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Laufberichte

Beaujolais Marathon

17.11.12

Das dritte Weingut erreichen wir kurz vor Kilometer 15. Die Verpflegung ist wiederum im Innenraum, diesmal aber ebenerdig. Im dahinter liegenden Hof steht eine riesige  Musikbox, die sich bei näherem Betrachten als Teil eines blauen Sprinters herausstellt. Ein romantisches Steinbrückchen führt uns in ein Tor. Dahinter biegen wir links um die Ecke in eine herbstlich gelbe Allee ein.

So langsam beginnt die Sonne ihren Kampf gegen den Hochnebel. An der nächsten Verpflegungsstelle hat sie diesen gewonnen. Die Labestation mündet in den ersten nennenswerten Anstieg. Nicht sonderlich steil, aber für viele doch ausreichend um eine Gehpause einzulegen. Neben der Strecke sind nun einige Hügel zu sehen. Von oben hätte man jetzt sicher eine schöne Aussicht, aber die Streckenplaner hatten Rücksicht auf die Kostümierten. Wir bleiben unten und überwinden auf der gesamten Strecke lediglich 342 positive Höhenmeter, sowie 448 negative.

Die Sonne hebt definitiv die Stimmung. Das „Château de la Brasse“ kurz vor Km 20 bietet die nächste Möglichkeit zur Stärkung. Die Tische sind wieder reichlich gedeckt, ein Quartett sorgt für die musikalische Unterhaltung und das Läuferfeld ist nun so weit  auseinander gezogen, dass wir mehr als genügend Platz haben. Es lohnt sich, etwas zu verweilen. Mit über 13 Minuten wird das der langsamste Kilometer des Tages.

Noch vor der Halbzeit überholen mich Superman und Batman Seite an Seite. Beide sehen fix und fertig aus. Es ist halt nicht wie im Film. Was ist schon die Welt retten gegen einen  ausgewachsenen Marathon?

Es beschränkt sich aber nicht auf die beiden. Generell fällt auf, dass viele Mitstreiter schon zu diesem frühen Zeitpunkt einen etwas gequälten Gesichtsausdruck haben. Scheinbar verleitet die Kombination aus Kostümball, Weinprobe, gutem Essen, entspannter Stimmung und der bekannten Großzügigkeit beim Einhalten des 6-stündigen Zeitlimits auch weniger Trainierte dazu, einfach so mal einen Marathon zu probieren. Tatsächlich kommen nämlich jedes Jahr Marathonis mit Zeiten knapp unter 7 Stunden in die Wertung.

Das letzte Weingut ist Château de Sermezy. Das Gut ist von einem ausladenden Park umgeben. Im Hauptgebäude wird eine Auswahl verschiedener Gummibärchen, Lakritz und ähnlichem Zuckermischungen geboten, und natürlich Wein, hier sogar stilecht in Weingläsern. Ich werde mit den Worten „das braucht man jetzt, es sind noch 20 Km“ genötigt, beim Süßzeug zuzugreifen. Der Weg hinaus aus dem Weingut zieht sich ebenfalls. Vorbei geht es an einem kleinen künstlich angelegten Tümpel, umringt von herbstlich gelben und roten Bäumen, sowie einem Gehege mit Ziegen und Rehen.

Das Feld ist jetzt so weit auseinander, dass ich zum ersten Mal auf einen Ordner zulaufe und nicht weiß, ob es nach links oder rechts geht. Er steht genau in der Mitte einer Weggabelung, schaut freundlich, macht aber nicht den leisesten Wink einer Richtungsangabe. Klar, er weiß wo's hingeht. Ich entscheide mich für links um die Ecke und sehe in einer Entfernung wieder Läufer. Richtige Entscheidung. Einer dieser Läufer ist der Gallier Obelix. Er läuft in voller Montur mit Hinkelstein und vielleicht nicht ganz originalem, aber doch nennenswertem Bauchumfang. Meine schnelleren Laufkollegen berichten, dass er ziemlich flott gestartet sein soll. Scheinbar hat der Zaubertrank, in den er als Kind gefallen ist, unterwegs seine Wirkung verloren. Obwohl, den Hinkelstein trägt er weiterhin ohne Jammern.

Von rechts flitzen ein paar Läufer an. Erst sind es wenige, dann werden es immer mehr. Aha, hier kommen Halbmarathon und Marathon zusammen. Damit ist es vorbei mit der Ruhe. Die Halbmarathonis rasen in unter 4min/km an uns langsam wankenden Marathonis vorbei. Ein Flitzer ruft mir aufmunternd „Bravo, allez les Marathoniens“ zu.

