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Ostrava Marathon: Kontrastprogramm

 

Im äußersten Nordosten der Tschechischen Republik liegt Mährisch Ostrava, noch nicht Slowakei und fast schon Polen an der Grenze von Schlesien und Mähren. Ostrau hat 296.000 Einwohner, ist die drittgrößte Stadt Tschechiens und angeblich eine der schmutzigsten in der ganzen EU. Vielleicht war sie früher schmutzig. Dieses Wochenende haben wir tatsächlich eine ausgesprochen saubere Stadt erlebt. Ostrau gilt als Zentrum der Schwerindustrie, dennoch keine Spur von Smog.

Warum Ostrau? Zum einen, weil Margot da familiäre Bande hat, zum anderen, weil ich dieses Eck überhaupt nicht kenne. Einen Marathon zu laufen ist eine gute Gelegenheit, eine Stadt kennen zu lernen. Viele schöne Jugendstilhäuser sind zu sehen. Das ehemalige Café Habsburg ist heute die Buchhandlung Academia. Freitag am Abend regnet es, Samstag früh regnet es, Novemberwetter. Die Startunterlagen, zusammen mit einem schönen, grünen Funktionsshirt, bekommt man bei Start und Ziel am Masaryk-Platz in der Altstadt. Jan Masaryk, tschechischer Diplomat und Außenminister der Tschechoslowakei bis 1948. Kaum ein Ort in Tschechien, der keinen Masarykovo náměstí hat. Schließlich war sein Vater Thomas Masaryk nach dem Zusammenbruch von Österreich-Ungarn 1918 erster Präsident der Tschechoslowakei.  

 
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Vormittags hört es auf zu regnen, angenehme Lauf-Temperaturen zeichnen sich ab. Kurz vor 12 Uhr startet ein Tretroller-Rennen über 10,55km. Kick-Biker, sagt man heutzutage dazu, habe ich mir sagen lassen. 41 Leute umfasst das Starterfeld. Die Marathonis haben diese 10,55km lange Strecke vier Mal zu durchlaufen.

Um 12 Uhr mittags Startschuss zum 53. Ostrau-Marathon, dem ältesten seiner Art in der Tschechischen Republik. Der diesjährige Halbmarathon, der zeitgleich gestartet wird, ist die offizielle Meisterschaft von Mähren und Schlesien, ein Staffellauf ist auch am Programm. Die Mariensäule aus 1702 steht renoviert wieder an ihrem Platz, nachdem sie von 1960 – 1992 weggeräumt worden war.

650 LäuferInnen setzen sich in Bewegung, darunter eine dreiköpfige Abordnung vom LC Linz: Gert, Gerald und Margot. Marc, das jüngste Klubmitglied ist zum Anfeuern mitgekommen. Schon nach wenigen hundert Metern überqueren wir auf der Miloš Sýkora–Brücke die Ostrawitza und sind nun im schlesischen Stadtteil. Rechts oben ist das Rathaus des schlesischen Teils zu sehen. Geradeaus vor uns auf einem Denkmal ein sowjetischer Panzer. Der erste davon ist am 30. April 1945 über die Brücke gerollt, die daran befestigten Sprengladungen hatte zuvor Miloš Sýkora entfernt.

 
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Wir biegen links auf eine 4-spurige Straße. Zwei Spuren für uns Läufer, die andern beiden für den Straßenverkehr. Leicht ansteigend verläuft die frisch asphaltierte Bohumínská. Bohumín, Grenzort zu Polen, 10km entfernt. Wir kommen an der Rückseite des neuen Rathauses vorbei. Das neue Rathaus ist riesengroß, erbaut 1925–1930, der Rathausturm ist 85,6 m hoch und einer der höchsten Rathaustürme überhaupt. Der Turm ist daher weithin sichtbar. Links von uns die Ostrawitza, das Zuseherinteresse ist äußerst spärlich.

