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Laufberichte

Von Hütte zu Hütte durch’s Karwendel

 

Vor genau 10 Jahren, 2012, waren Norbert und ich zum ersten Mal Gast beim Karwendelmarsch. Damals hatten wir im Zielort Pertisau gewohnt und den Shuttle morgens zum Start genutzt.  Um 6 Uhr war Start, wir mussten um 2 Uhr aufstehen, denn der Bus braucht über eine Stunde. Normalerweise macht mir frühes Aufstehen nichts aus, aber so früh muss wirklich nicht sein.

Im Jahr drauf wählten wir den Startort Scharnitz als Ausgangspunkt. Dafür musste Norbert, der viel schneller gelaufen ist, lange auf mich warten, damit wir gemeinsam mit dem Shuttle zurückgebracht werden konnten. Das kann man so machen, erschien mir im Nachhinein aber auch nicht die ideale Lösung zu sein.

Ich weiß gar nicht, warum wir so lange mit einer Wiederholung des Laufs gewartet haben. Schließlich hatte Norbert sofort Feuer gefangen, und die Strecke zu seinem Lieblingslauf erklärt. Man durchquert das Karwendelgebirge über drei hohe Pässe, die nur zu Fuß zu erreichen sind. Für Freunde grandioser Landschaften ein absoluter Traum.

Dieses Jahr ist es dann aber so weit. Um das Ganze zu perfektionieren, wollen wir in Scharnitz übernachten und dann nach dem Finish in Pertisau bleiben. Das erfordert etwas Organisation, funktioniert aber ganz gut.

Am Freitag holen wir in Scharnitz unsere Startnummern. Die Ausgabe liegt auf dem weitläufigen Gelände des Parkplatzes P2 „Karwendelparkplatz Länd“ beim Infozentrum des Naturparks. Da die Beschilderungen bereits für den nächsten Tag angebracht sind, können wir uns daran orientieren. Das wird uns morgen im Dunkeln helfen.

 

 

Spannend sind die Wettervorhersagen: Nach heißen Wochen soll es am Laufwochenende regnen - sogar Gewitter sind angekündigt. Kurzfristig wird von der Rennleitung das Mitführen eines Kälte- bzw. Regenschutzes gefordert. Ich habe natürlich zusätzlich den Rucksack voll mit Gel, Salztabletten, Riegel und etwas Wasser. Die Labestationen sind zwar hervorragend bestückt, je nach Gelände und Lauftempo dauert es jedoch, bis ich sie erreiche.

Weil keine Starterlisten veröffentlicht werden, können wir nur vermuten, wieviel Läufer am Start stehen werden. Die 2.500 Startplätze waren jedenfalls innerhalb von 17 Stunden nach Öffnung der Anmeldung, vergriffen. Es gibt die Marschwettbewerbe für Wanderer mit 35 und 52 Kilometern und den Lauf mit 52 Kilometer. Stöcke dürfen alle Teilnehmer verwenden.

Wir sind schon im Bett, als es tatsächlich zu regnen beginnt. Blitz und Donner wecken uns dann in der Nacht. Unser Hotel bietet Frühstück ab 4 Uhr 45, da ist der Spuk bereits vorbei. Der kurze Weg zum Start bleibt trocken. Um den Startbereich herum ist großflächig für den Verkehr gesperrt worden. Parkplätze gibt es außerhalb von Scharnitz, Shuttlebussen bringen die Läufer Vorort.

Starke Strahler erleuchten das ganze Gelände. Während ich mich in die lange Toilettenschlange einreihe, gibt Norbert unsere Tasche fürs Ziel ab. Die Lautsprecherdurchsagen sind überall gut zu verstehen: wir haben noch knapp 5 Minuten. Läufer sollen sich im angrenzenden Sportgelände vorne aufstellen; die Wanderer dann im hinteren Bereich.

