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Laufberichte

Vienna calling

 

 

Schon sind wir auf der Reichsbrücke und überqueren diesen großen europäischen Fluss. Gleich zu Anfang passieren wir die erste von mehreren großen Videowänden, auf denen wir das aktuelle Renngeschehen an der Spitze bis schließlich zur Siegerehrung mitverfolgen können, eine prima Einrichtung. Die Reichsbrücke, auf der wir uns noch befinden, ist der dritte Bau an gleicher Stelle. Die Vorgängerin, eine 1937 errichtete Kettenbrücke, war 1976 spektakulär auf voller Donaubreite ins Wasser gestürzt. Sie war als Symbol für den Reichtum und die Größe Wiens inszeniert und in den späten 1930er Jahren neben Stephansdom und Riesenrad zum dritten Stadtemblem Wiens erklärt worden.

 

 

Das Marathonlaufen, so oft ich es auch schon gemacht habe, wird mir erfreulicherweise nie zur Routine. Jedes Mal ist es für mich ein erhebendes Gefühl, in der Gewissheit dabei sein zu können, es unter normalen Umständen auch zu schaffen. Schon ist die Donauinsel überquert und wir nehmen Kurs auf den Praterstern, einen Verkehrsknotenpunkt. Wir auf der rechten Fahrbahn Gestarteten laufen rechts, die links Gestarteten links herum. Weil der Weg rechts herum etwas länger ist, standen wir auch ein paar Meter vor den linken Blöcken. Daher ist auch klar, warum es bei Androhung der vorläufigen Erschießung auf den ersten drei km verboten ist, die Straßenseite zu wechseln.

Schon auf der Lasallestraße unterwegs, grüßt links die markante dem Kölner Vorbild Groß St. Martin nachempfundene Franz-von-Asisi-Kirche, kurz dahinter, das gleichermaßen bekannte wie markante Riesenrad, das den letzten Krieg glücklicherweise nur teilzerstört überlebt hat. Zum Prater erzähle ich ein paar Takte auf dem hier wieder vorbeiführenden Rückweg, einstweilen dürft Ihr Euch erst einmal an den Fotos erfreuen. Nach Umrundung des Tegetthoff-Denkmals kommen wir bald auf die breite Prater Hauptallee, die ganz offensichtlich zu den beliebtesten Wiener Laufrevieren gehört, auf ihr kommen wir gut voran. Nicht nur Klaus und ich nutzen den rechts von der Teerstraße verlaufenden weichen Reitweg. Die erste von zahlreichen Verpflegungsstationen versorgt uns mit dem Nötigsten (Wasser, Iso, Bananen, ab km 34 auch Cola). Auf Höhe des Ernst-Happel-Stadions biegen wir rechts zum Donaukanal ab, dem wir für drei km bis zum neunten folgen werden.

 

 

Das ist doch schön: Ein sehr bekanntes T-Shirt mit sehr bekanntem Rücken und ebensolchem Laufstil taucht vor uns auf. Kollege Herbert ist, gemeinsam mit seiner Lauffreundin Margit, ebenfalls in seiner Landeshauptstadt unterwegs. Wir freuen uns über das unverhoffte Wiedersehen. Attraktive Bürgerhäuser zur rechten, ein Grünstreifen mit dahinter liegendem Donaukanal zur linken, so lässt es sich gut laufen. Überall in der Stadt hängen Plakate zur Bundespräsidentenwahl. Im Gegensatz zu unserer Bundesversammlung wird der Präsident hier unmittelbar vom Volk gewählt. Wie bei den Amis der Donald, tritt hier mit dem „Mörtel“, dem Bauunternehmer Richard Lugner, ebenfalls eine schillernde Figur zur Wahl an. Allerdings chancenlos, wenn ich den Bemerkungen um mich herum Glauben schenken darf.

Im Gegensatz zu letztem Jahr nutzen wir mit der Aspernbrücke eine früher gelegene zur Überquerung des Kanals, genießen allerdings vorher noch die Anfeuerung durch eine erste Cheerleader-Gruppe, die ob des kalten, windigen Wetters leider viel zu gut verpackt ist. Links von uns, über der Urania (Volksbildungshaus mit Sternwarte), liegt der Wienfluss. Ja, jetzt staunst Du! Wien lag also ursprünglich an der namengebenden Wien, einem wirklichen Flüsschen, mit unserer heimischen Wied vergleichbar. Bevor jetzt einer zu lästern beginnt: Wie war das nochmal mit Düssel-Dorf am Rhein?

Überhaupt nichts zu lästern gibt es dagegen bei meinem anderen österreichischen Co-Autoren und „Marathon Maniac“ Anton Reiter, dem Mitbegründer des 100 Marathon Club Austria, bei seinem neunten Auftritt in Wien. Erst mit 47 Jahren sein Marathon-Debüt gebend, wollte er eigentlich nur besser in Form kommen. 54 Marathons ist der 62-jährige im Jahr 2013 gelaufen, heute feiert er sein 250. Marathon-Jubiläum. Seine Ziele? „300 Marathons bis zum 65. Geburtstag – und so lange wie möglich laufen." Alles Gute dabei, Anton!

Hinter dem Museum für angewandte Kunst und dem geschichtsträchtigen, von Einheimischen wie Touris gleichermaßen gerne besuchten Stadtpark mit seinem historischen Kursalon im Stil der italienischen Renaissance, kommen wir zu km 10. Die ebenfalls zu gut verpacken Mädels des Sponsors Erdinger krallt sich direkt der Klaus und nutzt so schamlos die temporäre Abwesenheit der Gattin aus. Es wird auf ewig mein Geheimnis bleiben, Klaus, versprochen!

 

 

Auf dem folgenden elften km haben wir Gelegenheit, schon mal den Zieleinlauf zu üben, denn hier werden wir nach geraumer Zeit zum 41. Km wiederkehren. An der Wiener Staatsoper, einem der bekanntesten Opernhäuser der Welt, biegen wir auf eine neun km lange Runde ein, die uns fast exakt wieder hierher zurück bringen wird. Bei km 12 steht endlich unsere bestellte Jubelabteilung, der ich allerdings von Klaus' moralischen Verfehlungen nicht Bericht erstatte, wo kämen wir denn da hin!

Entlang der Wien, die hier in einem gemauerten, tiefen Graben verläuft, lässt es sich auf deren linken Seite im Folgenden gut vorankommen. Das soll aber nicht heißen, dass nach Belieben gelaufen werden kann. Auf der ersten Streckenhälfte ist trotz breiter Straßen sehr viel los. Einerseits ist das natürlich schön, wenn einem die Zeit egal ist, andererseits wäre kräfteraubendes Slalomlaufen erforderlich. Lasst Euch übrigens von den Fotos nicht täuschen: Auch wenn die Sonne manchmal kurz hervorschaut, es bleibt mehr als frisch, insbesondere durch den eiskalten Wind.

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