathon
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