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Laufberichte

Comrades zum Fünften

10.06.18 Special Event
 

Hein Venter, südafrikanischer Fabrikant, passionierter Läufer und wahrhaftiger Schutzengel, hat sein Ziel erreicht: sein Schützling Xolani Luvuno konnte die legendäre Finishline des Comrades Marathon überqueren. Luvunos Drogenkarriere begann früh und endete mit der Amputation seines rechten Beines. Bettelnd konnte er sich gerade so über Wasser halten. Hein Vetter traf den Mann oft auf dem Weg zur Firma. Eines Tages sprach er ihn an. Luvunos Schicksal berührte den Geschäftsmann so, dass dieser dem völlig Fremden Arbeit und ein Dach über dem Kopf gab. Außerdem animierte er den Behinderten zum Sport, laufen trotz der Krücken wurde daraufhin zu dessen Passion.

Und er läuft nicht nur ein bisschen: letztes Jahr konnte Luvuno den Soweto Marathon finishen. Mit einer einmaligen Ausnahmegenehmigung des Corades Committees durfte Luvuno dieses Jahr bereits um Mitternacht zum Comrades Marathon starten. Betreut von Vereinskollegen und begleitet von Hein Venter wurde sein Traum Wirklichkeit: Er ist nun ein richtiger Läufer.

Für uns ausländische Starter hielt der Comrades in diesem Jahr einige Überraschungen bereit. Trotz Aufstockung des Starterkontingents auf 24 000 waren die Startplätze schnell vergriffen. Auch die Reiseveranstalter, die normalerweise besser zum Zuge kommen, konnten da nicht mehr helfen. Mit etwas Glück und hohem Geldeinsatz konnte Werner Otto, Reiseveranstalter unseres Vertrauens, noch letzte Startplätze organisieren. So kommen Norbert und ich doch noch zu unserer Reise nach Südafrika, sogar mit Rundumversorgung.

Nachdem ich im letzten Jahr einen Cutoff nicht geschafft habe, bin ich dieses Jahr etwas angespannt. Weil die Zielzeit von 12 Stunden brutto gemessen wird, wird es für mich immer schwieriger. Aber es geht dieses Jahr downhill, also bergab. Dafür wurde die Strecke aber auf 90,134 km verlängert. Das Ziel befindet sich zum ersten Mal im Moses Mabhida Stadion, der großen Fussballarena, die eigens für die Fussball WM 2010 in Durban erbaut wurde. Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll.

Dafür freue ich mich umso mehr über unsere nette Reisegruppe mit vielen Bekannten und einigen neuen Gesichtern. Schnell ist man im Gespräch, denn wir sind alle Läufer. Auch die Pastaparty, die von Werner und Matthias organisiert wird, ist vom Feinsten.

Am Laufmorgen müssen wir früh aufstehen. Um 2 Uhr gibt es Frühstück und um 3 Uhr fährt der Bus unserer Reisegruppe von Durban zum Start nach Pietermaritzburg. Dieses Jahr herrscht extremer Verkehr. Erst um 4 Uhr 45, also 45 Minuten vor dem Start sind wir Vorort. Noch schnell ein Dixi aufgesucht, und schon muss man zu seinem Startblock, um 5 Uhr 15 werden die Tore geschlossen.

 

 

Dicht an dicht stehen die Läufer und harren der Dinge; Spannung liegt in der Luft. Wie überall bei großen Sportveranstaltungen ertönt laute Musik und ein Sprecher unterhält die Menge. Obwohl ich den Ablauf bereits kenne, bin ich immer noch genauso berührt, wie beim ersten Mal: Es wird gespenstisch still, dann beginnt die Menge die Nationalhymne von Südafrika anzustimmen. Mittlerweile kenne ich ein paar Zeilen und kann zumindest den Refrain mitsingen. Lauter Jubel reißt mich aus meiner Andacht. Das Arbeiterlied Shosholoza wird traditionell als Wechselgesang intoniert. Einer singt vor, und die Menge antwortet. Die Luft scheint vom vielstimmigen Gesang zu vibrieren. Ein deutsches Pärchen hinter mir ist sich einig: „Deshalb sind wir hier“. Tosender Jubel wird vom grandiosen Song von Vangelis „Chariots of Fire“ unterbrochen. Um 5 Uhr 30 ertönt der legendäre zweimalige Hahnenschrei, direkt gefolgt vom Startschuss und dann unter dem donnerndem Applaus der vielen Zuschauer und lauten Anfeuerungsrufen des Moderators geht es los.

