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Laufberichte

Chennai Marathon: Incred!ble India

06.01.19 Special Event
 

Marathons in drei exotischen Ländern innerhalb von drei Wochen, das ist eine Chance, die sich nicht so häufig bietet. Dank eines Arbeitsaufenthalts bei unserer Partnerfirma in Indien ergibt sich diesmal gleich zum Jahresbeginn die Möglichkeit, den Chennai-Marathon – mit 20.000 Teilnehmern über alle Strecken die zweitgrößte Laufveranstaltung des Subkontinents - mit den Marathons in Muscat/Oman und in Dubai zu kombinieren. Wir fliegen mit Emirates im Airbus 380 über Dubai. An Bord kann ich mich anhand verschiedener indischer Spielfilme mit englischen Untertiteln schon mal auf die neue Umgebung einstimmen.

Chennai, bis 1996 bekannt unter dem Namen Madras, liegt am Golf von Bengalen in Ostindien und ist die Hauptstadt des indischen Bundesstaates Tamil Nadu. In der Stadt, die 4,6 (mit Außenbezirken  8,7) Millionen Einwohner zählt, befindet sich als historischer Kern das 1644 erbaute Fort St. George, wo heute ein Museum untergebracht ist. Dort werden die Wurzeln der Stadt als britische Garnison sowie als Handelsposten der Ostindien-Kompanie dargestellt. Zu den bekanntesten religiösen Stätten Chennais zählen der dem Gott Shiva geweihte Kapaliswarar-Tempel sowie als Relikte aus der Kolonialzeit etliche christliche Sakralbauten, darunter die anglikanische Kirche  St. Mary’s aus dem 17. Jahrhundert und die St.-Thomas-Basilika, erbaut an der Stelle der angeblichen Grabstätte des Apostels Thomas im Stadtteil Mylapore.

Heute ist Chennai ein großes Industrie- und Geschäftszentrum sowie Standort diverser renommierter Universitäten. Über 40 Prozent der indischen Automobilproduktion sind hier angesiedelt, darunter auch ein BMW-Werk. Inzwischen gilt die Stadt zusammen mit Bangalore und Hyderabad als ein wichtiges Zentrum für die Softwareentwicklung. Chennai ist zudem der Standort der tamilischen Filmindustrie, in Anspielung auf die Studios im Stadtteil Kodambakkam auch „Kollywood“ genannt.

Der 13 km lange Stadtstrand Marina Beach misst an seiner breitesten Stelle über 400 Meter.  Etwas außerhalb der Stadt laden diverse Hotelanlagen zum Badeurlaub ein. An einem dieser Hotels, dem Golden Beach Resort, befindet sich in diesem Jahr das Ziel des Marathons.

Wir kommen am Freitagmorgen in Chennai an, wo man der mitteleuropäischen Zeit um viereinhalb Stunden voraus ist. Der Start um 4:00 Uhr am Sonntag entspricht also unseren 23:30 am Vortag. Mal sehen, wie wir mit der Zeitverschiebung zurechtkommen.

 

 

Nach einem kurzen Nickerchen im Hotelzimmer erkunden wir die Gegend um unser Hotel, das im Stadtteil Triplicane liegt. Ein modernes Einkaufszentrum mit Geschäften für jeden Bedarf und zahlreichen Essensständen befindet sich zwar in der Nachbarschaft, ist aber über einen holprigen Gehweg, der gerade renoviert wird, zwischen hupenden Autos und Motorrikschas nur auf abenteuerliche Weise zu erreichen. Den Rest des Tages verbringen wir am Hotelpool und treffen uns am Samstag früh mit meinem indischen Kollegen Ganesh und seiner Frau Mohana, die uns mit dem Auto zur Startnummernausgabe beim Messegelände mitnehmen. Dort verläuft alles zügig und problemlos. In der Gebühr von 15 USD für nicht indische Starter enthalten ist ein neongelbes Funktionsshirt, außerdem der Bustransfer vom Ziel zurück in den Startbereich. Ein Infoheft gibt es leider nicht. Im vergangenen Jahr war ein solches wenigstens im Internet erhältlich. Diesmal, zur siebten Auflage des Marathons, beschränkt man sich darauf, wichtige Informationen, die wir sicherheitshalber fotografieren, auf einer Tafel auf der Marathonmesse zu veröffentlichen. Die offizielle Marathon-Internetseite ist ganz schick, die aktuellsten Nachrichten findet man auf Facebook.

