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Laufberichte

Arte, storia e cultura lungi i 42,195 chilometri

 

Es geht unter der Brücke, die am Bahnhof Campo di Marte über die Gleise führt, in westliche Richtung weiter und dann auf der anderen Seite in die Gegenrichtung zurück. Jetzt sind wir mitten im Campi di Marte-Viertel mit seinen Sportstätten und dem Fußballstadion des AC Florenz, dem Stadio Communale Artemio Franchi. Die Mannschaft liegt momentan am dritten Tabellenplatz in der ersten Division der italienischen Liga, ist auch schon mal abgestiegen und wieder nach oben geklettert.

Die Marathonstrecke ist hier als Rundkurs zunächst gegen und kurz vor der 30 km-Marke im Uhrzeigersinn angelegt. Längst habe ich wahrgenommen, dass in meinem Umfeld keine Akteure mit grünen Startnummern mehr anzutreffen sind. Tja, so ist es eben. Die Devise muss lauten, am Anfang eines Marathons die gute Form auszuspielen, der Einbruch kommt früh genug. Ich steure meiner bisher schlechtesten Laufzeit in Florenz entgegen.

Freude kommt auf, als ich wieder einen Berg Gelpäckchen bei der Labe erblicke. In Milano war heuer für die langsameren Läuferinnen und Läufer nichts mehr da. Kostenbewusste nehmen gleich mehrere mit, Auflagen dazu gibt es nicht. Endlich erblicke ich mehrere verspätete Kollegen mit einer grünen Startnummer und sogar einen mit einer grauen (deren Träger längst 35 Kilometer erreicht haben sollte).

Mir gefällt die doppeldeutige Ausschrift in Gelb auf den schwarzen Shirts zweier Läufer: „Je cours pour soutenir des malades de la Islam“, nach den Anschlägen von Paris wohl im Geiste der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ verfasst.

Entlang der viale Edmondo führt der Marathonkurs nun auf die gefürchtete Eisenbahnbrücke knapp vor Kilometer 32. Der kurze Straßenabschnitt trägt den Namen Cavalcavia dell Affrico, den die schwarzen Perlen vermutlich mit fast 20 km/h vor zwei Stunden passiert haben werden. Ich blicke mich um. Oh je, die 4:45er-Gruppe ist in Sicht. Ich komme gerade noch zur 32km-Tafel, dann sind die zwei betagten, aber energischen Pacer und gerade mal zwei sie begleitende Läufer vorbei. 10 Kilometer sind noch zu abzuspulen, die (baulichen) Höhepunkte des Florenz Marathons kommen aber erst auf den letzten Kilometern auf uns zu.

Über die via Piagentina führt der Kurs nun scharf nach Westen, wir sind in der Nähe des Starts. Das Kopfsteinpflaster mit vielen Unebenheiten würde ich gerne wegzaubern, weil mein linker Innenknöchel schmerzt und sich auch der rechte Fuß meldet. Es gibt Marathonläufer, die aufhören müssen, weil sie nicht mehr normal gehen können. Da habe ich noch etwas Zeit.

Vorbei am archäologischem Museum geht es weiter zur Piazza della Santissima Annunziata mit der gleichnamigen Basilica aus dem 13. Jahrhundert. Wir sind sozusagen im Herzen der Altstadt, auch nahe der Universität von Florenz. Hier sind sonst Scharen von Touristen unterwegs, die von einem Museum zum anderen strömen. In der angrenzenden Galleria dell‘ Accademia befindet sich das Original von Michelangelos David, einer der bedeutendsten Skulpturen der Renaissance.

Ich bin froh, nun den 35 km-Punkt erreicht zu haben. Wären nicht die Absperrungen, würden uns die Touristen, die heute die romanisch-gotische Kathedrale Santa Maria del Fiore mit ihrer markanten weißen Marmorfassade und der riesigen Kuppel besuchen, uns beim Laufen behindern. Die Labestation befindet sich neben dem Dom. Viele bleiben stehen und fotografieren nach dem ersten Schluck.

