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Eine Seefahrt, die ist lustig (Teil 6)

 

The Anton Dolls Point Marathon in Sydney am 2. März 2014 – zu Gast beim 100 Marathon Club  Australia

Sydney ist ein Höhepunkt der 100-tägigen Weltreise mit der Costa Deliziosa. Die zweistündige Einfahrt entlang von Fjorden, Buchten und Stränden, vorbei an kleinen, bewohnten Inseln und der berühmten Harbour Bridge in den mondänen Hafen der australischen Metropole ist ähnlich beeindruckend wie die Schiffspassage unter der Verrazano Narrows Bridge in Brooklyn auf dem Wege nach Manhattan.

Unser Kellner hat seit Tagen angekündigt, dass er am Freitag, den 28. Februar abends Ausgang hat und die ganze Nacht unterwegs sein will. Auch wir als Familie wollen an den zweieinhalb Tagen zum Ausklang des Karnevals in Sydney einiges unternehmen. Der vom 100 Marathon Club Australia für mich als Gast für den 2. März geplante Marathon hat für mich aber Priorität.

Die Großwetterlage verheißt nichts Gutes: es wird das ganze Wochenende über bewölkt sein, von Regenschauern und Böen begleitet. Bei der Einfahrt pfeift der Wind über das Upper Deck, wo trotz Regens viele Passagiere stehen und die Skyline fotografieren. Doch die erhofften Postkartenfotos kann man auch mit den teuersten Objektiven nicht herbeizaubern. Die Grautöne aber schon – per Bildbearbeitung, wenn einer Zeit und die Muse dafür hat.

Neben der Harbour Bridge ist die Oper mit ihrer eigenwilligen Dachflügelarchitektur, das wohl bekannteste Wahrzeichen der in den letzten 20 Jahren stark gewachsenen Stadt in der Provinz New South Wales.

Sydney ist „Gate to Australia“, von hier aus bereist man den 5. Kontinent. Die großen inneraustralischen Distanzen sind nur mit dem Flugzeug rasch zu überbrücken. Als ich im Juli 1990 zum ersten Mal nach Sydney kam, um am „World Congress for Computers in Education (WCCE)“ im Convention Center in Darling Harbour teilzunehmen, flog ich die Woche darauf gut 3 Stunden hinauf  nach Cairns, eine Stadt am Great Barrier Riff.  Mit dem Bus hätte ich dafür mehrere Tage benötigt.

 
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Australien war und ist immer noch ein Einwandererland, wie überall werden vor allem Techniker und medizinisches Personal gesucht. Man könnte glatt behaupten, dass es kaum eine Nation gibt, die im heutigen Down Under nicht bevölkerungsmäßig vertreten wäre.

Wir haben ein dichtes Programm  für Sydney, jeder Tag ist durchgeplant. Gleich nach der Ankunft des Kreuzfahrtschiffes am Circular Quay marschieren wir los. Wir besuchen einen der ältesten Stadtteile Sydneys, „The Rocks“, wo sich renovierte Lokalitäten aus der Gründerzeit und Souvenirgeschäfte wie auch das Visitor Center  befinden. Von hier aus ist  es nicht mehr weit zur Sydney Harbour Bridge, die man in geführten Touren in schwindliger Höhe auf einer Bogentreppe besteigen kann. Der bequemere Weg ist mit nur 13 AUS$ Eintritt in den Seitenturm weitaus billiger, der eine 360 Grad Panorama-Aussicht bietet und von dem man auch die Brückenkletterer gut verfolgen kann.

Am Abend treffe ich Bob Fickel, Chairman des 100 Marathon Club Australia, und seine Gattin Anni im Löwenbräu Ecke Argylstreet neben dem Visitor Center im Stadtteil „The Rocks“. Bob ist überpünktlich, auch Edi stößt zu uns. Als Schweizer trägt er bei allen Auslandmarathons das Shirt vom 20. Jungfrau-Marathon im Jahre 2012. Dieser Event wurde zum schönsten Bergmarathon 2013 auf M4Y gewählt. Auch ich habe an diesem Jubiläumslauf teilgenommen, die landschaftliche Schönheit war atemberaubend. So gesehen drückt Edi nur das aus, was alle denken, die einmal dabei waren: der Jungfrau Marathon ist ein absolutes Muss.

