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Laufberichte

IRONMAN EUROPEAN CHAMPIONSHIP

05.07.09
Autor: Maike Mai

3,8 km Schwimmen   180 km Biken    42 km Laufen - 

Wahnsinn ...
 
... sagten meine Schauspielkollegen vom Ludwigstheater in Aschaffenburg, als ich von meinem Vorhaben erzählte. Zu diesem Zeitpunkt stand ich gerade auf der Bühne in dem Theaterstück "Der nackte Wahnsinn" und diese Produktion war wirklich der nackte Wahnsinn. So kribbelte es bei dem  Gedanken an dieses Vorhaben bereits ein Jahr vorher in meinem Bauch und ich dachte mir, ein Wahnsinn folgt dem nächsten.

Im Herbst 2008 startete ich mein Training für diese 226 km Herausforderung mit dem Ziel, zu finishen. Erster Schwerpunkt Schwimmen. Im Dezember spannte ich mein Rennrad in den Rollentrainer und begann mit "Einer-Stunde-Ausfahrten“ im Wohnzimmer. Im Februar wurden die Laufeinheiten länger und im April lief ich den Marathon im Spreewald.

Im Frühling verlief das Training trotz des vielen Regens ganz gut. Ende Mai bin ich mit dem Rennrad gestürzt und verletzte mir den linken Ellenbogen. Das Training ging gleichwohl weiter und im Juni absolvierte ich als Vorbereitung zwei Triathlons.   

Die Trainingsumfänge und die allgemeine Aufregung in den letzten Wochen, Tagen, Stunden waren gewaltig. Die Nacht vor dem längsten Tag des Jahres war die kürzeste des Jahres. Immer wieder schaute ich auf die Uhr, bis ich endlich um 2.50 Uhr das Bett verließ. Frühstücken, Tee trinken, alles nochmals checken, Abfahrt 4 Uhr.

Am Langener Waldsee ist alles prima organisiert. In der Wechselzone hilft mir ein spanischer Athlet beim Luftaufpumpen. Riegel halbieren und ans Oberrohr kleben, Aeroflasche befestigen, überall herrscht  ruhiges aber emsiges Treiben. Faris Al Sultan schlappt an mir vorbei, er ist für mich sowieso der Beste!

Thomas kommt mir entgegen, wir laufen im gleichen Wald haben aber, außer einen Gruß, noch nie miteinander gesprochen. Nun wechseln wir freudig einige Worte und wünschen uns Glück.

6.25 Uhr verpuppe ich mich in meinen Neopren und laufe zum Start. Für 2300 Athleten, Zuschauer und Menschen dieses Landes ertönt anlässlich der heute ausgetragenen Europameisterschaft die Nationalhymne und alles wirkt ganz feierlich. Mit unzähligen Mitstreitern in schwarzer Gummihaut laufe ich den Sandberg hinab zum Gewässer, wo 3,8 km Schwimmstrecke auf uns warten.  

7.00 Uhr. Es knallt. Erfreulicherweise nicht im dichten Gewühl stehend beginne ich zu schwimmen, ohne Tritte und Seitenhiebe. Das eigene Tempo finden dauert allerdings eine Weile. Die Sonne steht am unteren Horizont und blendet arg, die gelben Bojen sind kaum auszumachen. Ich versuche mich irgendwo anzuhängen, um im Windschatten Kraft und Orientierung zu halten, aber es findet sich niemand. Der eine schwimmt mit Rechtsdrall, der andere immer wieder nach links. So suche ich meinen eigenen Weg.

Schwimmen hat für mich was Meditatives. Du zählst im Unterbewusstsein die Züge, alles ist still, nur dein Atem ist hörbar, irgendwann machst du dich leer und wirst eins mit dem Wasser, du bist mit dem Elemente. Wie in Düffels Buch „Vom Wasser“ – der sich so schön dem schillernden Strom der Träume, Erinnerungen und Gedanken hingeben kann. Nach ca. 2,2 km der Landgang. 24 m - dann stürzen sich die schwarzen Neoprenmenschen mit den roten Ironman-Kappen erneut in die Fluten. Ein spektakuläres Bild. Die letzten 1,6 km werden ruhiger. Eine Weile schwimme ich Seite an Seite mit einer Frau. Einatmen. Ausatmen. Lang machen. Mit der Urgewalt sein. Wasser greifen.

Irgendwann sehe ich in weiter Ferne das Ufer und den Zielbereich, nur langsam kommt es näher, ich zähle wieder rhythmisch die Schwimmzüge. Eins, zwei, drei, vier  - atmen,  eins zwei, atmen. Ruhige lange Schwimmzüge, die Beine halte ich sehr still.

