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Laufberichte

Wien ist anders

 

Vor 45 Jahren, im März 1973, habe ich an der Uni Wien noch während meines Präsenzdienstes immatrikuliert und bin dann alsbald in die inzwischen auf 1,8 Mio. Einwohner angewachsene Bundeshauptstadt der Republik Österreich umgezogen. Dem ersten Wien Marathon etwas mehr als ein Jahrzehnt später, genau am 24. März 1984,  habe ich keinerlei Augenmerk geschenkt – damals war der Laufsport weder populär noch repräsentierte er einen gesellschaftlichen Trend. Vielmehr hatte die Jugend ein Interesse, sich vom Establishment zu lösen, trat für alles ein, um sich Unabhängigkeit zu verschaffen. Überhaupt nahmen an den Marathonveranstaltungen der Gründerzeit kaum mehr als ein paar Dutzend Läufer (Frauen sowieso nicht) teil. Erst mit dem Laufboom in den folgenden Jahren und der kommerziellen Vermarktung des Laufsports lässt sich im Rückblick ein Höhenflug nachweisen.

Ich bin also um 10 Jahre länger in Wien als das Jubiläum zeitlich verankert ist – doch wenn ich die Statistik, so bin ich inzwischen bis zum anstehenden 35. Jubiläumslauf auch schon 10 Mal beim VCM dabei gewesen.

In den letzten Jahren haben M4Y-Reporter regelmäßig über den größten und bedeutendsten Event der heimischen Laufszene ausführlich und spannend berichtet und eindrucksvolle Fotos mitgeliefert – diesmal wurde mir diese ehrenvolle Aufgabe übertragen, die ich als „Zuagraster“ gerne übernommen habe

Ein lieber Kollege des Country Marathon Club, der Finne Tenho Lauri, inzwischen jugendliche 73 ist mit seiner Lauffreundin Marjatta nach Wien gekommen und hat angeregt, mit mir gemeinsam den VCM zu laufen – wenn es die Umstände zulassen. Bereits am Freitag treffen wir uns, um die Startnummer abzuholen und uns auf der Expo  ein wenig umzuschauen. Bisher war ich noch nie am ersten Tag bei der Marathonmesse in Wien, der Freitag war ja ein Arbeitstag und extra dafür frei zu nehmen, eher unüblich. Aber seit 1. April bin ich nun ein „Unruheständler“ und muss mich erst an die zeitliche Uneingeschränktheit rund um die Uhr gewöhnen. Ob der Tag dadurch wirklich länger wird, wird sich zeigen.

Primär für die ausländischen Marathonteilnehmer/innen aus über 130 Nationen findet die Kaiserschmarrn-Party verbunden mit traditionellen Pasta-Schmankerln ab 14 Uhr im Festsaal des Wiener Rathauses statt – einen Bon dafür kann man auch noch vor Ort kostenpflichtig erwerben. Wolfgang Konrad, ehemaliger Leichtathlet und seit 1989 Organisator des VCM, stellt sich hier den Fragen der Presse. Diese Carbo-Gourmet-„Ausspeisung“ kann ich nur weiterempfehlen.

 

 

 

Mein Renntag

 

Geradezu einmalig und vorbildlich ist am Renntag der Zubringerdienst der Tausenden Läuferinnen und Läufer zum Startbereich bei der Vienna International City („UNO-City“) in Kaisermühlen – die Startnummer gilt als Fahrschein. Das Gedränge ist allerdings groß, die kurzen Intervalle schaffen Abhilfe. Da Tenho im Block 4 startet und mir der Block 5 zugewiesen wurde, sind wir am Start unterschiedlich platziert – er links, ich rechts auf der durch eine Leitschiene getrennten Wagramer Straße, die auf die Reichsbrücke führt. In diesem Grätzel veranstaltet der ehemalige Triathlet Gerhard Seidl den alljährlichen Wien Energie Halbmarathon, dessen 20. Auflage nächstes Jahr am 28. April stattfinden wird.

