Die erste Thüringer Bratwurst gibt es auf der Hinfahrt in Holbach. So sind wir gut gewappnet, als es kurze Zeit später hinter Kelbra mit dem Auto durch die zahlreichen Kurven das kleinste Mittelgebirge Deutschlands hinauffährt. Für uns Flachlandbewohner ist das Bergkurven ein Adrenalin fördernder Spaß. Der Puls bleibt dabei noch deutlich unter 100. Der Atem stockt nur hier und da, wenn die eine oder andere sehr steile Kurve plötzlich auftaucht. Der Berg schreckt mit Absicht und das soll eine Warnung sein: Übertreib es nicht Freundchen!
Und es funktioniert. Der Respekt ist dann auch mit den Gedanken an den Kyffhäuser Berglauf sofort da. Hier werden wir schwitzend und ächzend die Straße queren und den Hangweg hinauf hecheln. Die Abfahrt nach Bad Frankenhausen wird denn auch ruhiger angegangen. Und als uns die beschauliche Stadt am Südhang des Kyffhäusers empfängt haben sich Puls und Atem beruhigt.
Wir genießen das herrliche Frühlingswetter in der Stadt und an ihren Rändern mit dem vielen frischen Grün und der weißen Baumblütenpracht, bis es am Freitagnachmittag auf den Schlossplatz zur Startnummernabholung geht. Da ist denn auch das mehrfache Grüß Dich und Hallo, denn wir gehören zu den Wiederholungstätern beim Kyffhäuser Berglauf (KBL). Bei meinem ersten Start hier im Jahr 2002 gab es noch gar keinen Marathon. Es war ein 38 Kilometer langer Berglauf. Mein Respekt vor dem KBL war riesig. Ich erinnere mich noch gut an meine starken Glücksgefühle, als ich wohlbehalten ins Ziel auf dem Schlossplatz eingelaufen war.
Nun denn, am Samstagmorgen kurz nach acht Uhr versammeln sich die Marathonis als erste auf dem Schlossplatz und im Zelt. Genauso die zahlreichen Helfer und Standbetreiber. Da sind weder Hektik noch Stress. Eine gewisse Aufregung verspürt wohl jeder vor dem Marathonstart. Aber die Bad Frankenhausener Gelassenheit überträgt sich auf die Teilnehmer und hält unseren Puls im niedrigen Bereich. Es wird sich auch wieder gegrüßt und ausgetauscht. Da sind zum Beispiel Michaela (Marathonclub 100), Anja (KSV Baunatal) und Ingo (Lucker Läuferbund Spreewald) die regelmäßig Laufberichte auf www.marathon4you.de. lesen und das baldige Aus der Seite bedauern.
Pünktlich um 8:30 Uhr läuft es los. 179 Teilnehmer haben für den Marathon gemeldet. Das sind jetzt nicht sehr viele, was sicher zur gelassenen Atmosphäre beiträgt. Aber das sorgt auf jeden Fall dafür, dass es ohne Drängeln locker losläuft. Zunächst durch ein Zaunspalier, an dem einige Anhänger stehen und uns anfeuern. Dann auf der Bornstraße hat sich die Spreu schon vom Weizen getrennt. Denn während wir hinteren gerade mit dem ersten Anstieg des Tages beginnen, sind die vorderen schon an der schief stehenden Oberkirche angelangt. Das erste Stimmungsnest nach dem Start bilden wie immer die Cottbuser Parkläufer, die vor ihrer Pension stehen und kräftig applaudieren.
Doch der Bergläufer sollte sich davon nicht aus der Ruhe bringen lassen. Der Weg ist noch weit, der erste drei Kilometer lange Anstieg schon recht ordentlich, was sich auch sofort beim ansteigenden Puls bemerkbar macht. Der Berg begrüßt uns auf dem holprigen Wiesenweg und schlägt uns seinen starken Atem ins Gesicht. Oben auf dem Flugplatzberg sind wir alle warm gelaufen und genießen es jetzt, mit ruhigem Atem auf der Wiese neben der Naturlandebahn hinabzulaufen. Es gibt dabei schöne Ausblicke in die noch leicht diesig schimmernden Auen am Ostrand des Kyffhäusers zu erhaschen.
