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Laufberichte

Was sind schon zehn Jahre

30.09.12
Autor: Klaus Duwe

Ich sehe etliche Kameraden bei Dehnübungen, andere machen ungeniert Gehpausen.  Da nützen auch keine noch so gut gemeinten und lautstarken Anfeuerungen etwas. Auch meine Geheinlagen nach einem Fotostopp oder einer Versorgungsstelle werden länger.

Hohenzollerndamm, km 30, wenig später grüßt „von oben herab“ Vanman Jochen und verspricht den Fans einen tollen Bericht und viele Bilder auf marathon4you. Hoffentlich enttäusche ich sie nicht.  Endlich Kurfürstendamm, Berlins etwas verblasster Prachtboulevard. Keine Taxis, keine Busse, keine Autos. Die Straße gehört den Läufern. Wie ich das genieße. An der Gedächtniskirche wird noch immer hinter massiven Verkleidungen saniert und restauriert, und das noch bis Mitte nächstes Jahres. Ich denke, das kriegen die Berliner hin. Einen Flughafen zu bauen ist da schon schwieriger.

Gleich kommt das KaDeWe, eines der nobelsten Kaufhäuser auf dem Kontinent. Vor 10 Jahren war ich fast genau zur gleichen Zeit hier wie heute.  Mit dem Unterschied, dass damals das Ziel hier in der Tauentzienstraße war. Heute habe ich noch 7 km zu laufen.  4:21 war meine erste offiziell ermittelte Laufzeit für einen Marathon. Mann, taten mir die Knochen weh. Aber meinen Chip wollte ich trotzdem nicht abgeben. „Den brauche ich jetzt öfters“, sagte ich meiner Frau. Sie traute mir nicht, gab ihn ab und steckte die 25 Euro ein.

Ich machte es aber wahr. Noch im gleichen Jahr wollte ich in Frankfurt laufen, ließ es aber wegen des Sturmes sein. Aber im folgenden Frühjahr konnte ich es nicht abwarten und startete im März in Rom und einen Monat später in Padua. Dabei blieb ich erstmals unter 4 Stunden und meine Frau schenkte mir einen Championchip.

Ich bin so ein Typ, der gerne auf Nummer sicher geht und sich informiert, bevor er eine neue Aufgabe angeht. Auch beim Marathon. Aber so viel ich im Internet auch suchte, ich fand nur Bilder und Berichte von den Siegern. Keiner sagte mir, wie die Strecke ist, auf was man achten muss, was es zu sehen gibt usw. Wie wunderbar der Veranstalter seine Strecke findet und was ein Reporter vom Streckenrand  aus beobachtet hat, interessierte mich nicht.  Ich wollte wissen, wie es ein Läufer sieht. Okay, sagte ich, wenn es das nicht gibt, dann mache ich das. Denn eines wusste ich genau:  Ich bin kein Exote. Was ich suche, suchen andere auch.

Ich kratzte mein Erspartes zusammen und ging mit meinen Vorstellungen und Ideen zu einem Programmierer.  Das Ergebnis kennt ihr. Inzwischen ist marathon4you eine Erfolgsgeschichte, die man sich kitschiger nicht ausdenken kann.

Und glaubt mir, die Geschichte geht weiter. Wie dieser Marathon. Noch 4 Kilometer. Über den Potsdamer Platz muss man einfach gelaufen sein. Zuvor gelingt mir noch ein schöner Schnappschuss mit einer Läuferin im Shirt der Bahn (Bahn frei!) neben dem Bahntower. Jetzt fehlt nur noch ein Bild mit einem BMW vor dem Quartier Daimler. Vor dem Krieg war der Potsdamer Platz einer der belebtesten Plätz in Europa, danach Niemandsland mit der Mauer. Heute zählt das nach 1990 auf alten Grundrissen neu bebaute Gebiet wieder zu den Attraktionen der Stadt. Gerade ist ein neues Shopping Center im Bau, das alles andere in den Schatten stellen soll. 

Bundesrat, Leipziger Straße,  mitten auf der Strecke Fernsehkameras. Nanu, haben die plötzlich ein Herz für Hobbyläufer? Kann nicht sein. Ich schaue nicht genauer hin und laufe weiter. Dort, wo die Feuerwehr eine Dusche aufgebaut hat, lauere ich mit meinem Fotoapparat auf ein Opfer. 

Kaum einer tut mir den Gefallen und läuft in den Wasserstrahl. Dann kommt der Mann mit weißem Bart. Unerschrocken lässt er sich abduschen. Aha, kein Wunder – eine Ecke weiter wird er von hilfreichen Händen abgetrocknet. Jetzt erst sehe ich, es ist Didi Hallervorden, der für seinen neuen Film „Sein letztes Rennen“ vor der Kamera steht.  In der fiktiven Geschichte spielt Hallervorden einen ehemaligen Marathonläufer, der sich im Altersheim langweilt und anfängt, für den Berlin Marathon zu trainieren, den er gewinnen will.  Ende nächsten Jahres soll der Film in die Kinos kommen.

Gleich um die Ecke ist der Gendarmenmarkt mit dem Konzerthaus und dem Schiller-Denkmal zwischen dem Deutschen und dem Französischen Dom.  Kenner sagen, es sei einer der schönsten Plätze in Berlin.

Unter den Linden – wegen großer Baustellen ist die Prachtstraße zurzeit gar nicht fotogen. Ich konzentriere mich auf das was vor mir liegt: das Brandenburger Tor. Eine Läuferin seufzt und wischt sich Tränen aus den Augen. Auch hier vermute ich mehr Zuschauer als jemals zuvor. Und das nach 5 Stunden! Die Berliner spinnen. Verrückt, was hier abgeht. Pariser Platz, links das Adlon, Herberge der oberen Zehntausend. Dann läuft man durch das Tor, das wie kein anderes in Deutschland Geschichte schrieb. 1990, wenige Tage vor der deutschen Wiedervereinigung, führte der Berlin Marathon erstmals durch das Brandenburger Tor. 2003 wurde dann die Strecke so geändert, dass Start und Ziel auf der Straße des 17. Juni sind man durch das Brandenburger Tor ins Ziel läuft.

Ich will mal wieder nicht von der Strecke. Ich könnte 100 Bilder machen und die einmalige Atmosphäre genießen. Die offiziellen Fotografen schauen schon böse. Also laufe ich  die letzten 200 m ins Ziel und freue mich. Nicht alleine über dieses Finish. Ich freue mich über 10 unvergessliche Jahre mit phantastischen Erlebnissen, vielen, vielen Bekanntschaften, Freunden und Wegbegleitern. Ich freue mich über ein neues Leben, das vor genau 10 Jahren begann. Und ich danke allen, die mich in diesen 10 Jahren begleitet, unterstützt und ermutigt haben. Ich freue mich auf die nächsten 10 Jahre. 

Marathonsieger

Männer

1 Mutai, Geoffrey (KEN) 02:04:15
2 Kimetto, Dennis (KEN) 02:04:16
3 Kipsang, Geoffrey (KEN) 02:06:12

Frauen

1 Kebede, Aberu (ETH) 02:20:30
2 Tsegaye, Tirfi (ETH) 02:21:19
3 Shurhno, Olena (UKR) 02:23:32

34.350 Finisher

 

Impressionen

 

 

 
 


 

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