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Laufberichte

70 oder 80 km - was ist vernünftig

24.01.09

Was tun in marathonarmen Zeiten? Als Redakteur eínes Marathon-Magazins kommt man da schon mal auf "abwegige" Gedanken. Wie eine leidenschaftliche Läuferin damit umgeht, könnt ihr in diesem Bericht von Heidi Georgi nachlesen: 

 

27.12.2008, 5:00 Uhr, der Wecker reißt  mich aus unruhigen Träumen, jetzt gibt es kein zurück mehr. Mein Vorhaben heute: allein von Gernsbach nach Gernsbach dazwischen ca. 80 km, ca. 3.000 Höhenmeter zu Fuß durch den z. T. verschneiten Nordschwarzwald.

„ Warum allein? Kannst du das nicht verschieben bis ich wieder Zeit habe, um dich zu begleiten? Oder wenigstens bis der Schnee geschmolzen ist? Oder kannst du das nicht an einem Sonntag machen, da sind mehr Leute unterwegs? Du wirst die meiste Zeit keine Menschenseele treffen. Es wird morgens und abends sehr dunkel sein, wir haben Neumond und du hast nicht immer Handyempfang, um auf dich aufmerksam zu machen, wenn etwas passiert ist. Die Temperaturen werden deutlich unter Null bleiben“. Er hat Angst um mich. Immer wieder kamen unsere Gespräche die Tage vorher auf dieses Thema. Eigentlich wollte ich die Strecke schon am 20.12. laufen, doch da konnte er mir mein Plänchen erfolgreich ausreden. Und das war gut so! Denn an diesem Tag war Sturmwarnung für den Nordschwarzwald, Nebel und Schneefall bis in die Täler. Es wäre wirklich unvernünftig gewesen, diese Runde bei diesen Verhältnissen zu wagen.

 
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Trotzdem begann ich zu überlegen: „Was ist vernünftig?“

Grundsätzlich ist es natürlich für die meisten Menschen bei keinem Wetter vernünftig, alleine 80 km auf einsamen Strecken durch den Nordschwarzwald zu joggen. Manche meinen sogar, es sei unvernünftig dies in einer Gruppe zu tun. Nun ja, Langstreckenläufer haben zu diesem Thema natürlich eine differenziertere Meinung und mit Freunden war ich bislang die Runde schon mehrmals erfolgreich gelaufen. Mein sportliches Jahr 2008 wollte ich nun gerne abschließen mit dem Versuch, einen langen Lauf völlig allein zu bewältigen. Und warum das Ganze nicht auf meiner Lieblingstrecke, die meine Freunde liebevoll den Heidilauf nennen? Für Leute, die den Weg gerne auf einer Karte nachlesen, hier die wichtigsten Etappen:

Gernsbach, Rote Lache, Badener Höhe, Sand, Hundseck, Hochkopf, Untersmatt, Hornisgrinde, Seibelseckle, Hinterlangenbach, Schurmsee, Schönmünzach, Neuhaushütte, Prinzenhütte, Hohlohturm, Teufelsmühle, Gernsbach. Vor drei Jahren kam ich auf die Idee, diese herrliche Aussichtstour am Stück zu laufen und hatte auch gleich begeisterte Mitstreiter. Beim ersten Versuch kamen wir bis Schönmünzach, dann holte uns die Nacht ein. Da wir die meisten der letzten 30 km noch nicht kannten, stiegen wir dort in die Straßenbahn und fuhren zurück nach Gernsbach. Das war damals eine vernünftige Entscheidung. Beim zweiten Versuch gelang uns die gesamte Runde und wir waren alle restlos begeistert. Das Urteil war einstimmig: „Anspruchsvoll aber landschaftlich unglaublich schön“.

 
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Aber heute schleiche ich alleine ins Bad und in die Küche, frühstücke und packe die am Tag zuvor gerichteten Sachen zusammen. Dann wecke ich meinen lieben Reinhold, der mich zum Startpunkt fahren möchte. Seine Angst um mich macht mich unsicher, aber auf der anderen Seite möchte ich mir dieses Erlebnis auch nicht verwehren. Ich kann die Gefahren, die er sieht, ebenfalls nachvollziehen, aber ich habe keine solche Angst davor wie er. Das Schlimmste, was mir passieren kann, ist eine Verletzung, die mich am Gehen hindert und gleichzeitig ein Funkloch. Nun bin ich kein Mensch, der sich unnötig in Gefahr bringen möchte und für diesen Fall habe ich sehr warme Kleidung im Rucksack, außerdem ein Erste-Hilfe-Set und eine Rescuedecke. Ich verspreche, mich regelmäßig zu melden und weil die Strecke meinem lieben Schatz bekannt ist, würde man mich schon finden, sollte ich mich längere Zeit nicht melden.

