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Eine Seefahrt, die ist lustig (Teil 7)

 

Invitational Marathon im MacRitchie Reservoir in Singapur am 15.März 2014 – auf Trailwegen in tropischer Schwüle

Als passionierter Marathonsammler ist es mein Bestreben, auch während der 100 Tage dauernden Kreuzfahrt um die Welt in bedeutenden Städten nach Möglichkeit an einem Rennen über die 42,195 km teilzunehmen. Die F1 Runners sind ein renommierter Laufclub in Singapur, der dank der Vermittlung der Bloggerin Priscilla zu Ehren des 100 Marathon Club Austria einen Marathon mit Trailabschnitten in einem der größten Naturparks der Stadt ca. 15 km nördlich vom Zentrum entfernt, organsiert hat.

Die Costa Deliziosa legt nach einer 5-tägigen Seefahrt ausgehend von der westaustralischen Stadt Perth am 14.März knapp vor 8 Uhr im Marina Bay Cruise Center im Süden von Singapur an. Die ehemalige britische Kronkolonie, die am 9. August 1965 die Unabhängigkeit von Malaysia erlangte, zählt zu den teuersten Städten der Welt. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen im flächenmäßig kleinsten Staat Südostasiens beträgt über 50.000 US$ und ist damit höher als in den meisten Staaten der Europäischen Union. Singapur gilt als Touristenattraktion im südasiatischen Raum mit ca. 12 Millionen Besuchern jährlich.

 
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Die kommenden drei Tage wollen wir nutzen, um die Stadt zu erkunden. Ich möchte wieder jene Sehenswürdigkeiten aufsuchen, die mich schon bei meinem ersten Aufenthalt im Jahre 1995 beeindruckt haben, nämlich das nach Thomas Stamford Raffles benannte Hotel im Kolonialstil mit weißer Fassade, ferner das alte Wahrzeichen der Stadt, den Merlion, ein Fabelwesen mit einem Löwenkopf und einem Fischkörper, die Orchard Road mit ihren Shopping Malls sowie Sentosa Island mit einer Vielzahl an Attraktionen und Stränden. Aber laut dem Vortrag der Lektorin während der Anreise soll es zahlreiche neue Gebäude in der pulsierenden südostasiatischen Stadt geben, die seither errichtet wurden.

Die Internetverbindung am offenen Meer über Satellit funktioniert mehr schlecht als recht, daher ist der Mailverkehr mit Priscilla ziemlich eingeschränkt. Sie ist das Verbindungsglied zu Lexxus Tan, dem Chef der F1 Runner. Ihr und ihm ist es schließlich zu verdanken, dass ich auf meiner Weltreise nun zum schon 7. Male in den Genuss komme, einen Marathon zu laufen, bei dessen Organisation alle Erfordernisse für eine statistische Anrechenbarkeit gemäß den Statuten der meisten Clubs berücksichtigt wurden.

In der Nacht vom 13. auf den 14. März können wir die Kabinentür nicht offen lassen. Smog und der Gestank von Bohrtürmen sind allgegenwärtig. Die Kontrollen bei der Einreise nach Freigabe des Schiffes im neu errichteten Marina Bay, wo man dem Meer neues Land abtrotzte, sind streng. Singapur gilt als Staatstadt mit vielen Verboten, die teilweise mit hohen Geldstrafen, Gefängnis bis hin zur Todesstrafe bei Drogenbesitz geahndet werden. Ein grauer Dunstschleier liegt über der Skyline, als wir ankommen. Priscilla hat in einem email angemerkt, dass man in Indonesien gegenwärtig ganze Wälder verbrennt und der Wind die Abgase auch nach Singapur weht.

Ich habe mit ihr vereinbart, dass wir uns mit ihren Eltern nach unserer vormittägigen Sightseeing-Tour in der Nähe des Raffles Hotels treffen. Wir besuchen den botanischen Garten mit traumhaften Orchideen, Little India, haben in China Town eine Stunde Aufenthalt und Zeit für einen Fotostopp im Merlionpark, um den Löwen von Singapur zu knipsen. Alle Schauplätze lassen sich bequem mit den U-Bahnlinien und Bussen erreichen. Zu den neuen Attraktionen von Singapur zählen u.a. das dreitürmige Hotel Marina Bay Sands mit einer quer aufgesetzten Plattform in Form eines Schiffes mit einem Swimming Pool. Im unterirdisch angelegten Einkaufszentrum mit Hunderten Geschäften kann man sogar um 10 S$ Gondelfahren. Eine Fahrt in einer klimatisierten Kabine des derzeit weltweit größten Riesenrades, dem Singapur Flyer, ist ebenso zu empfehlen wie der Besuch des Esplanade Theaters mit seiner extravaganten architektonischen Bauweise, der Frucht Durian nachempfunden.

