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Záhorácky-Maratón –am bisher heißesten Tag des Jahres

 

Marathonsammler kommen öfters in die Situation, ihre sportlichen Ambitionen zurücknehmen zu müssen, wenn familiäre oder berufliche Verpflichtungen sie zusätzlich beanspruchen. Daher kommen Events wie der 27. Zahoracky-Marathon in der westslowakischen Stadt Senica am 13. Juni wie gerufen, zu dem man von Wien aus nach dem Frühstück 120 km hinfährt und am Nachmittag wieder die Heimreise antreten kann.

Ich bin dort bereits 2013 zum 25. Jubiläum gelaufen und vor zwei Jahren noch am frühen Abend mit dem schicken Baumwollshirt in Gelb im Strandbad Gänsehäufl an der Alten Donau in Wien aufgekreuzt und habe ein Bad im doppelten Sinne genommen – in der Menge und im Wasser. Werner Kroer, mit dem ich diesmal gemeinsam im Auto nach Senica fahre, absolvierte den Marathon letztes Jahr. Beide sind wir der Meinung, dass die Veranstalter gute Arbeit leisten, aber der für den Verkehr nicht gesperrte Marathonkurs von Senica nach Šaštín Stráže und zurück eine gewisse Entschärfung vertragen könnte.

Die PKW-Anreise durch das niederösterreichische Marchfeld zum Grenzort Hohenau verläuft fast so schnell wie im Flug. Werner erzählt mir von seinem Vorhaben, heuer wieder die vom Club Supermarathon Italia um Paolo Gino veranstaltete 10in10-Marathonserie am Lago d’Orta ab dem 31. Juli in Angriff zu nehmen. Voriges Jahr wurde er Gesamtzweiter mit einer Durchschnitts-Finisherzeit von knapp über  4:30 Stunden pro Marathon.  

 
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Wir erreichen die westslowakische Stadt Senica mit rund 20.000 Einwohnern gegen 9 Uhr. Laut Ankündigung auf der homepage sollen die Startnummern wieder beim Fußballstadion ausgegeben werden. Doch weit und breit ist keine Ausgabestelle oder ein Start- und Zielbogen wie in den beiden Jahren zuvor zu sehen. Wir treffen auf einige slowakische Läufer, die zunächst ebenfalls nicht weiterwissen. Doch sie fragen sich durch, erfahren den neuen Startort  und bieten uns an, hinter ihrem Auto nachzufahren.  Nach  ca. 1 km erreichen wir die Sportova Hala, wo vor dem Eingang unter einer  Überdachung die  Nummern ausgegeben werden und sich auch schon eine kleine Warteschlange gebildet hat.

Neben dem Marathon steht  auch ein Halbmarathon auf dem Programm, der in Šaštín Stráže endet, während die Marathonis die Strecke nochmals zurücklaufen müssen. Für eine Startgebühr von 7 Euro erhalten die Läufer neben dem kompletten Service, den man sich bei einem Marathon erwartet wie z.B. eine  ausreichende Versorgung bei den Labestellen, ärztliche Betreuung im Notfall, Zeitnehmung mit Ergebnisliste, Duschen und Zielverpflegung, sowie in der Regel auch eine Medaille und Preise für die Sieger auch heuer wieder ein schickes Baumwollshirt in der Farbe ocker mit weißer Aufschrift.

Wir bekommen die Startnummern 44 und 45 und lassen uns kurz vor dem Start fotografieren. In der Slowakei bin ich bisher schon ein Dutzendmal einen Marathon  gelaufen, daher kenne ich etliche Kollegen vom Sehen und kurzen Gesprächen. Dazu zählen etwa der blinde Läufer Peter Lecky mit der Nr. 43, der mit seinem Partner Michal Jakubec  (Startnummer 79) ein Duo bildet, Eva Seidlova (Jahrgang 1948), die hervorragende Laufzeiten auch unter 4 Stunden schafft und der unverwüstliche Viliam Novak (Jahrgang 1942) aus Bratislava, der heute nur den Halbmarathon laufen wird, wie er mir sagt, weil er in diesem Jahr schon vier oder fünf Marathons in den Beinen  hat. Viliam ist einen Kopf kleiner als ich – das sieht man am Foto – aber noch immer um mindestens eine halbe Stunde schneller als ich bei einem Marathon.

