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Laufberichte

E.T. Full Moon Marathon: Ultra der außerirdischen Art

27.08.11

Ein einziger Anstieg von vielleicht 300m, Höhenlage von etwa 1.600 m, urlaubsbedingter Trainingsrückstand – die Strecke müssten wir in nicht viel mehr als sechs Stunden hinter uns bringen können. Entsprechend starteten wir und von Anfang an lief es auch recht ordentlich, die notwendigen 7:20 min pro km aber machten wir nur auf den ersten fünf Kilometern, wurden dann ein weinig langsamer. Im Gegensatz zu den Läufen in Deutschland aber befanden wir uns mitten im Feld, sicher mehr als 70 oder 80 noch hinter uns.

Bereits nach wenigen Kilometern sahen wir Läuferinnen und Läufer gehen, nicht nur vereinzelt, sondern eine ganze Menge. Dann wieder wurden wir von denen in schnellerem Tempo überholt, um sie nach fünf oder mehr Minuten wieder zu überholen, wenn sie wieder eine Gehpause machten. Ganz offensichtlich liefen die nach der Methode „Galloway“. (Jeff Galloway propagiert, den Marathon nicht durchgängig zu rennen, sondern in den Phasen joggen-gehen-joggen-gehen usw.)

Wir aber liefen konstant unser Tempo und kamen damit ganz gut vorwärts, überholten gar den Einen oder die Andere, leider aber waren wir nicht so schnell wie es für die gewünschte Zielzeit notwendig gewesen wäre. Vor allem lag das daran, dass es von Anfang an permanent leicht aufwärts ging, bis man dann bei Kilometer 21 die Passhöhe - Coyote Summit (5.591 feet = 1.704m) – erreicht hatte.



Dort aber waren wir noch lange nicht. Erst galt es, die 18 km (ca. 11 Meilen) lang nur geradeaus zu laufen. Klingt langweilig, war es aber überhaupt nicht. Die ungewöhnliche Umgebung, die Stimmung durch den hell scheinenden Vollmond, die Leute um uns herum – alles war so ungewöhnlich und neuartig, dass wir genügend Ablenkung hatten. Etwa 50-60 Meter weit konnte man links und rechts der Straße das Gelände sehen, Steine, Sand, niedrige, dürre Büsche mit braunen Gräsern dazwischen und das alles bestens durch den Mond erleuchtet – eine wahrlich außerirdische Landschaft.

Dass sie aber belebt war, wurde mir spätestens dann klar, als ich einen überfahrenen Hasen auf der Straße liegen sah. Bereits bei der Herfahrt hatte ich Warnschilder gesehen, die auf Rinder aufmerksam machten, die sich hier in dieser dürftigen Landschaft aufhielten – wahrlich kein reich gedeckter Tisch.

Der wartete aber auf uns Läufer! Etwa alle drei Meilen (knapp 5 km) stand links der Straße ein Verpflegungstisch mit stets eifrigen Helfern: Wasser, Iso, gesüßter Tee, Obst, Gel, Salzgebäck, ein oder zwei mal auch Cola – was wollte man mehr! Die Temperatur war mit zunehmender Dauer etwas kühler geworden, aber nie so kalt, dass es unangenehm gewesen wäre.

Da, was war das vor uns am rechten Straßenrad? Tatsächlich Zuschauerinnen! Vier Mädchen und eine Mutter jubelten den vorbeijoggenden Läuferinnen und Läufern zu. Offensichtlich begleiteten sie irgendwelche Freunde oder Bekannte, denn kurze Zeit später brausten sie im Auto an uns vorbei, zu einem nächsten Halt weiter vorne.

Die Lichter der kilometerweit vor uns Laufenden suggerierten, dass die gar nicht so viel Vorsprung hatten, war aber nicht so. Ich war froh, dass ich meinen Garmin dabei hatte, so dass ich stets wusste, wie viel wir schon gelaufen waren. Zwar war jede Meile ganz deutlich ausgezeichnet, mit Minuten pro Meile aber fing ich nichts an, ich brauche Minuten pro Kilometer.

Bisher hatten wir die leichte Steigung kaum wahrgenommen, lediglich die 7:30 min pro km waren ein Indikator, so ab Kilometer 18 aber wurde der Anstieg deutlicher, die Straße machte einen leichten Linksbogen, passte sich der Bergkette an, der überwunden werden musste und vor allem diejenigen, die im Galloway-Stil bisher die ganze Zeit um uns herum waren, verlängerten ihre Gehpausen, während wir konstant weiter joggten. Na, ja, nicht ganz, unser Tempo wurde mit 8 min/km etwas langsamer, trotzdem konnten wir uns absetzen.