Km-Markierungen kann ich keine erkennen. Gut, dass der Verkehr neben uns nicht allzu stark ist. Ab 15 Uhr fallen hoffentlich die LKWs wegen des Wochenendfahrverbotes weg. 15min nach dem Start biege ich links in eine kurze Straße ein, nun rumpeliger Asphalt und renovierungsbedürftige Häuser. Nach 100m abermals links auf die breite Muglinovská, es geht stadteinwärts. Mit rot-weißen Baken ist für uns Läufer eine Spur reserviert. Wieder leicht ansteigend, so richtig eben verläuft die Strecke selten. Nach 500m geht es wieder über die Ostrawitza, die hier nur mehr drei km von ihrer Mündung in die Oder entfernt ist.
Die StaffelläuferInnen biegen hier links ab und laufen flussaufwärts Richtung Altstadt, deren Runde ist nur 5,3km lang. Vier bis acht Teilnehmer darf eine Staffel haben, jedenfalls muss jede Staffel 8 Runden laufen.

 
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Wir anderen laufen ein weites U, an Wohnhäusern vorbei. Eine große Pfütze in der Ideallinie kostet uns ein paar Meter extra. Auf der Mariánskohorská kommen wir wieder raus und hier sehe ich die einzige Markierung: In weißer Farbe ist die Zahl 5 auf die Straße gepinselt. Also fast die Hälfte der ersten Runde haben wir hinter uns. Wenig später dann die einzige Labestelle außer jener bei Start und Ziel. Sie wird von jungen Damen betreut, vor allem gibt es Rajec-Mineralwasser in Flaschen und ein bisschen gefärbtes Wasser. 4 Stück Bananen, 10 Rosinen und ein Tellerchen Salz, so in etwa schaut die Versorgung aus. Das ist jetzt etwas übertrieben ausgedrückt, aber abgesehen von genug Wasser ist die Labestelle sehr dürftig ausgestattet. Immerhin sollen in den nächsten Stunden 400 Halbmarathonis 2x und 200 Marathonis 4x vorbei kommen.

Weiter an Ruinen vorbei, unter der Eisenbahn durch die ersten sofort erkennbaren Höhenmeter. Links weiter folgen wir den Schienen, ein paar kleine Kinder sehen uns zu. Wenig später die nächsten Höhenmeter, rauf auf einen nagelneuen Kreisverkehr, drüben runter auf die neue Stadtautobahn. Auf der laufen wir nun eine Weile, unter der Českrobratrská durch, bis zur Ausfahrt 28. října (28. Okt. 1918, Gründung der Tschechoslowakei). Es geht ganz schön steil rauf da, ich liefere mir ein Rennen mit einem Autotransporter, der auf der Innenspur unmittelbar neben mir fährt. Er gewinnt knapp.

Oben angekommen, sehe ich links unter mir die Läufer die schon ein Stück weiter sind als ich. Ich laufe runter, einmal links, zweimal links, in der Švabinského lauern uns Fotografen auf, dreimal links und ich bin unter der Brücke von vorhin. Links vor mir ein hypermodernes Einkaufszentrum, das gut angenommen wird, wie mir der Verkehrsstau zeigt. Die Leute auf Shopping-Tour haben wegen des Marathons nur eine Spur zur Verfügung. Die meisten wissen wahrscheinlich gar nicht, was hier los ist. In der ganzen Stadt haben wir nicht ein Plakat gesehen, das auf den Marathon hinweisen würde. Lediglich bei zwei Bushaltestellen war je ein DIN-A4-Zettel in Folie angebracht, dass der Bus hier am Samstag nicht zu normalen Zeiten fahren würde.

Rechts, jenseits der Schienen, der Bahnhof Ostrava-střed (Ostrau-Zentrum). In dessen Hintergrund sehe ich nun erstmals die Hochöfen der hiesigen Stahlwerke. Ich bin selber ein Stahlstadtkind und erkenne Hochöfen von weitem. Eine einsame Zuseherin feuert mich an, ich bedanke mich. Links beim neuen Einkaufszentrum ist Kindernachmittag oder so, Musik und Spiele, sogar ein echter Hubschrauber ist da. Wir laufen vorbei an zwei riesigen Hallen aus Backsteinen, Stahl und Glas. Alt, jedoch frisch renoviert, sehr schick, da drinnen dürften Feuerwehrautos abgestellt sein, jedenfalls kann man die Farbe signalroter Fahrzeuge durch die Milchglasscheiben schimmern sehen.

