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Laufberichte

Atem(be)raubend

02.08.09

Mit Blitz und Donner nach Gabi

Ab dem Simplonpass entspricht die Strecke auf den nächsten 12 Kilometern bis Gabi der des Vortages, nur eben in umgekehrter Richtung. Ging es gestern noch zum Simplonpass hinauf, dürfen wir nun die insgesamt etwa 800 Höhenmeter hinunter laufen.

Dieser Streckenteil ist normalerweise ein recht entspannender. Heute gilt das nur eingeschränkt. Das Donnergrollen motiviert mich, mich ein wenig zu beeilen, um in tiefere Regionen zu kommen. Doch das nützt nichts. Der Regen und der kalte Wind verstärken sich jenseits der Passhöhe, sodass ich mir notgedrungen die Regenjacke überziehe. Schön ist es dennoch, den Pfad in Richtung „Altes Spittel“ hinab zu laufen, auch wenn ich mich wegen der regennasse Steine noch ein wenig mehr konzentrieren muss.

Das Donnergrollen wird heftiger, der Regen auch, als ich das Chrummbachtal erreiche. Ich habe fast das Gefühl, das Gewitter zieht mit mir. Aber es ist wohl eher so, dass nicht ein, sondern mehrere Gewitter über mir ihr Unwesen treiben. Ich bedauere und bewundere die Helfer an den Verpflegungsstellen, die sich von den unwirtlichen Bedingungen dennoch nicht die Laune verderben lassen.

Jenseits des Chrummbachtals wird der Regen dramatisch. Der Himmel öffnet die Schleusen und lässt monsunartige Regenmassen auf uns niederprasseln. In kürzester Zeit bin ich von Kopf bis Fuß durchnässt. Immer wieder kracht der Donner über mir. So mancher Pfad verwandelt sich in einen kleinen Bach oder zum Schlammtrail. Auf dem nach Egga führenden Weg versinke ich im zentimetertiefen Wasser und habe dabei keinerlei Chance, dem irgendwie auszuweichen. Aber ich friere nicht und kann das Ganze so als sportliche Herausforderung sehen.

Herausfordernd ist auch der Wald hinter Egga. Die Wolken verstärken die Düsternis im Wald und durch meine Brille sehe ich auch nicht mehr viel. Dennoch gelingt mir, nicht einer der zahllosen Wurzeln oder Steine zum Opfer zu fallen.

Auch in Simplon-Dorf nach 28 km herrscht „Land unter“. Vereinzelt erreichen mich Anfeuerungsrufe aus geöffneten Fenster und so mancher amüsiert sich wohl auch über unser Treiben. Der Weg über die Wiesen hinter Simplon-Dorf wird zur Schlitterpartie. Auch diese Hürde meistere ich, doch auf dem steilen sumpfigen Pfad hinunter nach Gabi macht mein Hosenboden dann doch Bekanntschaft mit dem Untergrund.

Mit Spannung erfüllt mich schon eine ganze Weile die Frage, wie der Veranstalter wohl auf dieses Unwetter reagiert. Denn hinter Gabi geht es nicht auf direktem Weg über die Schlucht nach Gondo zurück. Vielmehr erwartet die Läufer als besonderes „Schmankerl“ zum Abschluss der steile Aufstieg zum Furggu mit über 600 Höhenmetern auf drei Kilometern und anschließendem ebenso steilen Abstieg und Auslauf über das Zwischbergental nach Gondo. Fast schon rechne ich damit, dass die Strecke über die Gondoschlucht verkürzt wird.

Der Veranstalter reagiert tatsächlich – aber anders, als ich erwarte. Ein wenig wie vor den Kopf gestoßen fühle ich mich, als mich eine Helferin am Verpflegungsposten in Gabi bei km 30 mit einem einzigen Wort empfängt: Abbruch. Ich kann es erst gar nicht glauben. Darauf bin ich nicht gefasst. Da ich in diesem Moment der einzige Läufer an dem Posten bin, frage ich mich unwillkürlich: Wo sind die anderen? Irgendwie ist dieses plötzliche Ende unbefriedigend. Aber es hilft nichts und zeigt nur einmal mehr: Die Berge sind eben unberechenbar. Langsam trudeln weitere Läufer und Walker ein und vernehmen die wenig erfreuliche Botschaft. Mit ihnen trotte ich zum nahe gelegenen Parkplatz, wo wir von Autofahrern nach Gondo mitgenommen werden.