Außerdem bin ich ein Mensch, der geplante Aktionen nicht unter allen Umständen bis zum Ende durchführen muss. Auf der Strecke habe ich mehrere Ausstiegsmöglichkeiten. Zu diesem Zweck habe ich die nötigen Fahrpläne von Bussen und Straßenbahnen ausgeduckt und eingepackt. In mein Handy habe ich die Telefonnummer der Bergwacht eingespeichert. Meine Angst vor den Wildschweinen, die wohl im Schwarzwald die gefährlichsten Tiere sein können, besänftige ich durch nicht darüber nachdenken. Eigentlich wollte ich vorher noch nachlesen, ob sie wirklich manchmal den Menschen angreifen, aber dieses Vorhaben ging im geschäftigen Alltag und den Weihnachtsvorbereitungen unter. Ich finde, ich habe alle vernünftigen Vorbereitungen für ein solches Unternehmen getroffen. Der Rest ist Schicksal, wie der Ziegelstein, der dir an einem sonnigen Nachmittag unvermittelt auf den Kopf fällt.

Schweigend rollen wir also durch die Nacht, ich freue mich auf den kommenden Tag und er auf ein gesundes Wiedersehen am Abend. „Pass auf dich auf“ ein Kuss, eine Umarmung, ein Winken und die Rücklichter verschwinden. Da stehe ich nun, Rücken und Po noch mollig warm von der Sitzheizung. Ich zuckte mit den Schultern. „Nutzt ja nix.“ murmele ich vor mich hin und trolle mich über den Rathausplatz.

6:33 Uhr zeigt die weihnachtlich geschmückte Rathausuhr. Aus einer Bäckerei duftet es verlockend. Ich widerstehe der Versuchung einen Kaffee zu trinken. In Gernsbach hat man nicht lange Zeit sich vor den Steigungen warm zu laufen, gleich geht es immer steil ansteigend die Faltergasse hinauf in Richtung Amandaschau. Bald umfängt mich der dunkle Wald, ich knipse meine Stirnlampe an und fühle mich schon viel geborgener. Anfangs erschrecke ich noch bei jedem leisen Knacken, sehe schon ein Wildschwein aus dem Dickicht brechen. Doch mit jedem Schritt werde ich mutiger und komme zu der Überzeugung, dass diese Tiere mich wohl heute in Ruhe lassen.

Ich walke zügig, sobald die Steigung nachlässt falle ich in einen leichten Trab. Am Beginn einer großen Runde finde ich es besonders wichtig, in einen gleichmäßigen und mäßig schnellen Laufrhythmus zugeraten. Es muss alles wie von selbst und ohne Mühe funktionieren. Ich spüre, wie mein Körper auf Touren kommt und genieße die Wärme die sich in allen Gliedern ausbreitet. Ich lausche dem Geräusch meiner Schritte. Beim Auftreten brechen kleine gefrorene Erdschollen mit einem leisen Knacken unter meinem Gewicht. Das Laub raschelt gläsern. Wenn ich in eine überfrorene Pfütze trete splittert manchmal das Eis. Solche Eindrücke liebe ich. Der Wald steht still, es ist kein menschliches Geräusch zu hören, nur das Rauschen der Bäume, das Murmeln der Bäche, mein Atem und meine Schritte. „Ja, es ist doch vernünftig heute hier zu laufen“ denke ich und stelle mit Freuden fest, wie die Dunkelheit weicht.