Nach 1:35 Stunde spüre ich festen Boden unter meinen Füssen und ich freue mich. Rasch den Berg hoch laufen in die Wechselzone, im Zelt umziehen. Ein Helfer reicht mir eine Schüssel mit H2O und ich kann mir den Sand von den Füssen waschen. Frohen Mutes kann ich mich nun voll auf die Raddistanz konzentrieren. Vor mir liegen Respekt einflößende 182 km.

Die ersten 12 km bis nach Frankfurt rollt es sich wie von selbst, der Asphalt ist soft. Tief durchatmend mit Unterdrückung aufkommender Emotionen radele ich am Römer vorbei. In Bergen Enkheim erwartet die Athleten „The Beast“, die Zuschauer tragen dich diesen ersten Anstieg hinauf. Kinder stehen auf dem Bürgersteig und rufen „du schaffst das !“. Trinken.

„The Hell“ folgt. Es ist kaum zu glauben, wie dieses Maintaler Kopfsteinpflaster dich durchschüttelt. Die Schutzklappe vom Trinkbecher fliegt in hohem Bogen weg und ich muss lachen, weil die Straße schon jetzt einem reinsten Fahrrad-Ersatzteil-Lager gleicht. Der Lärm der Zuschauer ist gewaltig und dieser kennt keine Gnade, wenn er dir mit Ratschen ins Ohr rattert und Schalmeibläser dein Trommelfell erklingen lassen. Tour de France Atmosphäre. Vor dir öffnet sich nur langsam der Menschenstrom. Oben am Tor die Erleichterung. Es wird ruhig, dann kommt schon die Bottle Station. Gelbe Powerbar-Flasche greifen. Bloß nicht fallen lassen.

Und schon ist der nächste Berg in Sicht, genannt Hühnerberg, als höchster Punkt. Wieder riesige Stimmung. Nicht nach oben schauen, denke ich. So lese ich auf der Straße die mit Kreide geschriebenen Botschaften für die Athleten. Rudi gib Gas ! Günter du bist der Beste ! Wir grüssen Klaus und drücken die Daumen ... Die Straße gleicht einem vollgekritzelten Pausenhof einer Grundschule.

Geschafft. Nun wird es hügelig. Jeder Ort feiert seine eigene Party. Omas trinken Kaffee am Straßenrand. Private Feste in den Siedlungen entlang der Strecke. Kinder mit olivfarbener Haut und großen Kulleraugen betteln nach leeren Flaschen. Sie stehen teilweise mitten auf der Fahrbahn, im Straßengraben türmen sich bereits Berge von gelben Plastikflaschen. No comment.

Immer wieder geht mein Blick auf den Tacho. Friedberg. Bad Nauheim. Von hier geht es zurück Richtung Frankfurt. Auf den Bad Vilbeler Berg, genannt „Heartbreak Hill“, bin ich gespannt, da ich diesen im Training noch nicht abgefahren bin.

Und da ist er schon, von weitem durch die Menschenmenge hörbar. Steil und unendlich lang liegt er vor mir. Puh, also auf. Auch hier tragen dich die vielen Zuschauer. Im kleinsten Gang hangle ich mich von Tor zu Tor. Dann kommen erlösende Worte einer Helferin: nur noch 200 m. Auch das wäre erst einmal geschafft. Weiter geht’s.

Bald sehe ich die Skyline von Frankfurt, die Strecke ist abschüssig und man kann Tempo machen. Mein Gefühl ist prächtig, als ich die zweite Runde beginne. Ein Bekannter steht nahe des Römers und brüllt „Maikeeeee“ worauf ich rufe: „Das schaff iiiiiiiich“. Weg bin ich. So. Jetzt nur das Gleiche noch einmal. In Etappen denken.

Plötzlich bekomme ich tierische Kopfschmerzen, zudem im Nacken ein Gefühl, als würde mir jemand mit einem breiten Messer in den Kapuzenmuskel stechen. Und das bei km 100 - meine Motivation rast bergab bis in den tiefsten Keller. An nichts denken, einfach weiter. Ich kenne diesen Punkt, du kommst an eine Grenze. Du bist allein, nur mit dir allein, alles andere ist unwesentlich. All die alltäglichen Sorgen und Probleme reduzieren sich auf ein Nichts. Gedanken kommen und gehen. Astronauten erzählen, dass der blaue Planet aus der Ferne so wunderschön sei und wie unbedeutend der Mensch in den Weiten des Universums ist. Und in 100 Jahren ist die komplette Menschheit ausgewechselt, da ist keiner mehr da, der heute auf unserer Erde verweilt. Was zählt ist der Augenblick - im hier und jetzt in deinen Möglichkeiten zu wirken, deshalb laufe ich für UNICEF.

Auf der Strecke stehen nun weniger Leute. Keine Ahnung, wie ich mich über den Asphalt und die Berge schleppe. Den Blick zum Boden, trinken, atmen. Meine linke Hand fühlt sich total lahm an und ich habe Schwierigkeiten zu schalten.