Mit Ganesh und Mohana geht es dann in den Süden nach Mahabalipuram. Ein Stück weit können  wir die Marathonstrecke von morgen schon mal in Augenschein nehmen. Die 16.000 Einwohner zählende Stadt, gut 55 km von Chennai entfernt, beherbergt einen der wichtigsten archäologischen Fundorte Südindiens mit zahlreichen Baudenkmälern aus der Pallava-Zeit (7. bis 9. Jahrhundert) und gehört daher zu den wichtigsten touristischen Attraktionen Tamil Nadus. Der Tempelbezirk ist seit 1985 UNESCO-Weltkulturerbe.

Für einen weiteren Tagesausflug bietet sich das 150 km entfernt liegende Pondicherry, auch Puducherry genannt, an. Es war bis 1954 Hauptstadt von Französisch-Indien und ist heute ein Unionsterritorium als Enklave im Bundesstaat Tamil Nadu. An die französische Kolonialzeit erinnert das Französische Viertel mit seinen breiten Boulevards, senffarbenen Villen und schicken Boutiquen. Der 1926 gegründete Sri-Aurobindo-Ashram ist ein berühmtes spirituelles Zentrum. Rund 8 km nördlich der Stadt liegt Auroville (Stadt der Morgendämmerung), eine utopische Modellstadt mit dem futuristischen Sakralgebäude Matrimandir in Form einer goldenen Kugel. Dort gibt es im Januar auch einen Marathon, jedoch ohne Zeitnahme.

 

Marathontag

 

Mit dem Taxi sind wir in wenigen Minuten am Start, dem Sportgelände des YMCA im südlichen Stadtgebiet. Eine Metrostation wäre auch gleich in der Nähe. Leider befinden sich die zentraleren Teile der Bahn noch im Bau.

Um drei Uhr, eine Stunde vor Beginn, sind wir hier die einzigen Sportler. Die Helfer bauen noch einige Stände auf. Toiletten gibt es im Vereinshaus und einige nagelneue Plastikhäuschen stehen neben der Startaufstellung. Fein getrennt nach Damen und Herren und mit Aufsichtspersonen davor.

Nach und nach treffen die Sportler ein, oftmals auf ihren Mopeds. Da es schon angenehm warm ist, geben wir recht bald die mitgebrachten Taschen ab. Diese werden mit Zetteln beschriftet und in eine Liste eingetragen. Angesichts der wenigen Helfer wird das später vermutlich in ein Gedränge ausarten.

 

 

Die Startaufstellung findet auf der breiten Anna Salai statt, einer Hauptverkehrsader der Stadt. Links von uns liegt der Cosmopolitan Club Golf Course. Die Straße ist, wie viele andere auch, durch neue LED-Lampen hell ausgeleuchtet.  Um 4:00 Uhr werden die Full Marathonis und die 20- Meiler starten. Erkennbar an den Farben der Startnummer und der Nummer,  die entweder mit 42 oder 32 beginnt. Das 32-Kilometer-Rennen, neu im Programm, scheint sich großer Beliebtheit zu erfreuen.

Starter aus westlichen Ländern sehen wir höchstens einen oder zwei. Gelegentlich wünschen uns die indischen Mitstreiter einen guten Lauf. Wir sind zwar eine Art Attraktion, aber auch der indische Läufer hat vor dem Start eher andere Sorgen.

Von der Tribüne aus gibt es viele Infos und Unterhaltung, meist auf Englisch. Das Besondere ist heute der Start einer großen Anzahl von Handbikern. Einer von ihnen wird beim Halbmarathon sogar als Pacer fungieren, was indienweit eine Premiere darstellt.