 
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Ich gewinne an Höhe, das Rauschen in den Bäumen wird stärker, auf den Bergkuppen fegt ein eisiger Ostwind. Am Wegrand tauchen kümmerliche Schneereste von den Niederschlägen von letztem Wochenende auf. Glücklicherweise hat ein kurzer Wärmeeinbruch den meisten Schnee schon wieder schmelzen lassen, nur die obersten Rücken sind noch weiß verpackt. Ich komme gut voran und erreichte bereits nach 1,5 Stunden die Badener Höhe. Der Wind treibt Nebelfetzen um den Aussichtsturm. Nun knirscht der hartgefrorene Schnee unter meinen Füßen und die Sonne kämpft gegen das stahlgraue Wolkenmeer im Westen. In der Schutzhütte esse ich schnell eines meiner zahlreichen  Vesperbrote und trinke ein wenig. Ich habe vor, häufig kleine Mengen zu essen und zu trinken, damit mein Magen nie richtig leer wird. Diese Methode hat sich für mich auf langen Strecken sehr bewährt. In meinem Rucksack gibt es keine Power-Sonst-was-Tütchen. Nur Wasser, Käsebrote, Lebkuchen und eine Karotte.

 
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Die kurze Pause kühlt mich schnell aus. Am Kältesten fühlt sich mein Po an und beim Weiterlaufen überlege ich, ob dieses Teil bei diesen Temperaturen trotz Bewegung erfrieren kann, so kalt fühlt er sich an.  Ich ziehe einen Handschuh aus und wärme erst die eine dann die andere Backe mit mäßigem Erfolg.

So in Sorge um mein Hinterteil komme ich an eine Wegspinne. Vor mir hockt ein Mann mit einer Warnjacke in der Weggabelung auf dem Boden, den Rücken mir zugewandt. Sein kleiner Hund bellt mich an und als der Mann sich nach hinten beugt, um dem Tier das Maul zuzuhalten, entdeckt er mich und ich den Lauf seines Jagdgewehres. Doch es bleibt keine Zeit für Hundeberuhigung oder einen Morgengruß, denn schon fordert das Knacken von Ästen die volle Aufmerksamkeit des Jägers. Er richtet seine Flinte zum Glück in die mir abgewandte Richtung, ein Hirsch in Panik bricht durch den Wald. Der Hund kläfft mich weiter an, der Mann lässt sein Opfer quer kommen und mit einem lauten dumpfen Bum fällt der Schuss. Daneben! Ein verärgertes wettergegerbtes Gesicht schaut mich an, ich stammle spontan: „Entschuldigung“ ohne die nötige Einstellung dazu zu haben, aber der Mann winkt ab.

Vorerst hatte also der Hirsch seinen Po gerettet und der meine eine plötzliche Erwärmung erfahren. Ich frage, wo ich weiter laufen kann, er murmelt und deutet auf den Weg, den ich nehmen soll. Bald stoße ich auf noch mehr Herren mit Warnweste und Flinte. Zwei grüßen mich knapp, die anderen nehmen keine Notiz von mir, Jagdfieber! Ich bin schon froh, dass der Hirsch nicht die selbe Richtung hatte wie ich. An diese Gefahr hatten Reinhold und ich nicht gedacht. Hinter mir fällt der zweite Schuss. Das Winseln und Bellen der Hunde steigt an. Bald bin ich außer Hörweite und verdränge meine sentimentalen Gedanken um das möglicherweise erlegte Tier. Weiß ich doch zu genau, dass Hirschgulasch auch eine leckere Angelegenheit ist.

Es geht leicht bergab.  Bald höre ich Motorengeräusche auf der Schwarzwaldhochstraße und die Schneekanonen vom Skilift Mehliskopf. Das Tageslicht und die bereits gelaufene Strecke vertreiben meine restlichen Gedanken, um die möglichen Gefahren des heutigen Tages. Schön ist es, so frei und leicht durch die winterliche Landschaft zu traben. Ich laufe stets ein angenehmes, Kräfte schonendes Tempo, bleibe manchmal stehen um ein Foto zu schießen, habe alles dabei, was ich heute brauche und die teure Funktionskleidung hält mich fast überall warm. Fast überall! Denn meine vier Buchstaben sind so kalt wie ein Schnitzel im Kühlschrank - hätte ich vielleicht doch noch meine kurze Laufhose über die Wintertight anziehen sollen?

„Zum Hochkopf steigt es tüchtig an“ denke ich, „ da wird es mir schon warm werden“ Doch dort oben pfeift wieder dieser kalte Ostwind und vereitelt meinen Versuch ein Selbstbild zu knipsen, weil es mir erstens die Kamera von der Sitzbank bläst und zweitens an die  Finger friert.

