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Laufberichte

Isarrun 2006

16.05.06

2. Tag: Dienstag, 16. Mai 2006

 

Nach einer mehr schlecht als recht verbrachten Nacht auf einem viel zu kurzem Feldbett im Flur eines einer gewissen Frau Jodelbauer gehörenden Hotels in Dingolfing steht der Start der 2. Etappe an.


Mit Freude nehme ich beim Frühstück zur Kenntnis, daß die Regenwahrscheinlichkeit über 80 % beträgt, was mir als geborener „Rainman“ sehr entgegenkommt, zumal am gestrigen Tag eitel Sonnenschein mit Tropenschwüle und teilweise Windstille meine Läuferlebensqualität spürbar negativ beeinflusst hatte.

 

Ich starte wie üblich bei den langsamen Läufern in der 1. Gruppe. Das 2. Läuferfeld wird 1 Stunde später auf die 75 km Fußreise gehen. Wir laufen einige 100 m durch die Stadt und gelangen schnell wieder auf den Isardamm. Der Himmel ist bedeckt und man kann das Wasser in der Luft geradezu riechen. Obwohl ich sehr schlecht geschlafen habe, bin ich körperlich total regeneriert und fühle mich fitter als beim Start zur ersten Etappe und gehe leicht und locker fast an der Spitze der Gruppe das Rennen an.

 

Der Himmel öffnet jetzt seine Schleusen, was in keiner Weise meiner guten Laune etwas anhaben kann, habe ich doch eine Windjacke an, die zwar nicht wasserundurchlässig ist, jedoch dem kalten Wind vom Körper abhält.

 

Träge fließt die Isar eingezwängt durch 2 Deiche dahin, denn in Abständen von wenigen km hemmen immer wieder Staudämme ihre natürliche Fließgeschwindigkeit. Die Farbe grün ist allgegenwärtig, wunderschöne Wiesenblumen wachsen am Deichrand und der 1. Grasschnitt ist noch nicht erfolgt, denn der Frühling ist nach diesem langen Winter noch sehr jung.

 

Die Landschaft ähnelt, was die Flachheit angeht, derjenigen in Norddeutschland oder den Niederlanden und kann in keiner Weise bei mir als Mittelgebirgsbewohner Gefühle der Begeisterung auslösen. Die einzige Abwechslung ist das überaus lautstarke Gequake von Kröten, die sich ohrenscheinlich Gruppensexorgien hingeben. Ich denke, dass der Holländer, der mich gerade überholt und wie ich 1945 Erdenbürger wurde, Heimatgefühle in sich trägt.

 

Viele, viele km geht die Reise auf dem Damm dahin, sehr oft durch nasses Gras, jedermann hat jetzt nasse Füsse. Die Sichtweite beträgt immer einige Kilometer.              

 

So ca. 3 Stunden nach dem Start werde ich vom vorjährigen Sieger Rene Strossny überholt, der wie immer leichtfüßig, Gazellen gleich, frei von jeglicher Ermüdungserscheinung dahinschwebt. Tierreichmäßig gedacht ist Rene eine Antilope und ich fühle mich im Vergleich zu ihm als Nilpferd. Schon relativ kurze Zeit später überholt mich ebenfalls im Sprintertempo der vorjährige Spartathlonbezwinger Olaf Schmalfuß.

 

Mehrmals gelingt es mir, Hans Drexler zu überholen, der immer wieder kurze Sitzungspausen wegen seiner gegenwärtig überbordenden Darmperistaltik einlegen muss, was bei der 3. Etappe voriges Jahr genau so war. Regen wechselt mit Nichtregen und der Himmel bleibt in den verschiedenen Graustufen bedeckt.

 

Landshut wird erreicht und die Reise geht jetzt einige Kilometer durch die Stadt. Die Einwohner nehmen so gut wie keine Notiz von uns und ich bemerke jetzt zum ersten Mal Ermüdungsanzeichen. Der 10 Jahre vor mir geborene Dieter Sanitz in Begleitung von Ute Wollenberger überholen mich leichtfüßig und lassen mich alt aussehen. Nach einigen Stadtkilometern geht es jetzt endlich auf eine Brücke und wir gelangen auf die andere Isarseite, wo sich eine Verpflegungsstelle befindet.

 

An den Verpflegungsstellen steht immer ein Hinweisschild über den Isarlauf, auf dem man lesen kann, dass es sich um den längsten Lauf Bayerns handelt und 338 km lang ist.

 

Ich mache jetzt mal eine Sitzpause von einigen Minuten auf einem Leinenstuhl und mir kommt in Erinnerung, wie letztes Jahr an der gleichen Stelle eine Joggerin vorbeikam, am Isarlaufhinweisschild abrupt stehen blieb, den Kopf schüttelte und als dann gerade Bernd Seitz, der Sandalenläufer auftauchte, wieder und immer wieder den Kopf schüttelte. Ich glaube aber, in ihrem Blick auch einen Anteil von Hochachtung und Bewunderung bemerkt zu haben…

 

Jetzt kommt gerade Tom Wolter-Rössler, dem ich einige Stunden immer wieder begegnen werde. Die Strecke führt über lange Zeit über einen Waldweg an der Isar vorbei. Das Isarbett wurde wundersamerweise vor Jahren renaturalisiert und die Fließgeschwindigkeit hat zu ihrer Natürlichkeit wieder zurückgefunden.


