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Laufberichte

Kolárovský Marathon – Frühlingsgefühle im Winter

 

Nach meiner Teilnahme an der von Sigrid Eichner und dem 100 MC DEU veranstalteten Brockenlaufserie am Prenzlauerberg in Berlin vom 27.-30.12.2017, die ich als Gesamtzweiter aus allen vier Bewerben beende, habe ich mir nach insgesamt 53 Marathons in 2017 über Silvester die regenerative Pause mit einem Abstecher in meine Haustherme Bad Blumau verdient.

Aber lang halte ich es nicht aus, untätig zu sein – der Neujahrsmarathon in Zürich ist schon vorbei, so bieten sich am Heiligen Dreikönigstag Crevalcore bei Bologna und Kolárovo südlich von Bratislava an, das von Wien aus nur ca. 200 km entfernt ist. Ein kurzes E-Mail an Zoltan Zselyi vom Maraton Klub Kolárovo genügt und ich werde in die Liste der registrierten Teilnehmer aufgenommen.

Bis 1948 hieß die ca. 10.000 Einwohner umfassende Stadt, die zum Verwaltungssprengel von Komárno gehört, Gúta. Heute leben dort mehrheitlich Ungarn, die 80 % von Kolárovo ausmachen – die slowakischen Orte im Umland haben daher auch eine ungarische Bezeichnung.

Letztes Jahr hatte es beim Marathon minus 14 Grad, Schnee und starken Nordostwind – die Bedingungen waren eigentlich extrem schwierig. So habe ich mir eine schwere Erkältung zugezogen und nach dem Marathon gut drei Wochen meine entzündeten Bronchien behandeln müssen. Der Wetterbericht für den 6. Januar 2018 verspricht Plusgrade fast im zweistelligen Bereich.

Tagwache in Wien ist für mich um 6 Uhr, eine halbe Stunde später fahre ich los. Für die 89 km von Bratislava nach Kolárovo benötige ich wegen der vielen Tempobeschränkungen bei der Stadtdurchfahrt und den engen Landstraßen bei schlechter Sicht wegen der tiefstehenden Wintersonne mehr als eine Stunde, sodass ich erst gegen 9 Uhr beim Gemeindeamt (Dom Kultury) in Gúta oder wie die Stadt heute benannt ist – Kolárovo – ankomme.

 

 
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Der Andrang zum Lauf ist heute im Vergleich zu den Jahren davor – zweimal war ich schon hier – so groß wie nie, das schöne Winterwetter ohne Schnee macht Freude auf den ersten Marathon im neuen Jahr. Ich bin registriert, die 10 Euro habe ich rechtzeitig per Banktransfer überwiesen. Die  über den Schulter- und Brustbereich anzulegende Startnummer aus Stoff mit Bändern zum seitlichen Zusammenknoten, die so meine zugeteilte Nummer 29 von vorne und hinten erkennen lässt, hat die Grundfarbe Gelb – die Halbmarathonläufer bekommen eine orange unterlegte. Im Gemeindesaal stehen schon die Pokale für die späteren Sieger und hinter einer Absperrung sind die per Gutscheinbon zu konsumierenden Essenvorräte – Würstchen, Senftuben, Brotwecken, Cola und Bierdosen  – noch in Schachteln verpackt, sichtbar.  

Und alle sind wieder hier – Simon Alexander aus Žilina, slowakischer Rekordsammler mit über 950 Marathons – davon allerdings viele auf seiner Hausstrecke und im kleinsten Kreis durchgeführt,  der blinde Peter Lecký, der von seinem Laufpartner Tomáš Krč geführt wird, Vladimír Kovalčík aus Trenčín, Jahrgang 1951 und pfeilschnell, schließlich auch wieder Eva Seidlová, die heuer 70 wird und leichtfüßig Marathonzeiten sehr knapp um 4 h hinknallt. Man kennt mich mittlerweile auch in der slowakischen Läufercommunity – der heutige Marathon hier wird mein insgesamt 30. Lauf über die 42,195 km in der Slowakei werden. Bei einer sehr entgegenkommenden Öffnungszeit von 6 Stunden – ich denke an Bratislava, wo ich vor zwei Jahren herausgefischt wurde wegen geringfügiger Zeitüberschreitung nach 33 km – kann hier nichts schiefgehen.