Am Nachmittag treffen wir uns mit den Eltern von Priscilla. Sie erzählen, dass in Singapur eine Million Ausländer arbeiten und daher rund 20% der viele Nationalitäten aufweisenden Bevölkerung ausmachen. Den größten Anteil haben nach wie vor die Chinesen mit 70%, gefolgt von den Malaien, Indern und Tamilen.  Englisch ist Amtssprache, die meisten Eltern sind bestrebt, dass ihre Kinder auch in der jeweiligen Muttersprache schulisch unterrichtet werden und daher Mandarin, Malaiisch oder Tamilisch lernen. Die in Singapur am weitesten verbreiteten Religionen sind der Buddhismus (30%), das Christentum (20%), der Islam (15%), der Taoismus (11%) und der Hinduismus (5%). Die Tätigkeit der Zeugen Jehovas und der Vereinigungskirche ist in Singapur verboten. Die Nationen leben zwar friedlich in Singapur nebeneinander, es kommt aber eher selten zu einer ethnischen Vermischung durch Heirat.

Der kommende Tag wird anstrengend, am 15. März um 4 Uhr ist Tagwache. Lexxus Tan hat den Marathon beim MacRitchie-Stausee, dem größten Wasserreservoir der Stadt, für 6  Uhr angesetzt. Das Reservoir wurde bereits 1868 mit einem Erdwall gebaut. Mehr als ein Quadratkilometer Urwald befindet sich um den künstlich angelegten See. Hier leben u.a. auch Affen, die man nicht füttern darf. Es gibt kilometerlange Wanderwege, teilweise auch auf Holzstegen durch den Wald und entlang dem See.

Edi, Diego und Montse sind wieder dabei. Daniel, ein Freund von Lexxus, holt uns um 4:30 morgens vor dem Eingang zum Marina Bay Cruise Terminal mit seinem Auto ab. Es ist schwül, heiß, nach wenigen Minuten klebt mein Shirt am Rücken vor Nässe. Der Start- und Zielbereich bei der Ankunft ist spärlich erleuchtet, es ist noch Nacht. Rund 30 Teilnehmer haben sich eingefunden. Die meisten von ihnen wollen allerdings nur den Halbmarathon laufen und verzichten auf den schwierigen Trailabschnitt.

 
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Lexxus macht mit uns noch Gymnastikübungen, bevor er das Kommando für den Start erteilt. Von Anfang an geht es aufwärts, zunächst die Upper Thomson Road auf Asphalt am Gehsteig entlang. Die Gruppe läuft meiner Meinung nach viel zu schnell, doch ich bin zunächst vorne dabei. Meine Canon Ixus Pocketkamera ist überfordert, die Fotos bei Dunkelheit sind von schlechter Qualität, wie ich beim Kontrollcheck bemerke. Montse ist vorne, Diego und Edi liegen zunächst noch hinter mir. Lexxus und ein Helfer begleiten die Läufer auf Fahrrädern und sind sozusagen fahrbare Labestellen. Ob das auch im Gelände gehen wird, frage ich mich. Die einheimischen Läufer haben durchwegs ihre Camelpacks umgeschnallt, sind also Selbstversorger. Bei der nächsten Gelegenheit werde ich mir endlich auch so einen Rucksack zulegen, schließlich bin ich auch ein Anhänger des Trailrunning.

Als ich nach 3,5 km kurz stehen bleibe, um die nachkommenden Läufer zu fotografieren, verliere ich binnen 20 Sekunden den Anschluss. Hinter mir sind plötzlich nur noch zwei Läufer und Diego. Die Gruppe vorne gibt Vollgas, man läuft streckenweise knapp in einer 5er-Zeit trotz der Anstiege. Es kommen laufend Radfahrer auf Rennrädern nach. Singapur hat Linksverkehr, wir laufen links, daher müssen wir auch ein wenig achten, wer hinten nachfährt.