„Nur noch 200 m“, höre ich erneut. Mein Blick hebt sich, mein Wohlbefinden verbessert sich und ich sause völlig allein der 2. Wechselzone entgegen. Jubelrufe. Tempo drosseln. Helfer in Sicht. Ausklicken. Auf die Uhr schauen. Hurra, noch 7 Stunden Zeit für den Marathon  - und laufen ist meine liebste Disziplin.

Der feste Boden unter meinen Füssen fühlt sich recht wacklig an und das aufrechte Gehen fällt für einige Schritte schwer, was zur eigenen Erheiterung beiträgt. Im Wechselzelt hilft mir ein Bekannter und ich habe Lust auf Laufen. Die Sonne brennt gnadenlos vom nachmittäglichen Himmel herab. Ab geht’s auf den 42 km Run Course, viermal 10,5. Trabe vor mich hin. Maike-Anfeuerungsrufe von  Sportskameraden, Bekannten und Unbekannten. Meine Vermieter, selbst Marathonis, sind auch da und feuern mich an.

Ich liebäugle mit dem ersten Band. Orange. Nach einigen Kilometern strecke ich freudig meinen Arm der Helferin entgegen und schwups habe ich das erste Bändchen am Arm. Das gibt Kraft. Weiter geht’s. Sonnenbrände auf Athletenhaut.  Trinken. Wunderbare Atmosphäre am Main genießen. Die Beine laufen wie von selbst immer näher dem Ziel entgegen.

Bei km 14 merke ich, dass mir eiskalt wird. Wenn ich jetzt einen Kälteschock bekomme, ist das Rennen vorbei. Mein Anzug ist klatschnass, den muss ich irgendwie trocken kriegen. Mein Befinden wird immer schlimmer, ich zittere und muss mir rasch was einfallen lassen.

Ebenda sehe ich Sarah auf einer Bank sitzen. „Willst du meine Wolldecke haben?“ Und schon hat sie mir den Überwurf um die Schultern gelegt. Danke liebe Sarah, ich hinterlege sie beim nächsten Sanizelt und lasse mir da eine Wärmefolie geben.

Nun raschelt und knistert es bei jedem Schritt und ich sehe aus wie ein goldenes Knallbonbon. Zugegebenermaßen ziehe ich in diesem ungewöhnlichen Outfit sämtliche Blicke auf mich. Indes es hilft, allmählich verschwindet das Zittern. Bei km 30 ist es mir wieder normal und ich kann die Folie ablegen.

Noch 12 km. Salzwasser, Gel, Wasser, verdünnte Cola. Ab dann muss ich leider Gehpausen einlegen, weil mir übel wird. Ab km 36 kann ich nichts mehr zu mir nehmen und ich muss nun auch vollständig gehen, obwohl die Beine noch wollen und ich keinerlei Schmerzen verspüre. Der Magen ist total zu. Ich kann nichts mehr zu mir nehmen. Aufgeben? Sechs km vor dem Ziel? Never. Ich denke an meine Familie, Freunde und Bekannte, die mit mir in Gedanken sind und an all die Anstrengungen der letzten Monate, die Entbehrungen und an die Einsamkeit. Mit dem Schwamm halte ich Lippen und Gesicht feucht und lutsche Eiswürfel.

Kurz vor dem Ziel beginnen nun denn auch die Pflastersteine zu wanken, wie eine wabbelige Gummimasse bewegen sie sich unter meinen Füssen. Es ist nicht mehr weit Maike, locker durchlaufen, locker durchlaufen. Du schaffst das, du schaffst das.

Ins Ziel bin ich dann gerannt. Auf dem roten Teppich strecken sich mir unzählige Hände entgegen, jeder will mich berühren. Jubel und Triumphschreie von allen Rängen, es ist ein Gefühl, als würden mich all die tausend  Zuschauer gleichzeitig umarmen. Diese paar Sekunden vergisst du nie. Niemals in deinem ganzen Leben.

Ich reiße die Arme hoch und schreie noch lauter als all die Menschen von den Tribünen  „JAAAAAAAA“. Dann überquere ich das Zeittor bei 14:23,20 Std. Die Arme senken sich und ich bleibe plötzlich stehen. Bekomme die Medaille umgehängt, ein rotes Handtuch auf die Schultern gelegt. Es wird still, ich spüre nichts mehr. Gar nichts. Keine Freude, Schmerz, Tränen, Glück. Einfach nur eine unendliche innere Leere. So tapse ich in den Athleten Garden ... Was bleibt ist ein ruhiges, stilles Lächeln, welches sich auf dem Wege zu mir selbst in mein Inneres verewigt hat. 

 


 

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