Wir bewegen uns langsam Richtung Rathaus. Der näher kommende, mehrfarbig beleuchtete Bau und das große Starttor geben uns Hinweise, wann es auch für uns losgeht. Diesmal sind es über 9 Minuten bis ich die Startlinie überquere. So lange habe ich noch nie gebraucht. Dicht gedrängt stehen Zuschauer auf den Tribünen und am Rand der abgesperrten Strecke. Ich konzentriere mich ganz aufs Laufen. Obwohl für die Läufer Plastiktüten als Wärmeschutz verboten sind, liegt jede Menge Müll auf der Straße. Man muss aufpassen, um im Dunkeln nicht darüber zu stolpern.

Ich schaffe es unfallfrei und auch um mich herum ist alles im grünen Bereich. Es geht gleich bergab und nach einer scharfen Rechtskurve wieder bergauf. Nach einiger Zeit liegen die letzten Häuser von Pietermaritzburg hinter uns. Hier geht es erneut bergab. Trotz der Dunkelheit kann man schon ganz gut laufen. Wobei man allerdings schlecht überholen kann, da das Feld noch sehr dicht ist. Dieses Jahr stehen Scheinwerfer am Straßenrand und beleuchten die Strecke. Ich überlege, ob das eine gute Idee ist. Sie sind sehr niedrig aufgestellt, blenden sogar, und man kann eigentlich nicht wirklich mehr sehen.

Es folgt nun der Anstieg nach Polly Shorts. Bei mir läuft es erstaunlich locker. Ich komme sogar ohne Gehpause hinauf. Bergab bin ich trotzdem schneller als die meisten und überhole daher auf dem Seitenstreifen. Komisch, dass das sonst kaum einer so macht. Ein Mann ruft mir nach: „Off road, that‘s crazy!“ Ich fühle mich ganz in meinem Element. Es ist kühl: bis auf 4 °C fällt das Thermometer an der tiefsten Stelle im Tal, was mir ganz gelegen kommt.

Die erste Verpflegungsstelle bei km 4 lasse ich aus. Langsam wird es heller. Um Viertel vor sieben geht die Sonne auf und taucht die Landschaft in oranges Licht. Immer wieder stehen zu dieser frühen Stunde Schaulustige am Straßenrand, oft noch im Bademantel oder Schlafanzug. Sie singen und klatschen. Um sieben Uhr ist es endgültig hell und wir haben bereits elf Kilometer geschafft. Ich genieße die Landschaft und freue mich hier zu sein. Fast lückenlos stehen Zuschauer vereinzelt oder in Gruppen an der Strecke. Jeder feuert uns an. Viele hoffen auf Kleidungstücke, die von den Läufern am Straßenrand zurückgelassen werden. Ich habe extra eine ältere Laufjacke dabei, die mir lange Jahre treue Dienste geleistet hat. Nun bekommt sie hier einen neuen Besitzer.

Die nächste VP kommt in Sicht. Unzählige Helfer sind damit beschäftigt, an langen Tischen Getränke an die nicht enden wollende Schlange von Läufern zu verteilen. Wasser wird in kleinen verschweißten Beutelchen mit 100 ml ausgegeben. Gatorade in blau, grün, rot und orange, entsprechend den verschiedenen Geschmacksrichtungen, ist ebenfalls so verpackt. Cola gibt es aus Bechern.

An der gesamten Strecke befinden sich insgesamt 46 Verpflegungsstellen, die von verschiedenen Sponsoren betreut werden. Die oben genannten Getränke sind Grundausstattung, wobei nicht immer jede Sorte Gatorade zur Verfügung steht. Essen wird zumindest am Anfang eher weniger angeboten und richtet sich nach den Vorlieben der Anbieter. Aus Vorsicht habe ich Früchteriegel und eigenes Gel dabei. Ansonsten bieten oft Zuschauer Obst, Brot oder Kekse an und ich vermute, wenn man ein gegrilltes Steak möchte, wäre das auch kein Problem.

