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Laufberichte

„Mach emol e bisje dusman!“

08.05.11
Autor: Joe Kelbel

Die Runde um die evangelische Christuskirche bleibt beim Mainzmarathon immer in Erinnerung. Die Kirche mit der imposanten Kuppel wurde 1903, im Zuge der Bebauung der Mainzer Neustadt fertiggestellt und stellt ein Gegenstück zum katholischen Dom dar.

Der Strassenname Große Bleiche sagt es: hier wurde die Wäsche (Leinen) auf den Wiesen zum Bleichen ausgelegt. Der Obelisk des Neubrunnen fällt schon von Weitem auf. Er wurde  1726 gebaut. (Foto auf der zweiten Runde)

Der Gutenbergplatz mit dem Staatstheater bei km 12 etwa, davor die SWR3-Bühne,. Der Dom über den bunten Marathontoren. Der  Platz , über den wir jetzt laufen heisst Leichhof, weil sich hier der Domfriedhof befand.

Jetzt biegen wir in die Augustinergasse ein. Rechts oben, im Eisgrubweg war im letzten Jahrhundert meine erste eigene Bude gewesen. Andreas sagte damals, ich sei in die eisigen Keller gestiegen, um nach Bier zu suchen. Doch ich kam nie bis zur Eisgrubbrauerei, die Gänge sind mehrstöckig und voller Schutt. Unter dem Nonnenkloster bekam auch ich Angst, und unterhalb der Stephanskirche, die mit den blauen Gläsern von Chagall, hätte ich mich fast verlaufen.

Jetzt, 28 Jahre später werden immer mehr der Gänge für die Öffentlichkeit freigegeben, und man kann in 8 Meter Tiefe bis zur Festung hochwandern. Nein, Skelette gibt es dort unten nicht. Nur Nachpötte, gußeiserne Öfen , Autoreifen und Schrott. Aus den Tiefen eroberte ich ein wunderbares Emaillestrassenschild mit meinem Namen in Sütterlin, welches jetzt über meiner Haustür hängt..

Die Stephanskirche wurde schwer beschädigt, als 1857 das Pulvermagazin in der Bastion explodierte. 10 Tonnen Pulver ließen einen 700 kg schweren Giebelstein 500 Meter weit in die Innenstadt fliegen. (zu sehen am Ballplatz). 120 Tote forderte das Unglück. 300 Tonnen Pulver lagerten insgesamt im Festungsbereich.

Wie damals vor 28 Jahren bei meinen Kneipentouren, versuche ich auch heute den sandsteinernen Mittelstreifen in der Augustinergasse zu treffen, denn daneben ist schmerzhaftes Kopfsteinpflaster.

Die Laufstrecke Richtung Weisenau ist wenig unterhaltsam.  Gegenüber liegt die Mainmündung mit den Maarauen, wo Barbarossa seine Riesenparty machte (siehe meinen Bericht vom Maarauenmarathon).

Zur Zeit Caligulas war Weisenau eine keltisch/römische Siedlung gewesen. Die Ausgrabungen erbrachten Spuren  vom Steinbruch (rechts) bis zum Radweg. Hier wohnten Fischer, Schiffer, Lotsen, Winzer, Bauern und Töpfer, die die Garnison belieferten. Die Leute, die unterhalb des IBM-Geländes ihre Häuser haben, wohnen auf einem riesigen römischen Gräberfeld.

In der jüngeren, dunklen Zeit wurde hier die V1 und die V2 hergestellt und zur Abschußrampe nach Aegidienberg gebracht (siehe meinen Bericht vom Siebengebirgsmarathon).

Wir laufen auf der Wormser Strasse. Wer genau hinschaut erkennt gewaltige Mauern mit dürftig veriegelten Eingängen in die Unterwelt. Der Name „Restaurant Favorite“ weist auf die alte Festung hin.

Rechter Hand ein großes steinernes Tor. Es sind die Reste der Festung Weisenau. Die Franzosen stellten im Versailler Vertrag die Bedingung, die Festung abzureißen und nutzten das Gebiet dann in der ersten Besatzungszeit des letzen Jahrhunders als Truppenübungsplatz. Nun gibt es hier einen wunderbaren Park.

