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Laufberichte

Arte, storia e cultura lungi i 42,195 chilometri

 

Ein paar Minuten dauert es nach der Elitegruppe, bis auch die Blöcke zum Startbogen kommen. Diesmal drücke ich die GPS-Uhr knapp vor der Zeitnahme-Matte, nicht wie in Istanbul 200 Meter  davor – am Ende verpasste ich sub 5 um 18 Sekunden, weil mir die Übersicht fehlte. Zunächst laufen wir die gesperrte SS67 entlang. Der mir aus den vergangenen Jahren vertraute Marathonkurs hat hier ein leichtes Abwärtsgefälle, was zum Tempobolzen verführt. Das Feld ist dicht, eine Hälfte der Straße fast zu schmal. Von hinten drängen, bugsieren und schieben die violetten „langsameren“ Läuferinnen (auch Frauen können rempeln) und Läufer. Ich passe auf meine Digicam auf, ohne Handschlaufe wäre sie schon längst zertrampelt worden. Aber diese Anfangsverrücktheit habe ich auch schon in Berlin, Paris und Wien erlebt – nicht jedoch in NYC, weil fast jeder die lange Verrazano-Brücke am Beginn des Marathons auskostet und sich Zeit lässt.

Wie vorgenommen laufe ich auf Höhe der 4:30er-Gruppe, die allerdings auf den beiden ersten Kilometern statt mit 10 km/h deutlich schneller unterwegs ist. Sorgen bereitet mir nicht das Tempo, sondern die drei Lagen am Körper. Sie bewirken schon nach wenigen Laufminuten eine unangenehme, das Wohlbefinden beeinträchtigende Stauwärme. Ich nehme mir vor, ein Leiberl bei der nächsten Gelegenheit auszuziehen.

Zehn Meter vor mir läuft Stanislav aus Poznan im bekannten Shirt mit der Aufschrift „Stasiu Polska“, den ich heuer in Mailand beim Marathon kennengelernt habe und in Vilnius im September wieder traf. Er ist über 70 und spielt Violine im Orchester an der Mailänder Scala. Beim Marathon in Mailand nahm er mir 8 Minuten ab, in Vilnius war ich etwas schneller im Ziel. Bevor ich ihn im dichten Pulk begrüßen kann, sprintet er davon. Ich bleibe bei den 4:30ern, nachlaufen will ich ihm nicht.

Bei der Piazza della Liberta führt die Strecke nun um 90 Grad gedreht nach Westen in Richtung der Messe (Fiera). Die Festungsanlage wurde von den Medici im 16. Jahrhundert erbaut, der Hauptbahnhof von Florenz ist nahe.

Ein kleiner Prüfstein für die Tempobolzer wird die auf uns zukommende Unterführung bei der Piazza Bambini di Beslan. Auf der Brücke oben stehen einige Zuschauer, eine spanische Fahne ist aufgespannt. Für mich überraschend ist, dass kein einziger vor mir liegender Läufer beim kurzen Anstieg nach der Unterführung zurückfällt – die Kollegen nehmen den Schwung mit. Da ich 20 Meter vor den 4:30er-Gruppe liege, nehme ich Tempo raus und bleibe zum Knipsen auch kurz stehen – so verwackeln die Bilder nicht.

Die nächste Unterführung bei den Bahngleisen weist dann kein nennenswertes Gefälle auf, es geht flott voran. Mein Hotel ist nur wenige Hundert Meter entfernt. Läuferinnen und Läufer mit grünen und violetten Startnummern bewegen sich nach 4 Kilometern längst Seite an Seite, aber ich rechne damit, dass bald auch einige aus den vorderen Startblöcken unter uns sein werden.

Der Kurs führt nun durch eine Seitenstraße ins Wohngebiet, Zuschauer sehe ich kaum. Ein älterer Mann wartet ab, bis er sein Klapperfahrrad auf die andere Straßenseite schieben kann. Die erste von insgesamt acht Labestationen (alle 5 Kilometer wie üblich) befindet sich auf der via B. Marcello. Es gibt warmen Tee, Iso, Wasser und Kekse. Die Pacer bleiben nicht stehen, ich schon und renne der Gruppe nach. Es ist den Organisatoren hoch anzurechnen, bei den niedrigen Temperaturen warmen Tee anzubieten. Mal sehen, ob er an den folgenden Versorgungsstellen nicht abgekühlt sein wird.

Jetzt verläuft der Kurs scharf nach Norden, es kommt zu einer kurzen Begegnungszone mit den nur einige Hundert Meter vor uns liegenden Läufern. Ich halte Ausschau nach Stani, dem polnischen Altviolinisten, doch statt ihn erblicke ich die attraktive Kollegin aus Pompeii bei Napoli, die am Nebentisch beim Frühstück (leider mit ihrem Begleiter) saß.

Nach weniger als zwei Minuten erblicke ich die lange Kolonne der hinter uns in der 4:30er-Gruppe nachkommenden Läufer. Nun geht es nach Südwesten nochmals unter einer Bahnunterführung durch und hinein in den 160 ha großen Parco delle Cascine, der im 17. Jahrhundert nach englischem Vorbild angelegt wurde und heute als eine multifunktionale, der Öffentlichkeit zugängliche Grünanlage mit zahlreichen Sportstätten fungiert.