 
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Ich packe den Foto und meine Hände wieder ein und laufe hinunter zur Untersmatt. Dort überlege ich, ob ich meinen Arbeitskollegen besuchen soll. Er ist bei der Bergwacht und hat heute, da der Skilift läuft, Dienst. Ich entscheide mich für einen kurzen Aufenthalt und werde mit einem heißen, süßen Hagebuttentee belohnt. „Du bist verrückt“ sagt er, „konnte dich Reinhold also nicht davon abhalten“. Aber sein Lachen ist freundlich und ich weiß, als Bergsteiger geht es ihm manchmal genauso, dass er Dinge tut, die andere nicht nachvollziehen können. Wir plaudern eine Weile, er zeigt mir die Bergwachtunterkunft und wünscht mir viel Spaß und Glück für den Weiterweg.

Wieder draußen in der kalten Luft grüble ich über mein Thema weiter nach: Was ist vernünftig? Jedenfalls war es vernünftig, mein Vorhaben um eine Woche zu verschieben, das merke ich schnell beim Weiterlaufen, denn bis zum Ochsenstall muss ich über mehrere frisch umgestürzte Bäume klettern. Vermutlich wurden diese letztes Wochenende beim Schneetreiben und Sturm entwurzelt. Heute ist es zwar bitterkalt und windig, aber die Gefahr von umstürzenden Bäumen gibt es nicht. Ich bin froh auf Reinhold gehört zu haben. Objektiv vernünftige Entscheidungen sind wohl eine sehr individuelle Angelegenheit. Jeder muss für sich persönlich die Bedenken der anderen auf Haltbarkeit prüfen, die eigenen Fähigkeiten realistisch einschätzen und alle möglichen Gefahren vorher abwägen, damit man die notwendige Ausrüstung dabei hat. Der Entscheidungsprozess muss von klaren Überlegungen getragen sein, nicht emotional beeinflusst. Keine ganz einfache Sache. Aber selbst wenn alles vernünftig geplant ist, hat man Glück, wenn nichts schief geht.

Für meine Backen habe ich allerdings gerade nicht die geeignete Ausrüstung am Körper. Oben an der Hornisgrinde im Nebel, Wind und Schnee, muss ich mich entscheiden, welche Backen ich diesmal aufwärmen soll. Ich wähle die im Gesicht, denn die Möglichkeit, dass diese erfrieren, liegt näher.

 
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Hier oben sind ein paar Fußgänger unterwegs, dick eingepackt, mit Fellmützen und Handschuhen, die auch am Nordpool warm genug wären. Beim Abstieg zum Seibelseckle treffe ich auf große Eisplatten, dazwischen immer Schnee und Geröll. Dreimal rutsche ich aus und zerre mir dabei das rechte Knie. Zum Glück ist es nicht schlimm. Das Seibelseckle ist nicht mehr weit. Dort mache ich Pause bei Kaffee und Schwarzwälder Kirschtorte. Die 35 anstrengendsten Kilometern liegen hinter mir -  ich fühle mich pudelwohl. 

 
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Eine Kuckucksuhr behauptet mit lautem Nachdruck, es sei 12. Ich packe meine Sachen und trete gestärkt ins Freie. Jetzt geht es hinab ins Hinterlangenbach Tal und von dort wieder hinauf zum Schurmsee. Obwohl kilometermäßig der größte Teil der Strecke noch vor mir liegt, habe ich beim Seibelsecke immer das Gefühl, bereits die Hälfte geschafft zu haben. Über breite Wege rolle ich dahin, wieder allein mit mir und den Geräuschen der Natur. Wenn man schon mehrere Stunden so einsam durch die Gegend streift, hört der Kopf meistens auf zu denken. Durch die guten Wege muss ich mich nicht auf das Laufen konzentrieren und gebe mich dem Rhythmus hin. Das Gurgeln, Rauschen, Knacken ist wie  Musik, die mich einhüllt. So muss Meditation sein.

