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Laufberichte

Lauf der Heroen

16.06.12
Autor: Joe Kelbel

Laucha an der Unstrut, sehr schön, Balgstädt, Freyburg. „Wir haben alle Metallsonden daheim. Dort in den Höhlen am Steilufer  habe ich Sachen von mittelalterlichen Fischern gefunden. Wer gräbt, der findet immer.“ Die meisten Läufer kommen hier aus der Gegend. Von denen verabschiede ich mich jetzt, bin nun auf der vorletzten Position.

Ich verstehe, warum mir André Cierpinski angeraten hat, den Marathon zu laufen. Es ist wirklich eine traumhafte Strecke und das erste Mal bereue ich es, nicht die Unterdistanz gewählt zu haben. Ich habe einfach keine Zeit für Fotos, die Cut-Off-Zeiten sind zu brutal. Welcher Idiot kommt schon auf die Idee, nach den 100 km von Biel nochmals 120 km zu laufen?

Am Halbmarathonstart liegt auf einsamem Posten mein Hinkelsteinrucksack. Waldemar hat ihn persönlich hierher gebracht, er baut gerade den Startbogen auf. Auf den folgenden Kilometern stelle ich meine Getränkeflaschen auf die Laufstrecke, irgendeiner der zahlreichen Fahrradbegleiter wird die schon mitnehmen. Es gibt aber keine „zahlreichen“ mehr. Als ich viele Kilometer später mit meinem Hinkelstein die Treppe einer dörflichen Verpflegungsstelle runterspringe, kommt mir Harald, mein Retter auf dem Fahrrad, Sammler meiner Getränkeflaschen, Versorger zweier einsamer Läuferinnen und  eines Hinkelsteinträgers entgegen. Nun trägter meinen Hinkelstein, samt Gels und Geld. Ich bin ja Ultra und Vollidiot, verabrede mich mit ihm in 5 km. Kann ja nicht gut gehen.

Das  Sonnenobservatorium von Gosek, wie Stonehenge, Ort von Party und Fruchtbarkeit. Wenn mir die Wissenschaftler erklärt, dies sei ein Kalender für den Aussaattermin, dann greife ich mir an die Birne: Das war ein Fetenraum.  Wann man Erbsen sät, wusste damals schon jedes Kind.  Wichtiger war es zu wissen, wann die Sause steigt. Nur deswegen haben sich frühe Vorfahren der  m4y-Leser fortgepflanzt. Knallköppe von Wissenschaftlern! Voll einen an der Hirnrinde!

Meinen ganzen Besitz hat  Harald. Ich habe Unterzuckerung und das ist grausam.

Braunkohle-Tagebau,  jetzt Naherholungsgebiet Geiselsee. Hier hat man die Leiche des Waldelefanten gefunden, 200.000 Jahre alt. Nichts besonderes, lägen da nicht noch Dutzende von Pfeil-und Messerspitzen inmitten der Kohleleiche. Ich hab im Museum in Halle lange davor gestanden und überlegt, was sich die Wissenschaftler in 200.000 Jahren denken, wenn sie meinen verkohlten Partykeller von 1978 mit den leeren Appelkornflaschen und der antiken Pioneero-Anlage finden. Nebelmaschine, das war der Partyhit!  Damals gab es beim Aldi Hähnchen für 1,99 DM. Vielleicht hat jemand in dem Oberschenkel eines Gockels „Wo bleibt der Senf“  geritzt.

„Wo bleibt Harald?“ Alle Einheimischen mähen an diesem Samstag ihren Rasen, aber alle ohne Bier. Ich bin am Verzweifeln, kann nur noch gehen. Dann  Harald! Ich hätte diesen verschwitzten, aufgelösten Hero, Retter der Witwen und Waisen  küssen können. Er füllt mich ab, übergibt mich bei km 55 meiner persönlichen  Fahrradbetreuung Jakob. Danke!