Ich treffe Roland wieder, mit dem ich vor vier Jahren auf gleicher Strecke ein Stück zusammengelaufen bin. Er ist einer von denen, die den Marathon beim KBL als Vorbereitungslauf für den Superrennsteig nutzen. Unten im Dorf Udersleben gibt es bei Kilometer sechs die erste Getränkestation. Es wird Wasser, Cola, Iso, Radler und auch schon echtes Pils angeboten. Ich weiß nicht, ob letzteres dort schon jemand getrunken hat?
Dann wird es untypisch für einen Berglauf flach bis nur leicht wellig. Zudem ist der Laufuntergrund asphaltiert oder geschottert. Fast zehn Kilometer lang laufen wir so zu Füßen des Kyffhäusers an seinen Nordhängen entlang. Für mich wird es jetzt schon mal einsam. Meine ersteren Mitläufer nutzen das flache Geläuf und nehmen Tempo auf. Ich aber folge meinem Plan und halte mich zurück. Erst in Ichstedt an der Verpflegungsstation bei Kilometer zehn schließen die nächsten Mitläufer zu mir auf. Als Nahrung dienen vor allem Stücke vom Apfel, der Banane, der Zitrone. Auch Salztüten liegen aus und ich bediene mich gern davon.
Ich plausche ein wenig mit Nadine und Andreas, die zusammenlaufen und zum ersten Mal beim KBL dabei sind. Dann frage ich eine junge Frau, ihren wievielten Marathon sie heute läuft. Ich erhalte die Antwort, die ich erwartet hatte: „Meinen ersten!“ Ich freue mich mit Lilly (RC Oberhavel), die es locker sieht und die zu erwartenden Gehpausen am Berg in Kauf nimmt. Der Berg mit dem monumentalen Kyffhäuser Denkmal grüßt uns nun von der linken Seite. Verschmitzt lächelt er uns unter heiterem Himmel zu, sein lauer Atem haucht dabei: Kommt nur Kinderlein, ich werde euch euren Frohmut schon austreiben!
Das Geschmäckle beginnt in Tilleda. Nachdem uns eine Blaskappelle begrüßt hat, läuft es mit einigen kurzen steilen Windungen hinauf zum Freilichtmuseum Königspfalz. Schon wähnen wir uns im 12. Jahrhundert. Zwei waffengewaltige Knappen empfangen uns, winken uns zum Glück aber durch. Wir laufen durch die altertümliche Siedlung bis zum Getränkestand und laben uns an dem kalten köstlichen Nass. Klar muss auch Zeit für ein paar Fotos sein. Bald leiten uns die nächsten Knappen weiter den Weg entlang, bis uns die Wächter am Zangentor wieder aus der Königspfalz hinausjagen.
Die Besuchertreppe läuft es noch hinab, dann beginnt das sechs Kilometer lange Bergsteigen zum Kyffhäuser Denkmal hinauf. Gleich wird es empfindliche 15 bis 20 Prozent steil auf felsbröckligen Untergrund. Der Puls schießt hoch, Schnappatmung setzt ein. Der Berg lacht dazu laut auf. Dann läuft es auf mäßigerem circa 5 Prozent steilem Forstweg erträglich hinauf. Die Frühlingssonne wärmt, der Wald spendet Schatten. Der Puls bleibt hoch, der Berg wirft uns seinen heißen Atem ins Gesicht. Nach 19 Kilometern, wir wähnen uns bald oben, wird es wieder an die 10 Prozent steil. Ein paar Meter geht es mehr als das es läuft einen Hangweg hinauf. Irgendwann sind wir oben am Fuß des Denkmals angelangt. Wir müssen aber noch am Burghof Hotel, am Steinbruch und an den hohen Steinmauern der Unterburg vorbei und dann natürlich weiter hinauf zur Oberburg Kyffhausen. Die schnelleren Marathonis kommen uns dabei entgegen. Grüß Dich Anja, hallo Roland.
