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Laufberichte

Im Regen sich regen

28.08.10

Wir verlieren einige Höhenmeter zum Spielissjoch (1773 Meter) und laufen dann unterhalb der Laliderer Spitzen auf fast gleich bleibender Höhe zum Hohljoch (1794 Meter). Die Bewölkung und der leichte Nebel lassen dennoch erahnen, welche prächtige Sicht bei Schönwetter hier wäre. Dreizinkenspitze (2603 Meter) ist nur einer der vielen Berge, die sich heute eine Wolkenkappe aufgesetzt haben. Nach unten sehen wir das grüne Laliderertal. Die lange zweite Steigung endet hier am Hohljoch.

Nun verlieren wir auf den nächsten Kilometern gut 550 Höhenmeter hinunter zum Großen Ahornboden. Immer wieder Wasser auf den Wegen und rutschige Stellen. Ich lasse meine Kamera in der Tasche. Ist mir hier zu gefährlich, gleichzeitig laufen und schauen, was könnte man fotografieren.

In der Eng endet die 35 Kilometer-Strecke. Ein modernes Tor markiert die Stelle. Zuvor wird die Zeit genommen. Mit ChampionChip und Pentek wurde die Zeitnehmung an kompetente Fachleute vergeben. An der nebenanliegenden Engalm (1227 Meter) wird wieder fleißig kredenzt. Nun mit Gemüsesuppe, das könnte fast ein Gemüseeintopf sein, so viele gesunde Sachen sind da drin. Auch etwas Fruchtiges wird mir unter die Nase gehalten. Heidelbeersuppe, auch sehr lecker.

Jetzt kommt der schwerste Anstieg, nicht nur vom Höhendiagramm her, sondern auch einige Insider sprechen so vom nächsten Wegstück zum Binssattel. Zuerst geht es noch relativ moderat auf einem Fahrweg hoch zum Binsalm Niederleger (1502 Meter), wo nochmals eine reich gedeckte Tafel wartet. Hier gibt es auch wiederholt Joghurt. Eines der Mädels putzt meine Kamera und legt sie trocken. Das letztere bräuchte ich auch.

Der Weg wird immer schmaler und das Gelände immer steiler. Ich bin von der Eng zu schnell angegangen und muss das jetzt eingestehen. Aber ein paar Mitstreiter sind noch schlechter dran, ich kann mich da vorbeimogeln, auch wenn die dann am folgenden Gefälle wieder vorbeifliegen. Dann nach rund 30 Minuten Schinderei bin ich überraschend am Binssattel/Gramaisattel auf 1903 Meter angelangt. Der höchste Punkt des Karwendelmarsches. Und heute auch der kälteste. Gut dass der Wind von hinten kommt. Die zwei, drei Helfer beobachten und haben hier alles im Griff. Wahrend wir in Bewegung sind und kaum frieren, müssen die schon härter im Nehmen sein. Es hat vielleicht fünf Grad. Es geht grad noch ohne Handschuhe.

Nach wenigen Minuten können wir auf dem Hochleger der Graimaialm (1756 Meter) verpflegen. Eine Helferin beobachtet mich, als ich von einem Brot den Käs stibitze. Ich schaue unschuldig. Weiter.

Die nächsten Meter bläst der Wind unangenehm von hinten. Es sticht im Genick. Ist es Schneeregen, Graupel oder Hagel? Mir ist es wurscht. Ich laufe vorsichtig weiter, zumal einige Schilder uns auf Gefahrenstellen aufmerksam machen. Dann nach einem Geländeabsatz bin ich endlich im Windschatten. Rund 20 Minuten dauert der gefahrenvolle Abstieg, wo wir an einem kleinen Wasserfall vorbeikommen.

Spätestens an der Gramaialm (1263 Meter) ist alles Gefährliche vorbei, denn unser weiterer Weg wird jetzt zivilisiert und bequem. Was nicht heißt, schlampig laufen, denn Fallen lauern überall, und wenn es nur die Hinterlassenschaften der Kühe sind. Unterhalb der Graimaialm steht ein Oldtimerbus.

Zuerst geht es auf der Teerstraße Richtung Pertisau. Das Regenwasser strömt auf dem Asphalt talwärts.  Die Straße verlassen wir dann nach rechts. Der weitere Weg führt uns auf einem Kiesweg. Eine Bachüberquerung ist die Abschlussprüfung, wo ich prompt durchfalle und mit einem Fuß hineintappe. Die letzte Verpflegung erhalte ich an der Falzthurmalm (1089 Meter) und der vor mir Platzierte macht sich  eilig aus dem Staub. Meine Kamera macht jetzt auch schlapp. Finito, nichts geht mehr, die Nässe. „Den ärgere ich noch“ denke ich und mache mich auf zum Endspurt nach Pertisau.

Ein gerader asphaltierter Radweg führt mich nun Richtung Ziel. Einige Kühe am Ortseingang von Pertisau bremsen mich aus. Dann sehe ich laufend Werbebanner auf der Seite. Die Zielgerade ist länger als gedacht. Auch ist der Achensee noch nicht zu sehen. Doch dann werden die Musik und die Moderation immer lauter. Ich kann im Zielbereich noch einen überholen, der ist aber in der Marschiererklasse. Dann laufe ich nach gut sieben Stunden Abenteuer über die Ziellinie.

Im Ziel gibt es neben der Finishermedaille mit einem Bergkristall für jeden ein Finisherpaket mit Pflegeprodukten. Und für mich ein Bier. Alter Schluckspecht (würde Klaus sagen). In der nahe gelegenen Unterkunft bekomme ich noch mit, wie auch die Wanderer mit einer Marschzeit bis 14 Stunden im Ziel angekündigt werden. Das sieht man auch nicht alle Tage.

Da muss ich noch mal hin, liebend gerne, wenn Petrus lacht. Diesmal habe ich nicht lange gebraucht, um einen Titel für den Bericht zu finden: Im Regen sich regen. Passt.

Die Zahl der 232 Läufer im Ziel ist ausbaufähig. Vielleicht lässt sich der eine oder andere für den nächsten Karwendelmarsch am 27.08.2011 motivieren.

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Informationen: Karwendelmarsch
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