Bis Hinterlangenbach geht es sanft bergab, hier unten fehlt der Wind und mir wird überall mollig warm. Doch beim Aufstieg zum Schurmsee soll sich das bald erneut ändern. Ungefähr bei Kilometer 42, der Weg ist wieder mit einer eisigen Schneeschicht bedeckt und die Baumwipfeln biegen sich im Wind, da kläre ich endgültig die Frage, wie gefährdet mein Hinterteil bei den eisigen Temperaturen wohl ist: mein Po ist nicht frostgefährdet! Hier der weiblich logische Beweis: der Hintern einer Frau, auch meiner, ist mit Abstand das im Verhältnis größte Körperteil. Er kann demzufolge nicht ausschließlich aus kälteempfindlicher Muskulatur bestehen. Wenn man nun dem Gewebe einen recht hohen Fettanteil zuschreibt und mit hausfraulichen Erfahrungswerten diesem Fett unterstellt, dass es nicht so schnell gefriert, dann ist der Po einer Frau vor dem Erfrieren geschützt. Außerdem ist beim Laufen das Fett, wenn auch passiv, doch immer in Bewegung und Dinge, die in Bewegung sind, können nicht erfrieren. Na - die Herren - logisch, nicht?

Mit diesen aufmunternden Überlegungen stehe ich plötzlich am Aussichtspunkt und blicke tief hinunter zum winterlichen Schurmsee.

 
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„Eben - Pech gehabt, wärest du als Bach auf die Welt gekommen, wärst du jetzt nicht zugefroren.“ sage ich zu dem stillen Gewässer und trete meinen Abstieg über den gesperrten Pfad durch die Karrwand an. Bäume liegen hier quer und stellenweise droht der schmale Pfad im steilen Gelände abzurutschen. Alles geht gut, wohlbehalten komme ich unten an. Nur mein rechtes Knie zeigt erste Beschwerden. Beim Bergablaufen schmerzt es unter der Kniescheibe.

Weiter geht es bergab nach Schönmünzach. Das rechte Knie tut ganz schön weh. Soll ich hier in die Straßenbahn sitzen? Hm - erst mal ein Stück gehen. Beim Gehen durch den Ort spüre ich nicht viel. Also gehe ich weiter, nutze die Gelegenheit und telefoniere mit meinen Kindern und Reinhold. Packe meine Karotte aus und esse zum Nachtisch den Lebkuchen. Kurz nach dem Ort steigt der Weg gleich wieder steil an zum Verlobungsfelsen hinauf. Bergauf beschwert sich die Kniescheibe überhaupt nicht. Ich beschließe die Tour fortzusetzen. Sollten sich bergauf doch noch Probleme einstellen, wäre es keine Schande umzukehren und in die Straßenbahn zu steigen. Bis zur Neuhaushütte sind es 6 km Anstieg. Ich walke das meiste. Oben angekommen trinke ich einen Schluck eiskaltes Wasser, ziehe meine kuschelig warme Überhose an (damit ist die Erfierungsgefahr der vier Buchstaben nun endgültig gelöst) und freue mich maßlos darüber, diesen Punkt ca. eine Stunde vor Sonnenuntergang erreicht zu haben. Es ist noch richtig hell und außer dem Knie geht es mir sehr gut. Mein Weg führt ab hier immer Richtung Norden bis zur Teufelsmühle und von meinem Ziel, Gernsbach, trennen mich nur noch ca. 24 km. Die meisten Höhenmeter sind geschafft, denn nun liegt der Weg wie ein welliges Band auf dem Höhenrücken. 

 
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Die Wärme der Überhose an den Beinen tut sehr gut und obwohl es mir beim Weiterlaufen fast zu warm ist, ziehe ich das gute Stück nicht mehr aus. Lieber entzwieble ich mich oben, denn es ist mir wichtig, die Muskulatur an meinen Beinen nun sehr warm zu halten. Der Weg ist wieder mit einer rutschig festgetretenen Schneedecke überzogen. Ich muss sehr konzentriert gehen, denn einen Ausrutscher würden mir meine  müden Beine nun nicht mehr so leicht verzeihen wie heute Morgen. Eigentlich verläuft meine Stecke von der Tote-Mann-Hütte über einen schmalen, meist schlammigen Pfad durch das Hochmoor bis zur Prinzenhütte. Doch hier nehme ich, so wie ich es Reinhold versprochen hatte, eine Umgehung auf einem breiten Waldweg, der fast parallel zum Moorweg verläuft. Einziger Wehrmutstropfen: ich muss ein paar Höhenmeter verschenken und diese später auch wieder erklimmen. Unterwegs, mit fortschreitender Dämmerung, begegne ich erneut einem Jäger. Dieser möchte wissen, wohin ich noch laufe, damit wir uns nicht in die Quere geraten. Schluck.... die Jäger sind für den Jogger im Zwielicht zwischen Tag und Nacht wohl eine echte Gefahr. Nächstes Mal trage ich eine Warnweste!