 

 

Jeder Kilometer ist mit 2 Meter hohen Schildern gekennzeichnet. Die Zahlen geben hierbei die noch zu laufende Strecke an. Nachdem ich letztes Jahr einen Cutoff nur knapp nicht geschafft habe, bin ich vorsichtig und kontrolliere die Uhr. Ich muss ja die verlorene Zeit vom Anfang wieder aufholen. Bereits nach 13 Kilometern habe ich die mindestens zu laufende Durchschnitts-Pace von 8 Minuten pro Kilometer erreicht. Das beruhigt mich einigermaßen.

Es geht hier nie flach, sondern ständig bergauf oder bergab. Und jetzt kommt der 7 km lange Anstieg nach „Umlaas road“. Hier ist mit 810 m der höchste Punkt der Strecke. Wir sind bei km 18. Wichtiger noch ist aber der erste Cutoff. Spätestens um 8 Uhr 10 muss man durch sein. Ich habe noch 28 Minuten Zeit - das ist erfreulich.

Schon von weitem sehen wir, wie das Feld vor uns in einem roten Fahnenmeer verschwindet. Ein paar Kurven weiter liegt die Fanmeile von Toyota vor uns, einem der Hauptsponsoren des Laufs. Dort steht auch eine der Fernsehkameras für die Liveübertragung. Trommler geben den Rhythmus vor, während wir lachend an der Kamera vorbei joggen und versuchen locker auszusehen.

Eine Läuferin aus Durban heißt mich willkommen. An ihrer Startnummer erkenne ich, dass sie zum ersten Mal beim Comrades dabei ist. Wir unterhalten uns ein bisschen, dann lässt sie mich ziehen. Auch andere Läufer packen ihren deutschen Sprachwortschatz aus, um mich anzusprechen. Ich bin am auffälligen „Germany Shirt“ leicht zu erkennen.

Bei Camperdown unterqueren wir die Autobahn. Traditionell, weil gut mit dem Auto zu erreichen, haben sich hier hunderte, wenn nicht sogar tausend Zuschauer versammelt. Es wird gefeiert, gegrillt und nebenbei die Läufer angefeuert. Wir laufen durch weitere kleinere Ortschaften mit toller Stimmung. Im welligen Terrain kann man die beeindruckende Läuferschlange vor und hinter sich erkennen.

Bei Cato Ridge, es sind noch 60 km zu laufen, geht es richtig ab: der nächste Cutoff steht an. Zunächst passieren wir ein Schild auf dem der Cutoff in einem Kilometer Entfernung mit 9:50 Uhr angekündigt wird. Dadurch angespornt, wird das Feld gleich einen Schritt schneller. Obwohl es hier bergauf geht, bin ich bereits um 9 Uhr 20 durch.

Ein paar Kilometer weiter erreichen wir die Ethembeni School for Handicapped Children. Die Schüler, Lehrer und Betreuer sind seit jeher an der Strecke, um die vorbeikommenden Läufer anzufeuern. Mittlerweile wird der gesamte Etat der Schule durch Spenden von diesem Lauf finanziert. Die meisten Läufer lassen es sich nicht nehmen, die lange Reihe der Kinder abzuklatschen. An der nächsten VP ergattere ich ein paar Kekse. Sie sind so trocken, dass ich einen ganzen Beutel Wasser dazu trinken muss.

 

 

Im Gegensatz zu den Vorjahren ist es bewölkt und daher relativ kühl. Ich komme immer noch gut voran, aber die Steigungen gehe ich jetzt natürlich. Drummond und somit Halbzeit ist schon in der Nähe. Wobei das mit der Halbzeit diesmal nicht stimmt. Es sind hier erst 44 km für die man 6h10 Zeit hat. Wir haben bereits im Vorhinein überlegt, dass jemand, der so lange braucht, das Ziel innerhalb 12 Stunden eigentlich nicht erreichen kann. Auch meine Durchlaufzeit mit 5h40 ist nicht so komfortabel, trotzdem genieße ich die tolle Stimmung der tobenden Menge. Die Absperrungen sind in lila gehalten, den Farben des Sponsors „Hollywood bets“. Mit goldenen Sternen verzierte Banner machen den Durchlauf fast Hollywood mäßig. Etwas später, wenn der Cutoff geschlossen wird, wird hier die Hölle los sein.