Bis Rachel


Ab jetzt ging es abwärts, deutlich merkbar, wir ließen es laufen. Nach wenigen Meilen sahen wir in der Ferne ein paar beleuchtete Gebäude. Das musste Rachel sein, ein paar Wohnwagen und Hütten, knapp hundert Einwohner. Der Ort wurde durch die nahe liegende Area 51 (etwa 40 km entfernt) seit Ende der 1980er Jahre zum Pilgerziel für Verschwörungstheoretiker. Die kleine Kneipe dort, das Little A'Le'Inn, bietet für UFOlogen alles, was deren Herz begehrt.

Dieser Ort war Ziel aller vier Läufe, die 10-km-Läufer waren längst im Ziel, die meisten Halbmarathonis auch, leider aber hatten wir bis hierher erst 20 Meilen (32 km) zurückgelegt, weitere knapp 12 lagen noch vor uns. Es war 4.18 Uhr, noch immer dunkel und wir machten nur kurz Rast an der dortigen Verpflegungsstelle. Dann ging es weiter auf der jetzt wieder kerzengeraden Straße. Nach drei Meilen passierten wir den Wendepunkt der Marathonis – noch 9 Meilen!

Seit kurzem war ein dünner Lichtstreifen rechts (östlich) von uns zu sehen, der zunehmend breiter wurde. Die Sonne ging auf und gegen 5.30 Uhr war es so hell, dass niemand mehr eine Lampe brauchte. Für uns aber bedeutete das, dass man jetzt weit in die Ferne schauen konnte. Die Straße war kerzengerade, drei Meilen weiter auch unser Wendepunkt zu sehen, wir liefen wie die Weltmeister, die Wende aber kam scheinbar nicht näher – eine echte Geduldsprobe!

Plötzlich aber hatten wir ihn erreicht, wendeten und liefen zurück Richtung Rachel. Nur noch sechs Meilen (9 km), aber auch die wollten gelaufen werden! Zum Glück kamen uns noch jede Menge Läuferinnen und Läufer entgegen und brachten Abwechslung in das monotone Laufen. Wieder passierten wir den Marathon Wendepunkt, stärkten uns an der Verpflegungsstelle dort und liefen dann zügig weiter – nur noch drei Meilen!

Immer noch kamen uns Läuferinnen und Läufer entgegen, und da wir unser Tempo noch halten konnten, überholten wir sogar ein paar der vor uns liegenden. Aber wie mühselig war das! Schon lange konnte man in der Ferne Rachel erkennen. Wir liefen und liefen, der Ort kam nicht näher.

Ohne meinen Garmin wäre ich auf diesen letzten drei Meilen ganz sicher verzweifelt. Der aber zeigte die restlichen Kilometer an und ich hatte eine Vorstellung wie weit es noch war, denn selbst einen Kilometer vor dem Ziel sah es noch aus, als ob noch ewig zu laufen wäre. Der Besenwagen kam uns entgegen, ein Auto der Polizei und dann ging es plötzlich ganz schnell. Glücklich und auch erschöpft kamen wir mit etwas Verspätung auf unsere Wunschzeit ins Ziel: 6:29:29h!


Bis Ziel


Wie war das nun mit UFOs und Aliens? Im Grunde genommen bin ich ja ein nüchterner Mensch, auch nicht anfällig für Verschwörungstheorien. Auch sah ich unterwegs weder Aliens, noch Lichterscheinungen, noch war ein UFO am Horizont zu sehen. Trotzdem war das ein besonderer Marathon. Mitternacht, geheimnisvolle Wüstenlandschaft, Vollmond, der Mythos um Area 51, die Black Mailbox und Rachel – all das erzeugte selbst bei mir eine geheimnisvolle Stimmung. Dazu noch die Strecke, beinahe 51 Kilometer kerzengerade, nur kurzzeitig ein leichter Schwenk – dieser Lauf ist etwas ganz Besonderes!
Halt! Da war doch noch etwas! Bei der Rückfahrt nach Las Vegas tauchte plötzlich rechts des Highways in einiger Entfernung eine Wolke auf, die wie ein UFO aussah. Ob sich darin wohl ein Alien Fahrzeug verbarg?



PS: Der Lauf findet stets an dem Sonntag im August statt, der dem Vollmond am nächsten kommt. Im kommenden Jahr ist das der 5. August, Start 0.00 Uhr. Wer zu dieser Zeit in dieser Gegend Urlaub macht, sollte sich den Lauf auf keinen Fall entgehen lassen. Begegnungen mit jeder Menge menschlich aussehender Aliens sind garantiert.

PPS: Im April diesen Jahres kam die Science-Fiction- Komödie „Paul – Ein Alien auf der Flucht“ in die Kinos. Ein Roadmovie mit einem aus Area 51 entflohenen Alien, das seinen Ausgang in Rachel in der Kneipe „Little A'Le'Inn“ hat. Da kann man schon mal einen Eindruck von der Gegend bekommen.

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