Judith und ich haben uns beim 4:30-Pacer aufgestellt, also weit vorne. Trotzdem geht es nach dem Start recht langsam voran. Ich muss mich erst mal an das Ganze herantasten. Der Straßenbelag ist übrigens auf der gesamten Strecke in perfektem Zustand. Trotzdem könnte sich der eine oder andere Gullydeckel als gefährlich erweisen. Das befürchtete Drängeln bleibt hingegen völlig aus. Wenige Minuten nach dem Start kommen wir auf eine sehr breite Straße und ab dann ist völlig entspanntes Laufen möglich.

Die erste Wasserstelle nach zwei Kilometern ist riesig. Hier warten Dutzende von Helfern in ihren blauen Hemdchen auf die Masse der 10km-Läufer und auf solche, die das sicher nötiger haben als wir. In Sachen Sightseeing ist leider nicht so viel los: Wir laufen vom südlichen Ende der Kernstadt aus Chennai hinaus. Einige Hindutempel werden passiert. Die sind aber noch geschlossen und nicht angestrahlt, so dass die großen, farbigen und mit vielen Figuren versehenen Eingangstürme unsichtbar bleiben. Die vielen christlichen Kirchen glänzen eher mit Leuchtschriften und hellen Kreuzen. Die Wahrnehmung der Tempel und Gotteshäuser in Chennai ist auf jeden Fall anders verteilt, als die Religionsstatistiken es aussagen: 81% Hindus,  8% Christen und 9% Moslems.
Für mich wirkt es so, als ob die Religionen und die Menschen hier zwanglos miteinander leben. Wobei in manchen Stadtvierteln die eine oder andere Religion deutlich überwiegt.

Wir müssen über eine Straßenbrücke. Viele Helfer stehen am Straßenrad und pfeifen mit Trillerpfeifen auf uns. Zu guter Letzt fällt die Beleuchtung aus. Es ist stockdunkel, die Helfer erhellen mit ihren Handys den Laufweg. Das war dann auch die einzige nennenswerte Erhebung. Später am Meer wird es noch kaum spürbare Wellen geben. Hinter der Brücke funktionieren die Straßenlampen wieder.

Die Anna University bei Kilometer drei ist für mich ein wichtiger Hotspot. Eine riesige und renommierte Universität, von deren großem Campus man nur das beleuchtete Schild am Eingang sieht. Hier werden also die vielen jungen Leute ausgebildet, die dann nicht nur hier, sondern auf der ganzen Welt in IT- Firmen arbeiten.

Auf der rechten Seite liegt der Guindy National Park mit einer Fläche von 2,8 Quadratkilometern. Einer der wenigen Nationalparks, die komplett in einer Stadt liegen. Dort gibt es angeblich noch einige wilde Tiere zu sehen, allerdings nicht hier am Zaun zur Straße.

 

 

Ein Rechtsknick bringt uns vorbei an einem unbeleuchteten Tempel und an einer Statue für einen Politiker auf die Ausfallstraße Rajeev Gandhi Salai. Eine Trommelgruppe erzeugt ohrenbetäubenden Lärm. Neben uns ein riesiger Betonklotz, ein Bahnhof der S-Bahn. Viele dieser aufgeständerten Metro- und S-Bahnlinien durchziehen die Stadt. Züge sieht man komischerweise selten. Anscheinend werden sie nur in der „rush hour“ benutzt. Bemerkenswert, wie dieser Bahnhof neu gestrichen wurde: Auf das Abkleben der kleinen Fenster hat man verzichtet. Die sind halt jetzt halb undurchsichtig. Hinter dem Gebäude fließt der Westkanal, ein alter Kanal, auf dem man sicher schöne Bootstouren anbieten könnte. Bei einem unserer Spaziergänge haben wir dort nur einfache Hütten und viele Kühen gesehen.

