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Laufberichte

Jungle Marathon: Durch die grüne Hölle

06.11.10

Hüfttiefe Sümpfe, handgroße Spinnen, fleischfressende Pflanzen und grüne Wände aus gewaltigen Bäumen. Nichts als dunkelgrüner Dschungel, so weit das Auge reicht. 40 Grad Celsius sind es im Schatten. Mein T-Shirt und meine Laufhose sind komplett durchnässt und kleben an meinem Körper. Kein Wunder, bei fast hundert Prozent Luftfeuchtigkeit.

Die äußeren Bedingungen sind extrem und die Umwelt unerbittlich. Ich befinde mich auf der zweiten Etappe des Jungle Marathon, der als der gefährlichste Abenteuerlauf der Welt gilt. 222 Kilometer in sechs Etappen geht es bei diesem Rennen durch den Amazonas Regenwald. Fünf Kilometer in sage und schreibe 2 Stunden und 10 Minuten habe ich bisher heute zurückgelegt. Immer wieder muss ich über imposante Baumstämme steigen, die im Wege liegen. Dann tauchen plötzlich tückische Erdlöcher auf, die von Blättern verdeckt werden und eine hohe Verletzungsgefahr darstellen. Höchste Vorsicht ist hier geboten. Bloß nicht umknicken!

Die Strecke ist extrem anspruchsvoll bei diesem knallharten Rennen. Alle fünfzehn Minuten bleibe ich für einen kurzen Augenblick stehen, damit mein Körper nicht überhitzt. Mein Puls rast und ich schnappe nach Luft, atme tief durch die Nase ein und ganz lange durch den Mund aus, damit meine Pulsfrequenz langsam wieder sinkt. Aus jeder Pore meines Körpers tritt Schweiß. Selbst wenn ich einfach nur da stehe und nichts tue, tropfen die Schweißperlen weiter von meinem Körper auf den Boden. Ich fühle mich wie in einem riesigen Gewächshaus.

 
© Norman Buecher 4 Bilder

Auuh, was ist das denn bitte? Vor meinen Füßen hat sich eine Ameisenstraße gebildet. Und was für eine: Ameisen, so groß wie mein Daumen, die über den feuchten Dschungelboden huschen. In diesem Moment kommt mir der abschließende Appell vom Dschungel-Überlebenstraining, das wir vor Beginn des Rennens hatten, wieder in den Sinn: „So wenig wie möglich berühren und allem, was sich bewegt, aus dem Weg gehen.“ Selbst Ameisenbisse können in dieser Region sehr schmerzhafte Folgen haben. Von den anderen gefährlichen Tieren wie Jaguare, Spinnen, Skorpione, Schlangen, Dschungelwildscheine, Piranhas und Stachelrochen ganz zu schweigen.

„Nichts wie weiter“, sage ich mir und gehe wieder in ein langsames Lauftempo über. Immer wieder bleibe ich an herunterhängenden Lianen kleben und Dornenzweige reißen an meiner Kleidung. Der Dschungel ist nichts für zarte Haut. Nackte Haut wirkt hier wie ein Magnet auf die unzähligen, hungrigen Insekten. Ich muss höllisch aufpassen, denn Schürfwunden und Hautinfektionen können schwerwiegende Folgen in diesem Terrain haben.

Vor mir taucht schon das nächste Hindernis auf: ein Sumpf, den es zu durchqueren gilt. Auch davor wurde beim Überlebenstraining gewarnt, da Schlangen und vor allem Stachelrochen Bewohner dieser trüben und seichten Gewässer sind. Bilder von Abenteuerfilmen schießen mir in den Kopf. Bilder von riesigen, angst einflößenden Anakondas, die an die Wasseroberfläche kommen, angreifen und ihre Opfer grausam erwürgen. „Stop“, sagt meine innere Stimme. „Ich bin nicht der erste Läufer, der durch diesen Sumpf marschiert, und die anderen leben auch noch. Also Augen zu und durch.“

Doch die Herausforderung beim Durchschreiten dieser Sumpflöcher, von denen es auf jeder Etappe gleich mehrere gibt, ist, dass man häufig nicht erkennen kann, wie tief diese sind. Ganz langsam gehe ich, Schritt für Schritt, durch das trübe Wasser. Ich merke, dass irgendetwas oder irgendjemand meine Wade berührt. Ich denke nicht weiter drüber nach, sondern will einfach nur heil aus diesem Sumpfloch wieder heraus kommen. Plötzlich sinke ich mit dem linken Bein ein – immer tiefer und tiefer! Ich halte die Luft an wie bei einer Achterbahnfahrt abwärts. Ich versuche die Balance zu halten und kann mich gerade noch an einem herunterhängenden Ast festhalten, sonst hätte es mich von Kopf bis Fuß in das Sumpfloch gehauen. Behutsam ziehe ich mich am Ast wieder in meine Ausgangsposition, atme einmal tief durch und gehe weiter. Ich bin heilfroh, als ich wieder festen Boden unter meinen Füßen habe.

