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Laufberichte

Westerwaldlauf: Erbsensuppe, Bockwurst und Bier

02.06.11
Autor: Joe Kelbel

Kurz vor Mitternacht, bunte Blitze durchzucken die schweissgetränkte Luft. Mein Hemd ist zerrissen, das Bier verschüttet. Um mich rum sind tausend ausgeflippte Wahnsinnige, die ihre  Köpfe schütteln und Luftgitarre spielen. Rengsdorf brodelt, und ich blute schon aus der Nase, als Uriah Heep „Lady in Black“ spielen. Es war das Jahr 2002, und wie jedes Jahr werden Ende Juli wieder die Bäume des Waldfestplatzes entsetzt ihre  Blätter abwerfen, wenn Rengsdorf rockt und der Joe die Windmühle macht.

Wer jetzt nicht weiss, wo Rengsdorf liegt, der hört den falschen Sender oder sollte einfach nur die Autobahnabfahrt Rengsdorf an der A3 nehmen.

Der Läufer, der am Vatertag sein eigenes Bier durch die Gegend schleppt, der hat meinen Bericht von 2009 nicht gelesen. Pech gehabt. Ich lege um 7:45 meine 10 Flocken auf den Tisch im Freibad Rengsdorf und bekomme für die nächsten Stunden Erbsensuppe, Bockwurst und Bier so viel ich will, natürlich kühles Bier. „Läufergerechte Nahrung“ gibt es auch, aber ich sehe das anders, möchte auch nicht diskutieren,  schließlich ist Vatertag. Und ein Bad in dem weichen, von eigener Quelle gespeisten Wasser des Freibades nach einem kleinen Lauf von 50 Kilometer mit  900 HM in schönster Natur ist auch noch dabei. Jedes Jahr gibt es eine andere Strecke, und das seit 40 Jahren, diesmal geht es hinab zum Rheinsteig, ich bin gespannt.

150 Läufer, alles bekannte Patienten, alle normal, bis auf Di-Di-Dieter. Er war der Erste, den ich gesehen habe und er hätte beinahe meine sexuelle Orientierung geändert, da sehe ich zu meiner Rettung den  „alten Kanzler“ Helmut Kohl, (ja, so heisst er  wirklich) mit seinem normalen Bierbauch, und der Vatertag ist wieder gerettet.

 
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Nun sind soviele Läufer angetreten, dass die Starterkarten ausgehen. Hier aber kein Problem, hier wird alles locker gemeistert. Sabine beispielsweise hat zumindest die  Socken vergessen anzuziehen. Dachte wohl, hier sei noch ne Marathonmesse. Angelika, von der Orga löst das Problem pragmatisch und zieht einfach ihre eigenen Socken aus und Sabine bekommt ein neues Laufgefühl.

Gitta gibt wie jedes Jahr eine kurze Einweisung und pünklich um 8 Uhr geht es los. Ingo ist zu spät, blockiert mit seiner Karosse das Läuferfeld. Kein Problem im Westerwald- hier ist alles pragmatisch, selbst die Zeitmessung, denn dafür ist jeder selbst verantwortlich. Die 10 Flocken Startgeld verwendet die Orga lieber für Bier anstatt für ne Zeitmatte. An den Verpflegungsstationen macht man sich einen Stempel auf die Starterkarte, als Beweis, dass man die Strecke auch gelaufen ist. Startnummern werden hier nicht überbewertet.

Gleich geht es wunderbar hinab auf den Rheinsteig. Wunderschönes Laufen im grünen Dschungel.  Am Römerturm des Limes vorbei, aufwärts, abwärts, aufwärts, abwärts, bis der Rhein zu sehen ist. Es ist Vatertag, hier geht es nicht um Bestzeiten sondern um Spass am Laufen, an der Natur und am Leben.

 
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Und so machen wir, die Laufgemeinschaft unsere Spässchen, quatschen und laufen mal schneller, mal langsamer. Am Zoo Neuwied gibts eine Fotopause und ich erwische einige „Lahmas“ die auf allen Vieren den Eingang blockieren.
Mit Raubtierhaus, Seehundanlage, Vogelvolieren, Menschenaffenanlange und der größten Känguru-Herde außerhalb Australiens lockt der Zoo Neuwied. So wurde hier an einem Tag zehn Gepardenbabies geboren – Rekord in Deutschland! Zurückgeführt wird dies u.a. auf die Fütterungsanlage, bei der die Geparden sich ihr Futter bei Tempo 50km/h von einer Seilbahn erjagen müssen. So schnell sind wir heute nicht, ist ja auch Vatertag.

Orte wie Großmanscheid sind leergefegt, vereinzelt werkeln ein paar Einwohner in ihren wunderschönen Gärten. An zahlreichen Fischteichen versuchen sich Kleinstangler und ich frage mich, ob das auch Sport sei. Aber diese wunderbare, verwunschene, grüne Gegend ist fantastisch. Ohne diesen Lauf wäre ich hie nie vorbeigekommen.

 
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Für uns geht es um das freundliche, lockere Laufen. Erwähnenswert ist dieses entspannte Zusammenleben von Läufern und Wanderern. Früher oder später werde auch ich bei den Wanderern landen, und dann weiss ich, wo ich gut aufgehoben bin. Jürgen zum Beispiel hat jahrelang seinen Vatertag faul im Freibad Rengsdorf verbracht. Letztes Jahr hat er sich entschlossen 34 km mitzuwandern um dann anschliessend einen freien Eintritt ins Bad zu bekommen. So stand er heute Morgen um 5 Uhr am Start und kommt zusammen mit uns Läufern ins Ziel. Ja, wer möchte, der kann auch auf dem Parkplatz übernachten, schließlich sind die Sanitäranlagen des Schwimmbades schon ab 4:30 geöffnet. Genialer gehts wohl nicht!

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Naja, es gibt noch ein Highlight, und das nutze ich ausgiebig, denn die Verpflegung ist in den 10 Euro Startgeld für die Läufer  enthalten. Wer braucht schon Gels und Müsliriegel, wenn es do viel Bockwurst gibt, dass mich die Wanderer fragen, ob der Senf in meinem Gesicht von der Banane stammt. Und oben am Limes genehmige ich mir ne dicke Erbsensuppe mit Speck und noch ein paar ideal-isotonische Getränke. Wer braucht schon einen Bollerwagen?

Nungut. Die Strecke hatte es dieses Jahr wirklich in sich, und 50 km bleiben 50 km. Aber im Schwimmbad gibt es ja noch Zielverpflegung hahha. Und ein Bad im wunderbarsten Wasser Deutschlands. Und die zusätzliche Freikarte fürs Schwimmbad, die ein Jahr gültig ist, bekommt Sabine nicht! Ätsch! Sie hat ja schon die Socken von Angelika.

 

 


 

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