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Laufberichte

„Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt! “

10.04.11
Autor: Joe Kelbel

Ja, es war eine schöne Zeit gewesen. Hans Dietrich hat mit meinem Vater Doppelkopf gespielt. Ich habe die Käseigel gespickt und Bier gebracht, in der Küche habe ich am Schnaps genippt und von der großen Politik geträumt. Wir haben Fußball-WM geguckt: H-D: „Meine Deutschen Jungs“, Erdnüsse gefuttert und mein Bruder ist in den Fluß gefallen, mit Sonntagsanzug. Ja, es war eine schöne Zeit.

Bei Kilometer 4, beim Telekomgebäude ist der Wendepunkt, es geht wieder zurück über die Brücke. Bei Kilometer 9 steht Josef. Ein komplizierter Knöchelbruch hat ihm dieses Jahr den Marathon des Sables genommen. Aber im Oktober will er wieder mit uns laufen.

Dann geht es hinunter zum Rhein. Wunderschöner Anblick, das Siebengebirge. Alexander von Humboldt nannte diesen Anblick „das schönste Panorama der Welt“. Ich bezweifle, dass er in Berlin geboren wurde.

Das Wasserwerk war 1991 das provisorische Parlamentsgebäude. Mit 338 zu 320 Stimmen wurde damals für Berlin als Hauptstadt gestimmt. Irgendwas war da aber schief gelaufen: Rudolf Seiters,  Chef des Kanzleramts, schaute damals  einen Journalisten auf der Pressetribüne an und formte angeblich mit den Lippen das Wort „Berlin“. Der  drehte sich zu Oberbürgermeister Hans Daniels um und hielt seinen Daumen nach unten. „Aus! Verloren!“ Dabei meinte er wohl eher: „Wir bleiben hier!“ Gut dass der Wulff das heute  korrigiert hat!

Der „Lange Eugen“ war damals das Haus, wo die Abgeordneten ihre Büros hatten, heute ist hier die UNO untergebracht. Den Posttower gab es damals noch nicht. Hier war es, wo ein Außenminister seine Marathonvorbereitungen mit Herbert Steffny machte. Wir folgen derselben Strecke hinauf in Richtung Rheinauen. Die Rheinauen  waren 1979 Ort der Bundesgartenschau. Ich hatte eine Jahreskarte. Es gab Tage, da hatte ich das ganze Gelände für mich allein. Ich lief all die verschlungenen Wege, lange vor dem Außenminister.

Lang ist auch der Weg Richtung Plittersdorf, dem Wendepunkt bei Kilometer 15. Hier in der Mittelstrasse hatten meine Eltern in den 50er Jahren ihre erste Wohnung, es sind diese mehrstöckigen Mehrfamilienhäuser, die überall nach dem Krieg entstanden.

Mir geht es gut auf diesem Streckenverlauf. NamNam macht den 4 Std Pacemaker und ist weit hinter mir. Ihr Hauptgewinn, der Réné, macht den 3 Std Pacemaker. Naja, der ist auch weit weg, hahahaha.

Am Posttower vorbei geht es auf die B9. Sie wurde damals die „Beamtenrennbahn“ genannt. Ein kolossaler Widerspruch in sich. Auch heute noch ist das Tempo sehr gemächlich auf dieser Strasse, die die südlichen Wohngebiete der Beamten mit den Ministerien verband.

Ich erinnere mich, wie ich immer ins Büro meines Vaters kam. Es war schon die „Zeit der Angst“, aber mich hatte man damals immer durchgewunken, das lag wohl am „vernünftigen Haarschnitt“.

Oben, auf der B9 ist es ein wenig unangenehm, da die Autos neben uns sind und bei dem über die Jahre geretteten Beamtentempo schon sehr geruchsintensiv sind. Aber es sind nur wenige Meter. Der gesamte Streckenverlauf ist ansonsten absolut autofrei. Die Schülerstaffel stören auf den breiten Strassen überhaupt nicht. Es ist überall viel Platz. Die Bonner nehmen rege teil am Marathon, und ich bin sehr erfreut, wenn ich spezial-isotonische Getränke angeboten bekomme.

Rechts das ehemalige Bundeskanzleramt, jetzt wohl leerstehend. Links das Museum König mit der einmaligen biologischen Sammlung, wieder rechts die Villa Hammerschmidt. Im Vorbeilaufen sehe ich, dass sie stark bewacht ist. Klar: der Christian hat doch hier gepennt um heute Morgen am Start zu stehen. Schloss Bellevue? Wo soll das denn sein? Weiter geht‘s am Auswärtigen Amt vorbei, ja wo sind denn all die Agenten und Spione jetzt?

Und dann ist schon die Hofgartenwiese sichtbar. Jetzt ist das Zielfeeling spürbar, denn die Strecke wird über 1,5 Kilometer mit Sponsorenbändern und –brücken flankiert. Absolut genial und ich freue mich auf die zweite Runde.

Die geht zunächst durch die Altstadt am Geburtshaus vom Beethoven vorbei und wieder über die Kennedybrücke, benannt nach jenem anderen Präsidenten, der auch sagte: „Ick bin ein Bonnär“.

Ich fühle mich immer noch wunderbar, die Luft ist gut, die Sonne brennt,  ich laufe wie ein Uhrwerk. Die Kamera habe ich in meine Matilda (meine geliebte Gürteltasche) gepackt, so kann ich mir die Wasserbecher über den Kopf schütten, denn es wird warm.

Die Verpflegungsstände sind gut bestückt und reichlich vorhanden. Es ist ein herrlicher Lauftag.  Die Foto- und Isotoniepausen lasse ich mir nicht nehmen, es läuft so wunderbar, ich habe soviel Spass und bin so gut unter 4 Stunden, dass ich mir das gönnen kann.

An der Hofgartenwiese noch ein Foto mit Michèl, der letzte Woche noch in Freiburg war, und dann kommt dieser grandiose Zieleinlauf! 1,5 Kilometer geballter Zieleinlauf!  Wer nicht mitgelaufen ist, der kann sich das nicht vorstellen! Ich laufe und laufe,  durch diese kilometerlange Zielgasse, in einem geilen Tempo. Erst gelber Sponsor, dann roter, am Münster vorbei, in die Altstadt, am Sterntor vorbei und dann die Fußgängerzone lang, vor mir das Bonner Rathaus. 

Ich renne und renne und renne, es ist alles frei vor mir und ich gebe mal sowas von Gas! Mann! Ist das ein genialer Zieleinlauf! Einmalig! Hahahaha.

„Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt! Ich bin ein Bonner!“

Marathonsieger

Männer

1 Ajema Jeyi, Fikru (ATH)   02:18:01 
2 Tororei, Henry (KEN)  02:24:29
3 Arasa, Bamachu  02:30:10 

Frauen

1 Krull, Silvia (GER)  02:47:13 
2 Koech, Lilien   02:47:50
3 Kuta, Krystana (PL)  02:49:05 

1169 Finisher

12
 
 

Informationen: Deutsche Post Marathon Bonn
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