Wer Gepäck vor dem Start abgeben will, kann dies an den zahlreichen nummerierten Bussen erledigen, die dann beim Rathaus in Zielnähe eingeparkt werden und wo man seinen Kleiderbeutel wieder wohlbehalten zurückbekommt. Dieser Teil des 22. Bezirks hat durch die in den Jahren 1992 bis 1997 gedrehten und im TV ausgestrahlten Filmserie „Kaisermühlen-Blues“ nach dem Drehbuch von Ernst Hinterberger, der das Arbeitermilieu im Goethehof beschreibt, ähnlich der Mundl-Serie  mit starkem Wiener Dialekt dargestellt, Kultstatus erlangt. Der ehemalige Grün-Abgeordnete Peter Pilz soll noch heute dort eine Wohnung haben, um nah an den einfachen Menschen zu sein.

Doch inzwischen prägen zahlreiche hypermoderne Hochhäuser diesen Stadtteil, der als Donau-City die einstige Idylle rund um die Alte Donau zurückgedrängt hat: DC-, IZD-, Mischek-, Andromeda-, Ares- und der Saturn-Tower und das bereits 1979 eröffnete Vienna International Center, alles Wohn- und Bürogebäude mit einer Höhe von über 100m. Auf den Ansichtskarten ist die Donau-City inzwischen schon so oft abgebildet wie der Stephansdom.

Das Gedränge am Start wird durch die vielen Begleitpersonen noch erhöht, doch coole Leute trifft man meist abseits der Massen. Auf einer freien Grünfläche nahe dem Gehsteig sitzen Ernst Fink und seine Conny am Boden und genießen die Sonnenstrahlen. Der Ernst zählt inzwischen zu den Marathonweltenbummlern, erst am 8. April nahm er am exklusiven Pjöngjang-Marathon teil. Die Woche darauf dann an einem  von inzwischen mehreren Great Wall Marathons in China.

Heute erwartet uns ein Traumtag, Temperaturen an die 30 Grad werden angekündigt. Das Schönbrunner Bad sperrt deshalb bereits dieses Wochenende auf, die städtischen Bäder dann ab dem 2. Mai. Für die es nicht wissen: Das Klima in Wien ist pannonisch, wie in Ungarn. Der Regen im Sommer bleibt in den Voralpen hängen. Daher wachsen hier die Marillen (Aprikosen) – in München bestenfalls die Lederäpfel (Boskop).

Die Elite startet nach der Bundeshymne um 8:58, dann geht es um 9.00 Uhr in Blöcken mit einer halben Stunde Verzögerung für mich los.  Der sanfte Anstieg auf die Reichsbrücke ist für die anstürmenden Massen keine Erschwernis.  Die wenigsten wissen, dass dieses 865 m lange, den 22. mit dem 2. Wiener Gemeindebezirk über die Donau verbindende Bauwerk, am 1. August 1976 einstürzte. Während z.B. die doppelt so lange Brücke über den Bosporus beim Marathon schwankte, dass ich ein flaues Gefühl bekam, hält der Neubau der Reichsbrücke den zigtausend Startern stand.

Was denkt man sich alles am Beginn eines Marathons? Werde ich hier wieder einmal mit 4:45 Stunde  finishen? Und wann? Voriges Jahres waren es 4:51 Stunden, wenn ich mich richtig erinnere. Meine Bestzeit liegt beim VCM bei 4:03 im Jahre 2002.

 

 

Bald haben wir die Reichsbrücke hinter uns und kommen an der 1913 im rheinisch-romanischen Stil fertiggestellten und von Kaiser Franz Josef eingeweihten römisch-katholischen Franz von Assisi-Kirche vorbei, die ein schönes Postkartenmotiv darstellt. Doch die Gegend um den Mexikoplatz genießt keinen guten Ruf, von Emigranten geführte Billigläden, tlw. noch immer heruntergekommene Wohnviertel in Wien-Leopoldstadt, die inzwischen weiter zur Innenstadt gerade als Hype für Junge gilt,  und die Nähe zum etwas verrufenen Wiener Würstelprater, wo einst im Stuwerviertel die Prostitution blühte, tragen dazu bei.