 

 

Der Lauf beginnt

 

Die Wege sind kurz. Daher erreichen wir pünktlich den Startbereich. Wir zählen herunter, Kanonenböller, dann geht es los. Die komplette Böschung ist mit Zuschauern bevölkert. Solch einen lauten Start und ein so großes Läuferfeld hatten wir schon lange nicht mehr.

An Laufen ist zunächst jedoch nicht zu denken, ich bin im Feld der Wanderer „gefangen“.  Wo kommen die denn her? Sollten sie nicht von hinten starten? Wir überqueren die Isar und verlassen den Ort Richtung Osten. In langen Serpentinen geht es nach oben.

Obwohl wir im Wald sind, ist der Weg gut erkennbar. Ich kann mich sowieso nur an den Beinen der Wanderer vor mir orientieren. Deren Stöcken flößen mir großen Respekt ein. Gleichzeitig versuche ich meine so einzusetzen, dass keiner aufgespießt wird. Das ist bei dem engen Feld nicht einfach.

Im leichten Gefälle versuche ich mein Glück. Überholen ist schwierig. Rechts und links im unwegsamen Untergrund kann man leicht umknicken. Das möchte ich nicht riskieren. Ich bleibe also erst einmal, wo ich bin und schwimme mit den anderen mit. Hier ist gute Stimmung, Späße werden gemacht. Die Strecke ist lang und Zeit haben wir ja genug.

 

 

Vor uns im frühmorgendlichen Dunst sind bereits die ersten Berge zu erkennen. Rechts des Wegs fließt der Karwendelbach und links türmen sich über 1000 m hohe Felswände. Auf der anderen Seite des Baches geht es noch weiter hinauf. Die Berge haben hier sogar über 2500 m.

Wir gewinnen langsam an Höhe. Das Feld zieht sich nun endlich auseinander, so dass ich auf dem fein geschotterten Untergrund nun locker laufen kann. Steigungen gehe ich natürlich. Der Wald öffnet sich, Nebelfetzen hängen tief über der Larchetalm. Im weiten Bogen führt der Weg durch das Grasland. Wir erreichen die Labestation Schafstallboden bei km 9,6.

Die Verpflegungszelte stehen auf einer größeren Lichtung. Im Angebot sind Äpfel, Bananen und Kekse. Es gibt auch Tee, Holundersaft und Wasser. Schnell bilden sich dichte Trauben um die reich gedeckten Tische. Ich greife mir einen Becher Tee und mach mich gleich wieder auf die Socken.

Kurzweilig geht es weiter. Mal laufen wir im Wald, dann wieder direkt am Bach. Mal breitet sich eine grüne Alm zu unseren Füßen aus, dann kommen die Felsen dicht heran. Vor uns befindet sich nun die Angeralm. Die Berge in Front liegen im Nebel. Wir passieren eine Art Tor. Der Weg führt nun spürbar bergauf. Bald kann ich über mir Läufer erkennen. Wir kommen immer höher. Ich bin nun mehr unter Läufern.

Das Tal wird schmäler und der Karwendelbach liegt weit unter uns. Die Hochalm empfängt uns mit Glockengeläut und Nebel. Einige Touren-Wanderer kommen uns entgegen. Auf den saftigen Wiesen grasen friedlich Kühe.

 

Karwendelhaus

 

Der Weg schlängelt sich in Serpentinen den Berg hinauf. Oben thront das Karwendelhaus auf fast 1800 m Höhe an der Flanke des Hochalmkreuzes. Das majestätische Bergmassiv ist im Nebel nur zu erahnen.

Es geht höher und höher, der Nebel wird dichter und dichter. Die Zelte der zweiten Labestation bei km 19,2 sind fast nicht zu erkennen. Die Verpflegung beginnt mit Kartoffelsuppe, die im Becher ausgeschenkt wird. Käse- und Schinkenbrote gibt es kistenweise. Selbstgemachte Müslischnitten werden appetitlich angerichtet. Als Getränk gibt es wieder Holundersaft, Wasser und Tee. Ums Eck gibt es Obst. Nach dem harten Anstieg machen viele Wanderer und Läufer erst einmal Pause. Ich nehme mir ein Käsebrot und einen Becher Holundersaft und spaziere langsam weiter.