Wir sitzen fast drei Stunden zusammen und tauschen unsere Erfahrungen aus. Bobs Club hat über 240 Mitglieder mit mehr als 100 absolvierten Marathons, auch Anwärter werden in der Statistik geführt. Der 62jährige hat all seine Marathons von 1 bis 100 in einer Zeit unter 4 Stunden gefinisht. Das ist zweifelsohne eine herausragende Leistung.

Die Organisation für den „Anton Dolls Point Marathon“, ca. 20 km südlich in einem Vorort von Sydney im Peter Depena Reserve direkt am Meer, ist abgeschlossen. Bob  hat dafür meinen Vornamen verwendet, eine nicht zu übersehende Ehre, die meinerseits eine Leistungssteigerung gegenüber den Läufen in Auckland und Honolulu verlangt. Meine geplante Finsherzeit lege ich (zum wiederholten Male) mit 4:30 fest,  Bob selbst wird allerdings nicht mitlaufen, da er das kommende Wochenende an einem Ultrabewerb teilnimmt.

Samstag, 1. März, leider regnet es ziemlich stark, es ist sommerlich warm und schwül. Wir spazieren durch die belebte George Street mit vielen Geschäften zum Market Place, wo sich das Hauptpostamt befindet, wundern uns über die hohe Postgebühr von 2,60 Aus$ für Ansichtskarten. Die kommenden Stunden wollen wir im Wildlife-Zoo in Darling Harbour verbringen. 120 Aus$ Eintritt für 3 Personen sind ein Grund, dort länger als geplant  die trägen Koalas, stets sprungbereiten, aber in ihrem Lebensraum stark eingeschränkten Kängurus, Warane, Wombats, Papageien, Giftschlangen u.a.m. zu bestaunen. Weitere Outdoor-Ausflüge haben wir uns für Melbourne und Perth vorgenommen. Unsere Tochter hofft, wie schon 1995 als Kind, einen Koala knutschen zu können. Anschließend begeben wir uns ins Maritime Museum, wo neben einem Zerstörer und einem U-Boot auch ein Nachbau der Endeavour von Captain Cook angedockt ist. Im Innern des Schiffes kann man nur gebückt geben, so niedrig ist es. Unvorstellbar, dass seinerzeit Dutzende Matrosen auf engsten Raum untergebracht waren.

Captain Cook kam im Jahre 1770 als Entdecker in die Botany Bucht, die im Süden der australischen Metropole Sydney liegt, wo unser Marathon am Sonntag stattfinden wird. Erst 8 Jahre nach Cook kamen die ersten Einwanderer, darunter auch englische Strafgefangene, nach Australien.

Ich nächtige im Radisson und stehe pünktlich um 5 Uhr morgens am Beginn der Pitt Street. Ausgemacht war, dass Edi, Diego und Montse dorthin kommen und wir mit dem Taxi gemeinsam zum Start fahren, der bereits um 6  Uhr 30 erfolgt.  Ich warte eine Viertelstunde, doch sie kommen nicht. Ein seit 17 Jahren in Sydney lebender kroatischer Taxifahrer verrechnet knapp 60 Aus$ für den Transfer zum Peter Depena Reserve. Bob holt mich ab, es ist noch dunkel. Die meisten Teilnehmer sind schon vor Ort. Zu meinem Erstaunen auch Edi, Diego und Montse, die es doch noch geschafft haben.

Wir müssen noch die Teilnahmegebühr von bewusst vom Club niedrig gehaltenen 20 Aus$ zahlen und ein Formblatt unterschreiben. Die anderen Läufer, die teilweise von weither auch mit dem Flugzeug angereist sind, wirken durchwegs sehr sportlich und erfahren. Bob Finkels 100 Marathon Club hat  einen guten Ruf, zahlreiche Freunde von ihm nehmen teil. Einige wollen zu Trainingszwecken nur die die 14,065 km lange Teilstrecke laufen, die die Marathonis dreimal zu bewältigen haben.