Wir laufen zurück in die Altstadt. Rechter Hand das große Gebäude der Deutschen Bahn. Dahinter der Fort Malakoff Park, ein großer Kaufhauskomplex. Ein Blick rechts über die Schulter, und man sieht einen komischen, flachen, rundliche Bau, das Fort Malakoff. Das 1843 errichtete Gebäude bekam seinen Namen aus dem Krimkrieg (1855). „Malakoff“ bezeichnet seitdem alles, was besonders stark ist.

Linker Hand das alte Wachhaus, und der Holzturm. Der Holzturm ist auch ein Rest der mittelalterlichen Stadtbefestigung, das Tor liegt 2 Meter unter dem heutigen Strassenniveau. Wie andere Türme auch, wurde der Holzturm als Gefängnis genutzt. Prominentester Insasse war der Schinderhannes.

Wir sind wieder auf der Rheinstrasse, Marathonweiche, links halten, rechts vor der Rheingoldhalle ist das Ziel der Halbmarathonies.

Die Versuchung, jetzt rechts abzubiegen, den brüllenden Angehörigen der Halbmarathonläufer zu folgen und einfach mal auszusteigen, ist groß. Sehr groß, aber dann überlege ich mir, wie ich denn sonst die Zeit heute sinnvoll nutzen könnte. Es ist einfach viel zu heiß um einer anderen sinnvollen Tätigkeit, wie Biergartenhocken oder Fernsehgucken nachzugehen, also beginne ich die zweite Runde.

Es sind nur wenige, die links die Marathonweiche nutzen. Ich höre wie jemand sagt: „Boah der läuft den Ganzen!“

Es geht hinüber über den Rhein nach Kastel. Von der Brücke gut sichtbar ist rechts die gewaltige Rundumverteidigungsanlage, kurz: Reduit zu sehen. Sie wurde zur Sicherung der schwimmenden Brücke als Festung des Deutschen Bundes 1832 gebaut. Jetzt ist dort der Beachclub Kastel, sehr empfehlenswert. Davor das Restaurant-Segelschiff „Pieter Van Aemstel“.

Am Brückenkopf in Kastel ist jetzt die Kirche St Georg sichtbar.  Sieht sehr neu aus, der Kirchturm, doch davor befindet sich die Pestmauer von 1666, sie wurde zur Eindämmung der Seuche gebaut.

Km 24 in  Kostheim: „Häusche abgebrannt, Kühche fortgerannt – arm Kind von Kostheim“. Der Ausdruck „Kostheimer Nickellos“ bedeutet, dass die armen Kostheimer weder Taler noch Nickel besaßen: 1793 belagerten Preussen und Österreicher das französisch besetzte Mainz und plünderten Keller und Häuser der Kostheimer.

Die Belagerung und Beschießung der Stadt zog viele Neugierige an - wie zum Beispiel Goethe - und wurde zum Medienereignis. Die Franzosen zogen ab, mit dem Versprechen wiederzukommen. Ein Jahr später war es soweit und nun belagerten sie von Kostheim aus die Deutschen in Mainz. Nachkriegssiedlungen, denn die Bombardierungen von 1945 haben alles wegradiert.

Die Kostheimer geben das Kostbarste was ihnen geblieben ist: Wasser! Aus zahlreichen Gartenschläuchen gibt es dringend benötigte Kühlung. „Mach emol e bisje dusman!“ Fast 30 Grad sind kein Pappenstil.

Zurück über die Brücke nach Mainz. Es ist das Wochenende mit den meisten Marathonläufen in Deutschland und so wie ich leiden jetzt die Sportler in Düsseldorf, Hannover, Dresden und zahlreichen anderen Orten in der Hitze. Der Mainzer Marathonkurs geht wieder über die oben beschriebene Strecke.  Ich habe gut überlebt,  Ihr hoffentlich auch! Wenn nicht, denkt dran: Macht emol e bisje dusman bei der Hitze!

Freut Euch auf meinen Bericht über eine noch krassere Unterwelt und die schwarze Hand, hier in einer Woche.

 

 

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Informationen: Gutenberg-Marathon Mainz
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