 

 

Vor dem letzten Mülleimer halte ich an. So schnell kann ich mein Brot nicht essen, wegwerfen geht aber auch nicht, dafür sind mir Lebensmittel zu wertvoll. „Als Verpflegungspartner des Karwendelmarsch fungiert diese Jahr erneut Bio vom Berg: der einzigen unabhängigen Erzeugermarke Mitteleuropas deren Markenführerschaft nach wie vor in den Händen der Produzenten liegt. Und so werden die Teilnehmer entlang der Strecke ausschließlich mit Bio-Produkten aus der Region versorgt. Die Betreuung der Labestationen übernehmen die verschiedensten Vereine und freiwilligen Helfer aus den beiden Regionen. Der Karwendelmarsch-Speiseplan ist speziell für diese Veranstaltung von einem Läufer erstellt worden. Dabei wurde genau berücksichtigt, was der Körper wann braucht.“ So kann man es in den Veranstalterinformationen nachlesen.

Es geht bergab. Ein grob geschotterter Wanderweg führt zu Tal. Große Steine und tiefe Rinnen machen das Laufen anspruchsvoll. Nach anfänglicher Vorsicht läuft es bei mir, ich hänge mich an schnellere Läufer dran. So muss ich keinen eigenen Pfad finden und komme gut voran.

Eigentlich ist die Landschaft viel zu schön, um nur zu rennen. Der Nadelwald ist so licht, dass sich immer neue Aussichten bieten. Über allem hängt ein leises Gebimmel von Kuhglocken. Ich bin ganz schön außer Atem, als die Almwiese am kleinen Ahornboden in Sicht kommt. Hier stehen auch schon die nächsten Verpflegungszelte bei km 24,2. Es gibt Obst und die üblichen Getränke. Trotz des bewölkten Wetters und der mäßigen Temperaturen ist Trinken wichtig.

 

 

Der Name „kleiner Ahornboden" dürfte von den alten Ahornbäumen herrühren, die hier wachsen. Es gibt noch den flächenmäßig größeren „Großen Ahornboden“ kurz vor der Eng Alm. Die Schönheit des „kleinen“ steht dem „großen“ aber in nichts nach. Im Gegenteil: Hierher kommen nur Besucher, die sich vorher auf den Berg hinauf „gekämpft" haben. Warum sich auf dem jahrhundertelang als Weidefläche genutzten Gebiet dieser ausgedehnte Baumbestand entwickeln konnte, ist unklar. Möglicherweise führten Viehseuchen oder der Dreißigjährige Krieg dazu, dass der Talboden längere Zeit nicht beweidet wurde. Bergahorne werden rund 500 Jahre alt; viele der Bäume haben daher ihre naturgemäße Altersgrenze erreicht. Da die natürliche Verjüngung aufgrund veränderter Boden- und Wasserverhältnisse und durch die Beweidung durch Vieh und Wild nicht funktioniert, werden heute abgestorbene Bäume durch Neupflanzungen ersetzt. So bekommt z.B. seit 2011 der Sieger und die Siegerin des Karwendelmarschs einen jungen Ahornbaum und pflanzt ihn hier ein.

Am Denkmal des Karwendelpioniers Hermann von Barth vorbei, dann über einen Steg, geht es auf einem romantischen Singletrail weiter. Wir überqueren ein breites ausgetrocknetes Flussbett und setzen unseren Weg am gegenüberliegenden Ufer fort. Jetzt geht es wieder bergauf. Während der nächsten Kilometer haben wir ausgiebig Gelegenheit, die Natur zu bewundern, die sich rechts und links des Weges ausbreitet. Obwohl wir uns im Wald befinden, grünt und blüht es. Je höher wir kommen,  umso lichter stehen die Bäume. Auch der Nebel ist nicht mehr dicht.