Der Start- und Zielbereich ist ca. 100 m vom Gemeindeamt entfernt, nahe dem örtlichen Postamt, das heute an diesem streng kirchlichen Feiertag wie alle Geschäfte in der Slowakei – auch die großen Einkaufszentren – geschlossen ist. Die tiefstehende Sonne erschwert das Fotografieren. Aber die Minusgrade fehlen uns Läufern heute überhaupt nicht, selbst meine drei Lagen hätte ich mir wie die Handschuhe sparen können.

 

 
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Um 10 Uhr wird der Start auf Slowakisch durch Herunterzählen verkündet, ich begebe mich nach ca. 30 Sekunden von der Seite ins davonstürmende Teilnehmerfeld. In einer langgezogenen zweifachen Schleife, die in alle vier Himmelsrichtungen verläuft, von Südost nach Westen, wieder südöstlich und dann nach Norden weiter, geht es im für mich schnellen Tempo unter 6 min/km durch die Stadt. Ich stelle fest, dass ich mich inzwischen ziemlich weit am Ende des Feldes befinde, als ich mich nach gelben Startnummern umsehe. Nur eine Handvoll „langsame“  Marathonis sind noch hinter mir, dafür aber deutlich mehr mit orangen Startnummern.

Die erste Labe befindet sich noch im Stadtgebiet. Ich bin nun schon die längste Zeit einmal vor, dann wieder hinter der Kollegin mit der Nummer 92 gelaufen. Bei einem Trinkstopp an der ersten Labe nach 5 km nicken wir uns zu. Eva ist im nahen Ungarn zu Hause und sagt mir, dass kein Marathon preislich so günstig zu bekommen sei wie eben hier in Kolárovo. Diese Einschätzung mag zutreffen, ist aber für mich kein Motiv teilzunehmen, vielmehr die kurze Anfahrtszeit und der Samstag als Marathontag, der mir einen „freien“ Sonntag ermöglicht.

Wir laufen nun in nordöstliche Richtung stadtauswärts, manchmal kommt ein Auto nach. So schön wie heute war das Wetter hier am Heiligen Dreikönigstag noch nie, daher wird dieser Marathon für mich zum Erlebnis und die Möglichkeit bieten, einen weiten Blick bei Sonnenschein in die Landschaft zu werfen. Wir erreichen die Brücke über den Fluss Waag, der mit ca. 400 km nach Donau und Theiß der längste Fluss des Karpatenbeckens ist und bei Komárno in die Donau mündet. Der Marathonkurs wird nun einige Kilometer in südliche Richtung am Damm entlang führen.

 

 
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Die Nummer 15, ein etwas korpulenter junger Mann, kämpft sich heran, eine junge Läuferin mit Startnummer 30 überholt uns drei, Eva mit 92 ist neben mir. Die Geräusche einer Kutsche mit einem Doppelgespann, die beim Brückenanstieg den Läufern den Vortritt ließ, werden lauter – die fünf Ausflügler lachen laut und glücklich, als die Läuferinnen und Läufer ihnen Vorfahrt gewähren und nach rechts am Dammweg ausweichen, dessen Asphalt durch die Witterung und die Jahreszeiten stark in Mitleidenschaft gezogen und inzwischen brüchig geworden ist. Ich bekomme auf solchen unebenen Stellen Schmerzen im rechten Vorfuß und versuche daher auf der weicheren Grasnarbe zu laufen.

