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Laufberichte

Alles neu am Gardasee

 

Entlang der Gardesana Orientale nach Torbole

 

Das Wegstück auf der Gardesana Orientale von Malcesine nach Torbole kenne ich zwar noch von der alten Route. Seinerzeit waren das die km 27 bis 42. Nur liefen wir die damals in umgekehrter Richtung. So präsentiert sich dieses Teilstück für mich heute aus einer neuen Perspektive. Und um es gleich vorweg zu nehmen: der schöneren.

In die Altstadt Malcesines tauchen wir zwar nicht ein, sondern schrammen auf der Gardesana nur vorbei. Doch auch von hier hinterlässt die sich hoch über den Fels erhebende Burg einen nachhaltigen Eindruck. Wie keine andere Familiendynastie hat sich das Veroneser Adelsgeschlecht der Scaliger im 13. und 14 Jh. um den Gardasee herum durch zahlreiche Wehrbauten mit charakteristisch gezackten Zinnen auf Türmen und Mauern verewigt. Die Burg von Malcesine ist eines der die Zeiten überdauernden Prunkstücke.

Bis zum Nachbarort Navene (km 20,5) zieht sich die touristische Einflusssphäre Malcesines,  konkret vor allem in Form kleinerer Hotels. Dazwischen ist jedoch reichlich Platz für üppig wurchernde Natur. Am anderen Ufer entdecke ich das von hohen Felsen umschlossene Limone. Weiter gen Norden haben wir stets die den See immer mehr zum Flaschenhals verengenden und immer dramatischer abstürzenden Berghänge im Auge. Ein optischer Kontrapunkt zu diesem Fernpanorama ist der imposante Yachthafen Malcesines kurz vor Navene. Ein Wald Hunderter Masten spitzt dicht an dicht vor der Seekulisse empor. 

Jenseits von Navene rückt auch auf unserer Seite der Berg immer näher ans Ufer heran, wird immer mehr selbst zum Ufer. Eine knapp 2 km am Fels entlang führende Galerie ab km 22,5 bildet den Auftakt zum landschaftlich wohl aufregendsten Streckenstück unseres Kurses. Ohne Zweifel verdienen die folgenden Kilometer bis Torbole das Prädikat „Traumstraße“. Zypressen, Pinien, Palmen säumen unseren Weg, für mich der Inbegriff mediterraner Vegetation, dichtes Buschwerk besetzt jeden Winkel im zerfurchten Fels um uns herum. In sanften Kurven bahnt sich die Straße durch die wundervolle Landschaft ihren Weg. Immer wieder muss die Straße dicke, bis in den See reichende Gesteinsplatten durchdringen. Wie auf der anderen Seeseite mussten die Tunnelbauer vor 85 Jahren daher auch hier ganze Arbeit leisten. Von den grob behauenen Tunneldecken tropft das Wasser, innen sieht man mangels künstlichem Licht bisweilen kaum die Füße am Boden. Aber der lichte Tunnelausgang ist nie fern. Und wie aus einem Panoramafenster eröffnen sich mit ihnen immer wieder grandiose Ausblicke. 

Ein besonderes optisches Highlight ist auch der sich vor uns ausbreitende nördliche Seeabschluss. Dominiert wird die Szenerie von dem den See mehr als dreihundert Meter überragenden Monte Brione. Wie ein gewaltiger Riegel schiebt er sich am Nordufer zwischen Torbole und das benachbarte Riva. Während er auf der Riva zugewandten Seite sanft und von dichtem Grün bewachsen ansteigt, bricht er auf der anderen Seite jäh und schroff ab. Ein Paradestück einer geologischen Verwerfung der Erdkruste.  Amphitheatergleich türmen sich in einem weiten Halbrund weitere Gebirgszüge in noch weitaus größere Höhen auf.

Immer näher rückt Torbole, immer mehr Details werden sichtbar. Teile der Altstadt mit ihren in rot- und gelbgetöneten Fassaden scheinen aus der Ferne betrachtet förmlich im Fels zu kleben. Die Gardesana führt uns mitten ins Herz des Ortes hinein.