Unser Trail biegt auf einen breiten Wanderweg ein. Die Baumgrenze wird überschritten, die Ladizalm liegt vor uns. Glockengeläut liegt in der Luft. Ein Schild kündigt die Falkenhütte in 40 Minuten an. Vor mir im steilen Hang liegen Hütten fast wie ein kleines Dorf. Einige davon sind an Touristen vermietet. Aus dem steilen Weg gewinnen wir schnell an Höhe. Wobei Geschwindigkeit hier relativ ist. Aber es geht Schritt für Schritt hinauf. Kühkarlspitze, nördlicher Sonnenspitze, Bockkarspitze und Laliderer Spitze, allesamt Zweieinhalbtausender, liegen im Nebel.

 

Falkenhütte

 

Wir biegen auf den Singletrail zur Falkenhütte ab. Noch kann man sie nur erahnen, aber die Richtung ist klar: nach oben. Der Weg wurde professionell angelegt, Holzbohlen, als Treppen verbaut, erleichtern den steilen Anstieg. Eine Läuferschlange zieht sich nach oben. Gerade jetzt versucht eine Kuh den Weg zu passieren - keine Chance. Sie muss warten bis die Strecke wieder frei ist. Was sie wohl denkt?

 

 

Der Weg endet an einer Felsplatte. Hier muss geklettert werden. Ein Bächlein quert mehrmals den Pfad. Das ist nicht so schlimm, wie es sich anhört, es macht sogar Spaß. Und dann liegt sie tatsächlich in Nebel eingehüllt über uns,  die Falkenhütte. Noch ein letzter steiler Anstieg und wir sind oben (1848 m).

Das 1922 gebaute stattliche Schutzhaus des Alpenvereins ist für Bergsteiger ein ausgezeichneter Stützpunkt für mehrtägige Touren wie beispielsweise die beliebten Karwendeldurchquerungen. Darüber hinaus können auch Tagesgäste die Wegstrecke von der Eng Alm zur Hütte bewältigen und nach einer Rast wieder am selben Tag absteigen.

Vorrangig ist die Falkenhütte jedoch ein wichtiger Stützpunkt am Fernwanderweg Via Alpina, welcher im Karwendel von Scharnitz zum Achensee führt. Mit seinen 28 Betten und 120 Lagern bietet es ausreichend Platz. Im Winter steht ein unverschlossener, beheizbarer Raum für Skitourengeher im Nebengebäude zur Verfügung. Ein Reparatur-Service für Bikes komplettiert das Angebot. Neuerdings gibt es sogar eine Akku-Ladestation.

Die Verpflegungszelte sind auf der anderen Seite des Bergkamms, Richtung Laliderer Tal aufgebaut. Die bekannten Laliderer Kletterwände verbergen sich allerdings im Nebel. Dafür gibt es Schinken-, Käse- und Salamibrote. Auch Hochprozentiges wird angeboten – Berg Heil!

Ohne großes Vorgeplänkel führt der fein geschotterte Weg steil bergab. Ein paar angedeutete Serpentinen machen es nicht einfacher. Am Spielissjoch verlassen wir die Hauptstrecke und gehen durch ein Weidegatter nach links. In dem ausgetrockneten Bett eines Gebirgsbachs suchen die Läufer den besten Weg nach unten. Das gelingt mal mehr, mal weniger gut.

Unten läuft es zusammen auf einen schmalen Trail am Hang entlang. Wir steigen über große Felsbrocken, Zeugen von Felsstürzen, die sich weiter oben ereignet haben. In dem hier vorherrschenden Kalksteingebirge gab es solche Felsstürze selbst in der Neuzeit.

Vor uns liegt nun das Geröllfeld Laliderer Reisen am Fuß der Laliderer Spitze und der Dreizinkenspitze. Da müssen wir drüber. Von weitem sieht es allerdings schwieriger aus, als es tatsächlich ist. Der schmale und steinige Weg verläuft relativ flach. Es geht flott zur Sache,  wir kommen gut voran. Erst auf der anderen Seite müssen wir um auf das Hohljoch zu kommen, noch einmal hoch. Da wir auf den letzten Kilometern etwas ausruhen konnten, ist das jetzt kein Problem.

