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Laufberichte

Madrid Marathon

22.04.12

Kurz vor mir liegen auf einmal viele zertretene Churros auf der Straße. Das ist ein spanisches Schmalzgebäck, das wohl einem Anwohner zum Frühstuck dienen sollte, aber bei der Querung der Läufermassen unter die Räder oder besser unter die Füße kam. Der Besitzer hat es anscheinend lebend auf die andere Seite geschafft.

Eine Autobrücke führt uns nun über den Paeso de la Castellana, den wir vor genau 10 km unten durchlaufen hatten. Hinter der Brücke geht es natürlich nicht abwärts, sondern weiter bergan. Links ein monumentales Gebäude, das Hospital de Jornaleros, wunderschön renoviert wie viele Gebäude in Madrid. Überhaupt ist die spanische Metropole eine recht gepflegte Stadt. Auch die teilweise fast 100 Jahre alte U-Bahn wirkt sehr ordentlich. Was würden die von der Wirtschaftskrise geplagten Spanier wohl sagen, wenn sie die verkommenen Münchner S-Bahnstationen sehen könnten?

Eine Läuferin  aus Bonn spricht uns an. Sie studiert in Zaragoza und wir werden noch lange zusammen laufen.

Inzwischen sind wir im Zentrum  und die Zuschauerzahlen steigen stark an. Einer der Anfeuerungsrufe heißt „ánimo!“ Wenn ich meine Lateinkenntnisse zu Rate ziehe, komme ich auf irgendwas mit Geist. Im Wörterbuch steht „Lebensmut“ - aha.

Kurz nach km 16 kommen wir  in eine schmale Fußgängerzone. Die Geschäfte öffnen sonntags erst später, so dass wir den knappen Platz mit einigen Bäumen für uns haben. Es geht bergab, wir versuchen Zeit gutzumachen und müssen ein wenig aufpassen. Ist eigentlich schon mal ein fotografierender Marathonläufer mit einem Baum zusammengestoßen?

Dann auf die Gran Via, die Prachtstraße, die das Zentrum von West nach Ost durchläuft. Hinter uns monumentale Gebäude, teilweise Hotels oder Kaufhäuser. Danach geht es links am riesigen Corte-Inglés-Kaufhaus Richtung Sol, dem Zentrum der spanischen Hautpstadt und damit auch Spaniens und früher der ganzen Welt. Hier tobt der Bär. Apropos Bär: Er steht hier an einem Erdbeerbaum und versucht Früchte zu erhaschen, natürlich nur als Denkmal. Dabei handelt es sich um das Wappenmotiv Madrids. Auf der Siegermedaille ist folglich ein laufender Bär abgebildet. Die Medaille ist die Wucht: sehr schwer und schön. Ich muss also durchkommen.

Es geht weiter bergab, die Kathedrale de la Almudena taucht auf. Sie wurde im 18. Jahrhundert begonnen und erst 1993 fertiggestellt. Ihr Anblick wird uns noch öfter verfolgen. Dahinter der Königspalast. Ich suche das Fenster, an dem uns der spanische König huldvoll zuwinkt ¬ vergeblich. Immerhin hat es für ein Grußwort im Marathon-Journal gereicht. Dieses ist leider komplett auf Spanisch verfasst, enthält aber zumindest schöne Bilder...

Hinter dem Königspalast befindet sich eine Hangkante, an deren Fuß der riesige Park „Casa de Campo“ liegt. Bis 1931 war seine Nutzung dem spanischen Königshaus vorbehalten, dessen Mitglieder dort auf die Jagd gingen. Ob dabei auch Elefanten erlegt wurden, ist nicht überliefert... Jedenfalls wollen/müssen wir jetzt dort hin. Zuvor aber noch mal leicht bergauf. An der Getränkestation stehen drei WC-Häuschen, die noch brav mit ihren Kabelbindern verschlossen sind. Interessanter wäre ein Blick auf die andere Straßenseite gewesen. Dort steht der Templo de Debod, ein altägyptischer Tempel, den die Spanier vor gut 40 Jahren von den Ägyptern erhalten haben ¬ als Dank für die Unterstützung bei der Rettung von Abu Simbel vor den Wassermassen des Assuan-Stausees.

Wenn ich jetzt schon lange nichts mehr über meine Mitläufer geschrieben habe, so hat das den Grund, dass wir auf den breiten Straßen ohne Probleme ganz entspannt dahin laufen können. Auf den Fotos kann man immer mal wieder Rollerblader sehen. Die versorgen die Läuferinnen und Läufer quasi on the fly mit Kühlspray und aufmunternden Worten. Unser „Betreuer“ hat uns vom Start bis ins Ziel begleitet und viele Läuferbeine abgekühlt.

Wir kommen zum Halbmarathonpunkt und beginnen mit unserem Abstieg ins Tal. Hier könnten wir auch mit einer Seilbahn fahren, die über den Park führt. Die  aber gerade nicht in Betrieb ist. Der nächste Kilometer wird Judiths und mein schnellster. Unten angekommen sind noch zwei Kilometer Stadt zu bewältigen, dann kommt bei km 25 ein  Glückwunschtor des Consorcio Transportes Madrid (Verkehrsverbund), der sein 25 jähriges Bestehen feiert.

Apropos: Die Wirtschaftskrise bringt es mit sich, dass die Fahrpreise angehoben werden müssen. Ab 1. Mai kostet beispielsweise die Tageskarte 8 €, vorher 6 €, macht lockere 33% Erhöhung. Dafür kostet der Liter Benzin nur ca. 1,43 €. Außerdem gibt es hier den alten Bahnhof Príncipe Pio, in den man ein recht großes Einkaufszentrum, Kinopalast und mehrere sich kreuzende U-Bahnen eingebaut hat - unbedingt mal in Ruhe ansehen!