Viel wichtiger ist mir jetzt, dass ich bei km 45 noch 6h10 Laufzeit übrig habe. Ulli, Leidensgenosse vom letzten Jahr, kommt von hinten und meint, das schaffen wir diesmal sicher. Vom Gipfel von „Inchanga“ ist es nur noch ein Marathon. Der grandiose Ausblick ins Tal der 1000 Berge begeistert mich immer aufs Neue.

Von weitem hört man, wie sich der nächste Zuschauer-Hot-Spot ankündigt. Auf den breiten Seitenstreifen stehen Autos und Wohnmobile. Die Besitzer haben Campingtische und Stühle aufgebaut, manchmal sogar kleine Zelte. Über Mikrophon werden die Vorbeikommenden begrüßt. Auf Grund meines auffälligen Deutschland-Shirts werde ich besonders angefeuert. Entgegen der Vorjahre verzichte ich hier auf ein Bier, mein Magen ist heute nicht ganz in Ordnung.

Hinter der nächsten Kurve befindet sich „Arthur‘s seat“, eine Nische in der Böschung an der Straße. Der fünfmalige Comrades-Sieger Arthur Newton hatte hier auf seiner Trainingsstrecke seinen Pausenplatz. Einer Legende zufolge wird es Läufern, die hier während des Laufs eine Blume mit dem Gruß „Good morning Sir“ niederlegen, auf der zweiten Hälfte des Laufes gut ergehen. Weil das letztes Jahr nicht geklappt hat, muss Arthur dieses Jahr mit meinem knappen Gruß ohne Blume vorlieb nehmen.

Ein paar Meter weiter passiert man die Wall of Honour. Jeder Comradesfinisher kann sich hier auf einem Stein verewigen lassen. Die Stimmung unter den Zuschauern ist super, leider macht die schottische Kapelle gerade Pause. Es folgt der Anstieg nach Botha‘s Hill. Er ist nicht steil, immer wieder geht es zwischendurch bergab. Der auffällige Fernmeldeturm vor mir auf der Anhöhe ist ein wichtiger Anhaltspunkt für die zweite Hälfte.

 

 

Mittlerweile zeigt die Uhr bereits nach 12 Uhr und ich brauche immer noch keine Mütze. Genau dieses Wetter hatte ich mir gewünscht. Ich komme gut mit einem Becher Cola und einem Beutel Wasser von VP zu VP. Ein komisches Zwicken in den Oberschenkeln ignoriere ich.

Bei km 50 schenken Angehörige des „Area Military Health Unit KZN“ Wasser und Cola aus. Es sind Mitarbeiter des südafrikanischen Militärs, die im Sanitätsdienst arbeiten. Wir werden persönlich angesprochen und motiviert. inzwischen habe ich trotz Salztabletten Krämpfe abwechselnd im einen, dann im anderen Oberschenkel. Vielleicht zu wenig getrunken, vielleicht zu schnell gelaufen. Helfer und Zuschauer haben große Salzstreuer und geben Salz auf Obst oder einfach auf die Hand. Kurzzeitig werden die Krämpfe besser; jetzt bloß nicht stehen bleiben.

Vor dem ehrwürdigen Kearsney College sind die Tribünen verwaist. Den Studenten, die eher auf Höchstleistung stehen, sind wir vermutlich zu langsam. Dafür ist in der folgenden Bonitas Fanmeile wieder Stimmung.