Jakob hat schon 2 Stunden auf mich  gewartet. Der arme Kerl bekommt die vorletzte Gurke zur Betreuung und einen Hinkelstein samt meiner Wochenendkasse: „Wir machen uns nen schönen Tag, Jakob, du Sau du!“ Was er glücklicherweise wörtlich nimmt. Er ist Student der Geowissenschaften, wurde erst gestern Abend rekrutiert.

„Wo gehts denn lang?“ Wir beide haben uns nie verlaufen, die Markierungen waren perfekt. Ich wünschte, ich hätte eine Ausrede dafür, dass ich als Letzter und 16ter aller Himmelsläufer im Ziel ankomme.

Uns entgegen kommt Täwe Schur, die 82 jährige Fahrradlegende der DDR. Führt die an, die nicht laufen können und sich  im Rahmen des Himmelswegelaufes aufs Rad schwingen. Riesen Jubel, ich bin ein Hero. Km 65. Am Kiosk Ehekrach, weil ich nicht dem Bild eines Langstreckenläufers entspreche. Gott, Mädchen, ich werde wiederkommen. Auch Eure Männer sind top!

Dölauer Jungfrau, so nennt man diesen Menhir, ursprünglich 7,5 Meter hoch. Früher waren es drei Steine. Die Sage erzählt, eine Frau wollte bei einem Gewitter trockenen Fusses durch die Pfützen kommen und warf die gekauften Brote hinein. Wer stellte diese Steine auf?  In der ausgehöhlten Seite sind mittelalterliche Eisennägel eingeschlagen, Gegenzauber? Versuchte man das Ding umzureissen? Oder schlugen Jungvermählte einen Nagel  in die Jungfrau für die Erfüllung eines Kinderwunsches?

Uuuh, fragt mich nicht welcher Kilometer. Jakob hat vom Wiesenfest gehört. Ich sag: „Mach dich auf die Reifen, du hast jetzt die Kohle, hohl Bier, du Sau du!“ Der Kerl kommt nicht mehr bei. Ich Vollidiot, der hat mein Erspartes und ich nur Probleme. Mache mir Gedanken, der Kerl kommt aus Verden und versteht „ Du Sau du!“ eventuell falsch.

Langeneichstädt. Wann der Wehrturm erbaut wurde? Warum? Eine Urkunde spricht vom Jahr  778. Eine Tür, die sich erst in einer Höhe von 8m befindet.1987 wurde dieser Ort berühmt, man fand unter dem Turm eine Grabkammer, etwa 5000 Jahre alt. Nichts Besonderes, außer: Der Deckel ist ein 1,76 m langer Menhir und wesentlich älter als das Grab. Aus zahlreichen Ritzungen schließt man auf  eine Göttin,  doch die Axt ist Statussymbol des Mannes und die Stehle sieht eher aus wie ein bestimmtes männliches Teil. Und dieses Teil ist durch jahrhundertelange  Berührungen  ziemlich abgegriffen. Wohl ein Fruchtbarkeitsritus für die Erbsenaussaat. 

Ich beauftrage jemanden vom „Warteverein“, das sind keine Warter, das sind Heimatjungs, die sich mit einer Flasche Wein acht  Stunden lang hier an die Warte für uns  Ultraspinner hinstellen und doch kein Bier  haben. Also den Einen beauftrage ich, ein Foto von der Dolmengöttin zu schiessen. Aber dem sind die 200 Meter zu weit und so gibt ein kein Foto von dem Fruchtbarkeitssymbol. Ihr müsst halt nächstes Jahr selbst laufen und das Ding streicheln.Überlegt es Euch, denkt an die globale Erwärmung!

Es gibt dann auch noch jede Menge  steinerner Jungfrauen und jungsteinzeitlicher Siedlungen in der Dölauer Heide mit vielen Dolmengräbern und Steinkreisen. Doch ich brauche jetzt  dringend meinen Studenten.