Wieder vorbei an einem Triumphbogen (Glorietta de San Vicente), dann ein Flüsschen und schon geht es durch ein großes Tor in den Park. Schön die Platanenallee mit gerade beginnendem Grün. Links ein See, auf dem einige Kanuten „Kanuball“ spielen. Gerade als ich auf den Auslöser der Kamera drücke, steht ein Baum im Weg. Judith ist unleidlich, weil es wieder leicht bergauf geht. Ich sehe das positiv, das ist der Anfang unseres letzten Aufstiegs zum Ziel. So habe ich mir wenigstens den Streckenverlauf eingeprägt. Leider falsch, wie sich noch herausstellt: Wir müssen noch oft rauf und runter.

Hier höre ich diesen Kommentar eines Spaniers zum Slogan „Viva  Espana! Andreas from Munich“ auf meinem Hemd:  „Scheiß Merkel“ -  ich bin so perplex, dass ich gar nicht darauf reagieren kann. Im Park gibt es auch einen Zoo und einen Vergnügungspark. In der Nähe eines Sees fliegt ein Storch knapp über unsere Köpfe.

Seit einiger Zeit plagt mich schon ein gewisser Hunger und siehe da, kurz vor der nächsten Getränkestation werden Energiegel verteilt. Leider war das die einzige feste Nahrung bis zum Ziel. Es gibt ansonsten nur Wasser (in 300-ml-Flaschen) und Iso-Getränke. Von Zeit zu Zeit sorgen Duschen für Erfrischung. Sie verbreiten einen feinen Nebel. Finde ich besser als Dusche pur. Ach ja, die Wasserstellen tauchen quasi aus dem Nichts auf: kein Hinweisschild, nur Läufer, die riskant vor einem zur Seite ziehen, um ein Getränk zu ergattern, obwohl es genug Tische gibt

Nach sechs Kilometern geht es auf einem sehr steilen Anstieg aus dem Park hinaus. Dafür also das Gel. Und hier stehen wahnsinnig viele Schlachtenbummler, die uns den erneuten Aufstieg leichter machen. Danach der nächste Blick auf Königspalast und Kathedrale (weit) über uns. Aber zu früh gefreut, es geht wieder bergab, tief bergab. Ach ja, der Fluss ist noch zu überqueren.

Hinter der Brücke ein quirliger Kindervergnügungspark. Dann bei km 36 der nächste happige Anstieg, kurz bergab und dann drei Kilometer auf schöner Innenstadtstraße weiter leicht bergauf. Dazwischen an einem Obelisken eine Band, die gerade  „These boots are made for walking“ intoniert.

Am Atocha-Bahnhof mit einem tropischen Garten in der alten Gleishalle wieder ein großer Brunnen und wieder ein monumentales Gebäude: das Ministerium für Landwirtschaft, Fischfang und Ernährung mit allerlei Figuren auf dem Dach. Na ja, danach wieder ein steiler Anstieg..

Wir sind jetzt am wunderschönen Parque del Buen Retiro. Auf der anderen Straßenseite noble Wohngebäude. Bei km 41 kommt der nächste Triumphbogen: Puerta de Alcalá aus dem Jahre 1778, der auch die Medaille ziert. Kurz danach laufen wir in den Park hinein. Angefeuert von vielen Zuschauern geht es nun die letzten 500 Meter nicht mehr bergauf, sondern gefühlt bergab Richtung Ziel. Judith gibt Gas und ich hechle hinterher. So kommen wir beide gleichzeitig in Ziel ¬ und sind wieder unter vier Stunden geblieben.

Im Zielraum finden wir viel Platz vor und gute Verpflegung mit großen Orangen, kleinen Bananen, Nüssen, Getränken, Müsliriegeln.

Ein Läufer im Real-Madrid-Shirt freut sich, dass ich von so weit her in seine Heimatstadt gekommen bin, versichert mir aber auch, dass Real gegen Bayern gewinnen wird. Ich gebe mich weltmännisch und möchte mich noch nicht so festlegen – Wie wird es dem jungen Mann heute gehen?

Ein Tipp für diejenigen, die nach der sportlichen Ertüchtigung noch kulturelle Eindrücke sammeln wollen: Sonntags bieten einige Museen kostenlosen Eintritt. Montags dafür geschlossen.
Die nettesten Kneipen liegen um die U-Bahnstation La Latina (U5).

Und nicht vergessen: In Madrid nie Barcelona loben!

Dank des engmaschigen U-Bahnnetzes können Begleiter den Läufern leicht folgen.

Insgesamt habe ich 400 Meter Höhendifferenz ermittelt. Schlimm wird das Auf und Ab  jedoch erst am Ende, wenn die Kraft nachlässt. Wer nicht auf Bestzeiten, sondern auf Sightseeing und Stimmung aus ist, sollte hier auf jeden Fall mal mitmachen.

Und natürlich gab es auch zugängliche Toiletten.

Auch der spanische Zuschauer freut sich, wenn seine Anfeuerungsrufe durch ein „Danke“, „Gracias“ oder später ein gequältes Lächeln belohnt werden.

Sieger:

Männer
1. Patrick Korir (KEN) 2:12:07
2. Enock Mitei (KEN) 2:12:13
3. Thomson Cherogony (KEN) 2:12:14

Frauen
1. Magaret Agai (KEN) 2:32:23
2. Roman Gebre Gessese (KEN) 2:34:40
3. Tigist Memuye Gebeyahu (ETH) 2:36:31

9959 Finisher Marathon
5400 Finisher 10 km

12
 
 


 

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