Jetzt geht es hinunter nach Hillscrest, einem weiteren beliebten Zuschauer Hot Spot. Hier wartet traditionell die Gruppe um unseren Laufreisenveranstalter Werner Otto. Ich werde mit Beifall bedacht und freue mich. Dann sind es nur noch gute 35 km. In der Ortsmitte von Hillscrest haben die Zuschauer für die Läufer ein Spalier gebildet. Man geht fast auf Tuchfühlung und die Anfeuerung der Zuschauermasse ist gnadenlos. Mit Gänsehaut laufe ich an der schreienden Menge vorbei.

In Winston Park hinter der VP, die von Coca Cola gesponsert wird, ist der nächste Cutoff mit 8 h. Ein großes Hallo empfängt die Läufer und von einer hohen Showbühne herab werden die Vorbeikommenden angefeuert. Ich hab noch 19 Minuten übrig - das reicht.
Meine Krämpfe werden trotz Salz immer schlimmer. Ich vertrau mich den Mädchen von der Physiotherapie an. Soviel Zeit muss sein. Immer wieder kommen mir bestimmte Punkte bekannt vor und zeigen, dass ich doch irgendwie vorwärts komme.

Ab km 25 (noch zu laufen) wirft Durban seine Schatten voraus. Die Straße wird breiter und es geht nun kilometerlang bergab. Am nächsten Cutoff bei St. John‘s Avenue mit 9h20 komme ich mit knapp unter 9 Stunden durch.

 

 

Bei Cowies Hill sind es keine 20 Kilometer mehr. Wir haben die ersten Vororte von Durban erreicht. Die Zuschauer werden immer zahlreicher. Obwohl der Führende wahrscheinlich vor gut 4 Stunden hier vorbei gekommen ist, werden die Fans nicht müde uns anzufeuern. Die Sonne hat es nun durch die Wolken geschafft und macht die Strecke jetzt gut warm. Während ich überlege, meine Mütze heraus zu kramen, kommt die nächste Wolke und so bleibt mein Kopf heute unbedeckt. Auch die Läuferdusche vom Sponsor Energade ist wenig begehrt.

Trotz der Krämpfe bin ich guten Mutes. Vor mir befindet sich die Pacergruppe für 11h 45 Zielzeit. Bergab laufe ich kraftfrei immer noch schneller als sie. Bergauf lasse ich mich zurückfallen bis ich die Gruppe für 12 Stunden hinter mir höre. Das läuft echt gut so. Nur nicht stehen bleiben.

Die Pacer haben die Aufgabe, die Läufer zu ihrer gewünschten Zielzeit zu führen. Anders als bei uns in Deutschland wird hier ein Tempo genau eingehalten, unabhängig ob es bergauf oder bergab geht. Natürlich wird bergauf das Tempo etwas angepasst, aber es kann passieren, dass bergab gegangen wird, weil dies gerade auf dem Plan steht.

Noch 12 km, noch 11 km, dann noch 10 km. Die Gegend wir immer städtischer. Ist hier schon die Autobahn? Die dreispurige Straße ist voll mit Läufern. Es wird noch einmal spannend, der letzte Cutoff bei km 81 steht an. Es geht ziemlich lange bergauf. Dann laufe ich über die Zeitmessmatte: 20 Minuten Luft, das ist super. Die nun folgende längere Steigung schaffe ich mit abwechselndem Gehen und Laufen. In der Ferne sind die ersten Hochhäuser Durbans zu erahnen. Langgezogen ist das nächste Gefälle und anschließend geht es nochmals bergauf. Auf der schönen Bogenbrücke, von wo aus man den tollen Blick auf die Skyline von Durban genießen kann, stehen viele Zuschauer, die uns von oben herab anfeuern.

Unter lautem Jubel laufen wir unter der Brücke durch und haben die City von Durban zu unseren Füßen. Es dämmert schon und die Hochhäuser in der Ferne scheinen im letzten Sonnenlicht zu baden. Gebannt laufen wir dem Ziel entgegen. Auf der Autobahn geht es bergab. An der nächsten VP ist das Wasser ausgegangen. Enttäuscht laufen wir weiter. Ich hatte gerade ein Gel geschluckt, und etwas Wasser wäre willkommen. Aber die nächste VP ist ja nicht weit.