An der Organisation arbeiten lauter ehrenamtliche Helfer mit. Anni, seine Gattin kümmert sich  um die Registrierung und wird auch die Strecke abfahren. Michael Gentle ist für die elektronische Zeitnahme, die Urkunden sowie den Webauftritt des Clubs verantwortlich, sein Sohn Aaron ist als Fotograf im Einsatz und hat mir zugesagt, nach dem Lauf alle Fotos auf meinen Stick zur freien  Verfügung zu kopieren.  Aus Kostengründen hat  Bob auf gedruckte Startnummern verzichtet, stattdessen wird jedem Teilnehmer seine jeweilige Nummer wie beim Triathlon vor dem Schwimmen mit einem Stift auf Oberarm und Oberschenkel geschrieben.

 
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Knapp nach 6 Uhr 30 startet Bob das Rennen. Es ist inzwischen hell geworden, die Sonne kommt aber nicht durch die Wolkendecke. Regenfälle sind angesagt, doch erst gegen Mittag.  Nach einer Minute befinde ich mich mit zwei, drei älteren Läufern schon am Ende des Feldes, so schnell sind die anderen losgespurtet. Auch Montse, Diego und der sonst besonnene Edi haben mitgezogen. Ich versuche Boden gut zu machen.

Von Dolls Point aus geht es auf einem Rad- und Spazierweg, der teilweise von Flugsand bedeckt ist, ca. 3,7 km entlang der Lady Robinsons Beach nach Norden in Richtung Flughafen. Die 14,065 km-Läufer rennen so schnell sie können vorne weg, doch auch die rund 30 Marathonteilnehmer/innen sind flott unterwegs. Eine weithin über die Grenzen Australiens hinaus bekannte Läuferin ist Jane Trumper, die mit der Nummer 6 ins Rennen geht. Mir hat  man übrigens die ehrenvolle Nummer 1 verpasst. Ich muss mich also wirklich anstrengen, den Lauf in einer vertretbaren Zeit zu finishen. Aber zurück zu Jane: Sie ist bei einem vom Malcolm Anderson, einem in Ontario lebenden Neuseeländer, organisiertem Lauf um die Welt für einen guten Zweck im Jahre 2013 dabei gewesen. Dieses Jahr im Mai wird sie von Dänemark aus nach Süditalien mit einem Team laufen. Jane ist nicht nur schnell, sondern auch sehr attraktiv.

 
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Bei der Wende in Brighton-le-Sands kommen mir meine Lauffreunde vom Schiff hintereinander entgegen. Montse liegt natürlich schon weit vorne, auch Edi und Diego haben einen Vorsprung herausgearbeitet. Ich werde mich also anstrengen müssen. Ich stärke mich an der Labestelle, die mit Wasser, Iso, Cola und Gels aufwarten kann. 

Es geht nun nach Süden, vorbei am Michael Gentle’s Zeitnehmungsstand, wo er alle Läufer sorgfältig erfasst, entlang von üppigen Villen zur Captain Cook Bridge. Dort befindet sich vor dem Anstieg erneut eine Labestelle, die man auch am Rückweg passiert. Zuerst laufen wir unter der Brücke durch, dann erfolgt der Anstieg auf der rechten Seite, also nicht im Sinne des Linksverkehrs in Australien. Während ich inzwischen zu Diego aufgeschlossen habe, läuft Diego bereits auf der Gegenrichtung die Brücke zurück. Edi und ich machen Fotostopps, wir laufen in der Folge neben- oder knapp hintereinander.

Der Abstand zu den vorderen weitaus schnelleren australischen Läufern verringert sich  nicht, wird eher größer. Aber auch die hinter uns liegenden können nicht zu uns aufschließen. Ich erreiche die 15 km-Marke in 1:30, vor der zweiten Wende kommen mir Montse und Diego entgegen, aber Diegos Vorsprung hat sich verringert. Edi und ich laufen knapp hintereinander, einmal ist  er vorne, dann wieder ich. Bob Fickel steht an der Strecke und passt auf, dass alle die vorgegebene Route am Radweg direkt am Strand wählen und nicht etwa entlang der Straße laufen, obwohl die Distanz die gleiche geblieben wäre.