Wie immer bei größeren Städtemarathons folgen Angehörige der Läuferinnen und Läufer der Marathonroute und haben sich Treffpunkte ausgemacht – die gut zu Fuß erreichbare Kathedrale ist so ein Ort der Begegnung. Trotz der Behinderungen durch den Marathon besuchen auch heute viele ihren Innenraum mit herrlichen Fresken und vielen Statuen. Dicht neben dem Dom steht der große Glockenturm von Giotto, Mitte des 14. Jahrhunderts errichtet und mit 85 Metern fast so hoch wie die Kirche Santa Maria del Fiore ist. Zum Domkomplex wird auch das achteckige Baptisterium San Giovanni gezählt, die Taufkirche der Florentiner.

Beim Vorbeilaufen bleibt nur Zeit, die Außenfassaden der Bauwerke zu sichten und das touristische Geschehen rundherum wahrzunehmen. Wer in einem Bericht mit poetischer Nuance sein Entzücken beschreibt, hat (wenn er nicht lexikalisches Gemeingut heranzieht) bei einer Führung vor dem Rennen oder wie ich, bei geführten Tagesausflügen, einiges mitbekommen. Wer Florenz kulturhistorisch kennenlernen will, sollte sich eine Auszeit nehmen und dort wochenlang Studien betreiben.

Ein Brite mit dem vielsagenden Aufdruck „I can do all things through HIM who strenghtens me“ auf seinem Shirt tröstet seine Begleiterin, die nicht mehr weiterkann. Der Glaube kann zwar Berge versetzen, sagt man, aber laufen muss man dann doch selber.

Es geht in Richtung Arno. Zwei Deutsche sind vor mir. Der eine sagt zum anderen plötzlich „Attacke“. Ich sage: „Na dann mal los!“. Der Angesprochene will, aber kann nicht. Die beiden lachen über die Pointe auch noch hörbar, als ich schon in die Gerade neben dem linken Arnoufer einbiege. Rechts am erhöhten Trottoir steht die 38 km-Anzeige. 4,195 km bis ins Ziel sind eigentlich nicht mehr viel, doch am Ende eines Marathons eine lange Distanz.

Meine Motivation kommt zurück, um ein paar Ausreißer wieder abzufangen. Ich mag flache, leicht abfallende Teilstrecken, wie hier auf dem Lugarno Corso. Doch der kurze Anstieg auf die Ponte Santa Trinita wirkt nicht nur bei mir wieder bremsend. Ich bleibe in der Mitte der Brücke stehen und knipse heute schon zum x-ten Male die vielleicht 400 Meter Luftlinie entfernte, in der Gegenwart statt von Gerbern und Schlachtern von Goldschmieden und Juwelieren „besetzte“ Ponte Vecchio. Ich spreche es aus: Beim Fotografieren verliert man zwar etwas Zeit, aber man kann dabei unbemerkt durchschnaufen.

Auf der Borgo San Jacobo, einer engen Seitengasse von Wohnhäusern eingesäumt, geht es auf klassischen Kopfsteinen als Laufuntergrund nun zur „alten Brücke“. Am Weg zum Start machte ich heute einen Abzweig und war für wenige Minuten der einzige Mensch auf der Brücke. Man könnte meinen, das sei ein historisches Ereignis. Aber nun ist mehr los, als wir Läufer dort zur 39 km-Anzeigetafel kommen. Ein ungestümer Läufer rempelt mich, die Kamera fällt auf den harten Untergrund. Sony garantiert Stoßsicherheit und Nässeschutz. In der Tat, außer ein paar Macken am edlen schwarz lackierten Stahlkorsett zeigt sie keine funktionellen Mängel – fürs erste.

Meine Uhr zeigt eine Nettozeit von 4:28 an. Was ist noch drinnen? Für drei Kilometer rechne ich mit gut 20 Minuten. Der Marathonkurs führt zur Kathedrale, die wir vor einer halben Stunde schon passiert haben. Wären die Straßenabschnitte hier in der Altstadt für Passanten nicht gesperrt, wäre es ein Spießrutenlauf. So aber gehört die Straße zum Domplatz mit ihren Steinplatten, genau genommen zum Giotto-Turm, der sich vor uns in seiner ganzen Größe zeigt, ganz den Läufern, die nun versuchen, die letzten Reserven zu mobilisieren.