Die nächsten Höhenmeter führen uns rauf auf den Damm. Oben biegen wir links ab und laufen ans Ufer der Ostrawitza runter, unter einer Betonbrücke durch. Unübersehbar streben Stalaktiten aus weißem Kalk tropfend nach unten. Bald ist die erste Runde geschafft, wir müssen noch rauf auf Straßenniveau. Als wir links Richtung Altstadt einbiegen, kommen von rechts die Staffelläufer daher, die Route über den Masaryk-Platz ist für alle dieselbe.

Margots Mutter samt Verwandtschaft feuert mich an, als ich auf dem Platz einlaufe. Vor mir nun das alte Rathaus aus 1539, jetzt Stadtmuseum. In wenigen Stunden werden Evi und ich im ehemaligen Ratskeller ganz ausgezeichnet zu Abend essen. Nun geht es rund um den Platz, eine bescheidene Labestelle, hier sind endlich Zuseher und Anfeuerungsrufe. Evi wartet auf mich am Ende der ersten Runde, für die ich eine Stunde brauche. Trotz der vielen Fotos unterwegs, ich bin hoch zufrieden. Ich übergebe Evi den Fotoapparat, denn die Strecke habe ich im Kasten. Ich laufe weiter über das Straßenpflaster auf die Miloš Sýkora–Brücke, dann links weg in die frisch asphaltierte Bohumínská.

Der Rest geht analog. Na ja, nicht ganz. Das Feld ist nun auseinander gezogen. Man weiß nie, ab man sich mit einem Marathoni misst oder mit jemandem, der schon im Schlussabschnitt seines Bewerbes ist. Die StaffelläuferInnen fallen auf, die sind erkennbar frischer. Aus dem Kamin von Hausnummer 119 qualmt es und es stinkt erbärmlich. Verbrennt da jemand seine Schuhe? Nur kurz bleibt mir die Luft weg. Um 13h25 kommt sogar kurz die Sonne raus. Der kühlende Wind aber bleibt. Würde ich mir ein Laufwetter wünschen, das wäre es. Es ist perfekt für mich.

Nach etwa 16km wieder diese Labe, Zeit für mein peeroton-Gel, Wasser zum Runterspülen gibt es genug. Zwei km später überholt mich der spätere Sieger. Mit mehreren Minuten Vorsprung vor seinen Verfolgern läuft er alleine dem Motorrad hinterher.

 
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Zum zweiten Mal der große Anstieg „Ausfahrt 28. října“, ich habe mich mental darauf vorbereitet und laufe zügig hoch. Damit mache ich einige Plätze gut. Es sei denn, das waren alles Halb-Marathonis, dann hat es zumindest Spass gemacht. Die einsame Zuseherin von vorhin ist wieder da und feuert mich erneut an. Ein Krückenläufer, Zbygněv Štefaňak (POL), müht sich ab, wobei er gar nicht läuft. Er setzt die Beine auf den Boden, schwingt die Krücken nach vor und holt den Körper nach. Den gesamten Vortrieb macht er somit mit den Armen.

Als ich kurz vor Ende der zweiten Runde bin ist Gerald mit seinem Halbmarathon bereits fertig und feuert mich an. 122min bei Halbmarathon für mich. Zuversichtlich gehe ich in die dritte Runde, die Strecke ist nun wie ausgestorben, man kennt das ja. So spult man die km runter, nach und nach leere ich meine Flasche, um sie bei der nächsten Labe aufzufüllen. Bei der Labe, das ist nun  etwa km26, reagiert man verständnislos, als ich nach Iso frage. Isostar, Gatorade, Powerade, egal wie es heißt, ich brauche etwas mit Gehalt. Pech, zu trinken gibt es nur Wasser, das dafür in rauen Mengen. Ungestärkt stapfe ich weiter, schon ein bisschen missmutig. Die haben mir die ganze Freude verdorben. Wenigstens bereitet ein paar kleinen Kindern das Abklatschen Vergnügen.