Werner bringt es auf den Punkt: Das wird heute ein Hitzemarathon, Wien ist derzeit der Hitzepol Europas, im benachbarten Osten ist es nicht minder heiß.  Zwar ist die Startzeit für 10 Uhr vorgesehen, doch wegen einiger Ansprachen und einer musikalischen Darbietung mit Kindern verschiebt  sich der Marathonbeginn auf 10 Uhr 15.

Ich laufe heute in luftigem Outfit, mit einer Asics-Short vom 40.New York City Marathon 2009, einem Singlet, das mir Bob Fickel als Präsident des 100 MC Australia anlässlich des von ihm und seinem Team für den 100 MC Austria veranstalteten „The Anton Dolls Point Marathon NSW“  am 2. März 2014  in den suburbs von Sydney  geschenkt hat – das Foto von der After-Run-Party wird  seither als Hintergrundbild auf der offiziellen homepage des 100 MC Australia verwendet , darüber freut man sich schon.

 
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Nur was hilft das luftigste Outfit, wenn man bei Hitze wie ich sein Leistungspotenzial um zumindest 20% zurückschrauben muss. Ich stelle mich darauf ein und nehme am Schluss des Feldes das Rennen auf.  Werner steht ziemlich weit vorne, er wird mir auf der Halbdistanz  ca. 2 km abnehmen, also wohl eine Viertelstunde schneller sein.

Gleich am Anfang  bemerke ich, dass die Strecke schon auf dem ersten Kilometer auf einer Nebenfahrbahn verläuft, 2013 sind wir rasch auf die Hviezdoslavova, eine Durchzugsstraße mit ansonsten viel Verkehr, abgebogen.  Beim Start ist jedoch der Kurs für den Verkehr komplett gesperrt, sodass auf den ersten gut 3 km bis zu einem Übergang über die Bahngleise, wo der Kurs nach Süden abbiegt, keine Autos die Läufer von vorne oder hinten beeinträchtigen.

Man hat die Marathonstrecke offenbar völlig neu konzipiert, zum Vorteil der  Läufer muss man sagen, denn die asphaltierte Zubringerstraße auch für landwirtschaftliche Fuhren entlang von Wiesen und Ackerland hat einen gewissen Reiz, was die Landschaft betrifft. Radfahrer begleiten uns, vermutlich sind es Freunde und Bekannte einzelner Läufer, die auf diese Weise unterstützend wirken.

Knapp vor Km 5 ist die erste Labe aufgebaut. Es gibt alles, was man von herkömmlichen Marathons gewohnt ist, aber in den kommenden Stunden bei zu erwartenden Temperaturen um 32 Grad wird der Erfrischungseffekt bei den Getränken ohne Kühlung ausbleiben.

Ich laufe auf die Nr. 12 auf, wir kommen ins Gespräch. Er heißt Julius und spricht ein wenig Deutsch. Den Vienna City Marathon sei er schon mehrmals gelaufen, die Prater Allee gefalle ihm besonders gut. Ich hätte den Julius für Mitte 50 gehalten, nach dem Lauf sollte ich vom Werner erfahren, dass ihn ein „älterer“ Kollege (Jahrgang 1946) noch knapp vor dem Ziel überholt habe.

Wir kommen beim Golfclub Senica vorbei, die Marathonroute zweigt bald darauf nach Südwesten ab und führt entlang eines Föhrenwaldes weiter. Zur Linken  befindet sich ein  Maschenzaun, der das weite Areal des Goldclubs vor Zutritten ungebetener Gäste schützt.

 
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Auf einem Aufwärtspassage lasse ich Julius ziehen, er dreht sich noch um und winkt. Eine Halbmarathonläuferin mit auffallend blauem Shirt, die von einem Mann auf einem Rad begleitet wird, ist mein Beutestück. Ich schnappe sie mir bei der  zweiten Labe kurz vor Km 10.

Ein anderer Halbmarathonläufer  drängt von hinten nach, der Mann sieht aus wie Ende50, wirkt durchtrainiert und verkörpert den Typ Läufer, wie er einst im ehemaligen Ostblock existierte und der uns in den 1970er-Jahren oft nur via TV bei großen Sportevents nähergebracht wurde – ältere Leser werden sich an Oleg Blochin erinnern, dem pfeilschnellen Stürmer der russischen Nationalmannschaft, der die 100m in weniger als 11 Sekunden lief. Männer wie dieser Läufer haben sich zeitlebens dem Sport gewidmet, Muskulatur, Auftreten und das Erscheinungsbild geben Zeugnis.  Leider kommen wir nicht ins Gespräch, er redet nur Slowakisch. Er will mich überholen, ich lasse ihn ziehen, schließlich muss ich meine Kräfte für die doppelte Distanz einteilen.