Über eine große Strecke laufen wir im Wald, der fast ausschließlich aus Laubbäumen besteht und wenig Abwechslung bietet. Erstmalig in meiner Laufkarriere gelingt es mir jetzt, die Holländische Lokomotive Willem Mütze mit seinem Freund Heinz Jäckel zu überholen.

 

Irgendwann ziehe ich sogar an Angela Ngamkam vorbei, die von starken Muskelschmerzen im Oberschenkelbereich geplagt wird. Sie kann momentan nur noch gehen und es sieht aus, als wäre das Rennen für sie zu Ende…

 

Alexander von Uleniecki und Wolfgang Wolff kommen als letzte Überholer aus der 2. Gruppe vorbei. Der Wolf Alexander, der eine Wölfin sucht, scheint einen Wolf gefunden zu haben….

 

Jetzt wird eine Wegstrecke erreicht, die absolut keine Lauffreude mehr bereitet. Der Weg ist frisch ca. 5 – 8 cm gesplittet, aber nicht fest gewalzt worden. Zur weiteren Erschwernis sind auch noch Pferde darüber gegangen und haben ihre Spuren tief eingegraben. Viel, viel Kraft ist für das Laufen jetzt erforderlich. Zum ersten Mal in meinem Läuferleben werde ich von Knieschmerzen geplagt und hege nun die Befürchtung, mich verletzt zu haben. Der Spruch von Christian Hottas kommt mir nun in den Sinn:“ Nehme keinen Lauf als selbstverständlich, ein jeder Lauf ist ein großes Geschenk“!...

 

Bald erspähe ich Bill Nickel vor mir und erkenne sofort an seinem Laufstil seine gegenwärtig Krise. Schnell habe ich ihn eingeholt und es tut nun gut, gemeinsam über diese schikanöse Strecke zu schimpfen und Dampf abzulassen. Über 7 km beträgt diese „Piste des Grauens“.

 

Schließlich geht es dann rechtsab auf eine Straße, wo nach wenigen 100 m eine Verpflegungsstelle, die mit Kuchen überaus reich bestückt ist. Ein Einheimischer, der letztes Jahr ebenfalls am Isarlauf teilnahm und Geburtstag hatte, war der großzügige Spender.

 

Wenige Meter danach geht es wieder auf einem Waldweg weiter, diesmal glücklicherweise auf gutem Untergrund. Es sind noch 14 km zu laufen. Meine Wahrnehmung konzentriert sich auf einen Sichtradius von wenigen Metern und ich schaue stumpfsinnig vor mir auf den Weg, immer wieder Pfützen umlaufend.

 

Ich fühle mich wie ein Ochse vor einem Planwagen, bin müde und werde immer langsamer. Negative Gedanken gewinnen gerade die Oberhand und der Sinn des Ultralanglaufs wird aufs heftigste angezweifelt.


Mütze und Jäckel überholen mich wieder und auch Hans Drexler, den ich immer wieder vor mir sah, ist nun aus meinem Sichtradius verschwunden. Einzig Bill Nickel kann ich ab und zu einige 100 m hinter mir wahrnehmen.

Die letzte Verpflegungsstelle ist erreicht und ich fülle nun meine Flasche mit Cola auf. Noch ca. 7 km sind zu überwinden und erstmalig fällt mir auf, dass das Zeitlimit ein Problem werden könnte, worauf ich meine Laufgeschwindigkeit wieder erhöhe und somit schnell wieder aus der Zeitkrise herauskomme. Gottlob habe ich mich nicht verausgabt und habe genügend Reserven, erreiche nach einiger Zeit Freising, wo es dann noch über 2 km durch die Stadt und Parks geht. Die Strecke ist mir wohlbekannt und ein Verlaufen nicht möglich. Und so laufe ich mit einem ausreichenden Zeitpolster  ins Ziel, dem Hotel Lerner.

 

Zuvorkommend bietet mir Mike Friedel seinen Platz auf dem Stuhl neben dem Zeitnehmer an. Ich sitze, trage angenehmste  Gefühle in mir und es wird mir wieder bewusst, warum ich solche Langläufe mache….

 

Wenige Minuten danach kommt Bill Nickel in einer Gruppe, die von Heike Pawzyk, einer Eliteläuferin angeführt wird, an. Mit dabei ist die von ihrer Krise befreite Angela… Herzlichen Glückwunsch!

 

Nach dem Duschen lege ich mich für kurze Zeit aufs Bett und genieße schon wieder das Leben. Mein Resume: „ so schlimm war’s doch gar nicht, im Gegenteil, das Positive dominiert schon wieder. Es wird morgen sicherlich gut weitergehen“!....

 

Leider erreicht mich wenig später eine schlechte Nachricht von zu Hause und ich muss aus familiären Gründen am nächsten Morgen abreisen.

Nächstes Jahr werde ich wieder dabei sein….

 


 

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