Der Kurs geht nun von der neu angelegten Upper Thomson Road auf den alten Straßenteil der Thomson Road, die wesentlich enger ist, teilweise Schlaglöcher aufweist. Die Gruppe ist schon weit auseinandergezogen. Diego holt mich bei einem Abwärtsstück ein und läuft als Wasserselbstversorger weiter, als ich bei Lexxus stehenbleibe, um zu trinken. Man muss es immer wieder erleben, Trinkpausen, die man im Stehen verbringt, bedeuten, dass man danach 50 m und mehr aufholen muss, um wieder den Anschluss zu finden. Wenn man sich hierbei selbst überfordert, kann das zu einem verfrühten Kräfteverschleiß führen.
Ich hole Diego wieder ein, doch jedes Mal, wenn ich knipse, ist er wieder 20 m vorne. Unterwegs bleibe ich mehrmals stehen, um auf der Straße sitzende Affen ins Bild zu bekommen. Doch heute hätte ich der Schwüle wegen eine Unterwasserkamera benötigt, deren Linse bei Nässe nicht beschlägt. Ich nehme mir nun definitiv vor, so ein Modell nach dem Lauf in einem Shop in China-Town zu kaufen.

Diego und ich laufen an einem Golfplatz vorbei, links ist der große Stausee, in dem man nicht baden darf. Es sollen sich auch Alligatoren darin befinden. Das Wasser muss gefiltert werden, bevor es getrunken werden kann. Ich spreche mit einer Läuferin, die Polizistin ist und sich für die Halbdistanz registriert hat. Sie  zeigt mir das Krematorium der Stadt, das wegen der flächenmäßigen Begrenztheit von Singapur neu gebaut werden musste. Der Staatstadt hat nach Norden eine Breite von rund 25 km und nach Westen auch nur ca. 45  km Länge. Daher hat man in den letzten Jahren die Fläche um 20% durch Aufschüttung des Meeres verbreitert.

Über die Mandai Road geht es weiter, hinter uns scheint sich nur noch ein Mann zu befinden, alle anderen, darunter auch Edi, sind entschwunden. Diego liegt ca. 300 m vor mir. Der Stausee schaut sehr einladend aus, bei der Hitze wäre ein Bad sicher entspannend. Doch alle halten sich daran, niemand würde hier gegen das Verbot verstoßen, die Leute sind diszipliniert. In den U-Bahnen sieht man in der Tat keine Kaugummiflecken wie bei uns zu Hause, Kaugummi ist außerdem in Singapur weitgehend verboten. Man wirft auch keine Flaschen achtlos weg, die Stadt ist sehr sauber. Doch hier außerhalb der strengen Auflagen, die in der City vielleicht auch nur plakatiert sind  und dann bei Verstoß doch nicht geahndet werden, sieht man sehr wohl kleine Abfallteile aus Plastik, Papiersäckchen u.a. Ich trage meinen Wasserbecher einstweilen noch mir mit.

Nach der Wende auf der Mandai Road kommen mir auf der rechten Seite laufend die weit voranliegenden Läufer entgegen. Die Strecke ist wellig, viele Anstiege kosten Kraft. Noch ist alles im grünen Bereich, die Wasserversorgung durch Lexxus klappt, nur sind seine Trinkbecher nie vollgefüllt, sodass ich merke, wie ich langsam dehydriere. Als ich zum Halbmarathon-Treffpunkt komme, stehen rund ein Dutzend Läufer dort und zeigen mir, dass ich nun auf der beginnenden Trailstrecke einfach gerade weiter laufen soll. Ich komme dem nach, nach ca. 200 m stehe ich vor der Wahl, nach links, rechts oder gerade aus weiterzulaufen. Leider ist die Strecke nicht markiert oder die Markierung für mich nicht sichtbar. So gehe ich zurück und warte auf den letzten  Läufer, der die vorangegangenen vier Trainingseinheiten in den letzten Wochen mitgemacht hat und die Strecke kennt. Meine Lauffreunde vom Schiff sind alle weit vorne. Ds sieht so aus, als kämen sie besser mit den Bedingungen zurecht als ich.