Noch schützt der Wald uns vor der heißen Sonne, die Föhren links und rechts der mit tiefen Löchern im Asphalt übersäten Rennstrecke bieten Schatten. Meine GPS-Uhr zeigt 1:30 für 13,6 km, das passt soweit – doch wenn wir erst einmal auf die Freilandstraße kommen werden, muss ich meinen 6:20er-Schnitt bestätigen.

Knapp bevor die Waldstrecke endet und in das Ortsgebiet von Borsky Mikulas einmündet, hole ich den Mann mit der Nummer 232 wieder ein –sein Tempo war doch etwas zu hoch, auch ist jetzt die Hitze deutlich mehr  zu spüren. Er wird die folgenden 6 km bis nach Šaštín Stráže durchhalten.

Ich bleibe bei der Labe im Ort stehen, mische mir ein Iso mit einem Schluck Cola und Wasser. Auch Orangenscheiben gibt es, wegen der Sonneneinstrahlung auf und der Stauhitze unter dem Schirm sind diese schon etwas ausgetrocknet.

Ich trabe weiter, jetzt beginnt der schwierige Teil des Marathons. Es ist wegen der Viertelestunde  Startverzögerung bereits 12 Uhr mittags, die Strecke liegt völlig in der Sonne. Ich blicke zurück, kein Nachzügler ist zu sehen, doch als ich stadtauswärts trabe, kommen mir die schnellen Läufer schon entgegen, sie sind auf dem Rückweg und haben die Halbdistanz in ca. 1:30 geschafft. Nun bietet sich für mich als under-cover-M4Y-Reporter die Gelegenheit, diese von vorne und im vollen Lauf zu knipsen. Wegen der verzögerten Scharfeinstellung meiner einfachen Digicam ist es wichtig, den Abstand zum Läufer richtig zu wählen, ist dieser nämlich schon zu nahe, geht sich ein zweites Foto nicht mehr aus.

 
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Die Läufer, die mir entgegenkommen, sind alle in bester körperlicher Verfassung. Kein einziger wirkt nach ca. 25 km abgekämpft, hat einen roten Kopf oder schwitzt sichtbar. Man kann davon ausgehen, dass Läufer auf so einem Niveau auch ordentlich trainieren.

Auch frage ich mich bei der Gelegenheit wieder einmal, wo die sportliche Leistung beginnt und wo sie endet. Ist Dabeisein wirklich alles? Ist man ein Marathonläufer, wenn man innerhalb der Öffnungszeit durchgekommen ist? Oder sollte man sich ordentlich vorbereiten und auf die Finisherzeit Bedacht nehmen? Viele Sammler wollen halt nur anschreiben, die Zeit ist untergeordnet.  Vielleicht entsteht einmal ein Diskussionsforum auf M4Y, in dem dieses Thema behandelt wird.

Als ich das Ortsgebiet von Šaštín Stráže, eine kleine Stadt mit ca. 5000 Einwohnern, erreiche, kommt mir u.a. auch Michal Jakubec mit dem blinden Peter Lecky am Band entgegen. Die beiden haben schon zahlreiche Marathons in der Slowakei und Tschechien gemeinsam erfolgreich bestritten. Eva Seidlova mit der Nr. 29 links und rechts von einem Läufer eskortiert, taucht auf – sie wirkt mit 67 unglaublich jung, so fit und frisch, dass einem der Neid packt.

Bis ins Stadion zur Halbdistanz sind es nach der Labe noch gut einen Kilometer. Endlich sehe ich auch Werner mit der Nr. 45, der, wie am Anfang richtig eingeschätzt, ca. 2 km vor mir liegt, die sich aber bis ins Ziel wohl verdoppeln werden.

Bei meinem Antritt hier im Jahre 2013 sind wir nicht ins Fußballstadion eingelaufen, sondern die Wende war unweit der Kirche. Dieses Mal geht es nach der Runde im Stadion in einer Schleife zurück, genau auf der gleichen Route sind nochmals  21,1 km zu bewältigen.

 
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Unter den vielen weißen Startnummern mit schwarzer Aufschrift, die die Halbmarathon-Finisher wohl symbolisch auf den Rasen gelegt haben, befinden sich auch drei mit rotem Hintergrund, was bedeutet, dass drei Marathonläufer das Rennen aufgegeben haben – ob sie für die Halbdistanz gewertet werden, wird die Ergebnisliste zeigen.