Wir erreichen die 10 km-Labestation, es gibt warmen Tee, Cola, Mineralwasser, auch Schokostücke und Kekse. Eva versucht davonzueilen, ich hole sie wieder ein. Doch ich merke, dass für mich ein reines Sechsertempo heute zu hoch sein wird. Sie meint noch, dass bei der Wende nach ca. 23,5 km der Rückweg wegen des Gefälles, auf dem wir nach Süden laufen, etwas schwieriger werden wird, aber ich würde das schon selbst merken. Inzwischen kommen uns die schnellen Halbmarathonläuferinnen und -läufer entgegen, die irgendwo da vorne umgedreht haben. Die Sonne steht tief, im Gegenlicht sind die Konturen kaum erkennbar.

Während der Kollege mit der Nummer 15 nun beim Wechsel zurückfällt und Eva mir entflieht und dabei ihren Vorsprung ausbaut, nähern sich von hinten zwei weitere Läufer mit gelben Nummern. Jetzt, wo die Orangen schon am Rückweg sind, kommen von hinten kaum mehr Marathonläufer nach. Ich denke, dass es auch dieses Jahr wieder knapp werden wird, den letzten Platz am Ende an andere abzutreten. Mit Tomáš aus Prag komme ich kurz ins Gespräch, er trägt eine Trailausrüstung und hält seine Kräfte kontrolliert zurück. Meine Garmin zeigt 1:35 h nach 15 km an, das passt soweit, die Halbmarathondistanz sollte ich unter 2:20 schaffen. Ich lege zu, Tomáš fällt zurück.

Bestimmte Areale hier im Umland sind Naturschutzgebiet mit Auwäldern, wo viele seltene Vögel nisten und Moraste ein Ökosystem bilden. Das Gemeindewappen, das einer Trauerweide gleichkommt,  geht auf den Maler Árpád Feszty (1856-1914) zurück, das „die Hereinkunft der Ungarn“ darstellen soll. Noch bevor ich die nächste Labestelle erreicht habe, wo auch der Wechsel der Staffelläufer erfolgt ist, kommen mir die superschnellen Marathonis, die nun bereits gut 6 Kilometer vorne liegen, entgegen. Jetzt heißt die Devise, knipsbereit zu sein – wäre da nicht das Gegenlicht …..

Auf den folgenden Kilometern sehe ich fast alle Läuferinnen und Läufer auf mich zukommen, bei ca. 100 Startern sind das an die 90, die vor mir liegen. Beim 20 km-Punkt stürmt Peter Lecký, geführt von Tomáš Krč, heran – wenn die beiden so schnell weiterlaufen, dann ist für sie eine Zeit deutlich unter 4 h möglich.

In mehreren langgezogenen Richtungswechseln führt der ebene Marathonkurs auf einer Asphaltstraße entlang einer kultivierten Agrarlandschaft mit teilweise brach liegenden, umgepflügten Äckern sowie vorbei an Feldern mit aufgegangener Wintersaat. Wenn einer in Form ist, könnte er heute eine gute Laufzeit schaffen – fast 10 Grad Lufttemperatur, trocken, windstill, besser geht es ja gar nicht. Warum ist für mich nicht mehr drin? Weil mein Vorsatz für 2018 erneut nicht lautet, eine schnelle Zeit zu erzielen, sondern die Anzahl der Marathons und die Länderanzahl auszuweiten.

Eva Seidlová kommt mir in einer Kurve entgegen, wir klatschen ab, Alexander Simon folgt dicht hinter ihr. Die Wende bei 23,5 km ist in Sicht, hier wird die Zeit notiert, für mich 2:36 h. An der Labe verweile ich nur kurz, denn ich habe inzwischen doch einigen Rückstand, den ich spätestens bis zur 30 Km-Anzeige wettmachen möchte. Es beflügelt, wenn nun am Rückweg doch einige langsamere Läuferinnen und Läufer nachkommen. Überraschend ist aber, dass der Prager Tomáš, den ich wegen seines Trailrucksacks innerlich belächelt habe, nun zulegt und mich spielend überholt.