Das Fortbewegen beim Jungle Marathon hat stellenweise nichts mehr mit Laufen zu tun: Stolpern, Klettern, Schliddern und Schwimmen sind angesagt. Vergiss jegliche Zeitvorgaben bei diesem Rennen, denn hier bekommt der Faktor Zeit eine ganz neue Dimension. Für einen Kilometer muss man schon einmal mit zwanzig Minuten und mehr rechnen. Auch, weil ich meine komplette Ausrüstung bei mir trage, inklusive Essensvorräte für sieben Tage. Ich bin in dieser Woche komplett auf mich selbst gestellt, was die Energiezufuhr anbelangt. Nur Wasser bekommen wir vom Veranstalter bereitgestellt. Das bedeutet insgesamt zwölf Kilogramm an Gewicht, was das Laufen enorm erschwert. Jeder zurückgelegte Meter kostet die doppelte Energie, besonders in dieser erbarmungslosen Umgebung.

Vor mir kann ich den nächsten Checkpoint ausmachen, von dem es auf der heutigen Etappe drei Stück gibt. Meine Wasserblase, die immerhin für drei Liter Flüssigkeit Platz bietet, freut sich wieder aufgefüllt zu werden. Ich löse eine Salztablette auf, die bei diesem Lauf zur Pflichtausrüstung gehört. Wie selbstverständlich habe ich im Nu einen halben Liter vom Elektrolytgetränk getrunken. Auch heute werde ich wieder bis zu zwölf Liter Flüssigkeit in mir aufnehmen. „Drink or die“, hat es ein Arzt beim letzten Briefing passend auf den Punkt gebracht. An jedem Checkpoint müssen wir eine obligatorische Pause von fünfzehn Minuten einlegen. Wegen dieser brutalen äußeren Bedingungen. Seit sechs Wochen hat es hier nicht mehr geregnet – und das im Regenwald. Die Temperaturen sind dadurch noch einmal um ein paar Grad höher als normalerweise in dieser Jahreszeit.

In meiner Vorstellung sehe ich mich in einem großen Schwimmbecken mit eiskaltem Wasser und einer kühlen Cola liegen. Das tut gut. Doch die Realität sieht ganz anders aus: heiß, heißer, Dschungel. Ich esse noch einen Energieriegel und dann geht es weiter – sehr steil bergauf. Die Anstiege, von denen es beim Jungle Marathon einige gibt, erinnern mich von der Schwierigkeit her an die am Mont Blanc oder auf La Réunion. Ich muss mich immer wieder an Ästen und Bäumen abstützen, um voran zu kommen. Wie gut, dass ich meine Radhandschuhe angezogen habe, die etwas Schutz vor den unzähligen Dornen, Stacheln und scharfkantigen Blättern bieten. Der Untergrund ist schlammig, lehmig und ein Labyrinth aus Baumwurzeln, Zweigen und Gestrüpp stellen unangenehme Hindernisse dar. Immer wieder rutsche ich aus oder stolpere über eine Wurzel. Wohin ich auch schaue: Grün, grün und nochmals grün. Die „grüne Wand“ ist so dicht, dass man keine fünfzig Meter weit sehen kann.

Augen, Nase und Ohren erleben hier einen Frontalangriff. Angenehmes Vogelgezwitscher, schrille Schreie und unheimliche Laute - die endlose Geräuschkulisse der Dschungelbewohner wirkt einerseits faszinierend auf mich, auf der anderen Seite dreht man fast durch. Immer wieder nehme ich auch links und rechts des Pfades ein Rascheln wahr. Neugierig drehe ich meinen Kopf Richtung Geräusch, in der Hoffnung ein seltenes Tier erblicken zu können. „Einen Jaguar nimmst Du zuerst durch die Nase wahr, bevor Du ihn siehst“, kommt mir die Botschaft vom Dschungelüberlebenstraining in den Sinn.

Bin ich überhaupt noch auf dem richtigen Weg? Ich habe schon länger keine Markierung mehr gesehen. Ein Verlaufen im Dschungel könnte fatale Folgen haben. Das ist bisher erst einem Läufer bei diesem Rennen passiert, der einem falschen Pfad gefolgt war und erst Stunden später in der Nacht unter Schock vom Suchtrupp gerettet werden konnte. Glücklicherweise erblicke ich ein gelbes Band ein paar Meter vor mir.