Hinter einer weiteren Brücke ist die Strecke neu. Es geht ja in diesem Jahr nicht ins Kricket Stadion, sondern etwas weiter ins Mohses Mahbida Stadion. Die VP bei km 86 hat noch genügend Wasser. Meine Krämpfe werden allerdings jetzt schlimmer, so dass ich regelmäßige Gehpausen machen muss. Bei km 88 ist es mir aber klar: ich könnte die letzten 2 Kilometer langsam gehen und wäre trotzdem rechtzeitig im Ziel. Man kann das riesige Stadion mit seinem 105 m hohen Bogen nämlich schon deutlich sehen.

Abwechselnd gehend und laufend überhole ich noch viele erschöpfte Läufer. Rechts und links stehen dicht an dicht Zuschauer und ich genieße noch ein letztes Mal die Rufe: „Germany, Germany“. Am Eingang des Stadions ist ein Zielkorridor abgesperrt. Dort steht die Uhr auf 11h44. Der Jubel der vielen Zuschauer ist bereits zu hören. Wir müssen noch um die Ecke; dann spüre ich Gras unter meinen Füßen und laufe in einen Hexenkessel aus Lärm und Emotionen.

 

 

Obwohl die 70.000 Plätze des Stadions natürlich nicht voll besetzt sind, ist der Lärm ohrenbetäubend. Ich sauge die Stimmung auf. Noch eine Kurve, jetzt ist das Ziel in Sicht. Langsam überquere ich die Ziellinie und nehme meine Medaille und den Comrades-Aufnäher in Empfang. Ein Veteran im Rollstuhl gibt mir die Hand und beglückwünscht mich. Wir wechseln ein paar Worte. Dann werde ich von Helfer in Richtung des Internationalen Bereichs gelotst.

Auf der Treppe nach oben treffe ich einige deutsche Läufer, Klaus wartet schon, um mich zu beglückwünschen. Wir machen ein paar Fotos, dann suche ich unsere Gruppe. Sie hat es sich auf der großen Tribüne bequem gemacht und winken mir von weitem zu. Ich versuche hinunter zukommen. Wegen der vielen Menschen und den engen Sitzreihen gestaltet sich das schwierig. Ich kann Norbert nicht erreichen und sinke auf den nächsten Stuhl.

Eben werden die letzten Sekunden herunter gezählt. Der Zielkanal quillt über von den vielen Läufern, die soeben noch einlaufen. Die großen Pacergruppen für 12 Stunden sind angekommen. Auf dem Stadionbildschirm kann jeder miterleben, wie die letzten Läufer die Ziellinie überqueren. Die Stimmung geht auf den Höhepunkt zu. 5 – 4 – 3 – 2 – 1, eine Schuss ertönt und das Ziel wird gnadenlos geschlossen. Ein Trompeter spielt eine getragene Weise, ein sehr emotionaler Moment.

Wie immer bleiben viele Läufer auf der Bahn zurück. Sie haben es nicht rechtzeitig geschafft. Trotzdem sind sie  90 km gelaufen, und das wird von den Zuschauern im Stadion auch entsprechend gewürdigt.

 

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Endlich hat sich Norbert bis zu mir durchgekämpft. Stolz zeige ich meine Medaille. Für unsere Essensgutscheine gibt es dieses Jahr eine Picknicktasche mit allerlei Essbarem,  dazu noch genügend Bier. Das ist ganz geschickt, denn die ganze Gruppe will nun zusammen heimgehen. Alle Läufer unserer Gruppe haben es dieses Jahr geschafft und die Schnellen warten bereits seit mehreren Stunden. Ich schnappe mir im Vorbeigehen noch mehrere Stückchen Cremetorte, das kann nicht schaden. Matthias bringt uns mit einem Kleinbus in unser Hotel.

Dass ich den Comrades tatsächlich noch einmal geschafft habe, realisiere ich erst richtig im Flieger nach Hause. Sicher hat das relativ kühle Wetter geholfen. Der Abschied von der Gruppe ist emotional, wir haben neue Freunde gefunden. Vermutlich werde ich es in zwei Jahren noch einmal versuchen, wenn es erneut downhill geht.

 


 

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