Klatsche ans Hirn, 10 Kilometer über Kopfsteinpflaster,  mein Adlatus pilgert mit 50 Euro von Dorffest zu Dorffest und ich habe nicht ein müdes Gel am Mann. Da hört man schon mal Stimmen: „Mehr Bier konnte ich nicht retten.“ L. m. a. A.,  5 Milliliter warmes Bier bringt mir der Abiturient. Der weiß zwar in welcher Schicht die Kohle liegt, aber nicht wie er Bier transportieren soll. „Die hatten Schäferhundefest, Joe. Die wollten mich fressen, die haben einen an der Klatsche!“ Ich verzeihe ihm wegen der Flasche Unstruter Spätlese, meinem ersten Ossiwein. Süss-sauer-fruchtig bringt er mich wieder auf die Beine. 

„ Christoph, gib alles“ steht es auf dem Schild, doch Christoph ist vor 7  Stunden ausgeschieden. Seitdem bin ich ganz vorne, also von hinten gesehen.

Elend lange laufe ich, dann schicke ich Jakob wieder los, will wissen, wo die nächste Markierung ist. Er hat den Streckenplan und ein Stipendium, das müsste helfen. 

„ Jakob, da ist ein Gasthof.  Mach, was deine Aufgabe ist!“ Km 100 vergeht, km 105 vergeht, km 110 vergeht.  Mir gehts nicht gut, weiss nicht, ob ich falsch gelaufen bin und wo der Weg ist. Dann eine Stimme aus dem Off: „ Mann, Mann, Mann, die haben so einen an der Klatsche hier, und ich einen an der Birne!“ Klasse, mein Auszubildender hat Schnaps gesoffen! Vollgedröhnt, aber zwei Plastikflaschen voller Bier. Oh wie schön ist Panama!

Seit Stunden haben wir zwangsläufig (hahaha, seit wann bin ich zwangsläufig) also haben wir irgendwie über   Handy  Kontakt zur Rennleitung, zum Olympiasieger. Der will wissen, ob ich noch lebe. Ich bleibe dran, ich kämpfe.  Ich laufe, will der Hero sein! 

Jakob will heute Abend noch Schweinshaxe essen und dem Fruchtbarkeitsritus in Halle City huldigen. „Fahr vor! Du musst das Empfangskommitee organisieren!“ Harald, mein Retter von vor 11 Stunden, schickt mir schon seine Töchter entgegen. Dann tauche ich ein in den Zieljubel. Waldemar, der Olympiasieger, überreicht mir eigenhändig die Medalle. Die letzte des Tages, die Himmelsscheibe. Zielfoto mit Jakob unter Nachtschweiß.

Im Zieltaumel schaue ich mich um. Hier war heute ne Party mit Livemusik und Pogo,  der sich gewaschen hat. Hätte ich gewussst, dass die sechs Besten des Ulralaufes Preise von Montainbike bis Dartscheibe aus dem Cierpinski-Sportgeschäft bekommen ... ich wäre auch gegen den Wind gelaufen.

Was mir sehr wertvoll ist,  ich hatte es schon beim Halle-Marathon erwähnt: Die Anwesenheit des Olympiasiegers. Der Waldi war immer da und er  hat heute nur auf mich gewartet. Auf mich, die Nr. 16 der Heroes der  Himmelswege!  „Waldi, du musst auch mal ein Bier trinken!“ gröhlt die Restgemeinde und will mit uns zusammen auf das verschwommene Zielfoto. Er antwortet nicht,  cool zieht er bis zum letzten Augenblick die Orga durch, gibt mir  meinen Duschbeutel in der Hand, teilt mir den Fahrer zu. Klasse!

Die ausgelassene Stimmung  der nächtlichen Marathon-Party der Cierpinskis in der Jugendherberge vermischt sich mit dem morgentlichen Gezwitscher der Grasmücke vor meinem Fenster.

Ob Olympiasieger und  deren Söhne Bier trinken, kann ich nicht mehr sagen. Und die 120 Kilometer kann ich Euch auch nicht empfehlen. Weil Ihr einfach nicht reif dafür seid! Aber die Marathonstrecke, den Lauf durch das Unstruttal, das  ist ein Traum, den  empfehle ich Euch. Und danach Party vom Feinsten.

 

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