Wäre ich 10 Sekunden schneller unterwegs, hätte ich die Spitzengruppe von vorne knipsen können, so aber sehe ich nur mehr die Rücken der fünf Läufer, drunter auch ein Weißer. Doch auf der anderen Seite der Aeronautica kommen uns nun weitere sehr schnelle Läufer entgegen – bald ist auch die erste Frau zu sehen, eine Farbige, die von einem Kollegen gepact wird. Afrikanische Läuferinnen und Läufer gewinnen seit Jahren fast jeden Marathon. Es gibt derzeit keinen Weißen, der an den Marathonweltrekord herankäme. So gering die zeitliche Differenz zwischen dem Weltrekordhalter Paul Tergat mit 2:04:55 aus dem Jahre 2003 und dem gegenwärtigen deutschen Meister Arne Gabius mit 2:08:33, aufgestellt heuer in Frankfurt, fürs erste aussieht, in der kenianischen oder äthiopischen Meisterschaft würde er damit für internationale Wettbewerbe nicht berücksichtigt werden. Man möge auch bedenken, dass bisher noch kein Österreicher die tolle Zeit von Gabius gelaufen ist – unser Günther Weidlinger erreichte 2009 in Frankfurt 2:10: 47 und löste Gerhard Hartmann mit 2:12:22 aus dem Jahre 1986 ab.

Eigentlich sollte ein Marathontourist wie ich nicht über Spitzenzeiten sinnieren, denn mit bald 62 kann man keine Bäume mehr ausreißen. Als unsere Tochter mit 14 (!) Jahren im Jahr 2004 den Vienna City Marathon mit 3:25 finishte, hat man ihr beim LCC Wien weitere Reserven auf sub 3 Stunden attestiert. Auch ohne Training würde sie heutzutage mit 26 wie schon vor 10 Jahren sowohl auf der Kurzstrecke wie bei längeren Distanzen schneller als ich sein – man kann also mit dem Laufen nicht früh genug anfangen, meine ich.

Nach 7,5 Kilometern befindet sich auf der Laufstrecke die erste Schwammstation von insgesamt  sieben. Ich kann gerne darauf verzichten, denn mir ist wegen der drei Lagen zwar am Körper warm, doch den Kopf kühlen muss ich um 10 Uhr morgens noch nicht. Stattdessen stülpe ich den linken Ärmel hoch, der die GPS-Uhr verdeckt. Mit etwas über 50 Minuten bin ich inmitten der 4:30er-Tempomacher neben mir bisher unterwegs, das passt. Als wir auf ein Pärchen, sie in schwarz, er in den Farben der Trikolore auflaufen, spricht ein Pacer den Patrioten an und verweist auf seine drei Luftballons ebenfalls in den Farben der französischen Fahne. Es gibt viele, die durch ihr Outfit beim 32. Firenze-Marathon sozusagen für Frankreich laufen.

Am Ende des Parks, kurz vor der 180 Grad-Wende, bringt sich Michaela ins Spiel: Sie stürmt unbeherrscht nach vorne und will partout neben einem der Pacer laufen. Den Schubser verzeihe ich ihr, zum Italiener neben mir sage ich, dass „tutti amano Michaela“. Im Nu stimmen die Kollegen neben uns in einen Chorgesang ein. Die kleine, etwas pummelige Kollegin fühlt sich sichtlich geehrt.

„Wie gerne wäre ich bei ihr geblieben“(©Schnulze aus 1966), leider muss ich kurz ins Gebüsch – Japaner sind keine anwesend, die mich knipsen könnten. Ich nutze die Gelegenheit und ziehe das Unterleibchen aus, zwei Lagen sind vielleicht noch immer zu viel. Man wird mir nicht glauben, aber in den verstrichenen drei Minuten sind die 4:30er mit unser aller Flamme Michaela einfach weg. Auf den kommenden zwei Kilometern überhole ich Dutzende Läufer in violett, doch drei Minuten kann man bestenfalls auf einer Strecke von 5 Kilometern aufholen, wenn ich 5:30 und die Gruppe nur 10 km/h laufen würde.

Der Marathonkurs führt am Arno entlang, die Sonne steht tief, Fotos bei Gegenlicht sind immer problematisch. Bei der Labe bald nach dem am 10 km-Punkt stehen wegen meines Rückstands daher keine bekannten Gesichter, die blauen 4:30er-Balons sind zu weit weg, ich sehe sie aus der Entfernung. Daher gönne ich mir ein mit Marillenmarmelade gefülltes Keks, das so aussieht wie ein Linzer-Auge bei uns in Österreich.

Auf der anderen Straßenseite laufen gerade die vor uns liegenden den Cascine-Park wieder nach Westen zurück. Wer hier ans Abschneiden denkt, unterschätzt die Logik der Zeitnehmer: Sowohl bei der Wende am Arno (zwischen Kilometer 8 und 9), als auch bei einer weiteren Schleife befinden sich Matten, über die man laufen sollte, um eine mögliche Disqualifikation zu vermeiden.

 
 

Informationen: Firenze Marathon
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