Dann beginnt erneut der Kampf mit den steinigen Abstiegen. Zunächst versuche ich, etwas Speed aufzunehmen, gebe das aber schnell auf. Das ist mir hier zu steil. Gerne lasse ich schnellere vorbei. Als es kurz besser wird, laufe ich auf eine österreichische Läuferin auf, die ein angenehmes Tempo anschlägt. Da bleibe ich vorerst dahinter.

Das ist auch gut so. Im unteren Teil der Strecke wird der Untergrund plötzlich nass, matschig, und dadurch rutschig. Trotz größter Aufmerksamkeit kommt meine Pacerin fast zu Fall. Ich bin gewarnt! Der Weg endet auf einer steilen Kuhweide. Hier ist es egal, wo man läuft, es ist in jedem Fall steil und rustikal. Wir können die Labestation bei der Eng Alm unter uns bereits sehen und hören. Meine Oberschenkel brennen!

 

 

 

Eng Alm

 

Es wird flach, aber meine Muskeln sind platt. Zuschauer feuern mich an, das letzte Stück schaffe ich noch, wenn auch etwas schwankend. Das Zieltor für die 35km-Wettkämpfe und gleichzeitig unsere Zwischenzeitmessung passiere ich nach 6h06. Das ist schneller, als ich erwartet hatte.

Ich lasse meine Wasserflaschen füllen und steuere den Stand mit Blaubeersuppe an. Die ist zuckersüß,  das gibt einen guten Boost. Daneben wird Kartoffelsuppe angeboten. Ich lasse mich kurz auf einer Bierbank nieder. Hier ist ziemlich viel los, denn es endet nicht nur die 35km-Strecke, es können bei Bedarf auch Langstreckler aussteigen.

 

 

Lange halte ich es nicht aus. Ich will weiter. Erst eben und über ein ausgetrocknetes Bachbett, dann geht es hinauf. Bei meinen ersten Läufen vor 10 Jahren war ich, von Spaziergängern abgesehen, hier relativ allein unterwegs. Diesmal sind vor und hinter mir einige Läufer und Wanderer unterwegs. Ob sich mittlerweile mehr Menschen eine lange Strecke zutrauen?

Ich bin gespannt, ob das Wetter halten wird. Der Wetterbericht hatte ja Regen vorhergesagt, speziell für den frühen Nachmittag wurde sogar vor Gewitter gewarnt. Dann wäre ich ausgerechnet am steilsten und ausgesetztesten Teil der Strecke. Etwas unwohl ist mir schon.

 

Binsalm

 

Nach bequemem Wanderweg kann ich bald über mir die Binsalmhütte und die Zelte der Labestation erkennen. Noch ein paar Serpentinen und ich bin oben, km 38,4. Nur ein Becher Holundersaft, dann geht’s weiter. Ich will so schnell wie möglich über den Pass.

Zuerst geht es steil in Serpentinen weiter. Bald erkenne ich links den Hang, den wir final erklimmen müssen. Die Läuferschlange ist gut zu erkennen. Ich rede mir ein, dass alles halb so schlimm wird. Läufer vor und hinter mir geben Sicherheit. Wir zweigen links ab, wo wir auf einen Trail gelangen - steil bergauf.

Am Binsalm-Hochleger müssen wir einen Weidezaun überklettern und finden uns auf einem schmalen Wanderpfad wieder. Überholen ist schwierig, wenn jemand vorbei will, geht man kurz zur Seite. Das umliegende Bergpanorama ist grandios und wird von Schritt zu Schritt immer noch besser.

 

 

Weil ich bergauf relativ langsam bin, werde ich ständig überholt. Plötzlich ist ein österreichischer Läufer vor mir, dem ich problemlos folgen kann. Er will mich vorbeilassen, aber ich lehne dankend ab. Und so kommt es, dass ich, an Friedrichs Fersen geheftet, den steilen und ausgesetzten Hang problemlos meistere.