Die breite Straße verläuft durch Erschließungsgebiet. Hier befinden sich Bildungsinstitute, riesige Firmengebäude und große Hotels bekannter Ketten. Dazwischen viele kleine Häuser mit ebensolchen Shops und Restaurants. Kurz vor fünf Uhr spuckt ein Bus uniform gekleidete Arbeiterinnen aus. Die Damen haben sich anscheinend viel zu erzählen, von uns nimmt man keine Notiz.

Die Metro, gesprochen Mähdro, sonst versteht das keiner, ist einer der Sponsoren und baut hier eine neue Linie. Auf Plakaten stehen ermunternde Sprüche wie: „Schwitzen ist Fett, das weint“.

Nach Kilometer 10 erwarte ich die Top-Halbmarathonis, die eine halbe Stunde nach uns gestartet sind. Beeindruckend schnell die führenden jungen Inderinnen. Bis das Verfolgerfeld kommt, dauert es dann noch ein Weilchen.

Platz zum Laufen haben wir genug. Unsere Seite der Straße hat mindestens drei Spuren. Sie heißt IT Corridor. Der noch geringe Verkehr wird über die Gegenseite abgewickelt. Wie oft in Chennai sind die Fahrbahnbarrieren sehr hoch. So wird verhindert, dass Fußgänger die Straße überqueren, was meines Erachtens sowieso ein Himmelfahrtskommando wäre. Subways, also Unterführungen, gibt es wenige, es bleibt nur der Weg zur nächsten Kreuzung oder man bleibt halt auf seiner Seite. Insgesamt ist der Verkehr ein Erlebnis. Für die 16 km vom Hotel ins Büro benötigt mein Fahrer 45-75 Minuten. Da wird jede Lücke genutzt, mal nach vorne zu kommen. Auch wenn man dann ganz links steht und nach rechts abbiegen will. Dazwischen die vielen Mopeds und meist Jugendliche auf Fahrrädern. Da müssen eigentlich unendlich viele Unfälle passieren. Querende Fußgänger werden nicht überfahren, aber man zeigt ihnen durch knappstes Auffahren, dass sie besser zu Hause geblieben wären. Fußwege gibt es auch nicht wirklich. Wenn doch, werden sie für Verkaufsstände genutzt. Die Lust zum Flanieren vergeht dann schnell.

Aber wir sind ja jetzt auf abgesperrter Straße unterwegs. Die, freundlich formuliert, malerische Altbebauung liegt hier auf der linken Seite. Viele kleine Geschäfte, vor denen man Kaffee trinkend ein Schwätzchen hält. Man sieht auch viele farbenfroh bemalte Trinkwasserlaster. Das Leitungswasser kommt aus dem 357 km  langen Fluss Palar. Vor mir will ein Mopedfahrer  die Laufstrecke queren. Ein junger Helfer wird zur Seite geschoben und sofort ist ein Polizist zur Stelle, der sich den Fahrer vorknöpft.

Die gefühlt alle drei Kilometer liegenden Verpflegungsstellen geben Wasser in kleinen 160-ml- Fläschchen aus, Energiedrinks in Bechern sowie Bananen, Orangen und Zitronen. Dann gibt es noch Kekse und Salz. Achtung: In Indien gilt die linke Hand als unrein. Wer also meint, in das Salz greifen zu müssen, sollte die rechte Hand benutzen und hoffen, dass dies alle so machen.

Wer das erste Mal in Asien ist, wird sich über die Handbrausen neben den Toilettenschüsseln wundern. Toilettenpapier ist eher was für Ausländer. In Hotelbeschreibungen wird oft extra erwähnt, dass außer einem Föhn auch Toilettenpapier im Bad vorhanden ist. Von einer etwas anrüchigen Sache wurde vor einiger Zeit im amerikanischen National Geographic Magazin berichtet und fand nun auch den Weg in einige deutschsprachige Medien: Der Anteil von Menschen, die Toiletten benutzen, ist in Indien erschreckend gering. Und nicht nur auf dem Land schlagen sich die Leute ins Gebüsch. Auch in Chennai sieht man deshalb viele Schilder, die zur Benutzung der Toilettenanlagen aufrufen.