Später weiß ich, dass sich der Veranstalter die Entscheidung nicht leicht gemacht und sehr verantwortungsvoll gehandelt hat. Letztlich sind fast alle Läufer wie auch die Walker von dem Abbruch betroffen. Ab dem Zeitpunkt der Abbruchentscheidung werden die Läufer nicht nur in Gabi, sondern zeitgleich in Simplon-Dorf und auch auf dem Furggu gestoppt. Knackpunkt war der durch den massiven Regen stark aufgeweichte und gefährlich gewordene Abstieg vom Furggu. Der Alternativweg durch die Gondoschlucht wiederum schied wegen Steinschlags aus. So gab es keine Alternative. Nur die schnellsten fünf haben letztlich die volle Strecke belaufen können.

Eventabschluss in Gondo

Gut gefüllt ist das Festzelt bereits, als ich den Zielbereich erreiche, verwaist dafür der Platz um das Zielbanner. Noch immer regnet es heftig. Einträchtiges Chaos herrscht in den Duschräumen des Schulhauses. Aber danach, bei den anderen Läufern im Festzelt bei Bier und Bratwurst sitzend, ist meine gute Laune wieder hergestellt.

Randvoll ist das Zelt und bestens die Stimmung, als kurz nach 15 Uhr zur „Rangverkündung“ aufgerufen wird. Der Regen hat aufgehört, sodass sich alle außerhalb des Zeltes in einem großen Halbrund vor dem mit Naturalien dicht gefüllten „Gabentisch“ aufstellen können. Hier erfahren wir, dass aufgrund des Abbruchs ein anderer Modus zur Klassierung gefunden wurde: Es wird für alle die Gesamtzeit bis Simplon-Dorf gewertet. Nicht nur die Gesamt- und Altersklassensieger werden danach geehrt, sondern alle Finisher persönlich aufgerufen und beglückwünscht. Jeder Teilnehmer erhält einen Laib Simplonkäse und ein Finishershirt, die Schnellsten jeder Alterklasse darüber hinaus Geldprämien. Gesamtsieger sind, wie nicht anders zu erwarten, Martin Schmid und Lizzy Hawker in 6:26 bzw. 7:03 Std.. 113 Läufer tauchen schließlich als Finisher in der Wertung des verkürzten Doppelmarathons auf, 19 werden als Abbrecher geführt.

Noch ganz in Gedanken bei dem ereignisreichen Wochenende bin ich, als ich wenig später im Auto sitzend durch die Abendsonne gen Heimat schaukle.

Mit dem Gondo-Event hat sich mir eine neue Dimension des Lauferlebnisses eröffnet. Die traumhaften wie gleichzeitig beinharten Bergpfade, die ungemein herzliche und fürsorgliche Organisation und das fast schon familiäre Miteinander der Läufer ergeben eine einzigartige Mischung. Die Begeisterung für diesen Event, die ich in Berichten früherer Teilnehmer über diesen Lauf schon spüren konnte, kann ich nun selbst empfinden und voll und ganz bestätigen. Es hinterlässt in mir fast schon zwiespältige Gefühle, einerseits zu sagen: Meldet Euch an, kommt her – das müsst Ihr erleben! Und andererseits zu hoffen, dass dieser Lauf in seiner ganzen Intimität, seinem Charme und seinen vielen Eigenheiten so bleibt wie er ist.

Ambitionen zu einer Großveranstaltung hat das OK-Team zum Glück nicht. Zu hoffen ist, dass notfalls mit einer Teilnehmerbegrenzung regulierend eingegriffen wird. Denn ich bin mir sicher: Die Zahl derer, die kommen wollen, wird weiter steigen – und auch ich werde wieder dabei sein.

 

Informationen: Gondo Marathon
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