Die Sonne scheint mir ins Gesicht, Fotos im Gegenlicht sind schwierig. So drehe ich mich im Laufen um und bekomme hier am Praterstern das 1886 enthüllte Admiral Tegetthoff-Denkmal, der Kommandant der österreichischen bzw. österreichisch-ungarischen Kriegsmarine in den 1860er Jahren war, vor die Linse. Wir werden hier ein zweites Mal vorbeikommen, dann werden die ca. 12.000 Halbmarathonläufer/innen schon im Ziel sein.

Es geht hinein in den Prater.  Infolge der Wärme in den letzten Tagen haben die Alleebäume schon eine beachtliche Blätterdichte bekommen, die auf der linken Seite der ca. 4,4 km langen Hauptallee, wegen der innerstädtischen Schneeräumung ideal für ganzjähriges Lauftraining, Schatten spenden. Infolgedessen drängen sich die Massen nun nach links, einige laufen gleich auf der beidseitig weichen Spur für Traber im Sulky.

Es geht zunächst rund 2 km durch die Allee, dann dreht der Marathon in Richtung Donaukanal. Bei der Labe – Wiener Hochquellwasser vom Hydranten wird in Bechern angeboten – auch die Gatorade ist en gros verfügbar – drängen sich Tausende. Nach dem kurzen Anstieg auf die im II. Weltkrieg zerstörte und 1951 wieder eröffnete Aspernbrücke über den Donaukanal verharre ich für ein paar Fotos kurz an der Ecke. Bei Kilometer 9 kommen wir zum 1910 errichteten Volksbildungshaus Urania mit Sternwarte, deren  Baustil eine Mischung aus Jugendstil und Klassizismus repräsentiert – und als Baujuwel anerkannt ist. Wir laufen am Wiener Stadtpark, der bereits auf die Biedermeierzeit zurückgeht,  vorbei, ein beliebter Hotspot für Hop-on, Hop-off-Städtetouristen. Im Kursalon finden Tanzaufführungen statt, das Denkmal des Walzerkönigs Johann Baptist Strauss ist ein beliebtes Fotomotiv. Und der als Rinnsal  durch ein Betonbett in den Donaukanal führende „Wienfluss“ verleiht dem Park zusätzliches Flair zum Flanieren links und rechts des gut 5 Meter tiefer legenden Flussbettes.

 

 

Wir Läufer sehen nur das Grün der Bäume zu Linken und die Begrenzungsprachtbauten der Ringstraße rechts, bevor wir unter mehreren luftgefüllten Bögen die 10 km-Anzeige nahe dem Schwarzenbergplatz erreichen. Historisch bedeutsam ist, dass Kaiser Franz Joseph I. für den im Jahre 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig gegen Napoleon siegreich gewesenen Feldherrn Karl Philipp Schwarzenberg ein Denkmal errichten ließ, das 1867 enthüllt wurde.

Es geht nun weiter die Ringstraße vorbei am mondänen Hotel Imperial, dem ersten Luxushotel Wiens im 19. Jahrhundert, das heute zum arabischen Al Habtoor Investment gehört, bei einem leichten Anstieg, den man am Schluss des Marathons beim zweiten Durchlauf eher spüren wird, zum „Ersten Haus am Ring“, der 1869 eröffneten Wiener Staatsoper. Im meinem ersten Studienjahr habe ich mit Stehplatzkarten für 10 oder 15 ÖS zweimal die Woche einer Opernveranstaltung beigewohnt – manchmal drückte ein Ordner ein Auge zu und wir mit der schmalen Brieftasche saßen auf einem hinteren, frei gebliebenen Opernfauteuil neben einer Hofratswitwe mit Dauerkarte, die indigniert die Nase rümpfte und vorsichtshalber ihre edle Damenhandtasche wegnahm.

Ähnlich fleißig war ich später im Bereich der Bildenden Kunst – für eines von 12 verschiedenen Pflichtproseminaren unter dem Titel „Einführung in die Kunstgeschichte des 18. und 19.Jh.“  hielt ich mich wochenlang im Kunsthistorischen Museum auf. Auf der zweiten Runde wird der Marathon an den beiden baugleichen Museen vorbeiführen, nämlich am Natur- und Kunsthistorischen Museum. Der von Kaiser Franz Josef initiierte Ringstraßen-Stil ist einzigartig.