Bei Kilometer 17 verlassen wir die große Straße und biegen nach links ab, eine von mehreren Mautstellen wartet auf uns. Die gut ausgebauten Straßen sind gebührenpflichtig.  Die Morgendämmerung beginnt, als wir über den Buckingham-Kanal laufen. Dann geht es auf die East Coast Road, abgekürzt ECR, eine Lebensader am Indischen Ozean. Kurz vor dem Ziel der Halbmarathonis wenden wir zusammen mit den 20-Meilern und begeben uns auf den Weg nach Süden.

Wir biegen auf eine schmale Straße in ein Villengebiet ein. Grün ist es hier. Unbekannte Vogelstimmen begrüßen den Tag und begleiten uns weiter. Wunderbar. Die Grundstücke sind groß, oft mit etwas älteren Häusern oder mit noblen Neubauten. Wir kommen ans Meer, fast rechtzeitig zum Sonnenaufgang. Links sieht man Fischer bei der Morgentoilette im Meer. Wir umrunden ein Boot direkt am Strand. Ich möchte gar nicht weiterlaufen, so schön ist die Stimmung. An einem Stand gibt es frischen Kokossaft. Dabei werden die grünen Kokosnüsse mit der Machete schwungvoll aufgeschlagen. Das Wasser trinkt man meist mit dem Strohhalm. Danach kann der Verkäufer das weiche Kokosmark von der harten Schale lösen. Schmeckt ganz gut und ist sicher sehr gesund. Am Marina Beach gibt es die Kokosnuss für 20 Rs (0,25 €).  Für die Läufer ist der Saft hier natürlich umsonst.

Vor uns liegt ein Fischerdörfchen. Einer der Bewohner putzt sich während des Zusehens an der Laufstrecke die Zähne, einige Frauen kommen aus dem nahen Gebüsch. Ein paar Hunde treiben sich herum. Die vielen Hunde in Chennai haben übrigens eine Mordsangst vor Menschen. Oft soll es Stockhiebe setzen. Aber irgendwie gehören sie dazu und bekommen auch etwas zu essen ab. Katzen gibt es viel weniger, obwohl sie eher gehätschelt werden. Von unserem Hotelzimmer aus habe ich  in der Dämmerung auch viele Fledermäuse gesehen. Tagsüber sind neben Tauben und Krähen auch Greifvögel  unterwegs.

Wieder zurück zur East Coast Road, nochmals durch ein Villenparadies. Einige Bewohner oder Angestellte schauen uns zu. Lebhafte Anfeuerungen sind am heutigen Tag eher selten. Drei Trommelgruppen stehen strategisch passend an Begegnungsstellen. Zurück auf der „Schnell“straße. Da gibt es sicher was zu sehen. Ich versuche vergeblich, mit der Kamera die rote Sonne hinter den Wolken samt Läufern davor einzufangen.

Dann auf der ECR weiter nach Süden. Den Schlenker zum Meer sparen wir uns auf dem Rückweg. Anhand der km-Schilder kann man sich nun ausmalen, dass es eine über sieben Kilometer lange Begegnungsstrecke geben wird. Von unserem samstäglichen Ausflug nach  Mahabalipuram kenne ich die schöne Straße schon. Ich freue mich auf das Dorf vor uns. Ein Helfer treibt eine heilige Kuh vom Laufweg. Kühe sieht man hier viele, auch in der Stadt, oft mit Kälbern. Die haben Narrenfreiheit. Da wird dann auf der Schnellstraße mal abrupt gebremst, da einige Kühe ihre „Vorfahrt“ einfordern. Die Ochsen mit ihren langen Hörnern werden oft noch vor Transportkarren gespannt. Da kommt einem in Georgetown, dem alten Zentrum Chennais, schon mal ein  Ochsengespann, hoch beladen mit 1,5 m-Flatscreen-Fernsehern, entgegen.