Dann endlich, nach acht Stunden, habe ich es geschafft und das Ziel der zweiten Etappe erreicht. Ich habe noch nie acht Stunden für eine Strecke von 23 Kilometern benötigt. Umgehend suche ich mir einen Platz für meine Hängematte.

Während des gesamten Rennens wird in provisorisch eingerichteten Zeltlagern am Tapajos-Fluss geschlafen. Meine winzige Hängematte stellt während des Rennens mein Zuhause dar. Meine Kleidung ist völlig durchnässt und von oben bis unten voller Schlamm, Morast und Dreck. Auch meine Füße sind völlig aufgeweicht und wie durch ein Wunder blasenfrei geblieben. Winzige Sandkörner reiben an meiner Haut. Mein Kopf fühlt sich schwer wie ein Betonklotz an. Die lange Etappe und vor allem die unerbärmliche Hitze machen mir und auch den anderen Läufern zu schaffen. Ich sehne mich nach einer warmen Dusche, einem ruhigen und kühlen Zimmer und einem komfortablen, sauberen Bett. Das ist nur mein Wunschdenken, hier im Dschungel existiert kein Komfort. Keinerlei Luxus. Ich bin froh, wenn ich in meiner Hängematte sitzen und meine Fertignudeln aus der Tüte essen darf. Das stellt für mich Luxus in diesen Tagen dar.

Auch hier im Lager ist weiterhin Konzentration und Aufmerksamkeit angesagt, denn der Dschungel schläft bekanntlich nie. Ein unachtsamer Augenblick kann ins Unglück führen. Einfach auf dem Boden zu sitzen, zu entspannen oder seine Sachen unbeobachtet liegen zu lassen, kann hier fatale Folgen haben. Im gestrigen Camp durften wir Bekanntschaft mit einer großen, beharrten Vogelspinne machen. Unzählige Insekten und vor allem Ameisen belagern jeden Abend unsere Hängematten und Rucksäcke. Deshalb ist es ratsam, beim Aufstehen unter seiner Hängematte nach solchen Tieren Ausschau zu halten. Wenn die Sonne untergeht, treiben zudem Moskitos ihr Unwesen. Während des Jungle Marathon juckt es permanent auf meiner Haut und der Sand scheint an jeder Stelle meines Körpers zu sein.

Plötzlich fängt sich alles um mich herum an zu drehen. Mir wird es auf einmal schlecht und schwindelig. Umgehend begebe ich mich zum Ärzteteam. Dort angekommen, breche ich zusammen. Ab diesem Punkt habe ich einen totalen Filmriss. Ich nehme ab und an nur ganz schwach einzelne Stimmen wahr, die sehr besorgt klingen. Infusionen folgen. Zitternd liege ich am Boden, unfähig mich aufzurichten, geschweige denn aufzustehen. Alles ist dunkel um mich herum. Mir ist einfach nur kalt, dabei hat es selbst um 21 Uhr noch 30C Grad. In meinem Kopf treibt eine gewaltige Achterbahn ihr Unwesen. Erst Stunden später schaffe ich es, wieder auf beiden Beinen stehen zu können und im Zeitlupentempo Richtung Hängematte zu marschieren. Ich habe mich selten zuvor in meinem Leben so mies gefühlt.

Sollte ich den Lauf mit aller Gewalt, mit aller Willenskraft finishen? Mit dem Risiko, dass ich vielleicht mitten im Dschungel zusammen breche? Oder sollte ich dieses Mal meine Vernunft über den Willen stellen und das Rennen abbrechen? Ich entscheide mich für letzteres. Ehrlich gesagt, gibt es für mich in diesem Moment auch keine Alternative. Für mich steht, ohne groß zu überlegen, umgehend die Entscheidung fest: Ich breche das Rennen ab!

Diese Entscheidung ist für mich im ersten Moment natürlich sehr schmerzhaft. Über Monate habe ich mich auf dieses Rennen vorbereitet, habe sehr viel Zeit, Energie und auch Geld in das Projekt Jungle Marathon investiert. Und nach zwei Tagen, nach ganzen 39 Kilometern ist das Rennen für mich vorüber. Aus und vorbei! Das ist hart! Wie ein Haufen Elend sitze ich auf dem schlammigen Boden im Lager und starre ins Leere. Eine eigenartige Ruhe umgibt mich. Für den wolkenfreien Himmel mit seinen funkelnden Sternen habe ich überhaupt kein Auge. Ich bin einfach nur leer, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Dann schaffe ich es, in meine Hängematte zu steigen und ein wenig zu schlafen.

Auch wenn ich den Jungle Marathon nicht erfolgreich beenden konnte, war es für mich ein besonderes Erlebnis in einer der faszinierendsten Regionen der Erde laufen zu dürfen.

 


 

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