Vorerst aber biegen wir bei der Oper, vor der eine riesige LED-Wand aufgebaut ist und die Läufer sich selbst sehen, hinein in die gleichnamige Gasse, die in die Linke Wienzeile führt. Beim Café Museum spricht mich ein Läufer an – es ist Josef Stöger, Jg. 1950 und fit wie ein Junger. Josef ist eigentlich Ultraläufer und nimmt den Marathon als reines Training. Es dauert nicht lange, da kommt ihm mein Tempo als viel zu langsam vor – er legt einen Gang zu. Beim Vorbeilaufen haben wir das Ausstellungshaus im Jugendstil der seinerzeitigen Wiener Künstlervereinigung „Secession“ um Gustav Klimt glatt übersehen. In meinem Falle könnte man meinen, dass einer, der seit  45 Jahren in Wien lebt, eh schon alles kennt und weiß, was natürlich nicht zutrifft.  Die Gebäude der TU sind an der Ecke, wo ich mich in früheren Jahren als Mitglied des Organisationskomitees der Informationstagung Mikroelektronik oft aufgehalten habe, ebenso wie am zu unserer Linken befindlichen Naschmarkt, der so wie der Wiener Flohmarkt an Samstagen zum Großteil von nicht heimischen Betreibern geführt bzw. auch aufgesucht wird. Im Café Dobner habe ich in den 1970ern so manche nette Studienkollegin getroffen. Otto Mühl, der Kommunarde, hatte im 6. Bezirk eine Art Zweigstelle, wo man in Selbsterfahrungsgruppen seinen Horizont in vielerlei Hinsicht erweitern konnte.  

Hundert Meter zu unserer Linken verläuft die Trasse der U4, die mehrere Wiener Bezirke nach Westen hin verbindet. Durch die Linke Wienzeile fahren tägliche Abertausende Autos, daher ist der Asphalt stark in Mitleidenschaft gezogen – was ich wegen meiner orthopädisch empfindlichen Füße auch bei stark gedämpften Laufschuhen spüre. „Mit Jesus läuft’s besser!“ steht auf einem Transparent – es gilt der Spruch: „Wer glaubt, wird selig.“

 

 

Kilometer 15 kommt in Sicht, wir sind im noblen Bezirk Hietzing – eigentlich ja noch im 14. Bezirk, aber zu unserer Linken befindet sich das berühmte barocke Schloss Schönbrunn mit einem Tiergarten, vor dem in den Anfangsjahren der Wien Marathon stadteinwärts startete. Die ehemalige Sommerresidenz der österreichischen Kaiserfamilie ab Mitte des 18. Jh. mit einem ca. 160 ha großen Park ist seit 1996 Teil des Weltkulturerbes und eine der bedeutendsten Touristenattraktionen Wiens. Die Wiener Philharmoniker spielen seit 2008 jeweils Anfang Juni ihr Sommernachtskonzert im Schlosspark bei freiem Eintritt. Heerscharen von Staffelläufern sind hier noch in Warteposition, es dürften mehr als dreitausend Vierteams im Einsatz sein – das heißt, dass ein gutes Drittel aller Marathonteilnehmer in die Kategorie Staffel fällt.

Es geht nun leicht ansteigend vorbei am Auer-Welsbach-Park nach Norden. Oben angekommen verläuft der Marathonkurs nun wieder nach Osten.  Die anstehenden vier Kilometer entlang der leicht abfallenden Mariahilfer Straße sind ideal, um wieder etwas Tempo aufzunehmen. Eine Sehenswürdigkeit zu unserer Linken ist hier das 1918 errichtete, denkmalgeschützte Technische Museum Wien, dessen Leiterin einst eine Arbeitskollegin in meiner früheren Dienststelle war. Die untere Mariahilfer Straße ab dem Gürtel wurde vom grünen Block der Wiener Stadtregierung um Maria Vassilakou zu einer Fußgängerzone umfunktioniert.