Da habe ich wirklich Glück gehabt, denn je höher wir kommen, desto feuchter und rutschiger wird der Weg. Hohe Stufen machen das Steigen zusätzlich schwierig. Friedrich vermutet, dass es hier vor kurzem heftig geregnet hat. Oben angekommen, bemerke ich, dass rund 20 Läufer hinter uns sind. Und keiner wollte überholen!

Ein Helfer der Bergwacht empfängt uns auf dem höchsten Punkt der Strecke, dem  1903 m hohen Binssattel oder Gramaisattel, je nachdem von welcher Seite man kommt. Während die meisten der Ankommenden sich sofort in die Tiefe stürzen, muss ich erst einmal verschnaufen. Ich genieße die tolle Aussicht.

 

Gramai Hochleger

 

Jetzt geht es nur noch bergab. Ich bin noch etwas zittrig vom Anstieg und gehe es daher langsam an. Das Bimmeln der Kuhglocken ist mittlerweile ein vertrautes Geräusch und verheißt die nahe Labestation. Unten ist der Gramaialm Hochleger bereits gut zu erkennen (km 41,5).

Es gibt nochmal das volle Programm: Brote mit Schinken, Salami und Käse, Bananen und Äpfel. Ich gönne mir eine kurze Pause und genieße das spektakuläre Panorama. Die Läufer vor mir sind dabei, in ein schmales Tal abzusteigen. In den grün bewachsenen Hängen sind die ersten Bäume zu sehen. Dahinter ragen zwei markante Berge auf.

Ich kann mich nur schwer losreißen, zumal jetzt auch noch ein besonders steiles Stück ansteht. Mein Plan ist, so gut wie möglich runter zu kommen, um die letzten 9 Kilometer wieder laufen zu können. Toll, wie andere leichtfüßig an mir vorbei springen. Ich schaue mir ab, wie man die Stöcke besser einsetzten kann. Trotzdem sind meine Oberschenkel bald so matschig, dass ich das Ende wirklich herbeisehne.

Unten überquere ich unter dem Applaus einiger Zuschauer relativ elegant und ohne nasse Füße ein Bachbett. Es geht nochmals kurz hoch und dann wird der Weg flacher. Ich kann wieder laufen und werde nicht mehr überholt.

Es geht erneut durch ein ausgetrocknetes Bachbett und dann wellig auf einem Schotterweg entlang. Hier steht das lang ersehnte 9 km Schild, ab hier ist jeder Kilometer angezeigt. Die Gramaialm kommt in Sicht. Unzählige Spaziergänger sind auf dem Weg,  die Zivilisation hat uns wieder.

 

Alpengasthof Gramai / Falzthurntal / Finish

 

Der Alpengasthof Gramai hat sich im Laufe der Jahre zum Touristenmagnet entwickelt. Die einmalige Lage am Ende des Falzthurntales und die einfache Erreichbarkeit mit dem Auto locken jeden Tag zahllose Besucher an. Professionelle Gastronomie und exklusive Übernachtungsmöglichkeiten, dazu eine großzügige Außen-Saunalandschaft mit angrenzendem Almgarten sorgen für entspannte Stunden, umgeben vom imposanten Felsmassiv des Karwendels. Für die Kleinen gibt es den hauseigenen Abenteuerspielplatzes und einen Streichelzoo. Die „Kas- und Speckalm“, eine urig-originale Almhütte aus dem 16. Jahrhundert direkt hinter dem Gasthof gelegen, bietet Tiroler Bauernbrot, Butter, Speck, Käse, Milch und Buttermilch für alle hungrigen Wanderer.

Unser Verpflegungszelt steht, Gott sei Dank, gut sichtbar etwas abseits. Noch einmal trinken, dann geht es über den gut besuchten Parkplatz auf die letzte Etappe. Trotz leichtem Gefälle wird das zwar kein Geschwindigkeitsrekord, aber locker joggen reicht ja. Erst auf feinem Schotterweg über die Alm, dann durch ein kleines Wäldchen, über ein trockenes Bachbett, auf eine wellige Wiese. Als dann der Schotterweg auf Asphalt mündet, weiß ich, dass es nicht mehr weit ist.