Nach 22 Kilometern sind wir dann oben vor dem Denkmal und zu Füßen der Kaiser Barbarossa und Friedrich Wilhelm. Wir müssen einen Wendepunkt umrunden und stürzen uns dann auf die Verpflegung. Ulrike (WKF-Bergfried 91 Dresden) gönnt sich ein alkoholisches Pils. Ich ziehe den Haferschleim vor. Nach dem Fotoshooting müssen wir weiter, nur noch 20 Kilometer bis ins Ziel. Zunächst hinab und an der Baustelle der neuen Besucherstätte vorbei zurück in den Wald.
Der leichtere Abschnitt auf malerischem Hangweg ist aber nur drei Kilometer lang. Zudem sind die Beine vom langen Anstieg müde. Oder sind sie von der Pause her kalt? Ach, es ist der Berg, der mir schadenfroh zwischen die Beine pustet und sich dabei amüsiert auf die Schenkel klopft. Dann queren wir die altertümliche Rothenburg und quälen uns wieder hinauf. Es läuft über die Straße, die es auf der Herfahrt mit dem Auto hochführte. Nein, ich wünsche mir jetzt nicht mein Auto her. Aber ja, ich hechele den nächsten schönen Hangweg hinauf und erhasche einen Landschaftsblick auf den Stausee Kelbra. Lache nur Berg, ich kämpfe und leide, aber ich freue mich dabei mit dir.
Rund um den berüchtigten Marathonkilometer 30 ist der Berglauf voll im Gange. Mehr als 10 Kilometer lang wechseln wir ständig zwischen 350 und 450 Höhenmetern über Meeresspiegel hin und her. Irgendwo beim Fernsehturm auf dem Kulpenberg haben wir die höchste Stelle des KBL erreicht. Bis zur nächsten Getränkestelle an der Siebenwegekreuzung dauert es auch sich ziemlich langziehende sieben Kilometer. Nicht nur Ulrike freut sich hier bei den Soldaten über eine halbe Banane. Weiter läuft es auf gut befestigten Forstwegen hoch und runter. Flachlandbewohner Andreas aus Wittenberg wundert sich, dass ich die Anstiege noch relativ gut hochlaufen kann. Mein Hügeltraining im Winter reichte wieder mal aus, um am KBL zu bestehen. Ja, Berg, du lachst und prustest noch, aber du wirst dabei schon ruhiger.
Dann am Ententeich bei Kilometer 34 die nächste willkommene Verpflegung, wieder bei den Soldaten. Dann geht es (mehr als das es läuft…) den berüchtigten zehnprozentigen Anstieg zum Dreiforststein hinauf. Sechs Kilometer vor dem Ziel frage ich mich, wann es endlich nur noch bergab läuft? Der Berg lacht nochmal hämisch und pustet uns seinen warmen Atem ins Gesicht. Ein, zwei Mal noch quält er uns mäßig steil aber empfindlich hinauf.
Dann sind wir am Waldrand und am Tilledaler Tor bei der letzten Getränkestelle. Noch ein Schluck Wasser und ein Schluck Cola. Und die Gewissheit: die letzten vier Kilometer läuft es nur noch bergab. Auf einer weißlich blühenden Obstallee kommt das berühmte Panoramamuseum mit dem größten Sinnbildgemälde der Welt (über Thomas Münzer und den Bauernkrieg) in den Blick. Danach den Schlachtberg hinunter wird es auf karststeinigem Untergrund gefährlich steil. Das Tempo drosseln, um auf den letzten zwei Kilometern nicht doch noch vom Berg ein Bein gestellt zu bekommen. Der schiefste Kirchturm der Welt, 4,50 Meter steht die Oberkirche aus dem Lot, kommt in den Blick, dann der mittelalterliche Hausmannsturm, der als früherer Schutzturm der fränkischen Siedlung als Frankenturm der heutigen Stadt ihren Namen gab. Den herrlichen Rundblick über die Stadt von der Terrasse vor dem Turm klemmen wir uns nun. Wir lauschen lieber der nahenden Moderation, laufen vorbei am Freibad und am Quellgrund, durch den Kurpark, dann am Solebad vorbei und auf den Schlossplatz ins Ziel.