Die Halbmarathonläufer/innen geben nochmals alles, um zeitig ins Ziel zu kommen. Einen inzwischen 70-jährigen Kollegen beoabachte ich, wie er den Halbmarathon auf den letzten Kilometern meistert. Kaum zu glauben, aber der eher greisenhaft aussehende ehemalige Pädagoge legt auf der Mariahilfer Straße zu und läuft mir davon.

MuseumsQuartier und Volkstheater sind erneut zwei kulturelle Institutionen, die an der Marathonstrecke liegen. Das MuseumsQuartier mit einer Nutzfläche von ca. 90.000 m² beherbergt neun große Kultureinrichtungen wie das MUMOK (Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien), das Leopold Museum und die Kunsthalle Wien, um nur einige zu nennen. Das 1889 eröffnete, im 7. Wiener Gemeindebezirk liegende  Volkstheater ist eines der größten Theater im deutschsprachigen Raum mit zahlreichen Erst- und Uraufführungen im Laufe seiner bald 230-jährigen Geschichte. Ich bin aber überzeugt, dass kein von der Hitze geplagter Marathonläufer nach 2 bis 2 ½ Stunden nun an Kultur denkt und die folgenden Bauwerke wie das Palais Trautson, Sitz des österreichischen Justizministeriums, die Hinterseite des Wiener Rathauses zur Rechten und die auf das Jahr 1365 zurückgehende Wiener Hauptuni,  die älteste Universität im heutigen deutschen Sprachraum, (bewusst) wahrnimmt.

Börni Keiler, der von hinten kommend nachrückt, scheint heute gut drauf zu sein – er zieht in Richtung Alsergrund davon. Die noch wartenden Staffelläufer/innen bei der Station 2 (21,1 km) sind deutlich weniger geworden, aber immer noch warten Hunderte auf ihren Teamkollegen bzw. die -kollegin. Ein Pärchen hat bei der Uni ein Transparent aufgespannt: „Läufer sehen sexy aus – DU bist der Beweis dafür!“ Mich können sie nicht gemeint.

Es geht am Schottentor vorbei, wo einst die bedeutende Creditanstalt als Bankhaus bürgerlicher und industrieller Anleger thronte, die von der Bank Austria erworben und bald darauf in die Unicredit einverleibt wurde und ab Mai endgültig ihre Pforten schließen wird – eine Restaurantkette soll im Parterre Einzug halten. Es geht hinein in den 9. Bezirk, eine inzwischen teure Wohngegend mit bürgerlichem Ambiente. Unweit von der Votivkirche lebte einst in der Berggasse der große Psychoanalytiker Sigmund Freud, der in den 1930er-Jahren als Jude nach England emigriert ist. Heute ist dort ein Museum eingerichtet.

Jeder Marathon spielt sich auch im Kopf ab. In Wien bekomme ich jedes Mal einen Bremser, wenn ich mich durch den 9. Bezirk zur Friedensbrücke mühe.  Es schleicht sich eine sonderbare Müdigkeit ein, die jeden Heimvorteil zunichtemacht. In dieser Situation kommt mir das Fotografieren wie gerufen. Wer ahnt denn, dass der sich umdrehende „Reporter“ mit dem Fotostopp gleich die kurze Ruhepause einkalkuliert. Imponierend sind heute die vielen Verkleideten beim VCM, die ich schon zu Gesicht bekommen habe: Super- und Spiderman, den Duracell-Hasen, Klinikclowns und eben zieht eine als Seba med Botschafterin an mir vorbei.

Es geht die Prater Straße entlang, vorbei an der U1-Metrostation Nestroyplatz, benannt nach dem großen österreichischen Volksdichter und -schauspieler Johann Nepomuk Nestroy, der im 18. Jh. lebte, weiter zum Praterstern. Das Tegetthoff-Denkmal ist nun besser zu erkennen, wie auch das Wiener Riesenrad, das als Wahrzeichen des Wurstelpraters gilt. Es wurde 1897 zur Feier des 50. Thronjubiläums Kaiser Franz Josephs I. errichtet und war zur damaligen Zeit eines der größten Riesenräder der Welt – heute stehen die größten Riesenräder in Singapur, China und Japan, auch das London Eye ist mit 135 m deutlich höher als jenes in Wien und das größte in Europa überhaupt.