 

 

Da taucht bereits die Falzthurnhütte auf. Von der gut besuchten Terrasse aus werde ich angefeuert. Etwas unterhalb steht die Labestation. Oh, am ersten Tisch gibt es nur Hochprozentiges. Diesmal sage ich nicht nein, denn das Ziel ist ja nah. Am nächsten Tisch lösche ich mit Tee.

Es geht immer weiter geradeaus. Seit der Falzthurnhütte laufen wir auf deren Zufahrtsstraße. Jetzt biegt diese ab und wir sind wieder auf einem hellen Schotterweg unterwegs. Der Wald ist licht. Auf der geraden Strecke kann ich viele Wanderer und auch einige Läufer überholen. Zu guter Letzt auch noch Friedrich, mein Held vom Anstieg zum Binssattel. Er erinnert sich an mich und feuert mich an.

Die Bäume werden weniger und Pertisau liegt vor uns. Ich weiß jedoch, dass wir erst kurz vor dem Achensee im Ziel sein werden. Am Mauthäuschen vorbei steigt die Straße leicht an. Das beschert mir die letzte Gehpause. Dafür läuft es anschließend in feinem Gefälle bergab. Auf der Karwendelstraße ist richtig viel los. Den Gehweg kann ich nicht nutzen, zu viele Spaziergänger. Alle klatschen,  auch aus den Häusern und Gärten kommen aufmunternde Zurufe.

Als die Glaspyramide des „Museum Tiroler Steinwerke“ in Sicht kommt, wird der Seitenstreifen der Straße mit Pylonen für Finisher reserviert. Der Zielbogen ist auf einer Wiese im Ortszentrum aufgebaut. Wow, der Applaus der Zuschauer trägt mich auf dem abgesperrten Korridor ins Ziel. Der offizielle Fotograf kommt für das Finisherbild angestürmt und hält die ersten Emotionen fest. Jeder Eintreffende wird namentlich angekündigt und erhält mit Gratulation die Siegestrophäe in Form einer Medaille umgehängt.

 

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Etwas benommen genieße ich die famose Stimmung. Die Wiese hinter dem Zielbereich ist von Finishern bevölkert. Im Zelt erwartet mich Zielverpflegung, die nochmal alles bietet, was es auch unterwegs schon gab. Ich stoße mit Friedrich (I drink aber kaan Alkohol) und anderen Mitläufern mit alkoholfreiem Bier an.

Dann will ich aber doch bald in unser Hotel. Einmal um die Ecke befindet sich die Halle für die Taschenausgabe. Dort gibt es auch ein Finisherpaket mit Tiroler Steinöl und einem Karwendelmarsch-Schlauchtuch einer bekannten Sportmarke, hergestellt auch recycelten Plastikflaschen. Auch hier wird das Naturschutzkonzept durchgehalten.

 

Fazit

 

Vor 10 Jahren habe ich geschrieben: „Der Karwendellauf/Marsch ist ein schwerer Berglauf, der aber auch für nicht ganz schwindelfreie mit genügend Kondition zu bewältigen ist. Die ersten 10 km und die letzten 7 km sollten als Einstieg bzw. Auslaufen gesehen werden. Die Ausstiegsmöglichkeit in Eng ist optimal. Die Organisation ist professionell, die Helfer überaus motiviert, die Verpflegung der helle Wahnsinn. Es wird empfohlen einen Rucksack mitzuführen. Norbert hat darauf verzichtet und auch keinen benötigt.“

Das gilt immer noch.

Ich bin gerade im Hotel angekommen und unter der Dusche als Norbert ruft: „Es regnet!“ Das war gelogen, es hat geschüttet! Am nächsten Tag hören wir, dass das untere Stück der Strecke gesperrt werden musste, und die Wanderer und Läufer über die Mautstraße ins Tal geleitet wurden.

 

Informationen: Karwendelmarsch
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