Vor mir taucht unvermittelt die Prinzenhütte auf. Ich bin schon froh, dieses Haus zu sehen, denn mein Knie beschwert sich immer mehr. Nach der Hütte steigt der Weg sachte an. Heute Morgen wäre ich eine solche Steigung locker gejoggt, jetzt geht das nicht mehr. Wenn keine Gefahr besteht, empfinde ich diesen Zustand immer sehr erheiternd, der Kopf will noch, der Angeber, der konnte sich den ganzen Tag ausruhen, aber der Körper macht nicht mehr mit. Du sendest: „Komm, versuche zu laufen“ in die Beine, aber diese streiken beharrlich. Recht haben sie. Schmunzelnd nehme ich walkend die kleine Steigung, packe im Gehen meine letzten Vorräte aus und trinke das eiskalte Wasser. Da schau an, auch dieses friert nicht ein wegen der Bewegung.

Vor mir wechselt Wild aus dem Dickicht auf den Weg, bleibt überrascht stehen und flüchtet dann mit großen Sätzen in den Wald. „Passt auf, es sind Jäger unterwegs“, will ich rufen, aber so klar bin ich noch um zu wissen, dass sie mich nicht verstehen. Wenig später sehe ich den Hohlohturm über den Baumwipfeln am Nachthimmel. Mal nachschauen was die Uhr sagt. Jetzt gilt es zu überlegen: laufe/walke ich den Rest bis Gernsbach oder breche ich knieschonend die Aktion hier ab? 17:15 Uhr, noch eine knappe viertel Stunde, dann kommt der Bus - das sagen meine Fahrplanausdrucke.

Während ich mich im Dunkeln auf Glatteis den Weg vom Hohlohturm hinunter Richtung Haltestelle Kaltenbronn taste, fällt die Entscheidung: ich breche ab. Heute sind 70 km für mich eine vernünftige Runde. Am 4. Januar fahren wir zum Skilaufen in die Alpen. Diesen langersehnten Urlaub möchte ich auf den weiterhin glatten Wegen mit dem müden Gelenk nicht gefährden. Ohne Knieschmerzen oder ohne den bevorstehenden Skiurlaub gäbe es keinen Grund hier abzubrechen, denn sonst fühlt sich mein Körper wunderbar an: warm, satt, fitt. Für meine Verhältnisse war ich sogar recht schnell hier, 11 Stunden 30 Minuten.


Der Busfahrer, überrascht hier oben und bei Nacht einen Fahrgast einzusammeln, nimmt mich verdutzt in Empfang und macht den Fehler, nach meinem Woher zu fragen. „Von Gernsbach“ sage ich knapp und hoffe, er fragt nicht weiter „Wie sind sie denn heraufgelaufen?“ Zu spät, jetzt muss er sich das anhören. Als ich ihm die Strecke sage, bleibt ihm der Mund offen stehen. Er kann nicht recht glauben, was er da hört und vergisst beinahe zu bremsen, als uns in einer engen Kurve ein Fahrzeug entgegen kommt. Nur wenige cm bleiben zwischen uns und dem anderen Fahrzeug. Noch so eine Gefahr, die man nicht kalkulieren kann.

Ich rufe Reinhold an und sage ihm, dass ich in ein paar Minuten in Gernsbach bin. Er springt glücklich ins Auto und bald schon nehmen wir uns da in die Arme, wo wir uns vor Stunden verabschiedet haben. „War das schön...“ schwärme ich aufrichtig. Er schweigt und drückt mich fest -  glücklich, mich gesund und munter wieder zurück zu haben.

Und was macht das Knie am nächsten Tag? Es knirscht im Gelenk, ist aber dankbar, dass ich so vernünftig war, abzubrechen. Bis zum Skiurlaub wird es wieder heile sein und das ist gut so.

 
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