 

 

Wir sind wieder im Prater, genau genommen am Beginn der Allee wie am Anfang des Marathons und laufen zwei Kilometer unter Schatten spendenden Bäumen.  Eine nun folgende Schleife in Richtung des 1931 eröffneten Praterfußballstadions, das 1992 in Ernst-Happel-Stadion nach dem erfolgreichen Trainer umbenannt wurde, führt knapp hinter Kilometer 30  in die Gegenrichtung und um das Lusthaus herum. Bei der 33 km-Marke wird erneut die Laufzeit gemessen, übrigens mit dem mittlerweile fast schon als nostalgisch zu bezeichnenden Championchip. Bei der Labe am Kilometerpunkt 35 gibt es endlich auch Cola.

Es geht ein kurzes Stück die Stadionallee in Richtung Donaukanal, dann wechselt der Marathon auf den oberen Teil der klassischen Wiener Frauenlaufstrecke. Auf diesem Abschnitt bis zur 38 km-Anzeige kommt es zu Positionskämpfen unter den inzwischen abgeschlagenen Läufern. Ich beteilige mich rege und mache etwas Boden gut. Der kurze Brückenanstieg in praller Nachmittagssonne bremst, das Gefälle entlang dem ausgebauten Gleiskörper der Tram auf der Radetzkystraße, benannt nach dem bedeutendsten Heerführer Österreichs, verleiht Flügel. Und der anschließende Nachmittagschatten der Wohnhäuser entlang der Löwengasse gibt ebenso Auftrieb. Bei der Dampfschiffstraße steht die 39 km-Anzeige – in einem derart großen Teilnehmerfeld wie beim VCM sind auch jetzt noch viele Läufer auf der Strecke, sodass man sich in guter Gesellschaft befindet – nicht wie bei vielen kleinen Läufen, wo nach fünf Stunden nur mehr fünf Läufer nachzappeln – und ich mitten drin.

 

 

Auf der Vorderen Zollamtsstraße entlang geht es nun über die Wienflussbrücke beim Stadtpark. Die letzten zwei Kilometer auf der Wiener Ringstraße, die wir ja schon am Anfang des Marathons bis zur Oper passiert haben, stehen an. Zwei junge Mädchen schreien mir zu: „Anton, du schaffst es!“ Daran habe ich jetzt keine Zweifel – aber ich winke ihnen zu.

Mit Redakteur Richter von „Heute“ habe ich vereinbart, dass Tenho, Marjatta und ich uns bei ihm und den Fotografen für ein Abschlussinterview einfinden. Leider kommt Tenho dann mit Verspätung – aber das Interview wird trotzdem geführt. Weitere Läufer kommen ins  Ziel. Letzte Frau  ist  Laura Camerano mit einer Nettozeit von 6:13 – sie bekommt einen Blumenstrauß.

 

 

Nachsatz:

 

Der VCM ist Österreichs größte und bedeutendste Laufveranstaltung wie die folgenden Zahlen belegen: 8.304 Meldungen beim Marathon, 14.273 beim Halbmarathon und 3.645 Teams (14.580 Läufer/innen) bei den Staffeln. Inklusive Kinder- und Jugendläufe sowie den 5 und 10 km-Bewerben wurden laut Angabe auf der Veranstalter-Website 41.919 Personen registriert. Entsprechend aufwendig gestaltete sich für die Organisatoren die Vorbereitung.

Wie in den Vorjahren waren auch heuer die Straßen zu 100 % für den Verkehr gesperrt, an den Laben herrschte nie Wassermangel.

•    5431 Finisher (4258 Männer, 1173 Frauen) beim Marathon
•    12.782 (8235 Männer, 4547 Frauen) beim Halbmarathon
•    283 Teams bei den Staffeln

 

 

Sieger Herren:

1. Salaheddine Bounasser (MAR) 02:09:29
2. Ishmael Bushendich (KEN) 02:10:03
3. Samwel Maswai (KEN) 02:11:08

Damenwertung:

1. Nancy Kiprop (KEN) 02:24:18
2. Meiesech segaye (ETH) 02:29:51
3. Celestine Chepchirchir (KEN) 02:30:39

 


 

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