Dass Torbole einer der bekanntesten Namen am Gardasee ist, liegt allerdings weniger am Ortsbild. Das ist eher, sagen wir mal: Durchschnitt. Einen Namen hat sich der Ort vielmehr als „das“ Surfer-Mekka Mitteleuropas gemacht.  Besonders hier entfalten die durch die im Norden fjordartige Verengung des Sees angefachten Winde ihre Wirkung, und das mit einer Regelmäßigkeit, nach der man die Uhr stellen kann. So bläst früh morgens von Norden her der kühle Vento, während ab Mittag bis zum Sonnenuntergang die warme Ora aus dem Süden die Windherrschaft übernimmt. Den Winden ist auch zu verdanken, dass nicht selten über dem See die Sonne scheint, während die umliegenden Berge wolkenverhangen sind. Nun ja: Heute ist das allerdings nicht so. Wolken bedecken den Himmel in einmütiger Geschlossenheit. Aber die Sicht, die ist dennoch hervorragend. 

Schon aus der Ferne trägt uns der Wind Gejohle entgegen. Das direkt am weißen Kiesstrand gelegene Ziel ist nahe, allerdings erst einmal nur für die 30 km-Läufer. Zahlreiche Zuschauer feuern uns auf dem Weg durch das Ortszentrum an. Dann heißt es an einer Weiche: 30 km-Läufer links, Marathonis weiter geradeaus.

 

Mehr Riva als Arco

 

Mit exotischen Klängen einer Sambaband verabschiedet sich Torbole von den Marathonläufern. Dann wird es schlagartig ruhig. Seltsam vereinsamt wirkt auf einmal das Läuferfeld. Kein Wunder, hat sich doch gut die Hälfte des Starterfelds verabschiedet.

12 km liegen noch vor uns. Und innerlich darauf eingestellt bin ich, wie vor zwei Jahren fernab vom Seeufer eine Runde durch Rebenfelder bis Arco und sodann entlang der Sarca zurück nach Torbole zu drehen. Aber schnell darf ich feststellen, dass der schon erwähnte Internetstreckenplan die Realität auch hier nur eingeschränkt widerspiegelt.

Auf breiter Straße laufen wir zunächst direkt dem löchrigen Steilabfall des Monte Brione entgegen. Über eine Brücke queren wir den nur ein kurzes Stück weiter in den See mündenden Fluss Sarca. Weinstöcke breiten sich zu Füßen des Felsens aus. Ein schöner Kontrast. Nur: Wir zweigen nicht zu ihnen ab. Stattdessen nähert sich unser Kurs erneut dem Ufer, dorthin, wo man dem Monte Brione per Sprengung ein ordentliches Stück Berg für einen bequemen Zugang nach Riva abgetrotzt hat.

Auf einem parallel zur Uferstraße verlaufenden Weg schieben wir uns an der senkrechten Felswand mit spektakulären Blicken auf die hinter, vor und neben uns liegende Bergwelt vorbei. Vor allem der Kontrast zu den selbst hier Raum greifenden Zypressen und Pinien ist ungemein fotogen. Unser Weg mündet in einen sorgsam mit mediterranen Gewächsen bepflanzten Uferpark, der uns direkt hinführt zum herrlich gelegenen im Weiß der zahllosen Bootsrümpfe erstrahlenden Yachthafen Rivas.

Riva – damit hätte ich nicht gerechnet. Wunderbar war der Weg bis hierher. Und gerne wäre ich noch weiter durch den Uferpark gen Ort getrabt. Aber das sieht der Streckenplan dann doch nicht vor. Vielmehr heißt es: Kehrtwendung. Auf der für Autos gesperrten Uferstraße geht es, teils durch einen Tunnel, zurück auf die andere Seite des Monte Brione.  

Das Km 33-Schild liegt hinter uns. Und ich frage mich, wie es wohl zu schaffen ist, von hier aus noch nach Arco und dann nach Torbole zu kommen. 