Die Welt verändert sich, hier auch. Und so kann man auch überall Schilder sehen, die von der Benutzung von Plastik abraten. Viele Geschäfte geben nur noch Stofftüten aus und die Strohhalme sind aus Papier. Aber man sieht auch junge Hipster im Café vor ihren Pappbechern samt Plastikdeckel sitzen. Ist ja auch viel hygienischer als eine mit weiß Gott welchem Wasser gespülte Porzellantasse.

 

 

Kühe gibt es nun öfter zu sehen. Meist stöbern sie im Müll neben der Straße. Während Judith und ich die leeren Flaschen und Becher brav in die vielen Sammelbehälter schmeißen, ist eine Gruppe von Aktivisten, die zur Unterstützung der Bauern mitläuft, da weniger ordentlich. Es gilt: Wer kann seinen Müll am weitesten in die Pampa werfen. Zu erwähnen bleibt noch, dass Indien durch den Einsatz modernerer Anbaumethoden inzwischen mehr Lebensmittel, vor allem Reis, produziert als es benötigt. Es wird nun auch exportiert. Die Zeit der großen Hungersnöte ist vorbei. Auch das Bevölkerungswachstum hat nachgelassen. Oft sind Familien mit nur einem oder zwei Kindern unterwegs.

Manchmal sieht man hinter den Dünen auch das Meer, was mich irgendwie an die Gegend um Rimini erinnert. Nur sind die Straßen hier besser und es gibt viel mehr Palmen. Rechts weit entfernt riesige Wohngebiete mit Hochhäusern.

Die 20-Meiler wenden, für uns wird es etwas einsamer. Also noch 2,5 Kilometer hin und wieder zurück. Die Anzahl nicht indischer Läufer liegt sicher nur bei 5-10. Immer mehr Teilnehmer sind nun auch barfuß unterwegs. Viele sind schon ohne Schuhe gestartet, nun kommen noch unzählige Umsteiger hinzu, die ihre Schuhe ausgezogen haben und in der Hand tragen. Auch die drittplatzierte Frau des Full Marathons war barfuß unterwegs.

Judith und ich überholen konstant Mitstreiter. Manche kämpfen ein wenig, geben sich dann doch geschlagen. Eine Zeit um 4:30 Stunden scheint machbar. Die flache Strecke und die gemäßigten Temperaturen würden sicher bessere Zeiten zulassen. Aber Aufstehen um 1:30 Uhr (21:00 in Deutschland) nach einer durchwachten Nacht davor im Flieger samt Akklimatisation kann man in unserem Alter wohl nicht mehr so gut wegstecken.

An der Wendestelle erwartet uns mein Kollege Madhavan. Wir fotografieren uns gegenseitig. Er begleitet uns jetzt auf seinem Moped und taucht noch öfter auf. Vor uns ein  Vergnügungspark, von denen es hier einige gibt.

Ich freue mich, dass mein „Hase“ Judith mich mitzieht und so kommen wir noch mal in das Dorf von vorhin. Nach 7:00 Uhr ist jetzt hier viel los. Fotostopps lassen das Aufholen anstrengend werden. Aber es ist zu  interessant, was es da zu sehen gibt.  Ein polnischer Läufer im bekannten Shirt mit rotem Adler kommt uns langsam entgegen. Britische Läufer sind anscheinend keine hier. Unser Lauffreund Hugh hatte uns beauftragt, nach einem seiner Vorfahren zu recherchieren, der hier im frühen 19. Jahrhundert als General eine wichtige Rolle gespielt haben muss. Ich habe diese Aufgabe mal an einen an Geschichte interessierten indischen Kollegen delegiert, denn im Internet gibt es kaum Informationen darüber. Hugh wird wohl am besten mal selbst hier mitmachen und vor Ort seine eigenen Nachforschungen betreiben.