Ein Pole auf Krücken bekommt viel Applaus. Wie er es bisher in dieser Zeit geschafft hat, grenzt an ein Wunder. Wider Erwarten kommt von hinten nun auch der gläubige Brite nach, ohne seine weibliche Begleiterin. Hätte er mit ihr das Shirt getauscht, wer weiß, ob sie so neuen Elan entwickelt hätte. Im katholischen Italien gilt trotz Wikileaks im Vatikan: „Pater noster via, veritas et vita est.“

Ich bleibe bei der letzten Labe bei Kilometer 40 nicht stehen, bzw. verzichte diesmal auf den Tee und das Linzerauge. Eine halbe Minute könnte ich noch wettmachen, 4:50 sind noch drinnen. Kilometer 41 kommt in Sicht. In einem 180 Grad-Bogen geht es entlang dem Lugarno della Zecca Vecchia vorbei an den Gepäck-LKWs, Massagezelten und Hunderten Finishern vorbei ins Ziel an der Piazza Santa Croce mit der gleichnamigen, vom Franziskanerorden Ende des 13. Jahrhundert erbauten Kirche. 4:52:08 lautet meine Finisherzeit – unwahr wäre es zu behaupten, dass die Knipserei mich zu viel Zeit gekostet hat. Am Ende der Laufsaison in heimischen Breiten ist eine gewisse Müdigkeit zu tolerieren.

Nach dem Zieleinlauf werden Aluwärmefolien ausgehändigt. Die Medaille bekommt man erst dann, wenn ein Helfer auf der Startnummer ein Häkchen aufgemalt hat. Bevor man die erste Absperrung verlässt, werden einem die Chips auf der Startnummer abgenommen. Dann gibt es eine Tragetasche mit einigen Goodies wie eine kleine Wasserflasche, ein Ernervit-Isogetränk, einen Riegel u.a. Ich verweile nun länger am Keks- und Kuchenbüffet. Man kann zugreifen, der Vorrat wird laufend ergänzt, denn der Marathon ist 6 Stunden offen.

Ich schlendere zum Arno und weiter zu den LKWs mit den Kleiderdepots. Um 14 Uhr 30 hat es in der Sonne an die 15 Grad C, ich hocke mich auf die Mauer beim Arno und genieße die Atmosphäre. Als ich nach 15 Uhr am Fluss entlang spaziere, sind immer noch vereinzelt Läufer unterwegs. Ich denke, dass man auch auf den Allerletzten warten wird.

Mein persönliches Fazit:

Nach Rom sollte man auch den Marathon in Florenz einmal gelaufen sein. Die Stadt wird wegen ihrer Kunstschätze aus der Malerei, der berühmten Skulpturen und Renaissancebauten, den vielen Museen und insgesamt dem spürbarem Flair von Millionen Touristen jedes Jahr besucht. Wer sich für den Marathon registriert (ab 50 Euro aufwärts nach dem Zeitpunkt der Anmeldung gestaffelt), kann vor oder nach dem Lauf zumindest einen Tag anhängen, um mehr von der Citta zu sehen.

Der Marathon ist bestens organisiert, alle Straßenabschnitte für den Verkehr und für Passanten gesperrt. Man kann vor dem Start sein Gepäck bei nach Nummern geordneten LKWs abgeben und sich in aufgestellten Zelten bequem umziehen. Die Labestationen bieten Wasser, Iso, warmen Tee, Bananen- und Orangenstücke, Kekse und Kuchen. Bei Kilometer 30 werden Ernervit-Powergels verteilt. Der Marathonverlauf mit vielen Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke ist flach, die Brückenüberquerungen sind kein Handicap. Für manchen Läufer (wie für mich) ist ein Untergrund aus Plastersteinen auf manchen Teilstrecken in der Altstadt problematisch – man muss auf die Unebenheiten achten. Wer gut trainiert ist, kann in Florenz durchaus eine PB laufen.


Siegerliste

Männer
1 Tujuba Beyu Megers (ETH): 2:9:54
2 John Kipkorir (KEN): 2:11:58 
3 LHOUSSAINE Oukhrid Lhoussaine (MAR ): 2:12:04

Frauen
1 Priscah Jepleting Cherono(KEN): 2:31:34 
2 Lydia Jerotich Rutto (KEN) 2:34:27
3 Emma Quaglia (ITA): 2:36:00

8267 Finisher

 
 

Informationen: Firenze Marathon
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