Schnurgerade, kilometerlang und bretteben ist die Asphaltstraße, die uns vom Ufer jetzt in Richtung Arco wegführt. Bis zum Horizont zieht sie sich hin und von dort weiter und weiter ... . Obstplantagen und Rebstöcke säumen unseren Weg, dazwischen verstreut liegen ein paar Gehöfte. Hohe Berge umzingeln die weite Ebene. Eigentlich eine schöne Landschaft, aber eben kein Vergleich zu der bisherigen grandiosen Szenerie. Meditatives Laufen ist das Gebot der Stunde. Wäre es zumindest, denn meine Beine signalisieren mir, dass sie selbst dies als Überforderung empfinden.

Ein längeres Päuschen an der nächsten Versorgungsstelle tut not. Alle fünf Kilometer sind sie eingerichtet. Gab es bis zur Streckenhälfte nur Wasser, so erwartet uns seitdem das „Vollprogramm“ mit Isogetränk, Bananen- und Apfelstücke und Kuchen. Das Wasser gibt es in Halbliterflaschen, verschwenderisch und wenig vorteilhaft für die Ökobilanz, aber ungemein praktisch. 

Am Horizont ist schon von Weitem der wie ein Monolith aus der Ebene ragende, steile Burgberg Arcos mit den Resten der mittelalterlichen Festung zu sehen. Auf ihn scheinen wir geradewegs und unausweichlich zuzusteuern. Doch weit gefehlt. Gerade, als wir die gewerblich geprägten Außenbezirke Arcos erreichen, macht der Kurs einen Knick und wir finden uns auf einem schmalen Asphaltweg entlang der Sarca wieder. Und hier geht es nicht etwa weiter gen Arco. Sondern geradewegs in die Gegenrichtung. 

Die Sarca, der einzige größere Zufluss des Gardasees, ist unser ständiger Begleiter bis km 41. Und wieder geht es geradeaus, immer dem Weg auf dem Hochufer der Sarca folgend. Inmitten des Grün passieren wir die weitläufigen Fabrikationsanlagen des Kunstfaserherstellers Aquafil. Wie ein Ungetüm wirkt das silbrig glänzende Gewirr aus Kesseln, Rohren, Schornsteinen. Aber kaum ein Laut dringt von dort nach außen. Gleich danach ist wieder „Natur pur“ angesagt. Zu unserer Linken fließt gemächlich die bisweilen dschungelartig zugewuchte Sarca, zu unserer Rechten ziehen Felder mit Rebstöcken und Obstbäumen vorbei. Besonders schön ist eine Passage mit beidseitig des Weges wucherndem Oleander. Diese Oleanderallee würde ich gerne mal zur Blütezeit erleben.

 

Ziel in Torbole - Finisherglück in Malcesine

 

Die nahende Steilwand des Monte Brione signalisiert uns, dass Torbole nicht mehr weit ist. Eine letzte Schleife und wir finden uns auf dem breiten, hellen Kiesstrand wieder, dem wir auf dem gepflasterten Uferweg folgen. Klatschend begrüßen die dahin flanierenden Spaziergänger die eintröpfelnden Läufer und der zunehmende Lärmpegel signalisiert: Gleich ist es geschafft. Über Lautsprecher wird jeder Ankömmling begrüßt. Und dann bin auch ich schon unter ihm durch, dem Zielbogen, als einer von fast 1.700. Denn so viele sind es, die es bei der „Premiere“ in diesem Jahr auf einer der drei Distanzen bis hierher schaffen, jeder Vierte übrigens ein Marathonläufer. 

Meine persönliche Belohnung hole ich mir allerdings nicht in Torbole. Mit der Linienfähre, deren Nutzung für die Läufer heute frei ist, schippere ich gemütlich nach Malcesine zurück. Und bei einem Cappuccino und lecker-knusprigem Bruschetta in der Bar Castello an meinem Lieblingsplatz im Herzen der Altstadt sitzend denke ich mir nur: Was kann es für einen Läufer eigentlich Schöneres geben?  

Ja, der Gardasee Marathon bleibt ein heißer Tipp. Auch mit neuem Kurs. Und wer das besondere Erlebnis sucht, der sollte sich diesen Marathon nicht entgehen lassen.

12
 
 

Informationen: Gardasee Marathon
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