Zu guter Letzt verzieht sich der Morgendunst und es beginnt in der Sonne merklich wärmer zu werden. An der Wendestelle der 20-Meiler treffen wir auf viele abgekämpfte Gestalten. Die werden wohl um die 5 Stunden für die 32 km brauchen. Aber wie so oft in Asien zählt hier vor allem das Bewältigen der Strecke und nicht die Zeit. Bei den kürzeren Distanzen ist das noch auffälliger, von den mehr als 13000 Teilnehmern des 10-km-Laufs benötigen viele über zwei Stunden. Abkürzen geht nicht, dafür gibt es zu oft Zeitnahmen.

 

 

Lächelnd laufen Judith und ich mit abgekämpften 32ern durch den Zielbogen. Leider bleiben wir knapp über 4:30 Stunden. Ich kann mich damit zum zweiten Mal in meiner Laufkarriere im ersten Viertel der männlichen Marathonis platzieren. Knapp 500 waren am Start. Judith wird Erste der Veteraninnen. Insgesamt kamen über die 42 km nur 18 Frauen ins Ziel.

Auf dem Freigelände des großen Golden Beach Resorts erwartet uns ein gut gewürztes indisches Frühstück mit Wasser. Kaffee gibt es keinen mehr. Viele indische Läufer wollen Selfies mit uns machen. Nach der Prämierung der Sieger erhält der 74-jährige Schweizer Otto, in Chennai wohl „Wiederholungstäter“, eine besondere Ehrung.  Mit 4:28 Stunden war er knapp vor uns im Ziel.

Für die Rückfahrt stellt der Veranstalter Busse zur Verfügung. So kommen wir auch noch zu einer Fahrt in einem Linienbus. Gut, dass mir ein Läufer den Tipp gegeben hat. Ansonsten hätten wir eine Weile auf eine freie Autorikscha warten müssen.

 

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Die Millionenstadt Chennai ist unserer Meinung nach keine Topadresse für europäische Touristen, die erstmals nach Indien reisen. Zum Einstieg sind andere Ziele wie Delhi, Mumbai oder Rajasthan sicher lohnender. Für diejenigen aber, die beruflich in Chennai zu tun haben oder am Marathon teilnehmen, bietet sich  ein Strandurlaub in einem der großen Resorts an. Der alte koloniale Stadtkern Chennais, die UNESCO- Welterbestätte Mahabalipuram und das ehemals französische Pondicherry sowie einige Tempel und Kirchen lassen sich in drei Tagen besichtigen.

Wer indisches Leben kennenlernen will, ist hier richtig. Man kann sich ungestört in den Stadtvierteln umsehen. Kein Händler ist aufdringlich und Rikschafahrer wollen einem nur selten Zusatzgeschäfte aufschwatzen, ganz anders, als dies Anton Reiter in seinem Bericht über New Delhi  festgestellt hat.

Die Flugpreise in der Region ermöglichen eine günstige Kombination mit einem Marathon in Doha, Muskat, Dubai und Mumbai.

Die verhältnismäßig preiswerten Fünf-Sterne-Hotels lassen einen als Oasen der Ruhe die Hektik der Stadt vergessen. In den neuen Shoppingmalls kann man für wenige Euro essen. Mit Englisch kommt man sehr gut durch, wenn man sich an den Tonfall des indian english gewöhnt hat.

Der Marathon ist sehr gut organisiert, sehr günstig und bietet eine schnelle Strecke. Leider hat die diesjährige Streckenführung die Innenstadt samt Marina Beach ausgespart, auch aufgrund der mangelnden Unterstützung durch die Stadtverwaltung.

 

Finisherzahlen:

10k: 13134
21,1 km: 3981
32 km: 689
42,2 km: 452


Marathon Sieger:

1 Jegadheesan Munusamy        02:36:58    
2 Vinoth Kumar             02:44:56
3 Sankar P                02:47:33    

 

Siegerinnen

1 Zenash Bekele Mamo        03:07:45
2  Darishisha Iangjuh            03:10:08    
3 Vasanthamani Easwaran        03:11:12

 


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