Für die 20 km benötige ich 2 Stunden, die Halbmarathondistanz erreiche ich nach 2 Stunden und 9 Minuten. Der Vorort nahe der Captain Cook Bridge heißt  Sandringham Bath, hier stehen ganz tolle Villen, die einen hohen Wohnkomfort bieten würden. Hunderte Kakadus krächzen auf den Bäumen, sie erzeugen einen ohrenbetäubenden Lärm, aber die Spaziergänger und Bewohner scheint das nicht zu stören. Als ich zum zweiten Mal zur Labestelle knapp vor der Brücke komme, hat Montse schon mehrere Kilometer Vorsprung. Ich habe Bob noch Freitagabend im Löwenbräu angekündigt, dass wir ein heißes Eisen im Talon haben und ich zuversichtlich bin, dass die Spanierin Montse die Frauenwertung gewinnen wird. 

 
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Uns kommt nun Diego entgegen, der die dritte Brückenüberquerung noch vor sich hat. Ich blicke auf die Uhr, 9 Minuten für ca. 1, 5 km, das könnte sich auch noch für eine Finisherzeit unter 4:30 ausgehen. Es kommt ein kalter Wind auf, der aus dem Norden bläst, er bremst. Ich blicke zurück in der Annahme, Edi sei nun weit hinten, doch Irrtum, er ist plötzlich wieder dicht hinter mir dran und zeugt Anstalten, mich auf dem letzten Kilometer einzuholen. Bisher war er ja bei allen gemeinsam gelaufenen Marathons um einige Minuten vorne. Aber heute bin ich voll motiviert, denn „The Anton Dolls Point Marathon“ soll weitergeführt werden, hat Bob angedeutet. Edi kämpft sehr beherzt, doch im Sprint bin ich um 3 Sekunden schneller und finishe mit 4:30:17.

Der Applaus im Ziel gilt uns beiden. Wir haben uns passabel geschlagen. Gegen die weitaus schnelleren aber teilweise auch viel jüngeren Australier sind wir aber chancenlos gewesen. Nur Montse hat ihre Position behauptet und gewinnt die Damenwertung. Ihr Freund Diego beendet das Rennen nach 5:14:34 Stunden.

Beim Barbecue geht es lustig zu, es gibt Bratwurst, Bier, Melone und Snacks. Bob und seine Freunde sind lockere Typen, die den Pioniergeist der einstigen Auswanderer bewahrt haben und ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Ich denke, dass Freundschaft hier mehr zählt als bei uns zu Hause. Man kann sich aufeinander verlassen. Als Geschenk bekommen Edi, Diego, Montse und ich vom 100 MC Australia eine Kappe mit dem Clublogo und dem australischem Wappen eingestickt. Für mich hat Bob außerdem ein Poloshirt mitgebracht, das ich heute Abend bei der ersten Essenssitzung tragen werde.

Wir bleiben bis 13 Uhr 30, dann bringen uns Bob und eine Freundin von ihm im Auto zur nächsten Vorortelinie. Die Rückfahrt mit Umstieg in Bondi Junction dauert ca. 40 Minuten, dann sind wir wieder am Quai. Bis zur Abfahrt des letzten Tenderbootes um 17 Uhr bleiben noch 3 Stunden, die jeder von uns dreien auf seine Weise verbringt.

Der Abschied aus Sydney fällt mir ein wenig schwer,  leider habe ich es nicht mehr im Gegensatz zu meiner Frau und Tochter bis zur Bondi Beach geschafft. 1990 saß ich hier fast jedem Tag meines 10-tägigen Aufenthaltes mit einem einheimischen Aussteiger auf „seinem“ Felsen. Er schlief in einer Höhle und erzählte mir von seinem Leben.

Vor 30  Jahren habe ich angefangen, Sand von bekannten und auch unbekannten Stränden zu sammeln. Der feine, bräunliche Sand von Bondi Beach wurde bereits zweimal ergänzt. Ich habe noch nicht nachgefragt, ob meine Gattin auch diesmal ein Säckchen trotz Regens angefüllt hat.

Mit Bob und seinen Freunden werde ich den Kontakt ausbauen. Sobald sie nach Europa kommen, treffen wir uns. Und Jane gab mit sogar einen Abschiedskuss auf die Wange, den ich in meiner Vorstellung auch umdeuten kann.

Sieger des „Anton Dolls Point Marathons“
bei den Herren:

1. Matt North: 2:59:25
2. John Peter: 3:18:45
3. Ruben Bergsma: 3:24:44

Bei den Damen:

1. Montse Pereira Regueira: 3:37:15
2. Alia Karaman: 3:38:59
3. Kristy Lovegrove: 3:58:08

 


 

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