Wie gesagt, die Halben sind drei Stunden nach uns gestartet. Ja, ich bin heute sehr gemütlich unterwegs. Sie berichten später, dass sie gegen 11 Uhr in einen völlig überfüllten Linienbus am Bahnhof in Villefranche gestiegen sind, um zur Messe zu gelangen und die armen „Normalbürger“ im Bus, die nicht mit den Läufern gerechnet haben, bemitleidet haben.

Die Anwesenheit der Halbmarathonis auf der Strecke ist Segen und Fluch zugleich. Einerseits ist es schön, dass man nicht mehr allein unterwegs ist, andererseits wird man permanent von Massen an Läuferinnen und Läufern überholt. Wer als Marathoni wegen des ständigen Überholtwerdens nun in ein Frustloch fallen möchte, hat die Rechnung nicht mit den Zuschauern gemacht. Man kann den Franzosen bisher keinen Vorwurf machen, dass sie nicht begeistert angefeuert hätten. Aber die Zuschaueransammlungen haben sich eben auf die kleinen Dörfer und Weingüter beschränkt, die wir durchlaufen haben. Ab Arnas nimmt die Zahl der Zuschauer zu und die schauen ganz genau auf die personalisierten Startnummern. Die Halben haben weiße Nummern, unsere sind pink. Umringt von etlichen Halbmarathonläufern mit weißen Nummern kommt immer wieder ein Ruf in meine Richtung „Allez le marathonien“ und „Allez Markus“.

Durch die Weingüter dürfen nur die Marathonläufer. Eine größere Zahl an Läufern würden diese auch nicht verkraften. Um aber den Kurzstrecklern auch noch etwas besonderen Flair mitzugeben, leitet die Strecke rund einem Kilometer vor dem Ziel durch die Markthalle von Villefranche. Am Ausgang steht ein Ordner und bittet alle langsam zu tun, damit keiner die Treppe runter stürzt.

Mit dem Verlassen der Markthalle landen wir in Stadtlaufatmosphäre. Gesäumt von Zuschauern und Absperrgittern führt der Weg ins Ziel im Zentrum von Villefranche-sur-Saône. Die Finisher aller Strecken bekommen sogleich eine Flasche Beaujolais in die Hand gedrückt. Die Finishermedaille, die exklusiv die Marathonis um den Hals gehangen bekommen, ist eigentlich keine Medaille, sondern ein Weinschöpfer.

Der Mann mit Mikro in der Hand schaut mich groß an, als ich über die Ziellinie komme. Na das kann heiter werden. Er merkt schnell, dass es mit Französisch zu holprig wird und wechselt auf Englisch. Die übliche Fragerei schließt er mit „und heute Abend feierst du noch mit uns, oder?“ Damit meint er die „Nuit du Marathon“, die Abschlussparty des Marathontags.

Sie ist ein bisschen größer  und wahrscheinlich noch ausgelassener, als die Pastaparty. Die 1.600 Plätze waren schon einige Tage vor dem Event ausverkauft. Unsere Gruppe hat sich für ein kleines gemütliches Abendessen entschieden, daher kann ich zu dieser Party nichts berichten. Noch vor der Abschlussparty gibt es ein weiteres Spektakel, das man sich nicht entgehen lassen sollte.Nämlich die Ansprache des Bürgermeisters vor dem Rathaus. Nach einer kurzen Rede wird in zahlreichen Etappen die Geschichte der Weintraube vom Winter bis zur Ernte erzählt. Per Beamer gelangen überdimensionale Bilder auf das Rathaus. Atemberaubende Feuerwerke unterbrechen die Erzählung, untermalt von passender klassischer Musik. So mancher hatte beim Feuerwerk Angst, dass dabei der Rathausturm in Flammen aufgehen könnte.

Betrachtet man das Gesamtpaket, ist es kaum verwunderlich, dass der Beaujolais Marathon in den letzten zehn Jahren den Aufstieg von ein paar Hundert Läufern hin zu einem Großevent mit 8.000 Teilnehmern geschafft hat. Sofern die Veranstalter einen Weg finden, noch mehr Läufer auf der Strecke unterzubringen, ist weiterer Wachstum zu erwarten.

Ergebnisse

 

Marathon Männer
1. Lompo, Patrice  2:29:48
2. Ruberti, Frederic  2:43:37
3. Babad, Sylvain  2:45:20

Marathon Frauen
1. Motto Ross, Sandrine 3:09:07
2. Durand, Sylvie  3:18:55
3. Cartoux, Sylvie  3:19:16

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