Ich nehme mir nun vor, mich am Schlussläufer zu orientieren. Er ist langsam unterwegs, aber mit seinem Lauftempo von ca. plus 6:30 min/km kann man so eine Zeit um 4:45 anpeilen. Die Trailstrecke ist wirklich einmalig, anspruchsvoll, selektiv, führt auf schmalen Pfaden durch den Dschungel. Immer wieder kommen einzelne Mountainbiker nach, man sieht ab und Papierstreifen als Markierung, die vermutlich Lexxus und sein Team ausgelegt haben. Der Schlussläufer ist auch ein Selbstversorger, er trinkt aus seinem Wasserschlauch. Ich hingegen bin durstig, doch weit und breit ist keine Labestelle in Sicht.

Lexxus sitzt auf seinem Rad bei einer Lichtung und sagt, dass er nur mehr wenig Wasser habe, weiter unten aber ein Helfer stehe und ich dort ausgiebig trinken könne. Ich vertraue ihm und hoffe, den Helfer dort anzutreffen. Doch Irrtum, niemand steht dort und gibt Trinkbecher aus. Nach nunmehr 7 km ist meine Kehle schon ausgetrocknet, die Hitze wird durch die Bäume im Wald gedämpft, die Schwüle aber bleibt. Am Weg steht ein abgestellter Schubkarren, der offenbar Bauarbeitern gehört. Eine halb gefüllte Wasserflasche ragt heraus. Ich drehe den Verschluss ab und trinke. Das Wasser ist grauslich, halb verfault, wahrscheinlich steht der Karren seit Tagen hier. Der einheimische Läufer rund 20 m vor mir geht unbeirrt seinen Weg, er läuft wie ein Uhrwerk langsam aber stetig dahin. Ich versuche dran zu bleiben, ohne ihn wüsste ich nicht, wohin ich laufen soll, denn über weite Strecken fehlen die Markierungen.

Die Trailstrecke ist wirklich sehr annehmbar, im Englischen würden man sagen „competitive“.  Hätte Lexxus mehr Helfer gefunden, wäre die sportliche Herausforderung besser herausgekommen. So aber kämpfe ich gegen den Durst und kann den Lauf nicht richtig genießen. Irgendwo bei Km 28 steht Priscilla, sie reicht mir einen Becher mit Iso. Es geht nun abwärts. Ich überhole den knapp vor mir liegenden „Schlussläufer“, doch weit komme ich nicht. Wieder bietet sich die Möglichkeit an, nach links, rechts oder gerade aus zu laufen. Ich warte umgeben von mehreren Affen, die sich mir nähern, auf den einheimischen Mann, der malaiischer oder indischer Herkunft sein könnte. Erneut schließe ich mich ihm an. Er entwickelt immer wieder neuen Elan, da seine eingefüllten Wasservorräte im Rucksack längst nicht verbraucht sind und er auch Gels mitführt.

Bald ist er mehrere 100 m vorne, während ich Wanderer anbettle, mir einen Schluck Wasser zu spendieren. Die Leute sind freundlich, doch ich kann ihnen nicht die  ganze Flasche abnehmen. Das kostbare Nass gibt mir neuen Elan, ich hole ihn wieder ein. Ich schlage ihm vor, dass wir nun entlang vom Staussee auf schönen Wanderwegen die verbleibenden Kilometer gemeinsam ins Ziel laufen. Es kommen uns um 11 Uhr vormittags nun Wanderer und auch Läufer entgegen, allerdings sind die anderen Starter vermutlich schon im Ziel. Ich hätte vermutlich knapp über 4:30 finishen können, doch nun bin ich froh, dass ich mit 4:43 ins Ziel komme.

Lexxus, seine Helfer, sowie die anderen Läufer sind bereits geduscht und tragen das nur für Finisher ausgegebene T-Shirt mit dem Logo unseres Clubs in Übergröße.

Ich habe diesen Bericht ca. 6 Stunden vor der Abreise aus Singapur erstellt. Ich möchte mich herzlich bei Priscilla Chew und Lexxus Tan bedanken, die diesen erlebnisreichen Marathon im schönen MacRitchie Reservoir vorbereitet und durchgeführt haben. Nächstes Jahr feiert Singapur seine 50-jährige Unabhängigkeit. Das wäre ein Anlass, Anfang Dezember 2015 wieder hierherzukommen und den offiziellen Straßenmarathon in der City zu laufen. Priscilla hat mir ihre Finishermedaille von 2013 gezeigt, auf deren Vorderseite die Esplanade und der Löwe abgebildet sind. Ein schönes Unikat, das jeden Sammler mit Freude erfüllt.

 


 

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