Erleichtert aufatmend bekomme ich eine Medaille um den Hals und gehe kurz in mich. Vor zehn Jahren bin ich das letzte Mal beim KBL-Marathon unter vier Stunden gelaufen. Heute bin ich froh, unter fünf Stunden geblieben zu sein. Gut, ich bin zehn Jahre älter aber die oft gestellte Frage, ob die neuere Strecke, die vor fünf Jahren zum ersten Mal gelaufen wurde, schwerer ist als die alte, kann ich mit ja beantworten. Ich empfinde die Schwierigkeitsgrade mit dem langen Anstieg zum Kyffhäuser Denkmal und das zähe Auf und Ab danach bis vier Kilometer vor dem Ziel als schwerere Herausforderungen, die so auf der alten Strecke nicht da waren. Vielleicht liegt es auch daran, dass früher der Kyffhäuser von der Südseite her hinaufgelaufen wurde. Jetzt passiert das von der Nordseite her. Und da meine ich schon beim Autofahren zu spüren, dass die Nordseite steiler als die Südseite ist. Ja, Berg lache nur über die laufphilosophischen Gedankengänge. Eine Herausforderung warst du immer und wirst du immer sein. Bei der zweiten Frage gehen die Läufermeinungen noch mehr auseinander: Welcher Marathon ist schwerer, der beim Kyffhäuser oder der beim Rennsteig? Das will ich drei Wochen später beim Rennsteiglauf nochmal überprüfen.
Jetzt im Ziel noch ein paar Iso-Drinks und Salzbrezeln. Ein paar Finisherfotos mit fremden Frauen im Arm. Aber was heißt schon fremd? Das hier sind Berglaufreundinnen, das schweißt zumindest für den Moment fast familiär zusammen. Da sind Anja, Ulrike und Lilly. Alle drei Frauen haben ihre Altersklassen gewonnen, Klasse. Und dann das alkoholfreie Finisherbier abgeholt und die nächste Thüringer Bratwurst frisch vom Grill. Und so mancher Plausch mit neuen und alten Lauffreunden. Natürlich war die Erfurter Lauftruppe beim KBL wieder stark vertreten. Dann kaufe ich am Souvenirstand von Katharina das letzte Finishershirt in Größe L. Na, wenn das nicht passt!
Die familiär feierliche Partystimmung zieht sich bis in den späten Abend im Festzelt hin. Da wird bei Bier und bei Bratwurst zu zünftiger Musik auf den Dielen und auf den Bänken getanzt. Der kleine Bruder KBL eifert auch hier dem großen Bruder Rennsteiglauf ehrenvoll nach. Dann muss sich verabschiedet werden. Man sieht sich wieder, entweder in drei Wochen beim 53. Rennsteiglauf oder am 10. April 2027 beim 49. Kyffhäuser Berglauf.
Der 48. Kyffhäuser Berglauf schrammte mit 2449 Anmeldungen knapp am Rekord von 2018 vorbei. Der neue Rekord soll laut 1. Vorsitzenden des KBL Andreas Kirchner in zwei Jahren beim 50. KBL aufgestellt werden. Insgesamt wurden beim KBL 12 Rennen über Wandern, Laufen und Mountainbike angeboten. Neu im Programm war eine Wertung für Run (6 km) and Bike (21 km). Die Teilnehmer verteilten sich recht ausgewogen auf alle Rennen. Die meisten Teilnehmer gab es mit 300 beim 11 Kilometer wandern.
Platz 1 Sarah Golnik Knowthedrills 3h55min30sec
Platz 2 Jesssika Sommer 4h20min8sec
Platz 3 Svenja König RSV Steppenwolf 4h21min46sec
Platz 1 Danny Sternkopf LuT Aschaffenburg 3h03min48sec
Platz 2 Jens Sperlich LG Rudelsburg Bad Kösen 3h05min17sec
Platz 3 Nick Rothe LG Nord Berlin Ultra Team 3h08min18sec