Es geht nun für mich zurück, bei der Labe im Ort kommt mir die scheinbar letzte Halbmarathonläuferin mit der Nr. 288 entgegen, die nach wie vor von einem Mann auf dem Rad begleitet wird. Und auch ein weiterer Marathonläufer liegt offenbar hinter mir, den –  wie die Kollegin davor – ich aber nicht mehr knipse, um den abwertenden Eindruck zu vermeiden, ich will die Nachzügler ins Bild bekommen.

Es ist sehr heiß, die Hitze macht mir zu schaffen, die 25km-Marke erreiche ich nach 3:40 Stunden. Aber jetzt wird es ernst – hinter mir höre ich ein Auto, es ist das Schlussfahrzeug, der gefürchtete Besenwagen. Vor mir sehe ich einen Läufer, der vielleicht vierhundert Meter entfernt ist. Diesem muss ich mir schnappen, damit ich das Begleitauto loswerde. Ich kann zum Kollegen mit der Nr. 42 aufschließen und ihn bei der Labe in Borsky Mikulas überholen. Jetzt kommt die erhoffte schattige Etappe durch den Wald. Doch Irrtum, die Sonne steht senkrecht über der Straße, deren Asphalt infolge der Hitze teilweise aufgeweicht ist und so der Teer auf den Sohlen kleben bleibt. 

Vor mir liegt ein weiterer Marathonläufer, er versucht durch kurze Sprints zu entwischen. Aber auch diesen mit der Startnummer 24 hole ich noch ein. Er, geschätzte Ende Sechzig,  wirkt trotz der Hitze  fit und nicht geschlaucht. Er spricht leider kein Wort mit mir, als ich ihn auf Englisch und Deutsch anrede.

Es geht gut 5 km durch das Waldgebiet, aber die Föhren werfen keine Schatten, die Sonne brennt gegen 14 Uhr 30 vom Himmel. Die Golfer im eingezäunten Areal sind voll im Einsatz, mit ihrer Kleidung wirken sie „very stylish“, die Golfkappen machen sie hitzeresistent. Normal freue ich mich, wenn 35 km erreicht sind, weil ich dann im Kopf jeden Kilometer abhacke. Heute dauert jeder Kilometer zu lange. Längst marschiere ich – das Schlussfahrzeug sehe und höre ich nicht mehr. Von anderen Marathonläufen weiß man, dass, solange die Nachhut begleitet wird, der Marathon offiziell im Gange ist.

Bei der Labe knapp vor km 40 deutet man mir an, dass es nicht mehr weit bis ins Ziel sei. Beim Bahnübergang am Ortsbeginn von Senica weist mir ein Ordner den Weg auf die langgezogene Gerade. Ich marschiere mit auf der GPS-Uhr angezeigten 8 min/km, schneller ginge es auch beim Laufen nicht mehr. Ich erreiche das Ziel  mit großer Verspätung – aber  geschafft.

Zuerst dusche ich mich in der Sporthalle, dann löse ich den Bon für ein Bier und eine  Frankfurter in der Kantine ein. Werner gesellt sich zu mir, auch  er hat den 27. Senica-Marathon  mit 5:04 wie erwartet eine halbe Stunde vor mir gefinisht.

Mein Fazit: der neue  Kurs ist attraktiv, würde man statt um 10 Uhr eine Stunde früher beginnen, könnte das Waldstück nahe dem Golfplatz von Senica bis nach Borsky Mikulas reichend, länger für Schatten sorgen. Das Engagement der Organisatoren um Erika Mášiková und Marian Konecny  sowie der vorbildliche Einsatz der vielen ehrenamtlichen Helfer bei der Startnummernausgabe und im Zielbereich, auf der Stecke und an den Labestellen ist sehr positiv hervorzuheben.

Leider gibt es keine Medaille für die Finisher, dafür aber Preise für die Gewinner. Die Ergebnisse hat man bereits wenige Stunden nach dem Rennen auf die Veranstalter-homepage gestellt. 

 

Sieger bei den Männern:

1.Tomáš Kopčík (SK): 2:46:55
2. Miroslav Ilavský (SK): 2:52:58
3. Ján Moravec (SK): 2:58:22


Nur eine Frau in der Wertung:

1.Eva Seidlová (SK): 4:24:37

34 Finisher beim Marathon,116 beim Halbmarathon
 

 


 

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