 

 
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Wie schwierig war es hier im vorigen Jahr, der Wind war so stark, dass man kaum gehen konnte, geschweige denn laufen. Was das Wetter bei einem Marathon für eine Rolle spielt, werden heute wohl auch die Laufzeiten belegen. Bevor ich das Ortsgebiet von Vrbová nad Váhom sozusagen betrete, knipse ich die verwitterte Abbildung des Wappens, dessen Grün einen neuen Anstrich benötigen würde. An der Labe mische ich Tee, Cola und Wasser – ich habe es eilig, obwohl ich die 30 km-Marke mit 3:25 h erreicht habe.

Nach einer langgezogenen Kurve erblicke ich endlich wieder zwei Läufer in der Ferne vor mir. Der Rückweg geht kerzengerade nach Norden – und man merkt den leichten Anstieg, wie Eva es vorausgesagt hat. Ziel ist nun den 35 km-Punkt knapp über 4 h zu erreichen, Ansporn dafür bietet der vor mir liegende Läufer mit der Nummer 55, den ich knapp davor ein- und überhole. Die beiden voranliegenden dürften noch Reserven haben – zwar verweilen sie bei der letzten Labe vor dem kurzen Anstieg auf den Damm hinauf länger als erwartet, aber ich bin zu diesem Zeitpunkt 800 m entfernt.

Am rechten Anstieg hinauf zur Brücke über die Waag steht die 40 km-Anzeige. Meine Uhr zeigt 4:38 h an, die angestrebte Zeit sub 5 wird sich ausgehen. Im ersten Jahr habe ich mich hier verlaufen und bin eine Straße zu früh abgezweigt – der Verlust von gut 15 Minuten schmerzte. Der Streckenverlauf durch den Ort ist mir nun bekannt, mit 4:55 finishe ich den 8. Kolárovský Marathon. Leider sind die Medaillen wegen der vielen Nachmeldungen ausgegangenen – für das Finisherfoto borge ich mir eine aus, die für die Gruppe mit einem Behinderten im Rollstuhl reserviert wurde.

Nach dem Wechsel des Trikots begebe ich mich in den Saal, wo eine Jause zur Stärkung gegen Vorlage des Bons ausgegeben wird. Es gibt zwei kleine Portionen unterschiedlicher Würstchen, besonders jenes mit Paprikagewürz schmeckt echt delikat. Die Dose Bier nehme ich entgegen, warmer Tee wäre mir aber lieber gewesen. Gewonnen habe ich natürlich keinen Preis, denn gerade in der Slowakei, aber auch in Tschechien, Polen und Ungarn sind fast nur solche am Start eines Marathons, die ungeachtet ihres Alters schnell laufen können. Mit 4:55 bin ich Siebter und Vorletzter der Altersgruppe M61-99 (!) geworden. Der Erste der Seniorengruppe 61+, István Láng, hat den Marathon in 3:46 geschafft – ein Csárdás-Tänzchen mit müden Beinen für den flinken Ungarn!

 

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Anstelle eines langen Fazits fällt mir ein, dass der Marathon in Kolárovo für Läuferinnen und Läufer, die im Umkreis von 200 km wohnen, eigentlich eine Einserbank sein sollte – wenn es ihnen wie mir ums Anschreiben geht. Bei streng winterlichen Verhältnissen mit Kälte und Wind wie bspw. im Jahr davor ist der Lauf durch eine ungeschützte offene Landschaft ohne Baumbestand entlang der Strecke eine echte Herausforderung – ungeachtet des einzigartig günstigen Startgeldes. Als Form der Erinnerung an die Veranstaltung wird eine herzeigbare Medaille an die Finisher ausgegeben, ein Shirt oder dergleichen wird nicht angeboten.

Siegerliste Herren:

1. Tibor Kováč (SVK) –  3:06:26
2. Rudolf Čumpelik (SVK) – 3:10:03
3. Zoltán Engelbvecht (HUN) – 3:16:25

Damenreihung:

1. Boglárka Vágó (HUN) – 3:09:36
2. Zsuzsanna Maráz (HUN) – 3:17:24
3. Renáta Pidl  (HUN) – 3:33:42

103 Finisher (83 Männer, 20 Frauen), zudem acht Viererstaffeln beim Marathon; 201 Finisher beim Halben (158 Männer, 43 Frauen)

 


 

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