Die „Ausfahrt 28. října“ geht nun bedeutend zäher, ich brauche unbedingt guten Stoff vor Beginn der vierten Runde. Wieder am Masarykovo náměstí angelangt, kratze ich bei der dortigen Labe alles zusammen, was bunt und flüssig ist und fülle meine Flasche auf. Schokolinsen gibt es, etwas Banane, mit Čaj gestärkt mache ich mich auf die letzte Runde, nun bei Sonnenschein, kaum mehr eine Wolke am Himmel. Kaum mehr Straßenverkehr und keine LKWs mehr auf der Gegengeraden, ruhig ist es geworden.

Ab und zu flitzt ein Staffelläufer vorbei. Ich verabschiede mich bei jedem Streckenposten, an dem ich vorbei komme. Die große Pfütze auf der Ideallinie beim Penny-Markt, nun etwa km36, ist kleiner geworden, der Umweg somit auch. Einen km weiter beschäftigen sich acht Polizisten mit drei Männern, das scheint eine ernsthafte Diskussion zu sein. Bei der letzten Labe strecke ich mein Getränk mit Wasser, sodass ich für den Schlussteil noch etwas Süßes in der Flasche habe. Das neue Einkaufszentrum Forum Nová Karolina hat geschlossen, als ich zum letzten Mal daran vorbei laufe. Vorhin Stau, nun ist weit und breit kein Auto mehr in Sicht.

Rauf auf den Damm und dann runter treiben lassen zum Fluss, ausspähen, wen man noch hinter sich lassen könnte. Letzter km, die Gäste in den Cafés feuern uns an, zumal jetzt ein größeres Läuferkontingent fast gleichzeitig einläuft. An der Labestelle 100m vor dem Ziel winke ich ab, jetzt mache ich keinen Boxenstopp mehr. Ich erkenne Zbygněv, den Halbmarathoni auf Krücken, der kurz nach mir ins Ziel kommen wird. Zwei Läufer kann ich noch überholen, denn kurzfristig habe ich wieder frische Beine und bin nach 4h21:17 im Ziel.

Evi schießt bei wunderbarem Sonnenschein ein paar Zielfotos. Eine schwere Finisher-Medaille in T-Shirt-Form gibt es. Ein junges Mädchen demontiert den Zeitnehmungschip von meiner Startnummer, ohne dass meine fix-points dabei verloren gehen.

Die Finisher-Medaille bekommt Zbygněv auch, wegen Zeitüberschreitung aber leider nur ein DNF in der Ergebnisliste. Die restlichen Zuschauer haben ihm einen tosenden Empfang bereitet, er hat den Halbmarathon unter 4h22 geschafft! Respekt Zbygněv, Hut ab!

Ziellabe gibt es nicht, wohl aber Rajec-Mineralwasser in Flaschen. Topfengolatschen wie im Starterpaket gibt es auch noch, man muss nur lange genug danach stöbern und fragen.

Einen Tag nach dem Marathon räumt der neue Veranstalter auf seiner homepage ein, dass es für 2015 Möglichkeiten für Verbesserungen geben würde. Da gebe ich ihm Recht. So wie es heuer eine neue Strecke war, wird es 2015 wieder eine neue Strecke geben, dann soll sie in schönere Gegenden der Stadt führen, beispielsweise nach Ostrava-Vítkovice.

Wo die Siegerehrungen statt gefunden haben, wo die Tombola verlost worden ist – immerhin Preise im Gesamtwert von 100.000 ČZK - habe ich erst am Montag erfahren. Ich hätte das Los mit Nr. 2 gehabt, d.h.: Ich habe es noch!

Der Vergleich mit dem Jungfrau-Marathon vor zwei Wochen: Könnte gegensätzlicher nicht sein!


Sieger:
Mulugeta Serbessa  (ETH) 2:31:43
Miroslav Pinďák (CZE) 2:38:33
Daniel Orálek  (CZE) 2:42:08

Siegerinnen:
Tereza Šádková (CZE) 3:24:38
Alena Kriklová  (CZE) 3:34:44
Lenka Hájková (CZE) 3:36:19

 

 


 

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